Freiheitder Kinder Gottes

Lukas 6, 1- 5

Und es begab sich an einem Sabbat, dass er durch ein Kornfeld ging; und seine Jünger rauften Ähren aus und zerrieben sie mit den Händen und aßen.

    Der Sabbat ist mehr als nur ein Ruhetag und den Sabbat zu halten ist mehr als nur ein Gebot zu achten. Wenn ganz Israel einmal den Sabbat halten wird, dann vollendet sich die Schöpfung. Wer den Sabbat nicht hält, der hält also auf, dass die Schöpfung Gottes an ihr Ziel kommt. Nur wenn wir das im Blick haben, verstehen wir, dass hier eine Hoffnung auf dem Spiel steht, nicht nur ein bisschen Rechthaberei oder kleinliches Moralisieren.

Die Frage ist berechtigt, ob die Jünger sich bei ihrem Tun etwas gedacht haben, ob sie überhaupt nachgedacht haben. Ich kann mir gut vorstellen, dass sie bei der Wanderung einfach gedankenlos Ähren ausgerissen und gegessen haben, so wie wir das früher auch gemacht haben. Man denkt sich nicht bei allem etwas, schon gar nicht, wenn man so vor sich hin läuft.

2 Einige der Pharisäer aber sprachen: Warum tut ihr, was am Sabbat nicht erlaubt ist?

 Der möglichen Gedankenlosigkeit der Jünger steht das scharfe Beobachten der Pharisäer gegenüber. Sie jedenfalls denken sich etwas bei dem, was sie da sehen. Sie haben ein Koordinatensystem, in das sie alles Tun einordnen: Erlaubt, unerlaubt. Und sie sind nicht gewillt, für eine Lappalie zu halten, was sie da wahrnehmen. Es gibt immer die Versuchung, mit kleinen Schritten ein großes Gebot auszuhebeln. Erntearbeit ist untersagt – und ist das Ausraufen von Ähren nicht der Anfang der Erntearbeit? Initiis obsta! Wehret den Anfängen! So denken die Pharisäer, die aus Sorge um den Kern der Gebote immer noch ein paar „Schutzregeln“ zusätzlich einzuführen versuchen, damit keiner versehentlich ein Gebot übertritt.

      Indem die Jünger so zur Rede gestellt werden, zur Rechenschaft genötigt, wird Jesus zur Rede gestellt. Er ist verantwortlich für seine Leute. Diese Wechselbeziehung wird auch sonst im Evangelium immer wieder aufgegriffen: „Wer euch hört, der hört mich; und wer euch verachtet, der verachtet mich.“(10,16) Und diese Wechselbeziehung steht hinter den Worten, die der Christenverfolger Saulus vor Damaskus hört: „Saul, Saul, was verfolgst du mich?“(Apostelgeschichte 9,4)

Was für ein steiler Gedanke: In den Christen hat man es mit Christus zu tun. Und indem die Christen anders leben, anders essen, anders fasten, weisen sie darauf hin: Christus ist ein anderer als ihr es glaubt. So geht es bei dieser Debatte immer auch um den Weg der jungen Christengemeinde, die den Sabbat nicht mehr so achtet, wie es die jüdische Tradition, zumal in ihrer engen Auslegung durch die Pharisäer will.

3 Und Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Habt ihr nicht das gelesen, was David tat, als ihn hungerte, und die, die bei ihm waren? 4 Wie er in das Haus Gottes ging und die Schaubrote nahm und aß, die doch niemand essen durfte als die Priester allein, und wie er sie auch denen gab, die bei ihm waren?

       Jesus lässt sich auf die Debatte ein. Sie wird ihn ja auch begleiten. Es wird nicht das letzte Mal sein, dass sein Verhältnis zum Sabbat befragt wird und dass er für das Verhalten seiner Jünger haftbar gemacht wird. Das freilich ist ein Kennzeichen Jesu weit über dieses Streitgespräch hinaus: Er steht für die ein, die zu ihm gehören und sich zu ihm halten. „Wer will verdammen? Christus ist hier, der gestorben ist, ja vielmehr, der auferweckt ist, welcher ist zur Rechten Gottes und vertritt uns.“(Römer 8,34) Diese Fürbitte des Auferstanden hat in solchen Debatten ihr „Vorspiel“.

            Präzedenz-Fälle sind immer eine willkommene Argumentationshilfe. Erst recht für traditions-gebundene Leute. David hat eine Vorlage geliefert, die auch von den Pharisäern anerkannt wird. Not bricht das Gebot. Im Fall des Hungers oder der Hungersnot ist also eine Arbeit auch am Sabbat erlaubt.

