Schrei nach Gott

Jesaja 63, 17 – 64, 11

17 Warum lässt du uns, HERR, abirren von deinen Wegen und unser Herz verstocken, dass wir dich nicht fürchten?

Es sind Fragen, die vom Gedanken der Alleinwirksamkeit Jahwes geleitet werden. Da ist kein Verführer am Werk, sondern nur das Zulassen Gottes, dass das Volk sich verrennt. Warum hast du uns nicht aufgehalten? Man muss doch dem Rad in die Speichen greifen, wenn man sieht, dass es in den Abgrund rollt. So kann man lesen und dann ist es eine Anklage gegen Gott. Hat er seine Aufsichtspflicht verletzt? „Wird hier die Verantwortung Gott zugespielt? Keineswegs.“ (H.J. Kraus, aaO. S. 231)

 Man kann die Fragen allerdings auch so lesen: Greife doch endlich ein. Dann sollen sie Gott bewegen, Gott zum Handeln bringen. Es ist, als würde einer sagen: Du siehst doch, wie wir uns verirren. Sage uns doch, zeige uns doch, wie wir aus der Misere herauskommen Das Volk sieht, wie es sich mehr und mehr in einer Sackgasse verrennt und ruft um Hilfe, weil es spürt: Wir kommen nicht allein aus unserer Abwärtsspirale heraus.

Kehr zurück um deiner Knechte willen, um der Stämme willen, die dein Erbe sind! 18 Kurze Zeit haben sie dein heiliges Volk vertrieben, unsre Widersacher haben dein Heiligtum zertreten.

Dazu passt dieser Ruf an Gott: Kehr zurück. Gott ist auf Distanz gegangen, hat sich zurückgezogen. Der Verlust seiner Nähe ist tödliche Gefahr – ein Volk ohne Gott wird verloren gehen. Israel weiß, dass es keinen Neuanfang gibt, wenn Gott nicht mit seinen Knechten neu anfängt. Es ist ein Hoffnungssignal: Was wir erleben an Ausgeliefertsein, was wir erfahren haben durch die Zerstörung deines Heiligtums – das ist nur eine Momentaufnahme. Nur für kurze Zeit.

 19 Wir sind geworden wie solche, über die du niemals herrschtest, wie Leute, über die dein Name nie genannt wurde.

In diesem Volksklagepsalm wirft sich Israel Gott entgegen. Das Volk leidet darunter, dass es geworden ist wie alle Völker, dass es sich verirrt hat von Gott weg und verrannt hat in seine Irrtümer. Die zurückgekehrt sind aus dem Exil, sie haben nun die Folgen dieser Verirrungen und Verwirrungen täglich vor Augen – Trümmer und Trostlosigkeit überall. Es wäre kein Wunder, wenn sie aufgeben, in völliger Resignation verdämmern und versinken. Aber sie geben nicht auf. Sie halten sich Gott hin.

So mit Gott zu reden, fällt nicht leicht. Fehlt es denn nicht am Respekt Gott gegenüber? Fehlt es nicht an der Gottesfurcht? Man muss sich doch wortlos fügen in das, was nicht zu ändern ist. Nur was man ändern kann, darüber kann man sprechen. Wie anders hier: Gott, der Herr der Welt, der Weltenrichter „lässt es sich gefallen, befragt zu werden. Sein Geist wird durch die Anklage nicht gekränkt. Offenbar sind ihm solche anklägerischen Fragen gerade recht. So heißt es im vierzehnten Psalm: „Der Herr schaut vom Himmel herb auf die Menschenkinder, dass er sehe, ob ein Verständiger sei, der nach Gott fragt. – Unser Prophet ist demnach ein Verständiger. Er fragt nach dem Gott, den er in seinem Volk nicht am Werk sieht.“ (R. Bohren, aaO. S. 131)

Nach solchen Sätzen kann man nur bestürzt fragen: Was haben wir damit angerichtet, dass wir dem Fragen in Sachen des Glaubens oft lieblos begegnet sind, es gedeckelt haben, Frager in die Schranken verwiesen haben: das musst du einfach glauben. Wer das Fragen unterbindet oder gar verbietet, erweist dem Glauben einen schlechten Dienst. Der entzieht Gott die Ehre, die ihm die Fragen erweisen!

