Gott loben – das ist unser Amt

Lukas 1, 67 – 80

 67 Und sein Vater Zacharias wurde vom Heiligen Geist erfüllt, weissagte und sprach:                                                                                                                                           68 Gelobt sei der Herr, der Gott Israels!  Denn er hat besucht und erlöst sein Volk. 

Anders kann keiner von Gott reden, zu Gott reden als durch den Heiligen Geist. Als Zacharias sieht, was geschehen ist, gehen ihm der Mund auf und das Herz über. Gelobt sei Gott. So ist zu verstehen: Εὐλογητὸς, von εὐλογέωloben, segnen, beglücken (Gemoll, aaO. S. 340). Ein Mensch segnet Gott – weil er sehen darf, wie Gott handelt.

Mit diesem Satz ist im Grunde schon alles gesagt. Und alles, was noch gesagt wird, ist „Beiwerk“, Ausschmückung dieses einen Satzes. Es kommt daher wie eine Begründung „denn“ – aber recht betrachtet braucht das Preisen Gottes keine Begründungen. Es wird angestoßen durch die Erfahrung – hier der Geburt des Johannes und der gelösten Zunge.

 69 und hat uns aufgerichtet eine Macht des Heils                                                         im Hause seines Dieners David                                                                                              70 – wie er vorzeiten geredet hat                                                                                     durch den Mund seiner heiligen Propheten -,                                                                  71 dass er uns errettete von unsern Feinden                                                                        und aus der Hand aller, die uns hassen,                                                                                  72 und Barmherzigkeit erzeigte unsern Vätern                                                                  und gedächte an seinen heiligen Bund                                                                                73 und an den Eid, den er geschworen hat unserm Vater Abraham,                        uns zu geben,                                                                                                                                74 dass wir, erlöst aus der Hand unsrer Feinde,                                                                   75 ihm dienten ohne Furcht unser Leben lang                                                                    in Heiligkeit und Gerechtigkeit vor seinen Augen.

               Zacharias leiht sich Worte aus dem reichen Schatz der Väter. Was Zacharias sagt, klingt „biblisch“, ist der Sprache der Tradition Israels geschuldet. Und doch: Eine andere Sprache haben wir ja nicht, so wenig wie Zacharias eine andere Sprache hatte, um das Unfassbare zu sagen: Gott hat sein Volk erlöst. Gott bleibt nicht auf Distanz. Gott besucht sein Volk. Das klingt nach den drei Männern bei Abraham. Das klingt nach Mose in der Felsspalte nach dem Gang in das Zelt der Begegnung. Es ist der gleiche Gott, der an den Vätern gehandelt hat, der jetzt neues Leben schenkt, sich einen Menschen erwählt. Er ist seinen Verheißungen, seinen Bundesschlüssen, seinem Eid treu.

            Der Kern dieser Treue ist, dass Gott errettet, Barmherzigkeit erzeigte unsern Vätern. Und so wie den Vätern auch denen, die jetzt mit Zacharias zusammen stehen, die seine Worte hören. Es geht einem Leben entgegen, in dem die Furcht nicht mehr knechten darf, in dem sich Erlösung auch als Befreiung aus der Gewalt von Feinden zeigt. In dem endlich „Heiligkeit und Gerechtigkeit die Orientierungspunkte und Stützpfeiler des Lebens sind. Das alles hat seinen letzten Grund in der Treue Gottes zu dem Eid, den er geschworen hat unserm Vater Abraham. „Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden.“(1. Mose 12,3) Gott ist sich und seinen Worten treu und darum auch seinem Volk.

 76 Und du, Kindlein, wirst ein Prophet des Höchsten heißen.                                   Denn du wirst dem Herrn vorangehen,                                                                           dass du seinen Weg bereitest                                                                                                     77 und Erkenntnis des Heils gebest seinem Volk                                                                in der Vergebung ihrer Sünden,                                                                                             78 durch die herzliche Barmherzigkeit unseres Gottes,                                               durch die uns besuchen wird das aufgehende Licht aus der Höhe,                              79 damit es erscheine denen,                                                                                                      die sitzen in Finsternis und Schatten des Todes,                                                                und richte unsere Füße auf den Weg des Friedens.

