Wachrütteln

Lukas 3, 7 – 14

7 Da sprach Johannes zu der Menge, die hinausging, um sich von ihm taufen zu lassen: Ihr Schlangenbrut, wer hat denn euch gewiss gemacht, dass ihr dem künftigen Zorn entrinnen werdet? 8 Seht zu, bringt rechtschaffene Früchte der Buße;

               Johannes am Jordan hat Massenzuspruch. Das Volk, die Menge ist da; es ist etwas los. Die Erwartungen sind hoch. Die Bereitwilligkeit ist groß, sich taufen zu lassen – was immer das auch bedeuten mag. Wir erfahren in den kargen Worten nichts über die Motivation der Menge, die sie an den Jordan führt. Nichts, wie sie sich selbst sehen.

              Johannes allerdings macht, was für jeden Prediger eine „Todsünde“ ist: Er beschimpft seine Zuhörer. Pauschal, undifferenziert. Ohne jede Begründung. Er kann sie doch gar nicht al einzelne kennen, die da in der Menge vor ihm stehen. Es ist nicht schwer sich vorzustellen, wie die Leute zusammengezuckt sind, als sie hören: Ihr Otterngezücht! Dahinter steckt ein ungeheurer Vorwurf: Ihr seid von der Art der Schlange, von der Art des Bösen. Und euer Ende ist klar. Es geht dem Gericht Gottes entgegen. Johannes ist der Prediger der letzten Stunde – danach kommt das Gericht.

    Johannes, so will oder soll(?) es scheinen, hat einen Verdacht: Sie meinen es gar nicht ernst mit dem Willen zur Taufe – es ist für sie nur ein Spektakel. In Wahrheit denken sie von sich selbst, dass sie doch die guten sind. Im Paralleltext des Matthäus (3,7) sind es „Pharisäer und Sadduzäer“, die Johannes mit seinen Worten angeht. Die guten, die Führungsschicht, die Frommen. Hier, bei Lukas ist es nur die Menge.

Die Unterstellung hinter der Schimpfkanonade: Die Bereitschaft zur Taufe könnte oberflächlich sein, ohne Tiefgang, so wie Israels Umkehr oft genug ohne Tiefgang war. „ »Kommt, wir wollen wieder zum HERRN; denn er hat uns zerrissen, er wird uns auch heilen, er hat uns geschlagen, er wird uns auch verbinden. Er macht uns lebendig nach zwei Tagen, er wird uns am dritten Tage aufrichten, dass wir vor ihm leben werden. Lasst uns darauf Acht haben und danach trachten, den HERRN zu erkennen; denn er wird hervorbrechen wie die schöne Morgenröte und wird zu uns kommen wie ein Regen, wie ein Spätregen, der das Land feuchtet.« Was soll ich dir tun, Ephraim? Was soll ich dir tun, Juda? Denn eure Liebe ist wie eine Wolke am Morgen und wie der Tau, der frühmorgens vergeht.“ (Hosea 6, 1 – 4) Umkehr ohne soziale Folgen, ohne wirkliche Abkehr von den Götzen. Wie der frühe Morgentau in der aufgehenden Sonne verdunstet. Es ist nicht damit getan, sich rasch einmal taufen zu lassen. Es ist auch nicht damit getan, korrekte Überzeugung über Gott zu haben.

            Wo es tatsächlich zur Umkehr kommt, haben andere etwas davon. Wird die Umkehr sichtbar in veränderten Gewohnheiten und anderen Lebensschritten. „rechtschaffene Früchte der Buße“– der Christ der ersten und zweiten Generation hört hier wohl mit, was ihm im Gottesdienst vorgehalten wird: „Die Frucht aber des Geistes ist Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut, Keuschheit.“ (Galater 5,22-23)

 und nehmt euch nicht vor zu sagen: Wir haben Abraham zum Vater. Denn ich sage euch: Gott kann dem Abraham aus diesen Steinen Kinder erwecken. 9 Es ist schon die Axt den Bäumen an die Wurzel gelegt; jeder Baum, der nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen.

              Die Zuhörer aber, manche wenigstens, sehen sich an und sagen: Das wissen wir besser. Wir haben die Verheißung Gottes für uns. Wir sind Gottes auserwähltes Volk, wir sind die Nachkommen Abrahams, wir sind die Kinder des Bundes Gottes. Wir tragen ja das Zeichen dieses Bundes an uns: Die Beschneidung. Johannes kennt solche Gedanken und zerfetzt sie: Die Herkunft ersetzt keine Umkehr. Herkunft ist kein Ersatz für Gehorsam, für den Weg des Glaubens, für Frucht.

