Feine Risse

Lukas 1, 1 – 17

1 Viele haben es schon unternommen, Bericht zu geben von den Geschichten, die unter uns geschehen sind, 2 wie uns das überliefert haben, die es von Anfang an selbst gesehen haben und Diener des Worts gewesen sind. 3 So habe auch ich’s für gut gehalten, nachdem ich alles von Anfang an sorgfältig erkundet habe, es für dich, hochgeehrter Theophilus, in guter Ordnung aufzuschreiben, 4 damit du den sicheren Grund der Lehre erfährst, in der du unterrichtet bist.

Diese ersten Verse sind eine Widmung und eine Erläuterung über das Vorgehen, das Lukas gewählt hat. Die Widmung kann, soll vielleicht auch dazu dienen, einen prominenten Unterstützer zu gewinnen. Möglicherweise war Theophilus ein begüterter Christ, der die Verbreitung des Evangeliums bereitwillig fördern konnte. Aber – so überlege ich – es könnte auch sein, dass Theophilus nicht der Name eines konkreten Menschen ist, sondern über alle Zeiten hinweg eine Anrede an alle Leser. Theophilus heißt ja übersetzt: „Gottesfreund.“ Dann könnte Lukas seine Leser so anreden – die, die schon zur Gemeinde gehören und die, die er für die Gemeinde gewinnen will.

Das ist offensichtlich die Absicht des Lukas: Menschen dafür zu gewinnen, dass sie dem Evangelium Glauben schenken, dass sie in Jesus den Heiland entdecken. Dass sie festen Boden, sicheren Grund der Lehre, unter die Füße bekommen im Blick auf den christlichen Glauben. Dafür hat sich Lukas kundig gemacht, Zeugen befragt, Nachforschungen angestellt. So hören wir ja nachdem ich alles von Anfang an sorgfältig erkundet habe. Daraus wird oft abgeleitet, dass er sich als neutraler „Historiker“ vorstellt.

Das Evangelium wird empfangen und weitergegeben. Es ist nicht die fromme Erfindung eines Lukas. Es ist zuerst mündlich erzählt und wird dann mündlich und schriftlich weitergegeben. Die es weitergeben, stehen für die Wahrheit des Evangeliums ein – durch ihre Weitergabe. So betrachtet sieht sich Lukas nicht als neutralen Historiker, sondern mit seinem Evangelium als Zeugen Jesu Christi. Er gibt weiter, was er selbst empfangen hat. Mit dieser Überlegung wird allerdings ein wenig uninteressanter, ob Lukas ein Christ der ersten, zweiten oder gar dritten Generation ist. Er ist einfach einer in der Kette des Empfangens und Weitergebens. Mehr will er vermutlich auch nicht sein.  In diese Kette reiht sich ein, wer heute das Evangelium von Jesus weitersagt.

Eine Frage fällt mir zu diesem Anfang ein: Wie viel Mühe verwende ich darauf, nur sichere Informationen weiter zu geben? Und vor allem: Wer ist es mir wert, dass ich mich so um solide, nachprüfbare Auskünfte mühe? In der Zeit der Fake News ist Lukas eine Leuchtgestalt, eine Ausnahme. Ihm liegt daran: was ich weitergebe, erlaubt sichere Schritte in einer unsicheren Welt.

5 Zu der Zeit des Herodes, des Königs von Judäa, lebte ein Priester von der Ordnung Abija, mit Namen Zacharias, und seine Frau war aus dem Geschlecht Aaron und hieß Elisabeth. 6 Sie waren aber alle beide fromm vor Gott und lebten in allen Geboten und Satzungen des Herrn untadelig. 7 Und sie hatten kein Kind; denn Elisabeth war unfruchtbar und beide waren hochbetagt.

  Das Evangelium kennt keine Zeitlosigkeit. Es geht immer um bestimmte Zeiten, um bestimmte Menschen, um ihre bestimmten Lebensumstände. So auch hier: Zacharias und seine Frau Elisabeth haben ein Umfeld – ein weites, das durch die Nennung des Königs von Judäa gekennzeichnet wird. Dazu kommt ihr enges Umfeld, das sich aus der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Priestergruppe, der Dienstklasse des Abija, ergibt.

Vor allem aber haben sie eine eigene Lebensgeschichte. Sie sind alt, hochbetagt und kinderlos. Es ist ein Schicksal, das oft in der Bibel begegnet: Kinderlosigkeit als Last, die den Menschen zu schaffen macht, die sie zu tragen haben, die so schwer anzunehmen ist. An wem liegt es? Wie viele Verwundungen schlägt diese Frage und wie viel Verwundungen die Feststellung: Elisabeth war unfruchtbar. Ihr Mann könnte ja, aber sie….

