Worauf wir hoffen dürfen

Jesaja 65, 17 – 25

17 Denn siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, dass man der vorigen nicht mehr gedenken und sie nicht mehr zu Herzen nehmen wird.

 Es ist Gott, der HERR, Jahwe, der durch seinen Propheten sagt: Ich will. Daran hängt alles. Daran, dass er, der sagt „ich will“ auch wirklich kann, was er will. Es ins Werk setzt. Das ist die Bastion des Glaubens. Dass Gott keine leeren Worte macht, nicht nur schöne Sprüche produziert. Was hier von Gott her angesagt wird, ist ein neuer Schöpfungsakt. Der Schöpferwille Gottes hat sich nicht „im Anfang“ (1. Mose 1,1) erschöpft. Es ist ein Schöpferakt, der keine Reparatur ist, sondern er ist wirklich neu. Schaffen – bārā᾽ – wie im Anfang. Ein Wort, das ausschließlich für das Schaffen Gottes verwendet wird, nie für das der Menschen.  Wir Menschen können keinen neuen Himmel und keine neue Erde schaffen. Bei uns kommt immer wieder das alte Strickmuster durch.

„Er erneuert (m᾽chadésch) in Seiner Güte jeden Tag das Werk des Anfangs. Was erneuert wird, gilt gleichsam als neu geschaffen.“(R. Gradwohl, Bibelauslegung aus jüdischen Quellen, Bd. 2, Stuttgart 1987, S. 218 )

In diesem kurzen Satz steckt auch das: Die Neuschöpfung Gottes ist keine Rückkehr zum Anfang. Keine Wiedereröffnung des Paradiesgartens, als hätte es keine Geschichte von Leid und Schuld, auch keine Geschichte von Kunst und Kultur gegeben. Darum wird der Blick auch hoffnungsvoll nach vorne gerichtet. Gott ist kein Freund von Restaurationen. Es lohnt nicht, das Herz an das Vorige zu hängen. Nur wer keine Zukunft glaubt, für sich nicht und die Welt nicht, der wird nicht anders können, als restaurativ zu denken und zu handeln. Provokativ gesagt: Weltkulturerbe statt Hoffnung.

Auch das ist wichtig – diese Worte beziehen sich alle zuerst auf Israel, auf das Volk, das aus dem Exil zurück kehrt: „Neu, gereinigt von den Schlacken des Exils, der Schuld und des Versagens steht Israel unter dem neuen Himmel – mit der gegenwärtigen Generation auch die zukünftigen Geschlechter.“(R. Gradwohl, aaO.  S. 219) Erst wenn man das wirklich akzeptiert, darf man diese Worte auch ausdehnen auf alle, auch auf uns, die aus den Heiden. So wie es der Seher Johannes erschaut: „Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr. Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann.“ (Offenbarung 21,1-2) Wie nah sind diese Worte an den uralten Worten des Propheten.

18 Freuet euch und seid fröhlich immerdar über das, was ich schaffe. Denn siehe, ich erschaffe Jerusalem zur Wonne und sein Volk zur Freude, 19 und ich will fröhlich sein über Jerusalem und mich freuen über mein Volk. Man soll in ihm nicht mehr hören die Stimme des Weinens noch die Stimme des Klagens.

 Noch zweimal: ich will. Ein Grundton der Freude liegt über diesen Worten. Ein Fest wird angesagt. Gott selbst sagt es an – ein Fest ohne Ende, ein himmlisches Fest, aber gemalt mit Bildern irdischer Sehnsucht. Und zugleich wird deutlich: Gott selbst leidet unter der Welt wie sie ist. Die Ansage der neuen Welt ist ja nur verständlich, wenn sie auf dem dunklen Hintergrund der Schmerzen und des Leides in der Welt unserer Zeit gelesen wird.

