Provocateur? Provocation?

Lukas 4, 22 – 30

 22 Und sie gaben alle Zeugnis von ihm und wunderten sich, dass solche Worte der Gnade aus seinem Munde kamen, und sprachen: Ist das nicht Josefs Sohn?

    Ein großes Staunen macht sich breit in der Zuhörerschaft in der Synagoge. Es ist ein Reagieren, als ob sie eine Person wären, ein Mann, ein Block. In ihrem Staunen schwingt durchaus positive Verwunderung mit. Sie gaben alle Zeugnis von ihm – das ist mehr als eine Geraune, mehr als verblüffte Stille. Es ist das Wort, mit dem das Einstehen für den Glauben, wie es die Christen im Zeugnis für Jesus tun, benannt wird. Mehr auch als: Was aus ihm geworden ist! Wie er redet! Wer hätte ihm das zugetraut, dem Zimmermanns-Sohn!

Zugleich aber ist es wie ein Staunen, in das sich Skepsis mischen könnte. Was sagt er da? Ob das alles so recht ist? Ob er nicht doch den Mund zu voll nimmt? Darf man das, darf er das, solche Worte der Gnade als erfüllt anzusagen, erfüllt in der eigenen Person. Was macht er da aus sich, wenn er das so sagt? Es ist ein schmaler Grat zwischen Bewunderung und Skepsis und die Bewunderung kann leicht umschlagen in Ablehnung und dann in blanken Hass.

23 Und er sprach zu ihnen: Ihr werdet mir freilich dies Sprichwort sagen: Arzt, hilf dir selber! Denn wie große Dinge haben wir gehört, die in Kapernaum geschehen sind! Tu so auch hier in deiner Vaterstadt!

Hat Jesus die Skepsis gespürt? Hat er in eine Mauer von Gesichtern geblickt? Hat er es vorher schon geahnt: Das wird schwierig – ich kenne sie doch alle, die mit dem harten Herzen und der harten Faust. Es ist ja nicht nur so, dass nur sie ihn kennen – er kennt sie doch auch, unter denen er aufgewachsen ist.

 Das führt zu der Frage, auf die der Text des Lukas keine Antwort gibt: Was hat Jesus in Nazareth erwartet, was hat er erwarten dürfen? Durfte, konnte er mehr erwarten als diese staunenden Anerkennung: Schön hat er gesprochen. Worte voller Gnade. Hat er asich mehr erhofft als auf das Wiedererkennen: das ist doch Josefs Sohn! Hat er sich darüber hinweg getäuscht, dass es für die Nazarener das Natürlichste auf der Welt ist: Ihn durch das zu definieren, was sie von ihm wissen, durch seine Herkunft, durch ihr Wissen über den heranwachsenden Jesus. Es ist, wie es immer bei Lukas, aber auch bei den anderen Evangelisten ist: Über die Erwartungen und Hoffnungen Jesu, über seine Gefühlslage, die ihn bestimmt, erfahren wir nichts.

Ein Sprichwort, ein Gleichnis führt Jesus an. Παραβολή, Parabolé kann beides bedeuten. Eine Redensart könnte man auch meinen, mit der man sich die Dinge vom Leib halten kann. Mit der man versucht, sich das Unerklärliche zurecht zu legen. Wenn er schon so großartig ist, dann muss er es doch zeigen können. So wie man es aus Kapernaum erzählt. Es scheint, hier taucht verdeckt die Forderung nach Beglaubigungswundern auf. Nur reden kann jeder. Machen, tun – darauf würden wir es uns überlegen.

Was als harmloser Synagogen-Gottesdienst beginnt, gerät in Gefahr zu entgleisen. Es ist ganz allein er, Jesus, der hier den Unterschied macht, der den Frieden stört, der es nicht zulässt, dass alle nach Hause gehen und über belangloses Zeug reden.

 24 Er sprach aber: Wahrlich, ich sage euch: Kein Prophet gilt etwas in seinem Vaterland. 25 Aber wahrhaftig, ich sage euch: Es waren viele Witwen in Israel zur Zeit des Elia, als der Himmel verschlossen war drei Jahre und sechs Monate und eine große Hungersnot herrschte im ganzen Lande, 26 und zu keiner von ihnen wurde Elia gesandt als allein zu einer Witwe nach Sarepta im Gebiet von Sidon. 27 Und viele Aussätzige waren in Israel zur Zeit des Propheten Elisa, und keiner von ihnen wurde rein als allein Naaman aus Syrien.

            Seine Worte sind eine einzige Provokation: Die landfremde Witwe, der heidnische Soldat – sie allein waren die Adressaten der Hilfe Gottes. Macht euch nichts vor, ihr Leute in Nazareth – dass ihr zum Volk Gottes gehört, sichert euch keinen Vorrang, ja nicht einmal eine Teilhabe. Wenn ihr nicht hört, was ich euch sage, so geht ihr leer aus. Er macht sich selbst zum Scheidepunkt. Er lässt nicht zu, dass das gehörte Wort verharmlost wird: Schön gelesen, schön gesprochen!

