Machtworte

Lukas 4, 31 – 37

 31 Und er ging hinab nach Kapernaum, einer Stadt in Galiläa, und lehrte sie am Sabbat. 32 Und sie verwunderten sich über seine Lehre; denn er predigte mit Vollmacht.

    Nazareth ist Geschichte. Es geht aus dem Gebirge hinunter.  Jetzt wird Kapernaum am galiläischen Meer seine Stadt. Dort lehrt er – am Sabbat. Was der Inhalt der Lehre ist, das wird sich in den folgenden Geschichten zeigen. Nur so viel ist schon jetzt gesagt: Seine Lehre – ό λόγος hat Kraft, kommt aus Vollmacht εξουσία. Damit sind schon zwei Signalworte des Lukas zum Verständnis Jesu im Spiel. Sie werden noch oft begegnen.

Hier schwingt schon mit: Gott steht hinter ihm.  Es klingt wie eine Anleihe bei dem anderen Evangelisten: „Und sie entsetzten sich über seine Lehre; denn er lehrte mit Vollmacht und nicht wie die Schriftgelehrten.“ (Markus 1,22) Nur der überbietende Vergleich fehlt, vielleicht, weil seine, des Lukas  Leser nicht im jüdischen Umfeld zu suchen sind. Jedenfalls: Lukas reicht es, Jesu Vollmacht herauszustellen.

Nur: Wie stelle ich mir das vor, dass Jesus mit Vollmacht predigte? Hat er eindringlich, gar lautstark gesprochen? Stakkatomäßig, wortgewaltig, dramatisch akzentuiert? Das alles mag gut ankommen, auch heute – aber es ist doch nicht das, was Vollmacht meint. So wie grundsätzlich das Predigen Jesu wohl nicht gut mit unseren Predigterfahrungen in eins gesetzt werden sollte. Vielleicht ist es eine Brücke zum Verstehen: was er sagt, fällt in die Herzen der Zuhörenden, schließt ihnen den Weg Gottes auf, führt in die Freiheit. „Freiheit den Gefangenen“ (4,18) – das wird unter seinem Predigen Wirklichkeit.

Es wird wie eine stete Wiederholung auftauchen: Die Menschen verwundern sich über ihn. Es entsteht ein Fragen, eine Offenheit – beides soll wohl auch beim Leser bis heute entstehen. Nur wer sich dem Fragen nach Jesus öffnet, wer staunt, sich wundert, wird seinem Geheimnis auf die Spur kommen. Wer stumpf sagt: was soll’s – der wird nichts erfahren. 

33 Und es war ein Mensch in der Synagoge, besessen von einem unreinen Geist, und der schrie laut: 34 Halt, was willst du von uns, Jesus von Nazareth? Du bist gekommen, uns zu vernichten. Ich weiß, wer du bist: der Heilige Gottes!

Wo Jesus auftritt, wird das Verborgene offenkundig. Nicht alle in der Synagoge sind frei, sind selbst-bestimmt. Es gibt Menschen in Gotteshäusern, die von bösen Geistern gequält werden, von Ängsten besetzt, von ihrer Vergangenheit gefangen sind. Es gibt Menschen, die erst in der Begegnung mit dem Freien spüren, wie sehr sie gebunden sind. Das zeigt der Aufschrei dieses einen in der Synagoge: Was haben wir mit dir gemeinsam, Jesus? (so kann man auch übersetzen!) – und die Antwort ist klar: Nichts. Uns trennen Welten. Da spürt einer: Ich bin gebunden, getrieben, gefangen – und vor mir steht einer, der ganz frei ist, weil er ganz in Gott ist – der Heilige Gottes.

            Es fällt auf: Der Dämon – πνεμα δαιμονου καθρτου wörtlich: „der Geist eines unreinen Dämons“ kennt Jesus. Er weiß, was er von ihm zu befürchten hat. Es ist folgerichtig kein Bekenntnis, in dem er sich ihm anvertraut, sondern ein Aufschrei, durch den er ihn loswerden möchte.

35 Und Jesus bedrohte ihn und sprach: Verstumme und fahre aus von ihm! Und der böse Geist warf ihn mitten unter sie und fuhr von ihm aus und tat ihm keinen Schaden.

Zwischen diesem Freien und den Kräften der Bindung gibt es keine Koexistenz. Dieser Freie, Jesus, lässt Menschen nicht in ihren Bindungen. Später wird er sagen: „Ich bin gekommen zu suchen, was verloren ist.“(19,10) Er könnte hier auch sagen: Ich bin gekommen, zu lösen, was gebunden ist.  Durch sein Wort hier in Kapernaum löst er ein, was er als das Wort für heute in Nazareth vorgelesen hat: „… zu predigen den Gefangenen, dass sie frei sein sollen.“ Predigen ist ja nicht schöne Worte sagen, sondern eine Fußspur legen, auf der andere gehen können. Und auch hier zeigt sich, dass sein Wort Kraft hat – er kann einen Menschen tatsächlich lösen von dem, was ihn bindet. Das ist seine Lehre!

         Wenn jemand frei wird von seinen Geistern, die ihn besessen haben, so geht das durch ein Tal der Leere hindurch. Nicht mehr die Geldgier, nicht mehr die Sucht, nicht mehr die vielen Freunde und Schulter-Klopfer. Alles vorbei. Das Leben scheint leer geworden, das Ziel der Suchtbefriedigung ist verloren. Was bleibt da noch? Und der böse Geist warf ihn mitten unter sie und fuhr von ihm aus. Gleich dreimal tauchen in diesem kurzen Abschnitt Formen des Wortes εξέρχομαιausfahren – auf. Offensichtlich liegt viel daran: da fährt ein Geist aus, da wird Leere in einem Menschen. Vielleicht kann es ja erst dann zur Fülle des Lebens kommen, wenn die ersatzhaften Lebensfüllen weg sind und durch die Leere Platz geschaffen ist.  Für das wahre Leben und nicht für ein Warenleben.

