Sabbat – Wohltat

Lukas 6, 6 – 11

6 Es geschah aber an einem andern Sabbat, dass er in die Synagoge ging und lehrte.

               Wieder und wieder: es geschah. Es begab sich. Es fügte sich. Es scheint eine stilistische Lieblingswendung des Lukas zu sein, fast ein wenig eintönig und einfallslos. γνετο. Wie ein roter Faden zieht sie sich durch das Evangelium und sagt, unaufhörlich: was hier geschieht, hat seinen Ursprung in Gott. Es begab sich ist nicht wie im Märchen: es war einmal. Sondern es ist der leise Hinweis: hier hat Gott seine Hand im Spiel. Was jetzt geschieht, trägt den Stempel seines Willens. Zugleich glaube ich: genau darin, dass das Geschehen sich dem Willen Gottes „verdankt“, gründet die unglaubliche Freiheit Jesu, diese Souveränität, in der er mit dem Regelwerk Israels umgeht.  Weil er im Letzten gebunden ist, an den Willen des Vaters, ist er in allem Vorletzten, auch im Gesetz frei.

Jesus ist ein Synagogenwanderer. Darum ist er am Sabbat in der Synagoge. Es ist ein bisschen unbestimmt: ein anderer Sabbat: Dafür klingt es umso bestimmter. In der Synagoge. Gemeint ist aber ein typisches Verhalten – wo sollte Jesus am Sabbat auch sonst sein als in der Synagoge? Das ist sein Ort, denn hier folgt er seiner Berufung: Er lehrt. Er sagt seine Botschaft. Er stärkt Menschen den Rücken, mit Worten und Werken.

Und da war ein Mensch, dessen rechte Hand war verdorrt.

  Das ist der Tatbestand. Einer kann seine Hand nicht mehr gebrauchen. Er ist nur noch halb. „Ich war Maurer und habe mit meinerHände Arbeit für meinen Lebensunterhalt gesorgt. Ich bitte dich, Jesus, dass du mir meine Gesundheit wieder herstellst, damit ich mir nicht ehrlos mein Essen erbetteln muss.“ (Nazaräer-Evangelium, zit.  Nach K. Berger/C. Nord, Das Neue Testament und frühchristliche Schriften, Frankfurt 1999, S. 981) Das ist das Schicksal, das ihm droht. Er wird betteln müssen.

 7 Aber die Schriftgelehrten und Pharisäer lauerten darauf, ob er auch am Sabbat heilen würde, damit sie etwas fänden, ihn zu verklagen.

  Irgendwie hat sich in der Zeit des ersten Wirkens Jesu Spannung aufgebaut. Pharisäer und Schriftgelehrte lauern: Was wird er tun? Sie sind längst Gefangene ihres Misstrauens, ihres Argwohns. Sie können nicht mehr einfach nur da sein und abwarten, was geschehen wird. Die vermuteten, prognostizierten Geschehnisse haben absurder Weise schon die Regie übernommen. Deshalb lauern sie, παρετηροντο, so wie Übeltäter lauern und auf Beute aus sind. Was für eine innere Seelen-Unruhe an dem Tag, der doch der Ruhe und Anbetung Gottes dienen soll.

     Das lässt mich fragen: Wie viel Unruhe gibt es auch heute an dem Tag, der doch der Ruhe und dem inneren Frieden dienen soll? Wie oft sind wir gefangen in unseren Vor-Urteilen über Predigten, Verhalten, Gottesdienste. Und statt uns zu freuen an Gottes Güte, regen wir uns auf über die fehlende Güte (=Qualität) in dem, was wir hören, sehen und „mitfeiern“. Sind wir nicht auch allzu häufig auf der Lauer und betrügen uns selbst?

8 Er aber merkte ihre Gedanken und sprach zu dem Mann mit der verdorrten Hand: Steh auf und tritt hervor! Und er stand auf und trat vor.

Der Herzenskenner Jesus sieht, liest ihre Gedanken. Er sieht es den Gesichtern an – so könnte man sagen. Das gibt es ja, Gesichter wie eine Steilwand, an denen alles abprallen wird. Es kann auch sein, dass er inzwischen weiß, wie „sie“ ticken. Es ist nicht die erste Begegnung. Aber Jesus lässt sich nicht von der Wand beeindrucken. Er wendet sich dem Menschen und holt ihn in die Mitte – είς τό μέσον. Aus dem Winkel in die Mitte, aus der Ecke nach vorne, aus der Verborgenheit in die Sichtbarkeit, ins Blickfeld. Und der Mann folgt der Aufforderung – obwohl er doch wissen kann, was andere denken. Ein Kranker in der Synagoge – das geht nicht. Ein Kranker ist doch ein Sünder.

