Der Himmel ist offen

Lukas 2, 1 – 14

1 Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde. 2 Und diese Schätzung war die allererste und geschah zur Zeit, da Quirinius Statthalter in Syrien war.

               Verankert in die Geschichte hinein geschieht, was alle Geschichte sprengt. Lukas will gewiss kein zeitloses Märchen, auch keine über-zeitlich gültige Legende erzählen. Er will in die Geschichte hinein sagen, was Gott getan hat und tut. Das, was Lukas erzählt, ist ja offen zum Leser hin und fragt ihn, fragt mich: Lässt Du Dir die Augen öffnen für das Geheimnis, das hier zur Sprache kommt und das mehr nach Deinem Herzen als nach Deinem Kopf fragt? Dass Deine Zustimmung und Dein Staunen sucht.

               Das Geschehen wird eingezeichnet in die Machtkonstellationen der Zeit: Augustus ist Kaiser, Rom bedeutet die Pax Augusta, eine die damalige Welt umspannende Friedensordnung und Quirinius ist der Mann vor Ort, Statthalter, Ordnungsfaktor in einer unruhigen Gegend. Die Volkszählung ist eine Steuererhebungs-Maßnahme, damals so beliebt bei den Machthabenden wie heute. Es geht, wie zu allen Zeiten, um Planungssicherheit. Die Statistiker des römischen Reiches haben das Wort. „Das Interesse der Machthaber an der Kontrolle ihres Realitätsverhältnisses bestand schon immer.“ (R. Mink, Die Statistik – ein Spielball der Politik, Marburg, 2020, S. 23)  So auch Augustus.

3 Und jedermann ging, dass er sich schätzen ließe, ein jeder in seine Stadt. 4 Da machte sich auf auch Josef aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das jüdische Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, weil er aus dem Hause und Geschlechte Davids war, 5 damit er sich schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe; die war schwanger. 6 Und als sie dort waren, kam die Zeit, dass sie gebären sollte. 7 Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.

             Hier wird die Geschichte Roms verknüpft mit der Geschichte Israels. Aber die eine Geschichte ist Weltgeschichte, während die andere längst auf das Niveau von Familien-Tradition herab gesunken erscheint. Es ist ein Alltagsbild: Eine schwangere Frau, unterwegs mit ihrem Mann. Umständehalber, ihnen aufgenötigt durch den Census.

   Auch das ist nicht spektakulär: Es ist eine Frauengeschichte, wie alle Geburten Frauengeschichten sind. Lukas vermeidet es bis in die Wortwahl hinein, die Geburt zu überhöhen. Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe. So nüchtern, sachlich.

 Keine Geburt wie im Bilderbuch. Wohl auch nicht schmerzfrei. Eher eine Geburt wie fast jede andere, aber allein. Kein Wort über den hilfreichen Beistand einer Hebamme. Es bleibt wohl nur Josef als Geburtshelfer, wahrscheinlich unsicher und ungeschickt, wie Männer in so einer Situation sind, die sie nie geübt haben. Gepaart mit Schmerzen, mit harter Arbeit, mit Schreien und Stöhnen, mit Angst. Dann aber auch der Seufzer der Erleichterung. Es ist geschafft. Das Kind ist da. Was spielen da die äußeren Umstände, wie chaotisch und ärmlich sie auch sein mögen, noch für eine Rolle. Das Kind ist da und es verändert die Welt, die Welt der Maria und des Josef und später die ganze Welt.

 Maria gebiert ihren ersten Sohn – πρωττοκος, aber es ist nicht der „Einzig-Geborene“. Weitere werden folgen – „Jakobus, Judas, Jose und Simon“ (Markus 6,3). Aber er ist der Erste. Und weil es knapp ist mit dem Platz, landet das Neugeborene, in Windeln zwar wie alle Kinder, aber sonst eher karg bedacht, in einer Futterrinne.

 Für mich ist es immer neu erstaunlich. Die Mehrzahl der Theologen ist sich einig: Das ist keine historisch wertvolle Erzählung. Das ist narrative Theologie des Lukas. Und doch wird dann akribisch untersucht: Es war wohl kein öffentliches Hotel, auch kein Stall. Es war auch nicht der Gästeraum eines Privathauses. Und es war keine Futterkrippe a la Oberbayern oder Südtirol, sondern eine Steinrinne, aus der das Vieh fraß. Auch Ochs und Esel, wie wohl  im Text gar nicht erwähnt, werden oft genug mit analysiert. Vielleicht will das Herz der Theologen sich doch nicht so leicht abfinden mit dem, was der Kopf zu wissen vermeint.

   Immerhin: Im Wort Herberge –κατάλυμαsteckt also im Griechischen der Hinweis, dass es keine Idylle ist, in die dieses Kind der Maria geboren wird. Es ist nicht behaglich-gemütlich, keine „Stille Nacht“, sondern wohl eher laut und hektisch, wenn es eine Karawanserei ist, die hier angedeutet wird.

8 Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde. 9 Und der Engel des Herrn trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr. 10 Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; 11 denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids. 12 Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.

      Szenenwechsel. Aus dem unbeachteten Stall zu den unbehausten Hirten. Mehr Alltag – oder müsste man nicht korrekterweise sagen: Nachtschicht – geht nun wirklich kaum. Draußen vor der Stadt eine Männerhorde mit ihrem Vieh – vermutlich das übliche bunte Gemisch aus Schafen und Ziegen.

            Und dann geht der Himmel auf. Die Klarheit des Herrn leuchtete um sie – auf dem Feld, nicht um die Geburtsszene im Stall. Der Glanz der Weihnacht besteht in der Botschaft und leuchtet um sie auf. Ohne die Botschaft des Engels wäre die Geburt eine Geburt wie jede andere auch, wüssten die Hirten nichts von dem Geschehen der Nacht.