Ach dass du den Himmel zerrissest und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen, 64,1 wie Feuer Reisig entzündet und wie Feuer Wasser sieden macht, dass dein Name kundwürde unter deinen Feinden und die Völker vor dir zittern müssten, 2 wenn du Furchtbares tust, das wir nicht erwarten – und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen! 3 Auch hat man es von alters her nicht vernommen.

Der Weg aus dieser Not des Volkes findet sich nicht so, dass sich das Volk am Riemen reißt. Der Weg findet sich auch nicht durch ein bisschen guten Willen und neue Frömmigkeit. Nur durch ein neues Kommen Gottes wird der Weg nach vorne wieder frei. Deshalb mündet der Ruf der Volksklage in diesen Schrei: Ach, dass du den Himmel zerrissest und führest herab. Am Anfang aller Erweckung zu neuem Glauben steht nie der Appell an uns Menschen, sondern immer der Ruf: „O Heiland, reiß die Himmel auf, herab, herab vom Himmel lauf.“ Die Wächter rufen nach dem, was die Not wirklich wenden kann: nach einem neuen Kommen Gottes.

Es sind vertraute Elemente des Kommens Gottes, die hier in der Bitte angesprochen werden: Feuer, Erdbeben. Die Erde kommt ins Wanken und wird in ihren Grundfesten erschüttert, wenn Gott kommt. Es bleibt nichts beim Alten. Nichts so, wie es immer war.  Damit es anders werden kann mit Israel, damit es gut werden kann mit Jerusalem, muss Gott sich wieder so zeigen wie im Anfang – als der starke Helfer, als der gegenwärtige Herr.

Was man nicht gleich weiß und sieht: Solche Schilderungen vom Kommen Gottes stehen fast immer im Zusammenhang mit dem Lob Gottes.  Psalm 18 ist ein gutes Beispiel: Da läuft die ganze Schilderung von Feuer, Rauch, Erdbeben, Blitzen, Donner, Wolken darauf hinaus: „Er errettete mich von meinen starken Feinden, von meinen Hassern, die mir zu mächtig waren; sie überwältigten mich zur Zeit meines Unglücks; aber der HERR ward meine Zuversicht.“(Psalm 18, 18-19) Es geht um Geschehen in der Vergangenheit, um dankbare Erinnerung. Hier dagegen kommt die Hoffnung auf ein neues Kommen Gottes zur Sprache. Das Kommen Gottes wird erfleht für die Zukunft. Näher noch: für die Gegenwart.

Ein neues Kommen Gottes erhofft der Ruf des Propheten, die Klage des Volkes – und greift dafür auf die alten, vertrauten Bilder vom Erscheinen Gottes zurück. Man darf schon kritisch nachfragen: Legen die alten Bilder nicht fest, was nicht festzulegen ist? Muss man sich nicht darauf einstellen, dass Gott ganz anders kommen wird? So, wie man das man von alters her nicht vernommen hat.

 Es ist auch biblisches Wissen und Erfahrung in Israel, dass das neue Kommen Gottes die alten Bilder von seinem Erscheinen zerbricht. „Der Herr sprach: Geh heraus und tritt hin auf den Berg vor den HERRN! Und siehe, der HERR ging vorüber. Und ein großer, starker Wind, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, kam vor dem HERRN her; der HERR aber war nicht im Winde. Nach dem Wind aber kam ein Erdbeben; aber der HERR war nicht im Erdbeben. Und nach dem Erdbeben kam ein Feuer; aber der HERR war nicht im Feuer. Und nach dem Feuer kam ein stilles, sanftes Sausen. Als das Elia hörte, verhüllte er sein Antlitz mit seinem Mantel und ging hinaus und trat in den Eingang der Höhle.“(1. König 19, 11 – 3)  Ganz anders geht es zu, wenn der Himmel aufgerissen wird.