            Krankheit als die Folge von Sünde – das war brutal-gängige Betrachtungsweise damals und ist es zum Teil auch heute noch. Selbst schuld – so sagen sie heute und diskutieren, ob man nicht Beitragssätze erhöhen muss für unsolides Leben, fehlende Vorsorge, verweigerte Programme. Wir sind nicht so viel weiter wie die damals, auf die wir so gerne aufgeklärt herab schauen.

9 Da sprach Jesus zu ihnen: Ich frage euch: Ist’s erlaubt, am Sabbat Gutes zu tun oder Böses, Leben zu erhalten oder zu vernichten? 10 Und er sah sie alle ringsum an und sprach zu ihm: Strecke deine Hand aus! Und er tat’s; da wurde seine Hand wieder zurechtgebracht.

       Jesus wendet sich an die Schriftgelehrten und Pharisäer. Er fragt nicht nach dem Glauben des Mannes mit dem Handicap. Er will von ihm keine Erklärung. Aber er will seine lauernden `Freunde’ ins Nachdenken führen. Ist der Sabbat für das Leben da oder für den Tod? Dient er dem Guten, dem Leben, oder ist er eine Plattform für das Böse? Das ist die Frage nach dem ursprünglichen Sinn des Sabbats, den ja all die Gebote und Vorschriften der Schriftgelehrten und Pharisäer zu schützen vorgeben.

            Das ist in den Augen Jesu der tiefste Sinn des Sabbat: Er ist Wohltat von Gott her und rettet vor dem Sklaventum der ununterbrochenen Arbeit und Selbstproduktion. Aber mit dem Sabbat tut Gott uns Gutes – αγαθοποιει̃ν, wohltun hat er mit dem Sabbat im Sinn und wer Gutes tut, auch und gerade am Sabbat, ist in der Spur Gottes. Das ist der Anspruch Jesu: Er erfüllt den Sabbat Gottes.

10 Und er sah sie alle ringsum an und sprach zu ihm: Strecke deine Hand aus! Und er tat’s; da wurde seine Hand wieder zurechtgebracht.

Darum steht am Schluss, fast beiläufig erzählt, die Heilung. Das Machtwort Jesu bringt seine Hand zurecht, indem er ihm gehorcht. Er, seine Hand, wird wieder zurechtgebracht, so wie ganz Israel einmal wieder zurecht gebracht werden soll. Vielleicht kann ich ganz im Sinn des Lukas sagen: So handfest fängt die Wiederherstellung Israels ein – ein Mann kann sein Hand wieder gebrauchen.  Es kann sein, weil so der Blick ganz auf diesen Auftrag gerichtet wird, fehlt der sonst so häufige Chor-Schluss, der die Reaktion der Zuschauer spiegelt: sie staunten und entsetzen sich alle

11 Sie aber wurden ganz von Sinnen und beredeten sich miteinander, was sie Jesus tun wollten.

          Man erfährt nichts über die Freude des Geheilten. Nur die Reaktion der Schriftgelehrten und Pharisäer wird vermerkt. Sie waren von Sinnen. ανοία statt αγνοία schreibt Lukas. Es ist eben nicht die Unwissenheit – die wird von Lukas oft entschuldigt. Hier ist die blanke Wut, der Wahnsinn im Spiel. Ausgeliefert an ihre Emotionen beratschlagen sie, wie diesem Jesus beizukommen ist. Kein Zweifel: Es ist eine mörderische Wut. Und so etwas geschieht am Sabbat? Ist damit nicht auch die Frage beantwortet, wer am Sabbat Gutes tut und wer am Sabbat Böses denkt und plant?

Zum Weiterdenken

Ich habe mit den ganzen Abschnitt ein Problem: Lukas erzählt eine Begebenheit, die so wirkt, als ginge es gar nicht um den Menschen und seine Hand. Er ist Gegenstand eines Streites, der auch über Ähren ausgetragen werden könnte, über einen Ochsen, der in den Brunnen gefallen ist, über Reinigungsarbeiten und Wäschewaschen. Mit dem Kranken und seiner Hand hat das alles nichts zu tun. So wirkt auch seine Heilung fast wie eine Demonstration. Diese Erzählung tanzt damit aus der Reihe, wie hier ein Kranker zum Objekt gemacht wird, nicht mehr Subjekt ist, nicht mehr in der Mitte steht, obwohl Jesus ihn doch in die Mitte gerufen hat.