 So viel Sprengstoff können biblische Texte liefern, wenn sie in konkrete Zusammenhänge hinein gesagt werden. Sie alle kennen diese Geschichten. Aber sie sind noch nie auf die Idee gekommen, sich selbst durch sie in Frage gestellt zu fühlen. Es sind ja nur Geschichten. Ihr Glaube, dass sie Gottes bevorzugtes und geliebtes Volk sind, wird durch solche wunderlichen Erzählungen aus grauer Vorzeit nicht in Frage gestellt. Es sind die Worte Jesu, die aus den Erzählungen von der grenzenlosen Barmherzigkeit Gottes einen Angriff machen, der ihnen unter die Haut geht.

28 Und alle, die in der Synagoge waren, wurden von Zorn erfüllt, als sie das hörten. 29 Und sie standen auf und stießen ihn zur Stadt hinaus und führten ihn an den Abhang des Berges, auf dem ihre Stadt gebaut war, um ihn hinabzustürzen. 30 Aber er ging mitten durch sie hinweg.

 Es ist nur zu verständlich: Wer Wind sät, wird Sturm ernten. Die Provokation Jesu findet ihr Echo im Zorn der Menschen. Und sie versuchen, ihn loszuwerden, mundtot zu machen, aus der Welt zu schaffen. Es ist der zügellose Zorn derer, die tief getroffen, verletzt sind. In Nazareth erfüllt sich, was Simeon angekündigt hatte: er ist „gesetzt zu einem Zeichen, dem widersprochen wird.“ (2, 34)

Er aber geht hinweg – und wird nicht mehr nach Nazareth zurückkehren. Aber sein Schicksal erfüllt sich nicht in Nazareth. Seine Stunde ist noch nicht gekommen. Nur so viel wird schon sichtbar: Die Entfremdung von Nazareth ist nur ein Anfang.

Zum Weiterdenken

Provokateur Jesus. Er ist kein netter Prediger. Er ist nicht auf Anerkennung aus, auf Zustimmung und Applaus. Er will allerdings auch nicht einfach nur wachrütteln. Er ist kein Provokateur und der Provokation willen. Es ist seine Wahrheit, die stört. Seine Wahrheit, dass in ihm der Anfang da ist, heute da ist, auf den die Sehnsucht seit Jahrhunderten Ausschau hält. Das erwartet Jesus von seinen Hörern, damals in Nazareth, heute bei uns, dass wir uns einlassen auf ihn, auf sein Heil, dass wir ihm unser Leben und unsere Zukunft anvertrauen.

            Es hat etwas Symbolisches: sie wollen ihn herabstürzen. Weil sie ihm Hochmut unterstellen, dass er sich über alle erhöht, wolle sie es ihm zeigen, wie es ist, wenn man den Halt verliert. Es wirkt, als wollten sie den Test durchführen, Handlanger des Versuchers sein: „Denn er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen, 12 dass sie dich auf den Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest.“(Psalm 91, 11 – 12) Wenn er wirklich so weit „oben“ ist, dann wird Gott doch… Aber Jesus lässt es so weit nicht kommen.

            Noch während ich über die Passage nachdenke, schreibe, spüre ich meine innere Skepsis. Ich wäre wohl auch einer von denen in Nazareth, die sagen: Was macht er aus sich? Vermutlich wäre ich auch sauer, wenn ich höre: Ihr blockiert euch selbst. Ihr lasst mir mi eurer Skepsis keine Wahl. Meine Wunder sind nichts für euch. Ich tue sie anderswo, in der Fremde, bei denen, auf die ihr verächtlich herabseht. Es ist einfach nur gefährlich, sich unter der Devise ein Bild zu machen: Ich weiß, wie Du bist und wie Du zu sein hast. Gefährlich bei Jesus. Gefährlich aber auch bei jedem anderen, mit dem ich zu tun habe. Es versperrt den Weg zum Verstehen.

 

 

Heiliger Geist, öffne mir die Ohren, dass ich höre, dass ich leise Töne nicht überhöre, dass ich die Wahrheit, die Klage, die Frage wahrnehme, wirklich an mich heran lasse, was ein anderer sagt. Lass mich nicht schnell fertig sein: Kenne ich schon,  weiß doch, woher das kommt, habe ich doch nicht nötig,  sagt sie doch immer.

Lass mich fremde Gedanken, offene Fragen, unbequeme Worte aushalten. Öffne mir die Ohren für die fremde Wahrheit, für die suchende Liebe, für das klärende Wort. Schärfe mir Sinn und Verstand. Berühre mein Herz, dass ich nicht stehen bleibe am Ort der Verweigerung, sondern nachfolge auf dem Weg zum Leben. Amen

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