Heilsame Berührung

Lukas 5, 12 – 16

 12 Und es begab sich, als er in einer Stadt war, siehe, da war ein Mann voller Aussatz. Als der Jesus sah, fiel er nieder auf sein Angesicht und bat ihn und sprach: Herr, willst du, so kannst du mich reinigen

         Der Weg Jesu führt in die Städte. Kapernaum ist seine Stadt, aber nicht seine Bleibe. Sein Wandern ist Einlösung dessen, was er versprochen hat. „Ich muss auch den andern Städten das Evangelium predigen vom Reich Gottes.“ (4,43) Es ist das Evangelium, das ihn durch die Städte und Dörfer führt. Das ist kein Weg im strahlenden Licht.

            Jesus begegnet mit dem Evangelium den Schattenseiten des Lebens. Als würde er in einer Fußgängerzone auf ihn stoßen, so klingt: Da war ein Mann voller Aussatz. πλρης λπρας·  Von Lepra zerfressen. Das ist nicht einfach nur ein Kranker. Das ist einer, der durch seine Krankheit isoliert ist, ausgestoßen aus der Gesellschaft, ausgeschlossen von der Gemeinschaft, ausgegrenzt. Unberührbar. Lebendig tot. So einer sieht Jesus und fällt vor ihm nieder – als würde er vor Gott auf die Knie gehen. Es ist eine Demuts-Geste und in der Geste ein Hilfeschrei.

            Herr, willst du, so kannst du mich reinigen. Auffällig: Herr. Κριε. Es ist die Anrede, mit der die Christen ihren Herrn anrufen. Die Anrede, von der Paulus, früher als das Evangelium des Lukas schreibt: Niemand kann sagen, Jesus ist der Herr, außer durch den Heiligen Geist.“(1. Korinther 12,3)   Darf man also sagen: Da bekennt einer, ein Außenseiter der Gesellschaft, ein Ausgeschlossener, was er doch noch gar nicht wissen kann.

Mit diesen Worten willst du geschieht Auslieferung. Ich weiß, was ich will, aber ich weiß auch, dass mein Wille nicht reicht. „Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.“ – das gilt hier nicht für den eigenen Willen des Aussätzigen. Er kann sich selbst nicht heilen. Er ist ganz auf den fremden Willen angewiesen, dem er sich bittend hinhält.

            Das klingt in meinen Ohren nach Ohnmacht. Es ist die Erfahrung, sich etwas leidenschaftlich zu wünschen und doch zu wissen: Ich kann es nicht richten. Das ist schmerzlich im Blick auf das eigene Leben, manchmal noch schmerzlicher im Blick auf anderes Leben. Es geht unter die Haut, so an die Grenzen des eigenen Wollens geführt zu werden.

            Das große Credo unserer Zeit: „Du bist, was Du aus Dir machst.“ wird hier als Lüge entlarvt. Es gibt Lebens-Situationen, in denen der eigene Wille nicht mehr weiter führt und ich mich fremdem Willen anvertrauen muss. Jesus ist ja für diesen Aussätzigen nicht die vertraute Figur unserer Geschichten – er ist einer, um den es Gerüchte gibt, von dem man sich erzählt, aber der doch zugleich nicht wirklich zu fassen ist. Dem liefert der Kranke sich bittend aus.

. 13 Und er streckte die Hand aus und rührte ihn an und sprach: Ich will’s tun, sei rein! Und sogleich wich der Aussatz von ihm.

     Und Jesus lässt sich von seiner Krankheit, von seiner Geste, von seinem Wort anrühren, berühren. Weil er berührt ist, berührt er auch selbst. Und er streckte die Hand aus und rührte ihn an. Das ist Grenzüberschreitung. Das ist Kontakt, Hautkontakt. Das ist wortlos: Ich gehöre zu Dir und Du gehörst zu mir. Wen ich anrühre, den will ich. Das ist ja nicht das versehentliche Rempeln in einer Menge, unbeabsichtigt, flüchtig, für das man sich auch noch entschuldigt. Das ist eine gewollte Berührung. Jesu Geste ist nicht nur eine symbolische Geste. Sie ist Tat und sagt den Augen, was seine Stimme den Ohren sagt: Ich will’s tun, sei rein! Was da geschieht, durch das Wort geschieht, ist viel mehr als „nur“ eine Heilung, es ist Erlösung, Errettung. Jemand bekommt die Tür zum Leben wieder aufgetan.

