Einfach Gutes tun

 Lukas 6, 43 – 46

 43 Denn es gibt keinen guten Baum, der faule Frucht trägt, und keinen faulen Baum, der gute Frucht trägt. 44 Denn jeder Baum wird an seiner eigenen Frucht erkannt. Man pflückt ja nicht Feigen von den Dornen, auch liest man nicht Trauben von den Hecken.

Dafür muss ich nicht Jesus sein, um das sagen zu können. Aber damit baut er eine Brücke zum Verstehen. Es ist die einfache Sprache des Menschen, der selbst einfach ist, ohne simpel zu sein. Jesus benennt mit diesen Sätzen den elementaren Zusammenhang von Sein und Wirken. Das Wirken kommt aus dem Sein. Wie nah ist da hin zu dem Satz: „Das Sein bestimmt das Bewusstsein.“ (Karl Marx)

 Es kann durchaus sein: Jesus hat Leute vor Augen, die mehr scheinen als sie sind. Es kann auch sein, der Evangelist, der die Worte Jesu überliefert, hat Leute vor Augen, die sozial abgesichert sind, aber es schwer haben mit einer Praxis des Glaubens, die sie von der Umwelt unterscheidet. Und auch das könnte als Gedanken hinter den Worten stecken: Es geht um die Übereinstimmung von Sein und Tun.

 Es ist einfach so: Der Apfelbaum kann keine Birnen tragen. Der kranke Baum wird auf die Dauer keine guten Früchte bringen können. Das Bestürzende bei Bäumen ist ja, dass man, der Nichtfachmann, es oft nicht sieht, wie krank er innen drin tatsächlich ist. Und dann wird ein Baum gefällt und erst hinterher erschrickt man: Was hätte da alles passieren können, so krank und morsch der von innen her schon ist.

 45 Ein guter Mensch bringt Gutes hervor aus dem guten Schatz seines Herzens; und ein böser bringt Böses hervor aus dem bösen. Denn wes das Herz voll ist, des geht der Mund über. 46 Was nennt ihr mich aber Herr, Herr, und tut nicht, was ich euch sage?

Ist mit dem Bildteil noch alles klar, so wird es jetzt doch höchst kompliziert. Menschen sind keine Apfelbäume. So viel ist klar. Aber auch hier gilt – nach dem Wort Jesu: Aus dem Sein kommt das Wirken. Das Handeln eines Menschen zeigt, wie er tief im Inneren ist. Es ist eine Offenbarung seines Herzens. Das ist die Analyse Jesu, seine Anthropologie: Was Du tust, spiegelt den Zustand Deines Herzens wider. Nicht die Umwelt, nicht die sozialen Rahmenbedingungen, nicht die Erziehung – das Herz ist der Wurzelgrund unseres Handelns. Dort fallen alle unsere Entscheidungen.  

     So weit, so klar. Aber die Schwierigkeiten kommen damit, dass Jesus hier vom „guten Menschen“ spricht. Gibt es das – einen Menschen, der gut ist und deshalb Gutes hervor bringt?  Spricht da nicht der Psalmbeter eine andere Sprache:

 Der HERR schaut vom Himmel auf die Menschenkinder,                                             dass er sehe, ob jemand klug sei und nach Gott frage.                                                  Aber sie sind alle abgewichen und allesamt verdorben;                                                da ist keiner, der Gutes tut, auch nicht “einer.”                Psalm 14, 2 – 3

  Das ist eine der Grundlagen biblischer Anthropologie. Und auch Jesus ist ja in dieser Spur unterwegs, wenn er im Gespräch mit dem Reichen sagt: „Was nennst du mich gut? Niemand ist gut als Gott allein.“ (18,19) Wie kommt es dann hier zu der Rede von „guten Menschen“? Mich erinnert diese Formulierung an die Auseinandersetzung mit den Pharisäern beim Gastmahl des Levi. Da sagt Jesus: „Die Gesunden bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken. Ich bin gekommen, die Sünder zur Buße zu rufen und nicht die Gerechten.“ (5, 31-32) Daraus schließe ich, dass es Jesus nicht um die Vermittlung einer widerspruchsfreien Anthropologie geht – er redet immer in die Situation hinein und spitzt dann zu. Darum wehrt er ab, dass ihn einer „gut“ nennt. Darum kann er von Gesunden und Gerechten reden – weil er sich ja um die anderen kümmert.

  Darum kann er auch hier von guten Menschen und von bösen Menschen reden. Es geht ihm um den Hinweis, dass aus dem Handeln das Wesen eines Menschen ablesbar ist – das gilt für das gute wie für das böse Tun. Beides zeigt, wie es um diesen Menschen steht.

