Es ist so weit

Lukas 4, 14 – 21

 14 Und Jesus kam in der Kraft des Geistes wieder nach Galiläa und die Kunde von ihm erscholl durch alle umliegenden Orte. 15 Und er lehrte in ihren Synagogen und wurde von jedermann gepriesen.

  Merkwürdig: Es ist noch gar nichts passiert, aber es wird schon erzählt. Es gibt schon die Kunde von ihm – die alte, frühere Lutherübersetzung sagt: Gerüchte. φμη. Unser Wort Fama hat im griechischen Wort seine Wurzel. Geschichten, die erzählt werden – manchmal eben Gerüchte, hart am Rand der Wirklichkeit. Was wird denn erzählt? Seine Geburt – längst Vergangenheit. Der Auftritt im Tempel – eine Episode.  Seine Versuchung – keiner war dabei.  Was also gibt es zu erzählen? Wir wissen es nicht. Der Satz wirkt deshalb nicht wie ein Rückblick auf bereits Geschehenes, sondern eher wie ein Hinweis auf das, was folgt und folgen wird.

Jesus wandert durch das Land und lehrt und predigt – Worte voll Weisheit, Worte voll Anmut, überraschend neue Worte für die alte Sehnsucht nach Gott. Was inhaltlich verschwiegen ist, wird doch qualifiziert: In der Kraft des Geistes. Daran vor allem liegt Lukas: Die geistlose Zeit ist mit seinem, Jesu Auftreten vorbei. Auch das wird hervorgehoben: Sein Lehren – das ist seine Schriftauslegung, in den Synagogen Galiläas findet ein positives Echo. δοξαζμενος. Die geben ihm die Ehre. Sie erkennen ihn als einen, der die Herrlichkeit Gottes aufleuchten lässt in seinen Worten.  

 16 Und er kam nach Nazareth, wo er aufgewachsen war, und ging nach seiner Gewohnheit am Sabbat in die Synagoge und stand auf und wollte lesen.

Der Weg durch Galiläa führt ihn schließlich nach Nazareth. Manchmal regen Übersetzungen zu Gedanken an. τεθραμμένος steht im griechischen Text – wechselweise wiedergegeben mit der Deutung `Heimatstadt‘, `aufgewachsen‘ und `erzogen‘. Der alte Luther-Text (1912) hat noch selbstverständlich „erzogen“ – offensichtlich war es früher einmal kein Sakrileg, sich vorzustellen, dass der Sohn Gottes erzogen worden ist. Er war auch – laut Lukas – seinen Eltern untertan. Andere, vor allem neuere Übersetzungen weichen da gerne aus.

Die Erziehung, vielleicht aber auch die Sitte im Ort, hat Spuren hinterlassen und Gewohnheiten eingeprägt. So auch die Gewohnheit, am Sabbat in die Synagoge zu gehen.  As ist Ergebnis gelingender religiöser Sozialisation. Wo soll einer auch sonst hingehen, der schon als Zwölfjähriger seine Eltern fragt: „Wisst ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist?“(2,49) Jetzt ist er da, wo er sein muss, da, wo es um das Wort des Vaters geht.

Dort in der Synagoge ist er nicht unbeteiligter Gast. Kein stummer Zuhörer. „Jesus beansprucht keine Sonderrechte, wenn es heißt: er stand auf und wollte lesen. Es ist das Recht auf Gottesdienst-Beteiligung jedes erwachsenen jüdischen Mannes. Er will tun, was alle dürfen.

 17 Da wurde ihm das Buch des Propheten Jesaja gereicht. Und als er das Buch auftat, fand er die Stelle, wo geschrieben steht (Jesaja 61,1-2): 18 »Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat, zu verkündigen das Evangelium den Armen; er hat mich gesandt, zu predigen den Gefangenen, dass sie frei sein sollen, und den Blinden, dass sie sehen sollen, und den Zerschlagenen, dass sie frei und ledig sein sollen, 19 zu verkündigen das Gnadenjahr des Herrn.«

Was heißt hier: fand er die Stelle? Hat er sie gesucht? Oder hat sie sich von selbst aufgeschlagen? Oder besser: entrollt, wenn es denn eine Schriftrolle war? In einem Text, in dem der Heilige Geist nach der Überzeugung des Autors Regie führt, ist kein Platz für Zufall, wohl auch kein Platz für Suchen nach dem passenden Text. Lukas will uns als Lesern sagen: Der alte Jesaja-Text hat seinen Leser, seinen Adressaten, den, der ihn erfüllt, gefunden. Es erfüllt sich in der Synagoge von Nazareth, was vorzeiten verheißen war.