 Ihr Inhalt: σωτρ Χριστς κριος. Retter, Christus, Herr. Er ist da! Es sind keine zufälligen „Titel“. Es sind die Titel, die Lukas den kaiserlichen Propagandisten in Rom abgelauscht und weggenommen hat. Der große Kaiser in Rom mag befehlen, Menschen auf mühsame Wanderschaft zwingen, seine Erhebungen zur Machtsicherung durchführen. Seine Macht aber ist von dieser Stunde an relativiert. Sie ist nur noch Macht im Vorletzten. Die Macht im Letzten, zuletzt, liegt in den Händen des Kindes: Diese Macht ist keine Schreckensmacht und sie wird keine Schreckensmeldungen hervorbringen. Sie ist Macht, vor der sich niemand fürchten muss. Heil für die Welt. Große Freude. 

Unausgesprochen ist der Hinweis auf das Zeichen – hier steht der doch sehr von Gott her gefüllte Begriff σημεον – die Aufforderung: Macht euch auf den Weg. Seht nach. Es ist das Zeichen, das Gott ihnen gibt und durch den Engel zeigt: das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen. Sie werden aus dem himmlischen Glanz, der sie umleuchtet, in die irdische Wirklichkeit verwiesen.

     Man wird schon fragen dürfen: Ist es nicht immer wieder so – die Suche nach der himmlischen Wahrheit verweist uns auf die Erde. Wir finden Gott nirgends anders als in der armen menschlichen Wirklichkeit. Der Zugang zum Himmel ist mit Wirklichkeit auf der Erde gepflastert. Das ist ja das Problem, das wir bis heute haben: Ein himmlischer Gott im Glanz der himmlischen Herrlichkeit wäre leichter zu glauben.  Gott, der so ganz und gar menschlich ist, der wirkt ja nur wie einer von uns. Nur ein Mensch.

13 Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen: 14 Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.

 Während das Dorf Bethlehem schläft, beginnt der Himmel zu singen. Während die Welt mit ihrer Tagesordnung befasst ist, wird im Himmel auf „neue Zeit“ gestellt.  Die Freude im Himmel will auf die Erde übergreifen. Was alle auf der Erde verschlafen, als Märchen lieben, als Legende abtun, das bringt den Himmel zum Singen.

  Gott hat seine Welt nicht aufgegeben. Gott verbindet sich in Jesus mit dieser Welt und ihren Dunkelheiten. Gott geht aus seiner Herrlichkeit in die ganze Armseligkeit eines Menschenlebens hinein. Es ist schon viel verlangt: Da liegt ein Kind in Windeln und es soll der Retter der Welt sein, der wahre Herr, die Erfüllung aller Verheißungen durch die Zeiten hindurch. Das ist die Botschaft von Weihnachten: Gott geht seinen mit der Menschheit begonnen Weg weiter. Das ist nicht nur eine Nacht hoher Emotionen. Das ist der Anfang einer Geschichte, in die alle hineingezogen werden sollen, die von ihr hören. Neue Zeit, Freudenzeit, Lichter-Zeit im Dunkel der Welt.

            Das gilt den Menschen seines Wohlgefallens. Nicht den wohlgefälligen, guten Menschen. Nicht denen, die es sich verdient haben. Sondern indem er sich zuwendet, indem Gott sich zum Menschen aufmacht, breitet er seinen Frieden aus – als Wohlgefallen und Gnade.

Zum Weiterdenken

    Einmal mehr – so finde ich – trifft Luther das Gesagte: „Die Liebe Gottes findet ihren Gegenstand nicht vor, sondern schafft ihn sich erst. Menschliche Liebe entsteht an ihrem Gegenstand…. Denn die Sünder sind deshalb schön, weil sie geliebt werden, sie werden nicht deshalb geliebt, weil sie schön sind.“ (M. Luther Heidelberger Disputation – 28. These, 1518, nach: Luther Deutsch, Bd I, Göttingen 1983, S. 393) Das Wohlgefallen Gottes macht wohlgefällig. Und dann hoffentlich auch friedensfähig.

Und es bleibt wohl wahr für alle Zeit:

Wenn wir Gott in der Höhe ehren, kehrt bei uns hier der Friede ein.                Wenn wir Gott in der Höhe ehren, wird auch Frieden auf Erden sein.“                                                        M. Siebald; CD Was der Engel erzählt,  1988

           Darum versuchen wir es ja Sonntag für Sonntag mit dem Singen in der Liturgie unserer Gottesdienste: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.“ Ob es uns dann irgendwann doch gelingt, über das Singen hinaus zu Friedenstiftern zu werden? Ob es uns gelingt, über unsere engen und kleinen Gotteshäuser hinaus den Himmel als Resonanzraum wieder zu gewinnen?

 

Der Himmel ist offen über Bethlehem und über uns. Der Himmel ist offen, weil Du, Jesus, gekommen bist in dem Schmerz der Geburt, in die Armut eines Stalls, mitten im kalten Winter. Du wirst, was wir sind und oft genug nicht sind – Mensch. Du wirst klein, hilfsbedürftig, angewiesen, Kind.

Unsere Augen sind so blind für die Wirklichkeit, die in Dir aufleuchtet, von der die Engel singen. Öffne Du uns die Augen, dass wir Dich sehen, Geschenk aus der Ewigkeit, Geschenk der Liebe, Erst-Geborener, Einzig-Geborener unter denen, die Deinem Reich zugehören. Amen