            Dem Blick in die Vergangenheit korrespondiert der Blick in die Zukunft. Fast könnte man sagen, dass in diesen Worten eine Berufung des Johannes im Blick ist. Ein Wegbereiter wird Johannes sein, ein Herold des Größeren, einer, der das Volk vorbereitet auf den kommenden Herrn. Das ist der Sinn seines Rufes zur Umkehr – er ruft zur Hinkehr zu dem Kommenden. Er soll ein Augenöffner sein, Hinweis auf das Heil, einladen in das neue, das größere Leben, das von keiner Schuld mehr verklagt werden darf.  Es ist eine Botschaft in das Dunkel der Welt hinein. Wäre die Welt ein Ort voller Licht, voller Helle, voller Freude – es bräuchte das alles nicht. Aber weil die Welt ist, wie sie ist, braucht es den Vorläufer und erst recht den, den er ankündigt.

  “Ich bekenne, dass ich, nachdem ich 60 Jahre Erde und Menschen studiert habe,   keinen anderen Ausweg aus dem Elend der Welt sehe als den von Christus   gewiesenen Weg. Es ist unmöglich, dass die Erde ohne Gott auskommt. ”                                                          George Bernard Shaw

            Da steht über das neugeborene Kind ein merkwürdiger Satz: Dass Du gebest Erkenntnis des Heils seinem Volk in der Vergebung der Sünden. Es scheint also so, als gäbe es einen Zusammenhang zwischen der Fähigkeit, Gott zu erkennen und der Vergebung der Sünden. Das ist heute ein sehr fremder Gedanke. Heute ist Vergebung der Sünden, wenn überhaupt noch etwas, dann die Reparatur eines moralischen Defektes. Hier aber scheint die Vergebung der Sünden zugleich und zuerst einen intellektuellen und existentiellen Defekt zu beseitigen – nämlich die Blindheit für Gott.

              Die Frage heißt: Wo sitzt der Defekt, wenn es um das Erkennen Gottes geht? Liegt es am Denkvermögen? Fehlt einfach der Zugang zum eigenen Gefühl? Gibt es bei manchen kein religiöses Organ? Hat es mit der Fremdheit der Texte der heiligen Bücher zu tun, der fehlenden Klarheit der Lehre, der fehlenden Überzeugungskraft der Predigenden?

              Die Antwort des Zacharias auf alle diese Fragen ist hart: Die Sünde macht blind! Dass wir so wenig von Gott begreifen und erkennen hat mit der Sünde zu tun. Sie lässt uns nur Zerrbilder von Gott sehen, Bilder, die wir fürchten, Bilder, die uns von Gott fern halten!

              Aber dabei wird es nicht bleiben. Es ist, als ob Gott sagte: Ich weiß, dass ihr innere Bilder von mir habt, die euch den Heimweg verbauen, euch nur Zerrbilder von mir sehen lassen, euch Furcht einjagen. So etwas verschwindet nicht einfach aus dem Leben. Es muss ausgeräumt werden, weggetragen, vergeben werden. Und weil Ihr das nicht selbst könnt, räume ich, Gott, sie aus! Du darfst es mir glauben: Was gegen dich spricht, darf dich nicht fernhalten von mir. Was du getan hast, darauf wirst du bei mir nicht festgelegt, nicht festgenagelt. Genau das meint dieses Wort von der Vergebung: Gott spricht frei.

            Es sind die alten Worten des Propheten, die hier neu zum Tragen kommen. „Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: »Erkenne den HERRN«, sondern sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß, spricht der HERR; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.“(Jeremia 31,34) Der Bote der Vergebung wird den Zugang zu Gott, den Ausweg aus der Sünde neu öffnen.

80 Und das Kindlein wuchs und wurde stark im Geist. Und er war in der Wüste bis zu dem Tag, an dem er vor das Volk Israel treten sollte.