36 Und es kam eine Furcht über sie alle, und sie redeten miteinander und sprachen: Was ist das für ein Wort? Er gebietet mit Vollmacht und Gewalt den unreinen Geistern und sie fahren aus. 37 Und die Kunde von ihm erscholl in alle Orte des umliegenden Landes.

       Das verstehe, wer will. Jesu Worte sind mehr als nur Worte. Man könnte auf die Idee kommen, dass die Antwort auf die Frage: `Was ist das für ein Wort?’ schon bei Jesaja steht: „Denn gleichwie der Regen und Schnee vom Himmel fällt und nicht wieder dahin zurückkehrt, sondern feuchtet die Erde und macht sie fruchtbar und lässt wachsen, dass sie gibt Samen zu säen und Brot zu essen, so soll das Wort, das aus meinem Munde geht, auch sein: Es wird nicht wieder leer zu mir zurückkommen, sondern wird tun, was mir gefällt, und ihm wird gelingen, wozu ich es sende.“ (55, 10 – 12) Da steht jetzt, mitten in der Zeit, einer und sein Wort hat wirkende Kraft, befreiende Kraft. Sein Wort tut, was er sagt.

Es braucht die Kraft Gottes, Herzen zu verwandeln, zu erneuern. Einen neuen Geist in die Leere zu geben. Das, was Gott seinem Volk versprochen hat: „Ich will euch ein neues Herz und einen neuen Geist in euch geben und will das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben.“ (Hesekiel 36,26) Gott kann das und Gott will. Darum darf ich ihn bitten.

Die Erzählung über das Geschehen in der Synagoge von Kapernaum stellt den Zusammenhang von Wort und Vollmacht, λόγος und εξουσία, ins Zentrum. Diese Befreiung ist des Mannes aus der Gefangenschaft seiner kranken Seele ist wie ein Bild seiner Predigt-Vollmacht. Beides, Wort und Tat, ist in ihm, in Jesus eins. Damit ist die Frage nach ihm auf dem Plan.

              Aus dem Verwundern über seine Lehre wird Furcht, erschrecktes Staunen. Es ist eine Art religiöser Schauer, der hier beschrieben ist. Staunen ist noch kein Glauben. Und miteinander fragen: Was ist das? Wer ist das? ist noch kein Glaubensbekenntnis. Und doch: es ist ein Anfang – wie bei den Hirten: Lasst uns hingehen und sehen….

            Man sieht es nur im griechischen Text: Aus den Gerüchten über ihn – φμη (4,14) – wird nun eine andere Qualität: χος. echos. In der deutschen Übersetzung zweimal das gleich Wort: Kunde. Im Urtext dagegen ist es anders. Da schwingt der Widerhall mit – das Echo. Ausgelöst durch ein Geschehen. Nicht mehr einfach nur Gerede: Hast du schon gehört?

Zum Weiterdenken

Ich lese und suche nach einer Brücke in unser Leben. Es gibt Zeiten, da wünsche ich mir, kraftvoll den bösen Geistern gebieten zu können. Das falsche Denken über Gott und die Welt, auch über sich selbst entlarven zu können, es korrigieren zu können und Menschen davon frei zu machen. Von den Täuschungen über sich selbst, von den Ängsten, die sie jagen.

            Es gibt immer wieder solche Situationen, in der Familie so gut wie im öffentlichen Raum. Befreiung aus der Gefangenschaft von bösen Geistern – wie geht das heute? Was wäre das, sagen zu können: Verstumme. Fahre aus. Gib frei.  Ist es zu einfach gedacht, wenn ich dabei an das Lösen aus dem Freund-Feind-Schema denke, an Befreiung zur nüchternen Wahrnehmung der Wirklich? An Befreiung aus den Lügen der Fake News? Befreiung aus Verschwörungstheorien und leugnen der Fakten? Einspruch gegen so viele schiefe Bilder und Denkweisen – nicht aus Machtgier, auch nicht aus Besserwisserei. Einspruch gegen die Gefangenschaften des Geistes und der Seele – hinter solchem Einspruch steht das Bild der größeren Freiheit. Der Freiheit des Vertrauens.

   Es gehört zum Schmerz des Lebens zu lernen: Diese Macht, diese Kraft habe ich nicht. Menschen um mich herum, denen ich dann begegne, sehen und hören, was ich sage, oft nicht als den Ruf in die Freiheit, sondern als ein Infrage-Stellen ihrer selbst. Manchmal auch wie einen Angriff, oder als eine Anmaßung. Harmloser als bloße Besserwisserei. Und auch das muss ich mich selbst fragen: Wo bin ich besetzt, gefangen von Vorurteilen, in einem Netz von Informationen, denen ich einfach vertraue – und nicht so frei, wie ich sein könnte?

 

Jesus, wo Du bist, wird Klarheit. Wo Du bist, kommt heraus, wer wir sind.Durch Deine Freiheit wird unser Gebundensein, eng sein, Angst haben, sichtbar, spürbar. Durch Deine Freiheit werden unsere Grenzen, Einengungen, Besessenheit ans Licht gebracht.

Jesus, sprich Dein Wort auch in unser Leben hinein. Mache uns leer, frei, damit wir erfüllt werden können von Deinem Geist, mit dem Leben aus Gott. Amen