            Wenn Jesus hier auf David zurück verweist, ist das der erzählten Situation nicht angemessen. Seine Jünger sind nicht in Hungersnot, nicht auf dem Kriegspfad, nicht vom Tod bedroht. Sie tun nur einfach, was andere nicht tun. Aber Jesus stellt sich vor sie. Weil sie zu ihm gehören.

 5 Und er sprach zu ihnen: Der Menschensohn ist ein Herr über den Sabbat.

        Ich glaube, dass hier, mit diesem Wort, noch anderes anklingt – was bei Jesus ja auch andernorts zu hören ist: Hier ist mehr als David. So wie Jesus „größer“ ist als Salomo, „größer“ als Jona, so ist er auch „größer“ als David. Er handelt aus einem anderen Recht als aus der Verpflichtung zum Gehorsam gegen das Gebot. Der „Menschensohn“, das ist nicht prosaische Umschreibung für „Ich“ wie „meine Wenigkeit“. Das ist der Anspruch Jesu: Der Menschensohn hat die Macht zu einem Handeln, das die tradierten Grenzen auf-sprengt. So wie er heilen kann, wie er Sünden vergeben kann, so kann er auch dem Sabbat sein eigentliches Recht zurückgeben: Wohltat zu sein für die, die ihn erleben, Ruhepunkt, Genuss der guten Gaben Gottes.

 Dass diese Freiheit nicht grenzenlos ist und der Sabbat nicht der Willkür ausgeliefert und überlassen werden darf, darauf verweist eine Textvariante, die sich in alten Handschriften findet:  „An demselben Tage sah er jemand am Sabbat arbeiten und sprach zu ihm: Mensch, wenn du weißt, was du tust, so bist du selig; wenn du es aber nicht weißt, so bist du verflucht und ein Übertreter des Gesetzes.“(Handschrift D) Nachdenkenswert nicht zuletzt in einer Zeit, in der der Sonntag, für die Christen an die Stelle des Sabbat getreten, mehr und mehr preisgegeben erscheint an Gedankenlosigkeit und wirtschaftliche Interessen, nur noch schwach gestützt durch ein paar gewerkschaftliche und kirchliche Erwägungen über die Notwendigkeit von Arbeits- und Aktivitätspausen,

      Jesus denkt grundsätzlich anders als die Pharisäer und Schriftgelehrten. Er geht nicht von der Angst vor dem Missbrauch aus. Er denkt nicht von der Grenze her. Er kommt von der Freiheit her, von der Kindschaft, von der Überzeugung, dass diese Welt Gottes Gabe an uns ist. „Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird;“ (1. Timotheus 4,4) Mit diesen Worten wird – in einem anderen Kontext – doch die Lebenshaltung Jesu erfasst, die ihn leitet. Ich scheue mich immer ein wenig, vom Selbstverständnis Jesu zu reden – aber nach der Erzählung des Lukas drängt sich dieser Gedanke auf: So denkt Jesus – von der Freiheit her und dazu will er uns auch führen.

Zum Weiterdenken

       Hinter diesem Handeln steht meines Erachtens eine Grundüberzeugung Jesu, aus der er lebt und in die er uns hineinführen will, belegt diesmal aus dem Lukas-Evangelium und durch den Erzähler Jesus: „Mein Sohn, du bist allezeit bei mir und alles, was mein ist, das ist dein.“(15, 31) Jesus erzählt nicht nur diese Geschichte – er handelt aus dieser tiefen Geborgenheit in dem Vater, aus der Einheit mit ihm – und er will, dass wir hineinwachsen in diese Beziehung. Er will uns Anteil an ihr geben, selbst wenn wir so unbedacht in sie hinein stolpern wie die Jünger an diesem Sabbat.

 

Jesus, manchmal stolpere ich in eine Entdeckung. Manchmal tue ich, was weit über mein gewohntes Handeln hinaus geht. Ob Deine Jünger gewusst haben, was sie tun? Ob sie aus Deiner Freiheit so am Sabbat gehandelt haben?

Du aber stellst ihr Handeln in Deine Freiheit. Du willst, dass wir von Dir lernen, ganz aus dem Vertrauen auf den Vater zu denken, zu handeln, zu leben. Du führst in die Freiheit der Kinder Gottes. Lass mich diese Freiheit lernen und sie anderen gönnen. Amen