      Bin ich überempfindlich? Muss nicht der Satz gelten: Hauptsache, er ist geheilt. Ob die Motive so her und rein sind, ist doch zweitrangig. Ich frage doch auch bei dem mich behandelnden Arzt nicht nach seinen Motiv – ob er das um des Geldes willen macht, um seiner höheren medizinischen Ehre willen oder ob ich ihm wichtig bin, ich allein.

            Aber von Jesus erhoffe ich, dass jede und jeder für ihn als Mensch wichtig ist, im Vordergrund und dass er, sie, nie Mittel wird, nie Objekt wird, nie nur eine Funktion. Das erhoffe ich von ihm, weil ich es auch in der Kirche zu oft sehe, wie Menschen verzweckt werden, eingespannt in ein Projekt und nur das Projekt zählt, nicht mehr der Mensch.  Wenn das überempfindlich ist, dann will ich gerne überempfindlich sein.      

 

Jesus, Du rufst aus dem Winkel in die Mitte, aus dem Schatten ins Licht. Du heilst. Du stellst neu in das Leben. Das ist nicht nur damals Dein Wille, Dein Tun. Das willst Du auch heute, auch durch uns, Deine Kirche.

Menschen sollen ins Licht, die im Schatten stehen, ins Blickfeld, die sich verkriechen, aufgerichtet werden, die gebeugt worden sind.

Gib Du, barmherziger Herr, dass wir Dir nicht im Weg stehen, nicht den Weg zu Dir verbauen durch Kleinglauben und Rechthaberei. Herr, erbarme dich. Amen

2 Gedanken zu „Sabbat – Wohltat“

  1. Der Skopus dieses Textes ist sicher nicht, den Behinderten als Versuchsobjekt darzustellen. Auf den Gedanken wäre ich nie gekommen. Leider wissen wir nicht, worüber Jesus in der Synagoge gesprochen hat.
    Es geht wieder um die Rückführung auf die ursprüngliche Bedeutung der Gebote/Angebote Gottes und in
    Vers 11 kündigt sich schon eine Eskalation in der Auseinandersetzungsetzung mit den Pharisäern an.

    1. Zwei Wurzeln hat mein Nachdenken unter dem Stichwort: Weiterdenken. Die eine ist eine Krankheitserfahrung aus 1995. Da lag ich über Wochen in der Klinik und irgendwann kam der Professor, der mich behandelte, und fragte: Wären Sie damit einverstanden, wenn ich Sie meinen Studenten mit Ihrer Krankheit vorstelle? Ich bejahte und wurde also „vorgeführt“. Aber mein Einverständnis war zuvor abgefragt worden.

      Die zweite Wurzel ist ein Bibel-Gespräch über diese Geschichte bei einem Kirchentag. Ich wollte auf die Zuwendung Jesu zu dem Mann hinaus. Aber in der Gruppe waren gleich mehrere Frauen, die sich aufregten. Sie klagten darüber, dass Jesus diesen Mann völlig ungefragt in die Mitte holt, dass er ihn regelrecht zum Objekt seines Handelns macht und ihn so „missbraucht.“ Frauen, so habe ich damals gelernt, schauen anders auf die Texte als ich – und sie sehen manches, was mir nicht auffällt, mich nicht beschäftigt.

      Ein Gedanke weiter: Ich bin nicht mehr so überzeugt, dass es vor allem darauf ankommt, den Skopus eines Textes herauszustellen. Das habe ich zwar im Studium so gelernt, aber es überzeugt mich heute nicht mehr völlig. Weil ich den Eindruck habe, dass damit zu viel verloren geht. Skopus heißt: Wir bringen den Text auf einen Begriff, auf einen Lehrsatz, auf eine Erkenntnis. Wenn Lukas das gewollt hätte, hätte er systematische Abhandlungen, die in Lehrsätze münden, geschrieben. Aber er und die anderen Evangelisten erzählen! Weil sie überzeugt sind, dass das Erzählen näher an der Wahrheit ist, näher an der Wirklichkeit und ganz unterschiedliche Zugänge zu Jesus eröffnet. Man kann die Wahrheit des Glaubens nicht von ihrer Einkleidung in die Geschichten ablösen. Menschwerdung heißt auch: Gott ist in die Geschichte eingegangen – und das Reden über ihn muss deshalb in Geschichten eingehen. Mit all dem widersprüchlichen Empfinden, die solche Geschichten auch auslösen. An dieser Stelle sehe ich das Programm der Entmythologisierung gescheitert!

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