  Wir haben Abraham zum Vater. Das sagt bei uns heute keiner. Aber in vielen Köpfen und Herzen sitzt die Überzeugung fest: Wir sind die Guten.  Auf die Verlass ist. die ihren Weg gradlinig gehen. Die andere nicht unanständig und ungebührlich über den Tisch ziehen, die in der Not keinen allein lassen. Wir sind kein Abschaum. Das gilt, auch wenn wir wissen: Perfekt ist anders. Und die weiße Weste hat schon den einen oder anderen Flecken. An manchen Stellen haben wir es aus Eigennutz an Solidarität fehlen lassen. Manche schwäche anderer zum eigenen Vorteil genützt. Aber das machen ja alle. Das kann doch dann so falsch nicht sein.

10 Und die Menge fragte ihn und sprach: Was sollen wir denn tun? 11 Er antwortete und sprach zu ihnen: Wer zwei Hemden hat, der gebe dem, der keines hat; und wer zu essen hat, tue ebenso. 12 Es kamen auch die Zöllner, um sich taufen zu lassen, und sprachen zu ihm: Meister, was sollen denn wir tun? 13 Er sprach zu ihnen: Fordert nicht mehr, als euch vorgeschrieben ist! 14 Da fragten ihn auch die Soldaten und sprachen: Was sollen denn wir tun? Und er sprach zu ihnen: Tut niemandem Gewalt oder Unrecht und lasst euch genügen an eurem Sold!

              Es scheint, der Angriff hat gewirkt. Die Menge ist getroffen. Johannes sagt den so erschrocken Fragenden: Umkehr hat nichts mit religiösen Lehrsätzen zu tun. Die Umkehr ihres Lebens soll für andere Menschen spürbar werden. Sie soll spürbar werden als Wohltat. Es ist eine Wohltat, wenn ein Armer gekleidet wird. Es ist eine Wohltat, wenn ein Zöllner am Stadtrand nicht in erpresserischer Weise den Zoll erhöht und die schnelle Mark macht. Es ist eine Wohltat, wenn Soldaten nicht ihr Gewaltmonopol missbrauchen und Angst und Schrecken um sich verbreiten.

In diesen Wegeisungen ist Johannes nicht mehr pauschal. Jetzt differenziert er – nach Stand und Lebens-Situation. Vielleicht ist das eine versteckte Wahrheit: Man kann zwar pauschal zusammendonnern – die Welt ist schlecht – aber man kann nur individuell raten. Wenn es um neue Wege geht, um Wege zu einem veränderten Leben, dann ist der/die Einzelne gefragt.

Zum Weiterdenken

   Das ist der Kern der Antwort des Johannes: Eure Umkehr muss spürbar werden für die Menschen, mit denen ihr es zu tun habt – und zwar muss sie spürbar werden als deutliche Wohltat. Darum weist Johannes die Menschen, die ihn fragen: Was sollen wir denn tun, in ihre Umwelt, in ihre Lebenswelt. Da, wo wir leben, da muss sich Buße bewahrheiten, muss Umkehr Folgen haben. Andere haben etwas von denen, die so umkehren.

Mein Dekan in den Anfangsjahren meines Pfarrerseins hat es mich in den späten 70-er Jahren gelehrt: Ihr Glaube muss sich daran messen lassen, ob andere etwas davon haben, ob er anderen zugutekommt.

 

Gott, das ist uns fast ganz aus dem Sinn gekommen, dass es nicht nur um die Vorbereitung des Festes geht, um Essen, Trinken, Schmuck und Geschenke. Das ist uns fast ganz aus dem Sinn gekommen, dass es nicht nur um Besinnlichkeit, Lichterglanz, Stimmung und Gefühle geht.

Johannes erinnert uns: Gott sucht Umkehr, Gerechtigkeit, Wahrhaftigkeit und Gehorsam, der Frucht bringt. Gott, bereite Du uns vor. In all unserem Sinnen auf Dein Kommen, damit wir Dich aufnehmen in unser Herz, in unser Hoffen, in unser Handeln. Amen.