Und noch einmal anders wird vom Kommen Gottes später zu erzählen sein. Die Sehnsucht erwartet den König Israel, mächtig und stark. Einen, der das Land mit eiserner Faust zurecht bringt. Einer, der seine Macht zeigt, auch den Feinden Israels gegenüber. Und wieder kommt er anders, so wie es keiner erwartet hat, wie es keiner in seinen Gottesträumen erträumt hat.

Alle schauen auf das große Tor,
denn wenn er kommt,
dann kommt er sicher hier.
Nur die Dummen und die Armen stehn
verloren an der Hintertür.

 Keiner vorne an dem großen Tor
glaubt, dass der reiche Gott so arm sein kann,
wie ein Kind in einem kalten Stall.
Doch Gott kommt bei den Armen an.

 Gott hält meistens nichts von dieser Welt,
und er kehrt alle unsre Maße um,
arm ist reich und reich ist plötzlich arm,
dumm ist klug und klug ist dumm.

 Große Leute gehen durchs große Tor,
sind keine kleinen Leute mehr.
Gott kommt nicht zur Welt durchs große Tor,
durch die Hintertür kommt er.          M.
Siebald, CD Was die Engel uns sagen 2000

 Das ist wahr und gleichzeitig gestehe ich mir ein: Manchmal richtet sich meine Sehnsucht dennoch auf den Gott, der groß und mächtig ist, der den schweigenden Himmel aufreißt und mit einem Machtwort die ganze Welt in Ordnung bringt. Weil die Verhältnisse und Zustände in der Welt – der großen, die mir die Nachrichten zeigen und der kleinen, in der ich lebe – regelrecht danach schreien, dass endlich der Shalom Gottes sich durchsetzt.

  1. 7

 Es bleibt nüchtern in der Spur des Propheten festzuhalten: wenn Gott so kommt, wird es zum Erschrecken sein. Alle alten Erzählungen vom Kommen Gottes werden wirken, als hätte es sie nicht gegeben. Die Erfahrungen von gestern wirken, als hätte man nichts vernommen. Das Kommen Gottes ist für Freunde und Feinde gleichermaßen: unfassbar. Überwältigend.

Kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen einen Gott außer dir, der so wohltut denen, die auf ihn harren.

Daran „arbeitet“ der Prophet sich jetzt ab. Wir erbitten, was wir nicht kennen, was unser Begreifen übersteigt, was alle Erfahrungen sprengt, wenn wir das Kommen Gottes erbitten. Aber, erinnert der jüdische Ausleger: „Nicht Gott selbst ist sichtbar. Sichtbar ist lediglich Sein Tun.“(R. Gradwohl, Bibelauslegung aus jüdischen Quellen, Bd. 2, Stuttgart 1987, S. 210) Wenn man so will: Das Tun Gottes ist die den Menschen zugewandte Seite Gottes.   Es ist sein Wohltun. nora᾽ot Sein Wunderbares.

Auch diese Worte sind in ein Lied eingegangen. Wieder ist das Lied ganz nahe am Gedanken des Propheten, wenn es Erwartung und Hoffnung singt, wenn es die Zukunft ins Auge fasst, die Zukunft weit über die armselige Gegenwart hinaus.

„Wachet auf; ruft uns die Stimme der Wächter sehr hoch auf der Zinne,
wach auf, du Stadt Jerusalem!                     

Gloria sei dir gesungen mit Menschen- und mit Engelzungen,
mit Harfen und mit Zimbeln schön.
Von zwölf Perlen sind die Tore an deiner Stadt,                                                            
wir stehn im Chore der Engel hoch um deinen Thron.
Kein Äug hat je gespürt, kein Ohr hat mehr gehört solche Freude.
Des jauchzen wir und singen dir das Halleluja für und für.                                                                                  P.
Nicolai 1599, EG 147

 Das verbindet Nicolai über die Jahrtausende hinweg mit dem Propheten: Seine Worte voll Hoffnung und Erwartung werden wie die Worte Jesajas in düsteren Zeiten hinein geboren und gesprochen. Es wird wohl so sein: Gerade das macht ihre Kraft aus – sie sind keine Sunshine-Worte.