         Wie im Zeitraffer wird dann der Weg in den Blick genommen. Es ist eine Eigenart biblischer Texte, auch bei Lukas, dass sie oftmals den Zeitraum von Jahren in einen einzigen Satz zusammenfassen. Das Kind wächst, erstarkt, wird vom Geist erfüllt und lebt in der Verborgenheit, bis die Zeit reif ist. „Alles hat sein Zeit“ – wachsen und reifen und auftreten und reden. (Prediger 3) Der Geist Gottes kennt diese Zeiten und er erfüllt sie an einem Menschen. Könnte ich das doch glauben, heute, für die Menschen, deren Zeit ich so unerfüllt sehe.

Zum Weiterdenken 

     Mir fällt eine Übersetzungsdifferenz auf. Die Lutherübersetzung früherer Zeiten: „die herzliche Barmherzigkeit Gottes, durch welche uns besucht hat der Aufgang aus der Höhe.“ Luther 2017: „durch die uns besuchen wird das aufgehende Licht aus der Höhe.“ Wie denn nun – Perfekt oder Futur, Rückblick auf das, was schon geschehen ist oder Ausblick in die Zukunft.  πισκψεται Die griechische Form ist – nach meinen bescheidenen Erinnerungen Aorist- wir würden sagen: Vergangenheitsform. Vielleicht aber hilft die Grammatik gar nicht weiter.   

             Sondern: hier wird von einen zukünftigen Tun Gottes so geredet, dass es schon geschehen ist. Das ist biblisches Denken: was Gott sich vorgenommen hat – das ist schon jetzt im Schwange. Es geht um Geschehen, das bereits anhebt, das im Gang ist, nicht nur ferne Zukunft. Auf die Spitze getrieben in der Offenbarung: „Schreibe, denn diese Worte sind wahrhaftig und gewiss. Und sprach zu mir: es ist geschehen!“(Offenbarung 21, 5c.6) So also ist zu verstehen: Der Besuch Gottes, Weihnachten, ist nicht nur Rückblick, es hat Zukunftsperspektive. Der Frage – Vergangenheit oder Zukunft – weicht die nachfolgende Übersetzung elegant aus: „Denn unser Gott hat mit und Erbarmen. Wenn er zu uns kommt, wird es sein, wie wenn die Sonne aufgeht. Er wird leuchten für uns, die wir in des Todes tiefen Schatten sitzen.“ (K. Berger /C. Nord, Das Neue Testament und frühchristliche Schriften, Frankfurt 1999, S. 441)

Ich lag in tiefster Todesnacht, Du warest meine Sonne,
Die Sonne, die mir zugebracht Licht, Leben, Freud und Wonne.
O Sonne, die das werte Licht des Glaubens in mir zugericht’t,
Wie schön sind deine Strahlen.               P. Gerhardt, 1653, EG 37

Die Kirche hat sich die Worte des Zacharias zu eigen gemacht im Gesang der Stundengebete. `Benedictus’ ist der Name dieses neutestamentlichen Psalms. Lobpreis – nach dem ersten lateinischen Wort in der Übersetzung der Vulgata „Benedictus Deus Israhel quia visitavit et fecit redemptionem plebi suae“. Wir leihen uns die Worte des Zacharias, wohl auch, weil wir spüren: Mehr können wir mit unseren eigenen Worten auch nicht sagen. Und weiter werden wir wohl nicht kommen mit unserer Gotteserkenntnis als das wir Gott loben, Gott preisen und Gott segnen. Vielleicht würde manches an unserer kranken Theologie gesunden können, wenn wir ähnlich wie Lukas erst einmal das Lob Gottes anstimmen, bevor wir von ihm erzählen oder gar ihn nachdenken wollen. Theologie, die das Lob Gottes versäumt, hat ihr Herz verloren.

Gott des Himmels und der Erde, ich preise Dich, ich lobe Dich, ich segne Dich, ich bete Dich an.

Du bist treu, beständig,  verlässlich. Du lässt Deine Verheißungen nicht leer. Du füllst sie mit Leben, gibst ihnen das Gesicht eines Menschen. Du schenkst den Vorläufer, damit wir Vorläufigen wissen und glauben, dass das größere Leben noch kommt, dass der Größere erfüllt, was in aller Vorläufigkeit angesagt und angebrochen ist. Amen