8 Und es begab sich, als Zacharias den Priesterdienst vor Gott versah, da seine Ordnung an der Reihe war, 9 dass ihn nach dem Brauch der Priesterschaft das Los traf, das Räucheropfer darzubringen; und er ging in den Tempel des Herrn. 10 Und die ganze Menge des Volkes stand draußen und betete zur Stunde des Räucheropfers. 11 Da erschien ihm der Engel des Herrn und stand an der rechten Seite des Räucheraltars. 12 Und als Zacharias ihn sah, erschrak er, und es kam Furcht über ihn.  

      Priesteralltag ist normalerweise nicht sonderlich aufregend. Es gibt eine routinierte Ehrfurchtab und an auch einen frommen Schauer. Es gibt eine gelernte und eingeübte innere Haltung, die weiß: Ich bin in der Gegenwart des Göttlichen. Und doch geschieht dann, was nicht natürlich, nicht gewohnt, sondern Durchbruch durch das Alltägliche ist. Ein Engel tritt auf den Plan. Keine Beschreibung, keine Erklärung – einfach so. „Engel sind Gefährten des Augenblicks.“ (P. Härtling) Da steht plötzlich ein Gottesbote, einer aus der Welt Gottes, die unsichtbar in unsere Welt hineinragt und sie umschließt. Was bleibt, ist Erschrecken.

13 Aber der Engel sprach zu ihm: Fürchte dich nicht, Zacharias, denn dein Gebet ist erhört, und deine Frau Elisabeth wird dir einen Sohn gebären, und du sollst ihm den Namen Johannes geben. 14 Und du wirst Freude und Wonne haben, und viele werden sich über seine Geburt freuen. 15 Denn er wird groß sein vor dem Herrn; Wein und starkes Getränk wird er nicht trinken und wird schon von Mutterleib an erfüllt werden mit dem Heiligen Geist. 16 Und er wird vom Volk Israel viele zu dem Herrn, ihrem Gott, bekehren. 17 Und er wird vor ihm hergehen im Geist und in der Kraft Elias, zu bekehren die Herzen der Väter zu den Kindern und die Ungehorsamen zu der Klugheit der Gerechten, zuzurichten dem Herrn ein Volk, das wohl vorbereitet ist.

 Der Engel holt Zacharias aus seinem Erschrecken – indem er ankündigt, was dieser Geburt folgen wird, was diesem Kind folgen wird: Freude und Wonne. Was keiner wissen kann, kommt hier zur Sprache – die Zukunft eines Kindes, das noch gar nicht da ist, wohl noch nicht einmal gezeugt. Das ist eine Sicht auf das Leben, die uns heute fast völlig abgeht: Vor den Augen Gottes ist schon offenbar, was werden wird. Nicht festgelegt, nicht determiniert, aber offenbar. Gott hat seine Hand schon auf dieses Kind gelegt, das noch im Mutterleib verborgen ist. Er hat schon seinen Weg mit ihm im Auge. Es ist ein großer Weg und es ist eine große Aufgabe, die auf dieses Kind Johannes wartet: Er soll die Elia-Rolle übernehmen – Vorläufer, Wegbereiter, Herold für das Kommen Gottes.

 Zum Weiterdenken

   Das theologische richtige Wissen `Wir leben in der Gottesgegenwart‘. wird völlig überholt, wenn sich diese Gegenwart Gottes plötzlich in ein Leben hinein manifestiert, wenn sie augenscheinlich wird. Die theologisch richtigen Sätze können ja auch immunisieren, abschotten gegen umstürzende Erfahrungen. Ob es deshalb so ist, dass gerade die, die es alltäglich mit dem Heiligen zu tun haben, besonders erschrecken, wenn es auf einmal nicht totes Papier, bloßer Buchstabe, historische Erinnerung, Ritual ist?

            Manchmal spüre ich die feinen Risse, die die festen Wände meines Lebenshauses durchziehen, Manchmal überfällt mich eine Ahnung, dass es nur eine hauchdünne Schicht ist, die meine Wirklichkeit von der Wirklichkeit Gottes trennt. Nicht offen und überschreitbar für mich. Der Überschritt in diesen Raum, den upper room der Spirituals, ist mir versperrt. Wohl aber offen für Gott und seine Boten. Wenn es nach Gottes Zeit so weit ist, dann wird er seine Gegenwart kundtun, in meine Lebenszeit hinein. Und ich werde erschrecken.

Gott, immer schon bist Du da. Immer schon bist Du nah. Nur wir sehen Dich nicht. Unsere Augen sind blind für Deine Gegenwart – zu sehr beschäftigt mit uns, unseren Dingen, der Tagesordnung der Welt.

Wenn Dein Engel kommt, erschrecken wir, schrecken auf aus unserem Alltag und sehen, dass es mehr gibt als was wir alltäglich sehen, fühlen, schmecken, machen.

Gott, sende Deine Engel, auch heute, damit wir aufschrecken. Amen