Die wartende Prophetin

Lukas 2, 36 – 40

 36 Und es war eine Prophetin, Hanna, eine Tochter Phanuëls, aus dem Stamm Asser; die war hochbetagt. Sie hatte sieben Jahre mit ihrem Mann gelebt, nachdem sie geheiratet hatte, 37 und war nun eine Witwe an die vierundachtzig Jahre; die wich nicht vom Tempel und diente Gott mit Fasten und Beten Tag und Nacht.

Neben den Mann tritt die Frau, neben Simeon Hanna. Seltsam, dass Hanna so ausführlich vorgestellt wird. Wie sparsam waren die Informationen zu Simeon, wie umfangreich sind sie zu Hanna. Herkunft, Alter, Lebens-Schicksal – viel mehr ist nicht über einen Menschen zu sagen. Es löst Gedanken und Gefühle aus zu hören: Sieben Jahre verheiratet und dann lebenslang Witwe.

   Aber wichtiger als die äußeren Daten sind Lukas wohl die inneren. Bei Simeon fromm und gottesfürchtig, ein Wartender und hier bei Hanna: Eine Prophetin. Das Alte Testament kennt nur vier Prophetinnen: Mirijam, Debora, Hulda und die Frau Jesajas. Mit denen steht Hanna auf einer Stufe – geistgeleitete Frauen sie alle. Sie diente Gott mit Fasten und Beten und sie hat einen festen Aufenthaltsort im Tempel, durch Jahrzehnte hin. Wer so im Tempel „zu Hause“ ist, der gehört fast schon dazu. Mit Hanna rundet sich der Kreis der Wartenden. 

 38 Die trat auch hinzu zu derselben Stunde und pries Gott und redete von ihm zu allen, die auf die Erlösung Jerusalems warteten.

                  Was Hanna zu sagen hat, wird nicht wirklich erzählt im Gegensatz wieder zu Simeon, der ja „wörtlich“ zu Wort kommt. Nur die Richtung ist klar: Sie preist Gott. Sie lobt Gott. Sie betet Gott an. Sie sieht das Kind Jesus und preist Gott. Nicht „Was für ein goldiges Kind im lockigen Haar“ sondern: Gott, Du bist groß. Du bist erhaben. Du bist gut.

              Hanna wird die zweite Zeugin neben Simeon. Ihr Lobpreis Gottes ist ihr Zeugnis. Ganz nebenbei wird die Regel des Gesetzes erfüllt: „Durch zweier oder dreier Zeugen Mund soll eine Sache gültig sein.“(5. Mose 19,15)

 Hanna tritt ein in diesen Kreis der Lobenden, der sich durch den Beginn des Lukas-Evangeliums bildet – über Elisabeth und Maria zu Zacharias, über die Engel und Hirten zu Simeon und Maria. Es will mir scheinen, dass es ein Charakteristikum für das Evangelium des Lukas ist, dass aus wartenden Leuten lobende und preisende Menschen werden. Und auch das scheint mir typisch: Loben, Preisen und Verkündigen gehören zusammen. Ein Reden von Jesus, von Gott, das nicht diese Öffnung zum Lobpreis hat – das ist für Lukas kaum vorstellbar.

Noch eines: Hannah redet zu denen, die warten. Auf die Erlösung Jerusalems warteten. Das sind die, die noch nicht fertig sind, noch nicht alles wissen, noch nicht alles kennen, noch nicht alles haben. Denen, die nicht mehr warten, weil sie schon alles haben, alles wissen, nichts mehr brauchen, denen muss man nichts sagen. Sie werden nicht hören..

Hanna ist selbst eine Wartende, so wie Simeon auch ein Wartender war. Ich glaube, dass es immer so ist. Die, die selbst noch warten, verkündigen an die anderen, die warten. Es ist die Sehnsucht, die das Warten erfüllt und das Sagen ermöglicht. Eine andere Verkündigung gibt es nicht. So trete ich als Verkündiger ein in die lange Reihe derer, die warten und in diesem Warten einen langen Atem behalten im Beten und Fasten, im leer Sein und Empfangen – bis Gott sich zeigt, bis Gott handelt, bis Gott sich uns schenkt. Als Hanna Jesus sieht, geht ihr der Mund auf. Da wird sie im Vollsinn zu dem, was sie ist, zur Prophetin.