 4 Du begegnetest denen, die Gerechtigkeit übten und auf deinen Wegen deiner gedachten.

 Wenn und weil der Himmel verschlossen ist, gibt es kein Leben. Fällt kein Licht auf die Erde. Wenn der Himmel verschlossen ist, prallen die Gebete ab, gehen alle Hilferufe ins Leere. Die bleierne Zeit breitet sich aus.  Der Schrei nach dem Zerreißen des Himmels ist ein Schrei nach dem geöffneten Himmel. Es ist der Ruf nach einer neuen Gotteserscheinung.

Das ist die Hoffnung: „Man kann nach Gottes Maßstäben leben, wie wenn seine volle Gegenwart schon Realität wäre.“(D. Schneider, aaO. S. 313) Wenn Gott neu kommt, dann wird er doch auf die treffen, einige, vielleicht wenige, vielleicht gar nur einen, der Gerechtigkeit übte und Gottes auf seinen Wegen gedachte. Den Betern, die nach ihm rufen und fragen.

 Siehe, du zürntest, und wir sündigten; als du dich verbargst, gingen wir in die Irre. 5 So wurden  wir alle wie die Unreinen, und alle unsre Gerechtigkeit ist wie ein beflecktes Kleid. Wir sind alle verwelkt wie die Blätter, und unsre Sünden tragen uns davon wie der Wind. 6 Niemand ruft deinen Namen an oder macht sich auf, dass er sich an dich halte; denn du hast dein Angesicht vor uns verborgen und lässt uns vergehen unter der Gewalt unsrer Schuld.

Das ist bewegend, dass hier nicht ein blindes Verhängnis beklagt wird. Es kommt zur Einsicht in die Schuld des Volkes. Es ist die Konsequenz eines verfehlten Weges, auf dem Israel in die Irre gegangen ist, dass es nun vor den Trümmern steht und in Trümmern haust. Es ist nicht nur Fehl-Verhalten einer Generation, sondern es ist das Verhaltens des Volkes von alters her. Und das schmerzt umso mehr, weil die Fallhöhe des Volkes so hoch war. Die Stadt, die zum Himmel erhoben war, die in der Mitte den Wohnort Gottes glaubte, die ist ins tiefe Elend gestürzt. Das Volk, das sich sicher war, Gott auf seiner Seite zu haben, ist ausgeliefert an diese Misere. Wie verwehendes Laub, wie verwelkte Blätter ist das Volk.

Nicht das Einzelschicksal ist im Blick – dem ganzen Volk droht dieses Verwehen im Wind. „Alles liegt daran, dass die lebendige Verbindung mit Gott im Anrufen und im Vertrauen zerstört wurde.“ (C. Westermann, aaO.  S. 315) Befleckt durch Schuld, verwelkt wie Laub, ausgedörrt – so steht das Volk da.

Es wird vergehen. Es ist keine Rettung. Das Gebet verstummt, weil Gott sich verhüllt. Sein Angesicht verbirgt, sich nicht rufen lässt. Sich dem Volk entzieht und verweigert, das seinen Namen anruft. Die Gottesfinsternis der Zeit hat beide Seiten – dass Gott sich zurückzieht und dass er nicht mehr gesucht wird. Wo keiner nach Gott sucht und fragt, da schweigt Gott, hüllt er sich ein in Schweigen. Da bleiben wir allein in der Gotteseinsamkeit, die wir selbst erwählt haben. Sie ist nicht Schicksal, sie ist eigene Schuld.