Das freilich sagt Jesus auch: Es gibt es wirklich, dass sich im Herz so etwas wie ein guter Schatz herausbildet. Das alte Pfadfinder-Motto: „Jeden Tag eine gute Tat.“ Führt dazu, dass sich Verhaltensmuster verfestigen. Das einer, eine anfängt, fast wie selbstverständlich Gutes zu tun, Werke der Barmherzigkeit zu üben. Wo es zur „Gewohnheit“ wird, sich vom Erbarmen leiten zu lassen, zu fragen, was von der Liebe her geboten ist, was der Güte Gottes Ausdruck verleiht, da entsteht ein Verhaltensschema, das Jesus den guten Schatz des Herzens nennt. Nicht angeboren, nicht naturgegeben, aber eingeübt und verfestigt. So, dass es auch in stürmischen Zeiten bewahrt und sich bewährt.

Von diesen Überlegungen her aber wird der letzte Satz zur scharfen Anfrage, wenn nicht Anklage: Wenn ihr mich Herr nennt, warum bleibt ihr mir den Gehorsam schuldig, das Tun meines Willens. Es ist, als würde Jesus warnen: In dem, was ihr tut, wird sichtbar, wie es um euer Herz steht, wer da das Sagen hat. Das also ist dann die Frage: Was wird in euren Früchten über euer Herz sichtbar?

  Dieses Letzte scheint mir die Situation zu sprengen. Das ist Anrede an die Christengemeinde. Das ist Anfrage an die, die sich zu Jesus als dem κΰριος, dem Herrn, bekennen. Wer sich zu mir bekennt, so heißt der Satz Jesu, der wird doch dann auch meinem Willen Raum in seinem Leben geben! Sonst ist sein Bekenntnis doch nichts wert. Es geht um die Eindeutigkeit des Lebens, um das ungeteilte Herz.

   Wem durch diese Worte alle Selbstsicherheit abhandenkommt, der ist in guter Gesellschaft. Ich erinnere mich an Paulus: „Wollen habe ich wohl, aber das Gute vollbringen kann ich nicht. Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich.“(Römer 7, 18 – 19) Das zwiespältige Herz, das nicht zur Einfalt des schlichten Gehorsams gelangt, ist kein Privileg der Nichtchristen. Es ist Lebenswirklichkeit auch bei Christenmenschen.

   Diese Zwiespältigkeit des Herzens, die Paulus beklagt, ist kein Hinweis, dass sich einer nur noch nicht genügend dem Wirken des Geistes geöffnet hat. Hier ist einer der Gründe, weshalb ich die lutherische Formel simul iustus ac peccator – zugleich Gerechter und Sünder – für unendlich hilfreich und auch für theologisch richtig halte. Die Formel ist verkürzt: peccator in re, iustus in spe – wir sind zugleich Gerechte und Sünder, Sünder in unserer Lebenswirklichkeit, Gerechte in der Hoffnung des Glaubens.

Die menschliche Einsicht in die Unvollkommenheit unserer Lebenswirklichkeit wird in den Gottes-Bezug gestellt. Vor Gott ist unser Leben nicht nur hier und da – „wir machen alle einmal Fehler“ – sondern grundsätzlich defizitär, unvollkommen, Bruchstück. Wir entsprechen nicht dem Bild, das Gott von uns hat. Wir leben nicht das Leben, das Gott von uns will. Oder wie Luther einmal sagt: „Es ist mit unserm Tun umsonst, auch in dem besten Leben.“(EG 299)

Zum Weiterdenken

            Wenn das hier alles mitschwingt – was bleibt da noch? Wenn ich mir nicht selbst attestieren kann: Ich bin ein guter Mensch, mit einem guten Herzen, wenn es so um mein Herz steht, was bleibt da noch? Meine Antwort leihe ich mir, wie oft, bei einem Beter Israels.

 „Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz,                                                                                     und gib mir einen neuen, beständigen Geist.                                                               Verwirf mich nicht von deinem Angesicht,                                                                      und nimm deinen Heiligen Geist nicht von mir.                                                              Erfreue mich wieder mit deiner Hilfe,                                                                               und mit einem willigen Geist rüste mich aus.                Psalm 51, 12 – 14

     Es gehört zu meinen frühen, kindlichen Erinnerungen, dass ich meinen Vater diese Worte beten höre – völlig verstört und niedergeschlagen durch die Bilder in seiner Seele, die er nicht loswerden konnte aus den Jahren des Krieges.

Jesus, Du willst, dass ich Gutes tue, Deinen Willen suche, Deinem Willen Raum gebe – in meinem Herzen, auf meinen Wegen, durch mein Tun. Du willst, dass ich tue, was Dir entspricht – Barmherzigkeit übe, Liebe schenke, Gerechtigkeit aufrichte und Menschen das Leben weit mache und leicht.

Gib mir dazu Kraft aus Deiner Kraft, Liebe aus Deiner Liebe, Geduld aus Deiner Geduld. Gib Du, dass ich mir Deine Liebe gefallen lasse und sie austeile an die, die mit mir auf dem Weg sind. Amen