39 Und als sie alles vollendet hatten nach dem Gesetz des Herrn, kehrten sie wieder zurück nach Galiläa in ihre Stadt Nazareth. 40 Das Kind aber wuchs und wurde stark, voller Weisheit, und Gottes Gnade war bei ihm.

Die so wunderbare Geburt findet ihre Fortsetzung in einer normalen Existenz als Sohn jüdischer Eltern. Aus dem lauten Jerusalem geht es nach Nazareth in Galiläa, weit ab. Was jetzt beginnt, ist Kindheit, erzogen werden, Gehorsam lernen, sich einfügen in das Leben der Eltern. Jesus bleibt kein Säugling. Er wächst und erstarkt – eine Hilfe für den Vater, der oft genug hören mag: Kannst du einmal dies und das tun? Er lernt zupacken, sich behaupten, wohl auch warten. Aber er wächst nicht nur äußerlich. Er wird voller Weisheit – das klingt nach Gottesfurcht und nicht nach kühlem Intellekt. Und die Gnade Gottes ist mit ihm. Behütet. Im Verborgenen ist Zeit zu reifen, zu hören, zu lernen.

Zum Weiterdenken

 „Wie kann man Glauben erwerben?“ hat eine Freundin zu Weihnachten fragend geschrieben. Und: „Ist er womöglich eine Begabung?“ fragt sie weiter, und fährt unausgesprochen fort: die mir nicht zuteil geworden ist. Glaube ist keine lernbare Religion. Die lernbare Seite des Glaubens sind Sätze, Formeln, das eine oder andere Gebet. Bei Simeon und Hanna: Die lernbare Seite ist: Im Tempel sein, dort, wo von Gott die Rede ist. Dort, wo ihn andere schon erfahren haben. Dass es aber dazu kommt, dass Simeon sieht und Hanna lobt, das ist ganz Geschenk. Gabe. Gnade. Erwerben? Nein. Die leeren Hände, die leere Seele hinhalten. Ja. Und dann: Warten. Geduldig, ungeduldig, hoffnungsvoll und verzagt, aufgeben und weiter warten. Ein Leben lang.

Heiliger Gott, wie viele Menschen warten ein Leben lang, verwundet, mit einer Leerstelle im Herzen, durch Lebensverluste, Schicksal. Wie viele übersehen wir in ihrem Warten, ihrem Leersein, weil wir uns daran gewöhnt haben, dass sie da sind.

Du hast Hanna in ihrem Warten gesehen und gesegnet. Du hast ihr Warten erfüllt mit dem kommenden Jesus. Du hast ihr den Mund aufgetan zu Deinem Lob. Du hast sie zur Zeugin für Jesus gemacht.

Herr, rühre Du meine Lippen an, mein Herz, dass ich Dich lobe und preise und Deinen Namen verkündige vor den Wartenden unserer Zeit. Amen

2 Gedanken zu „Die wartende Prophetin“

    1. Matthäus erzählt die Flucht, weil ihm an seinem letzten Satz liegt:“Aus Ägypten habe ich meinen Sohn geholt“ Das ist Botschaft des Matthäus: Jesus ist die Erfüllung der Prophetie. Lukas erzählt einfach anders.
      Es hat guten Sinn, dass die Evangelien keine Wundergeschichten aus der Kindheit Jesu erzählen. de sind den apokryphen Evangelien vorbehalten. Jesus ist aber kein Wunderkind, zum Vorzeigen. Er braucht, wie alle Kinder, Zeit. Gott macht nicht auf Tempo. Gott lässt dem, der sein Werk tun soll, Zeit zum Reifen. Zeit, das Leben zu lernen. Diese Phase, aus der nichts zu erzählen ist, gehört um Leben Jesu wie eine Schlüsselzeit. Es ist seine Lebenszeit, in der er – im Verborgenen – Gott lernt.

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