 7 Aber nun, HERR, du bist doch unser Vater. Wir sind Ton, du bist unser Töpfer, und wir alle sind deiner Hände Werk. 8 HERR, zürne nicht so sehr und gedenke nicht ewig der Sünde! Sieh doch an, dass wir alle dein Volk sind! 9 Deine heiligen Städte sind zur Wüste geworden, Zion ist zur Wüste geworden, Jerusalem liegt zerstört. 10 Das Haus unsrer Heiligkeit und Herrlichkeit, in dem dich unsre Väter gelobt haben, ist mit Feuer verbrannt, und alles, was wir Schönes hatten, ist zuschanden gemacht. 11 HERR, willst du bei alledem noch zögern und schweigen und uns so sehr niederschlagen?

 Aus dem Eingeständnis der eigenen Schuld wird der Schrei nach Hilfe, nach Erbarmen, nach neuer Nähe. Unser Vater ruft die Gemeinde, die betet und will die väterliche Zuwendung – Strenge und Liebe in einem. Es ist eine Spannung zwischen dem Vorsatz: Aber du bist doch unser Vater und dem danach folgenden Bildwort. Im Vater-Wort meldet sich ein letzter Rest von Vertrauen zu Wort: Als Vater wird Gott doch sein Volk, seinen Sohn nicht aufgeben. „Der Glaube nimmt die kommende Zuwendung schon vorweg und übt die Kinder-Sprache: Zürne nicht, Jahwe, so sehr.“ (D. Schneider, aaO.  S. 314) Das ist die Hoffnung der Propheten auch in ihren Gerichts-Ansagen. Das ist auch die Hoffnung der Gemeinde in diesem Gebet: der Vater nimmt sich seines Sohnes neu an.

Das Töpfer-Wort dagegen hebt völlig auf die Souveränität Gottes ab. Er entscheidet. An ihm hängt alles. Er ist nicht gebunden in seinem Werk mit dem Ton. Dieses Bild vom Töpfer und Ton wird Paulus Jahrhunderte später aufgreifen. Wie Jesaja wird auch Paulus hervorheben: Gott ist frei. Auch hier ist das wohl die Botschaft: Du, Gott, hast uns in Händen. Und darin liegt Vertrauen: Du lässt das Werk deiner Hände nicht. So wie es auch der Psalmbeter hofft:

 „HERR, deine Güte ist ewig.  Das Werk deiner Hände wollest du nicht lassen.“                                                 Psalm 138,8

           Mit allen diesen Worten verbunden ist die Akzeptanz des Gerichtes, ist die erschütternde Einsicht: Wenn Gott sich verweigert verkümmert das Leben. Jerusalem ist zerstört, der Tempel liegt in Trümmern, aus Kulturland ist Wüste geworden. Alle Schönheit des Lebens, des Volkes, des Landes ist dahin. Das ist die Folge der Schuld und das Werk des gerechten Gerichtes Gottes. Es ist eines der großen Wunder der Weltgeschichte, dass Israel alle seine Untergänge überstanden hat und dass der Glaube Israels alle Katastrophen des Volkes überstanden hat.

Zum Weiterdenken

Das steckt als Tiefensicht hinter den Worten des Jesaja: Weil wir uns abgewendet haben und Gott sich seinerseits verweigert, sind wir zurück geworfen auf uns selbst und ahnen nur zu sehr: damit sind wir den zerstörerischen Kräften, die in uns schlummern, ausgeliefert. „homo homini lupus.“(Th. Hobbes, Elementa philosophica de cive. Amsterdam 1657) „Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf.“ Das hat der Staatstheoretiker des 17. Jahrhundert, Thomas Hobbes, den 30-jährigen Krieg noch vor Augen, gewusst