Das schreib dir in dein Herze du hochbetrübtes Heer,                                                    bei denen Gram und Schmerze sich häuft je mehr und mehr;                                          seid unverzagt, ihr habet die Hilfe vor der Tür;                                                                     der eure Herzen labet und tröstet steht allhier.          P. Gerhardt 1653,  EG 11

 Vom neuen Himmel und der neuen Erde ist zunächst die Rede und dann nur noch von Jerusalem. Da soll das alles anfangen. „Die neue Schöpfung ist Jerusalem. Man könnte vielleicht sagen: Die neue Schöpfung beginnt mit Jerusalem. Jedenfalls ist Jerusalem nicht nur ein Teil, sondern der Inbegriff des Neuen.“(H.J. Kraus, aaO.  S. 241) Es ist, als würde Gott seine ganze Liebe, seine ganze Tatkraft auf einen einzigen Punkt konzentrieren. Think global, act local. So ist Gott.

Es geht zuallererst um die Freude Gottes.  Was er hier neu anfängt, das macht Gott fröhlich. Das lässt ihn Wonne erfahren. Er, der so lange zornig sein musste über sein Volk, er sagt nun:  ich will mich freuen über mein Volk. Es wird nicht von ungefähr kommen, dass dieses Thema der Freude Gottes bei Jesus Raum gewinnt.  O-Ton Jesus: „Ich sage euch: So wird auch Freude im Himmel sein über “einen” Sünder, der Buße tut, mehr als über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nicht bedürfen.“(Lukas 15, 7) Und alle, wirklich alle sind eingeladen, diese Freude Gottes zu teilen.

Diese Spur von der Freude Gottes wird im Neuen Testament weiter aufgenommen. Die große Wende verdichtet sich in eine Person hinein: In Jesus von Nazareth. In diesem armen Mann Jesus von Nazareth, der den Weg des Sterbens ans Kreuz gegangen ist, in dem hat Gott schon seine Neuschöpfung angefangen. Er ist mitten in der alten Welt des Todes der Mensch, von dem es heißt: „mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“ (Matthäus 17,5) An dem Gott seine Freude hat. Und das Wohlgefallen Gottes lässt diesen Sohn nun wirklich und wahrhaftig durch die Mauer des Todes hindurch brechen.

  20 Es sollen keine Kinder mehr da sein, die nur einige Tage leben, oder Alte, die ihre Jahre nicht erfüllen, sondern als Knabe gilt, wer hundert Jahre alt stirbt, und wer die hundert Jahre nicht erreicht, gilt als verflucht. 21 Sie werden Häuser bauen und bewohnen, sie werden Weinberge pflanzen und ihre Früchte essen. 22 Sie sollen nicht bauen, was ein anderer bewohne, und nicht pflanzen, was ein anderer esse. Denn die Tage meines Volks werden sein wie die Tage eines Baumes, und ihrer Hände Werk werden meine Auserwählten genießen. 23 Sie sollen nicht umsonst arbeiten und keine Kinder für einen frühen Tod zeugen; denn sie sind das Geschlecht der Gesegneten des HERRN, und ihre Nachkommen sind bei ihnen.

 Das neue Leben beginnt jetzt und hier. „Das Zukünftige bleibt den Jetzigen ganz nah und verwandt, auch wenn bis ins Bewusstsein hinein das „Frühere“ getilgt wird. Denn getilgt wird alle Angst und Sinnlosigkeit, die dem menschlichen Leben seine Würde und seine Erfüllung nimmt.“(H.J. Kraus, aaO. S. 243) Die Erwartung an das Handeln Gottes ist konkret, weil seine Verheißungen einen konkreten Wandel ansagen.

‑ Überwunden wird der frühe Tod von Kindern                                                              -überwunden wird der Tod, der mitten aus dem Leben reißt                                   ‑ überwunden wird die vergebliche Arbeit                                                                        ‑ überwunden wird die Mühe, die zur Last und Plage wird und wo doch nur andere den Lohn der Mühe ernten                                                                                       ‑ überwunden wird die Angst vor dem Krieg, wird der Riss, der die Schöpfung zerteilt.