  Wie so oft bei Lukas: Das Wort Jesu ist Vollmachtswort. Schöpfungswort. Wort der Neuschöpfung, „rein wie am Anfang“ (EG 455). Wirkmächtig. Es ist, als würde der Aussatz auf das Wort Jesu hören und die Flucht antreten. Eine Austreibung, eine Heilung, ein Befreiungsakt vollzieht sich hier – durch seinen Willen und sein Wort. Ich gehe einen Schritt weiter: Durch dieses Wort Jesu wird der Mensch, der gewesene Aussätzige – wieder? – zu dem Menschen, als der er von Anfang an gedacht war. Rein. Durch nichts mehr getrennt von Gott. Keinen Tabu mehr unterworfen. Die Krankheit, die von ihm gewichen ist, ist nur ein Teilbereich. Die Herstellung, die Reinigung, die Katharsis durch Jesus geht auf den ganzen Menschen.

14 Und er gebot ihm, dass er’s niemandem sagen sollte. Geh aber hin und zeige dich dem Priester und opfere für deine Reinigung, wie Mose geboten hat, ihnen zum Zeugnis.

Seltsam, dass der so vollmächtig heilende, rettende Jesus sich so dem Gesetz unterstellt. Er könnte ihn doch in eigener Zuständigkeit als der Herr für rein erklären. Aber er weist den Geheilten dorthin, wo es das anerkannte Urteil gibt. Es ist ein Anweisen, das keinen Spielraum für eigenes Gutdünken lässt. Es ist eine Anordnung, die er dem Geheilten auferlegt. Und opfern soll er, sich dankbar erweisen Gott gegenüber. Nicht einfach nur glücklich. Erst in der Dankbarkeit gegen Gott kommt seine Heilung an ihr Ziel, wird sie mehr als eine wundersame Erfahrung, wird sie Geschenk aus der Güte Gottes. Wenn er zu dem Priester geht mit seiner Heilung, so stärkt er ja auch das Vertrauen des Priesters in Gott, stützt er den Glauben, dass Gott wirklich der Herr ist, wirklich gegenwärtig, heute noch handelt.

 15 Aber die Kunde von ihm breitete sich immer weiter aus, und es kam eine große Menge zusammen, zu hören und gesund zu werden von ihren Krankheiten.  

 Es gibt kein Schweigegebot, das nicht sofort gebrochen würde. So auch hier. Über Jesus wird geredet. Genauso doppeldeutig, wie es klingt, will es Lukas wohl auch klingen lassen: ό λόγοςdas Wort, nicht nur das Gerücht, die Fama von ihm zieht Kreise. Es ist sein Wort, das er spricht und das er tut und es ist das Wort über ihn, das Gerücht, das von ihm ausgeht. Es ist Wort, das nicht abschreckt, sondern anzieht. Gerede, das nicht unverbindlich bleibt, sondern auf den Weg bringt. Wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass Lukas als Motivation der Menge formuliert und es kam eine große Menge zusammen, zu hören und gesund zu werden von ihren Krankheiten. Die da kommen ahnen wohl, dass das zusammen gehört – Hören und gesund werden, gesund werden und hören.

16 Er aber zog sich zurück in die Wüste und betete.

    Jesus braucht kein Bad in der Menge. Er berauscht sich nicht am „Erfolg“, nicht am Zulauf, nicht an der Faszination der Menge. Er geht dorthin, wohin ihn der Geist am Anfang geführt hatte, in die Wüste. Es ist, als habe er diesen Anfangsweg in die Wüste verinnerlicht als den Weg, den er immer wieder nötig hat – weil er dort das Gespräch mit Gott suchen kann, weil er dort Kraft schöpfen kann in der Stille, weil er dort sich zurückbinden kann an seinen Vater, um sich nicht zu verlieren in den tausend Eindrücken und Ansprüchen des Tages.

Zum Weiterdenken

Reinigen, gereinigt sein – Καθαρίζω begegnet im Lukas-Evangelium 6-mal. Es ist ein Wort, das über die körperliche Wiederherstellung hinausgeht. Es ist ein Wort, das beschreibt, dass einer wieder gemeinschaftsfähig wird, wieder integriert in das Volk Gottes. Resozialisiert.  Das führt wie von selbst zu dem Gedanken: Sind unsere Kirchengemeinden Orte, an den Resozialisierung gewollt wird und gelingen kann? Zufluchtsorte für die, die nicht mehr zurecht kommen, nicht mehr die Menschen sein können, als die sie von Gott gewollt waren?

 

Jesus, Du gehst dorthin, wo der Schmerz ist, wo der Kummer wohnt, wo die Angst regiert. Du gehst dorthin, wo das Leben zu zerbrechen droht. Du hörst den Schrei nach Hilfe, die Bitte um Heilung, das verzagte Suchen nach Deinem Erbarmen. Willst Du?

Du spürst, wie einer sich ausliefert, keine Ansprüche mehr macht,  sich preisgibt und doch Dir vertraut. Jesus, Du weißt, wo wir heute so vor Dir stehen, knien, bettelnd liegen: Herr, wenn Du willst…  Höre unser Bitten. Sieh unser Flehen. Herr, erbarme Dich. Amen