Und wir – siebzig Jahre nach dem großen Morden? Siebzig Jahre, durch die sich eine Kette unerklärter Kriege zieht. Eine Blutspur des Leidens. An deren vorläufigem Ende der „Entwicklung“ es steht, dass über 60 Millionen auf der Flucht sind. Tendenz: Steigend. Wie harmlos ist demgegenüber die heutige Sicht der Dinge. Wir glauben an das Gute im Menschen, in einer Welt, die in Flammen steht, im großen Stil und im kleinen privaten Umfeld. Wir glauben an Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit in einer Welt, die sich entsolidarisiert, in der die Zahl der Armen überproportional wächst, aber auch die der Super-Reichen. In einer Welt, in der Mord und Totschlag an der Tagesordnung sind, in der Gewalt wieder ein probates Mittel ist, um Geländegewinne zu erzwingen und zu erreichen – sowohl territoriale als auch wirtschaftliche. In der die Freiheit auf dem Marktplatz der oft so asozialen Sozialen Medien öffentlich verendet. In der Brüderlichkeit der „Woche der Brüderlichkeit“ vorbehalten bleibt, aber schon lange keine Handlungsdirektive mehr ist für das Handeln der viel beschworenen Staatengemeinschaft.

Wir haben uns längst kollektiv von Gott abgewendet, ihn für öffentlich irrelevant erklärt und gestatten ihm allenfalls noch eine Existenz im privaten Herrgottswinkel, gerade noch so geduldet, ein wenig antiquiert und museumsreif. Ich befürchte: Unsere hochgemute öffentliche Abschaffung Gottes wird uns bitter auf die Füße fallen. Weil sie Hand in Hand geht mit der Auslieferung an die Menschen, an die lupi, an die Vernunft, die so eiskalt und rational funktioniert, ohne jede Empathie, an die legitimen Interessen von Staaten, Gruppen und Verbänden und den Märkten.

Die Worte des Jesaja vor 2500 Jahren beschreiben, was dabei herauskommt bei der Abkehr von Gott, bei seiner Abschaffung und der Verweigerung Gottes, sich wieder neu zuzuwenden:  Deine heiligen Städte sind zur Wüste geworden, Zion ist zur Wüste geworden, Jerusalem liegt zerstört. Das Haus unsrer Heiligkeit und Herrlichkeit, in dem dich unsre Väter gelobt haben, ist mit Feuer verbrannt, und alles, was wir Schönes hatten, ist zuschanden gemacht. So harmlos ist es nicht, sich die Gottlosigkeit als Grundlage der Gesellschaft zu eigen zu machen, ein säkularer Staat zu werden.

Was bleibt, ist der zaghafte Ruf, die kaum in Worte zu fassende Bitte: Herr, willst Du es bei deinem Zorn bleiben lassen oder öffnest Du noch einmal einen anderen Weg?

„Komm in unser dürres Leben, Jesus, nur wenn du es füllst                                           Kann es wachsen, kann es blühen, Früchte tragen, die du willst.“                                                       M. Siebald, CD Worte wie Brot, 1994

Das gehört zusammen: Der Ruf, ja der Schrei nach Gottes Kommen, nach seinem Advent und die Bereitschaft, ihn aufzunehmen, ihm das eigene Leben ganz neu zu geben, auch mit allem, was gegen uns spricht. „Wir alle sind hier, damit uns Gott in die Hand nimmt, damit er ein Feuer in uns entfacht und wir brennen. Jawohl. Es vergehe die Welt, es komme die Gnade.“(R. Bohren, aaO.  S. 140f.) Was für eine herbe Botschaft.

 

Gott. Du – Ewiger Erhabener Heiliger. Komm herunter aus Deiner Herrlichkeit in unser Leben, in unsere Welt. Komm hinein in das Dunkel, in den Zweifel, in die Verwirrung, in die Erschöpfung unserer Wege. Komm hinein in die hilflosen Fragen, in die Ohnmacht, in den Schmerz, in die Trauer über dem zerbrechlichen und zerbrochenen Leben.

Komm hinein in die Hast, in das Rennen. In das Jagen ohne Rast. Komm hinein in die Sehnsucht nach Recht, in die Mühe ohne Frucht, in die Furcht vor einem Leben ohne Gnade.

Komm Du zu uns, damit wir den Himmel wieder offen glauben können, aufgespannt über unsere Erde, über uns. Komm Du zu uns, damit Dein Himmel unsere Erde berührt und heilt und segnet. Amen