    Was der alten Väter Schar höchster Wunsch und Sehnen war,
Und was sie geprophezeit, ist erfüllt nach Herrlichkeit.                                                                                            
H. Held 1658, EG 12

 Es ist ein Sehnsuchts-Text mit Sehnsuchtsbildern. Auf die Erfüllung dieser alten Jesaja-Worte wartet Israel, mehr noch: wartet die Welt. Auf ihn, der hier angekündigt wird. Wie oft werden sie in der Synagoge in Nazareth diese Worte schon gehört haben, gehört und geseufzt: Wann endlich ist es soweit?

 20 Und als er das Buch zutat, gab er’s dem Diener und setzte sich. Und aller Augen in der Synagoge sahen auf ihn. 21 Und er fing an, zu ihnen zu reden: Heute ist dieses Wort der Schrift erfüllt vor euren Ohren.

 Sie sitzen und warten: Wie wird er diese Worte erklären? Vielleicht warten sie auch darauf, dass der Leser am Lesepult sie auffordert: „Haltet durch im Warten. Haltet durch im Hoffen. Einmal ist es soweit.“ Aber er, Jesus sagt nicht einmal, irgendwann: Er sagt: Heute! Jetzt ist das Gnadenjahr. Jetzt ist Zeit des Heils.

Wie hat das geklungen in einem Landstrich, der unter Ausbeutung stöhnte, der als das Armenhaus der Region gilt, weil das Land in den Händen einiger Weniger ist und die Arbeit schlecht bezahlt wird, nur für das Fristen eines Tagelöhnerlebens reicht? Jedenfalls: Was Jesus hier ansagt als erfüllte Zeit, wird nicht nur mit religiösen Ohren und als religiöse, jenseitig orientierte Botschaft gehört – es greift tief ins Heute hinein, in die Existenz rechtloser und armer Leute, die auf eine Lebenswende jetzt hoffen.

Aber dieses Heute klingt noch weiter. Σμερον. Heute – das ist Heilszeit auch für die Leser des Evangeliums. In seinem Erzählen von Nazareth und den Worten Jesu fragt Lukas seine Leser, bis zu uns heute hin: Glaubst du das?

   Es mag nur eine Kleinigkeit sein – aber die Durchführung des Erlassjahres erfordert, dass jeder in seine Vaterstadt geht. „Da soll ein jeder bei euch wieder zu seiner Habe und zu seiner Sippe kommen.“(3. Mose 25,10c) Darum kann das Gnadenjahr Gottes durch Jesus nur in Nazareth ausgerufen werden, nicht in Bethlehem, nicht in Jericho, nicht im Tempel in Jerusalem. Darum geht Jesus dort in Nazareth in die Synagoge. Seine Gewohnheit trägt bei zur Erfüllung der Schrift.  Es ist der Geist und durch den Geist die Schrift, die ihn leitet.

Zum Weiterleben

     Gottesmoment in Nazareth. Unableitbar. Unerwartet. Nicht im Kalender vorgemerkt. Es ist das Heute, an dem sich Gottesmomente einstellen. Auch für uns, auch heute. Die Frage ist, ob wir damit rechnen. Ob wir daran glauben, dass wir Rand an Rand mit der Ewigkeit wohnen. Offen sind für die überraschende Gegenwart Gottes. Ich denke oft, dass wir uns eingerichtet haben. Predigten gut oder schlecht finden. Nicht so, wie wir es gewohnt sind aus unserer Vergangenheit.  Darauf allein kommt es an, dass Gott sich heute zu Wort meldet und wir aufschrecken.

Jesus, Jeder Augenblick ist Deine Zeit, in der Du uns anreden willst, Du uns den Rücken stärken willst, uns neuen Mut geben, die Augen öffnen für Wege, die sich auftun, für Deine Zeit des Heils.

Wie oft höre ich und höre doch nicht. Wie oft nehme ich nicht wahr, was mir gesagt wird. Wie oft kommt mir ein gutes Wort entgegen und ich bin taub dafür.

Öffne Du mir die Ohren. Wichtiger noch: Öffne Du mir das Herz für alle guten Worte, Menschenworte, Gottesworte, Dein Wort. Für Dich. Amen

 

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