„Leben ist im Alten Testament erfülltes Leben; es ist aber nur da erfüllt, wo es nicht vorzeitig abgebrochen wird. So gehört das lange, das zu Ende gelebte Leben für alle zur Heilszeit. (C. Westermann, aaO. S. 325) Der Skandal der Kindersterblichkeit lastet schwer auf dem Glauben. Es ist eine seltsame Vorstellung, dass die früheren Zeiten mit den hohen Kinderzahlen – oft zehn, zwölf Kinder – sich leichter damit abgefunden hätten, wenn das eine oder andere der Kinder früh in den ersten Lebensjahren stirbt. Nach dem Motto: es sind ja noch genug für die Altersversorgung am Leben. Hinter den Worten des Propheten wird der Schmerz um jedes zu früh gestorbene Kind sichtbar. Und die Hoffnung, dass das aufhört.

Die Sehnsucht, die diese Worte wecken möchte, steht im Konflikt mit der Erfahrung. Aber Gott will mit diesen Worten nicht nur schöne Worte gegen die harte Wirklichkeit setzen. Gott will mit diesen Worten nicht nur ein wenig Beschwichtigung, ein wenig Schmerzlinderung treiben. Sie sind der wirkmächtige Einspruch Gottes gegen eine Mutlosigkeit, die sich in den Trümmern und im Volk breit machen will, die alles lähmen will: Es wird ja doch nichts werden, wie sehr wir uns auch mühen.

Gott selbst findet sich nicht damit ab, dass es unzeitigen Tod gibt, dass Lebenswege für immer durchkreuzt werden, dass es zerbrochene Hoffnung, zerstörte Gemeinschaft gibt. Alle, die sich gegen das Sterben und den Tod auflehnen, alle, die sich mit dieser Welt, wie sie ist, nicht abfinden können, die dürfen es hören: Ihr habt Gott zum Verbündeten. Alle, die auf Wandlung hoffen, die sagen: das kann doch nicht alles gewesen sein, die haben Gott zum Verbündeten. „Gott hat keinen Wohlgefallen am Tod des Gottlosen“(Hesekiel 33,11), am Leid, am Schmerz, am Geschrei, am Krieg, am Tod. Er ist dem allem feind.

Über den großen Bildern kann man die kleine Wendung leicht überlesen: Ihrer Hände Werk werden meine Auserwählten genießen. In einer Umwelt, in der der Handarbeiter eher verächtlich angesehen wird und das Ideal des nichts tuenden Philosophen hoch im Rang ist – so wie in Griechenland – ist das eine völlig ungewöhnliche Sicht. Die aber ihr Echo im Psalm hat:

„Und der Herr, unser Gott, sei uns freundlich                                                                    und fördere das Werk unsrer Hände bei uns.                                                                          Ja, das Werk unsrer Hände wollest du fördern!“      Psalm 90,17

Ausgerechnet der Psalm, der die Vergänglichkeit des menschlichen Lebens besingt, der zur Klugheit angesichts des unvermeidlichen Sterbens mahnt, der legt das Werk unserer Hände Gott ans Herz. Nichts ist zu spüren von Verachtung der Arbeit, auch der Hand-Arbeit.

In der winzigen Wendung meldet sich die Hoffnung auf die Revision des „Fluchwortes“ aus dem Anfang der Menschheitsgeschichte: „Und zum Mann sprach er: Weil du gehorcht hast der Stimme deiner Frau und gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot und sprach: Du sollst nicht davon essen –, verflucht sei der Acker um deinetwillen! Mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren dein Leben lang. Dornen und Disteln soll er dir tragen, und du sollst das Kraut auf dem Felde essen. Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zu Erde wirst, davon du genommen bist. Denn Staub bist du und zum Staub kehrst du zurück.“(1. Mose 3, 17-19)

Es ist der große Horizont der Schöpfung, der hier mitschwingt: Am Ende wird die Geschichte der Welt revidiert und es kommt zur neuen Schöpfung, auf der kein Schatten mehr liegt, kein Schatten des Vergeblich, des Umsonst.

24 Und es soll geschehen: Ehe sie rufen, will ich antworten; wenn sie noch reden, will ich hören.

Es ist ein zuvorkommender Gott, der hier das Wort nimmt und sein Zuvorkommen ansagt. Das durchzieht die Botschaft des Jesaja: er ruft das Volk zur Umkehr, aber nicht, um so die Umkehr, die Gnade Gottes zu erwirken, sondern damit das Volk mit der eigenen Umkehr darauf antwortet, dass Gott sich ihm – zuvorkommend – zugewendet hat. Gott hat immer das erste Wort, das eine neue Situation schafft.

25 Wolf und Schaf sollen beieinander weiden; der Löwe wird Stroh fressen wie das Rind, aber die Schlange muss Erde fressen. Sie werden weder Bosheit noch Schaden tun auf meinem ganzen heiligen Berge, spricht der HERR.

 Paradiesische Bilder. Der Kampf aller gegen alle – vorbei. Fressen und gefressen werden – vorbei. Der Frieden breitet sich unaufhaltsam in die Schöpfung hinein aus.  Auf dem Heiligen Berg Gottes fängt dieses wunderbare Geschehen an. Bei Hesekiel wird dieser Prozess des Heilwerdens in das Bild vom Tempelstrom gefasst: „Dies Wasser fließt hinaus in das östliche Gebiet und weiter hinab zum Jordantal und mündet ins Tote Meer. Und wenn es ins Meer fließt, soll dessen Wasser gesund werden, und alles, was darin lebt und webt, wohin der Strom kommt, das soll leben. Und es soll sehr viele Fische dort geben, wenn dieses Wasser dorthin kommt; und alles soll gesund werden und leben, wohin dieser Strom kommt.“(Hesekiel 47.8-9)Es ist die gemeinsame Überzeugung, besser: Gewissheit der Propheten: Das Heil Gottes breitet sich vom Heiligtum Gottes her aus und alle Welt wird in dieses Heil hineingezogen. Von ihm berührt und verwandelt.

Zum Weiterdenken

Es sind Bilder, die der Seele wohltun. Bilder, die helfen, über den engen Horizont der Gegenwart hinaus zu schauen. Bilder, die Hoffnung wecken und nähren. Genau wie sie damals in den Trümmern von Jerusalem brauchen wir heute in den Zeiten der Pandemie solche Hoffnungsbilder, die uns über den Augenblick und die Gegenwart hinaus schauen lassen Weil wir sonst von den Problemen erdrückt und gelähmt werden. Wenn am Mittwoch das Land still gelegt wird, darf das nicht zur Lähmung der Seelen werden, nicht in die Hoffnungslosigkeit führen. Wir sind nicht gottverlassen und gottvergessen, wenn der Betrieb unserer Zeit für kurze Zeit still steht.

            Wann wird die Vision des Jesaja Wirklichkeit? Wann werden der neue Himmel und die neue Erde denn Wirklichkeit? Es ist eine merkwürdige Verknüpfung: Das Rufen des Volkes Gottes nach seinem Eingreifen wird verknüpft mit dem Heilwerden des Risses, der durch die Schöpfung geht. Die Versöhnung der Gegensätze in der Schöpfung und der betende Ruf nach dem Schöpfer gehören zusammen. Und er, Gott, weiß, wann es so weit ist, wann die Zeit erfüllt sein wird.

Gott, davon träume ich. Kein Leid mehr, keine Gewalt mehr, kein Streit mehr, kein Tod mehr. Davon träume ich, vom Leben, das die Früchte der eigenen Mühe erntet, das nicht auf Kosten anderer gelebt wird, das alles Leben Deiner Schöpfung achtet, das in Harmonie gelingt. Vom Leben, das in Dir erfüllt ist, träume ich.

Du gibst meinem Traum Worte. Du gibst meinem Traum Bilder. Du gibst meinem Traum neue Hoffnung. Du gibst meinem Traum einen guten Grund. Träume, die ich alleine träume, verblassen schnell. Du gibst unserem Träumen den langen Atem Deines Geistes. Du wirst Dein Wort und unseren Traum erfüllen. Darauf traue ich. Amen