Der Wegbereiter

Jesaja 63, 7 – 16

7 Ich will der Gnade des HERRN gedenken und der Ruhmestaten des HERRN in allem, was uns der HERR getan hat, und der großen Güte an dem Hause Israel, die er ihnen erwiesen hat nach seiner Barmherzigkeit und großen Gnade. 8 Denn er sprach: Sie sind ja mein Volk, Söhne, die nicht falsch sind. Darum ward er ihr Heiland 9 in aller ihrer Not. Nicht ein Engel und nicht ein Bote, sondern sein Angesicht half ihnen. Er erlöste sie, weil er sie liebte und Erbarmen mit ihnen hatte. Er nahm sie auf und trug sie allezeit von alters her.

Es könnte am Anfang eines Gottesdienstes stehen und den Grundton für alle folgenden Worte vorgeben: „Und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“ (Psalm 103,2) Erinnerung ist eine der Grundhaltungen des Glaubens. Wer nicht weiß, woher er kommt, wie soll der wissen, wohin er geht? Wer nicht weiß, wem er das Leben verdankt, wie soll der wissen, an wem er sich orientieren soll und darf? Jesaja ruft es dem Volk immer neu in Erinnerung: Israel verdankt sich Gott. Er hat das Volk erwählt. Erst seine Wahl hat es zum Volk gemacht. Aus den verschiedenen Stämmen ist ein Volk geworden durch seine Wahl.

Man kann durchaus überlegen: Wird in diesem Gottesdienst-Eingang nur die Gemeinde an die Wohltaten Gottes erinnert oder kann es nicht auch sein, dass Gott erinnert wird. „Nun intoniert der Prophet das Lied von den Gnadentaten, den Ruhmestaten Jahwes.  So also vollzieht er seinen Wächterdienst: Er erzählt dem Allerhöchsten, was dieser an seinem Volk getan.“ (R. Bohren, aaO. S. 127)

 Ungewöhnlich und auffallend: Sie sind ja mein Volk, Söhne, die nicht falsch sind. Es ist, als würde Gott es sich selbst vorsagen: Sie sind nicht schlecht. Sie sind nicht verdorben. Wie anders klingt das an anderen Stellen der Schrift – von Anfang an: „Ich habe dies Volk gesehen. Und siehe, es ist ein halsstarriges Volk.“ (2. Mose 32,9) Noch grundsätzlicher ausgeweitet, über das Volk hinaus, menschheitsbezogen: „Das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf.“(1. Mose 8,21) Hier aber ist es, als würde der HERR, allen seinen Erfahrungen zum Trotz daran festhalten: Mein Volk. Was spielt es da für eine Rolle, ob sie gut sind oder böse, recht oder falsch. Sie sind geli ebt.

Es ist Gottes Realismus und keine Selbsttäuschung. Er weiß, auf welche Sorte Menschen er sich eingelassen hat. Aber er sieht sie vom Ende her, von dem her, was seine Liebe aus ihnen machen wird:  Sie sind ja mein Volk, Söhne, die nicht falsch sind. Darum ward er ihr Heiland in aller ihrer Not.

In meinen Augen die herausragende Erinnerung: Gott hat sich selbst an die Seite seines Volkes gestellt. Nicht ein Engel, nicht irgendein menschlicher Stellvertreter – Gott selbst. Gleich zweimal heißt es als Wort Gottes: „Ich will vor dir her senden einen Engel“ (2. Mose 33,2) Mose aber gibt sich nicht damit zufrieden – ein Engel genügt ihm nicht: „Mose aber sprach zu ihm: Wenn nicht dein Angesicht vorangeht, so führe uns nicht von hier hinauf. Denn woran soll erkannt werden, dass ich und dein Volk vor deinen Augen Gnade gefunden haben, wenn nicht daran, dass du mit uns gehst.“ (2. Mose 33,15-16) So kommt es dann auch: In der Feuersäule der Nacht, in den Wolken des Tages führt Gott sein Volk durch die Wüste. „Aus seiner ureigensten Liebe und aus seinem großen Erbarmen heraus erlöste Jahwe sein Volk, rettete sie aus der Knechtschaft Ägyptens und trug sie, nicht nur durch die Wüste, sondern allezeit, bis auf den heutigen Tag.“ (H.J. Kraus, aaO.  S. 226) Darum ist er ihr Heiland in aller ihrer Not, wird selbst zum Hirten in der Zeit des Exils.

10 Aber sie waren widerspenstig und betrübten seinen Heiligen Geist; darum ward er ihr Feind und stritt wider sie. 11 Da gedachte sein Volk wieder an die vorigen Zeiten, an Mose: Wo ist denn nun, der sie aus dem Meer heraufführte samt den Hirten seiner Herde? Wo ist, der seinen Heiligen Geist in sie gab? 12 Der seinen herrlichen Arm zur Rechten des Mose gehen ließ? Der die Wasser spaltete vor ihnen her, auf dass er sich einen ewigen Namen machte? 13 Der sie führte durch die Fluten wie Rosse, die in der Wüste nicht straucheln? 14 Wie Vieh, das ins Tal hinabsteigt, so brachte der Geist des HERRN uns zur Ruhe. So hast du dein Volk geführt, auf dass du dir einen herrlichen Namen machtest.

„Alles Handeln Gottes an seinem Volk erwartet Antwort, eine Reaktion, einen Widerhall.“ (C. Westermann, aaO. S. 308) Die Antwort: Auf den strahlenden Gottesdienst-Eingang folgt das Schuldbekenntnis. Es ist gerade so: Das Sehen auf die Wohltaten Gottes öffnet die Augen für das eigene Zurückbleiben hinter dem, was Gott geschenkt hat. Die Antwort entspricht nicht der Gabe und nicht dem Geber. Das ist die ernüchternde Erfahrung Gottes: Seine Nähe löst nicht Glauben aus, sondern Kleinmut und Widerspruch. Seine Güte löst nicht Vertrauen aus, sondern sie findet oft genug Murren und Hadern als Echo.

Wie eine stete Wiederholung wird in der Zeit des Exodus vom Murren des Volkes erzählt, von den Zweifeln an der Führung Gottes, vom „Heimweh“ nach Ägypten. Wie eine stete Wiederholung ist der Ruf des Volkes: Wo bleibt deine Hilfe, Gott? Dabei hat Gott sein Volk Wunder über Wunder sehen lassen. Aber es stimmt von Anfang an: Wunder beruhigen für einen Augenblick, aber sie bringen nicht dauerhaft Glauben, Vertrauen und Gehorsam zu Stande.

In diesen Erinnerungen an die früheren Zeiten, an die Wohltaten Gottes, liegt auch Schmerz: So wie es damals war, so ist es heute nicht mehr. So wie wir als sein Volk damals die Nähe Gottes erfahren haben, sein Tragen, sein Bergen, sein Leiten, so ist es heute nicht mehr. Es liegt Wehmut in diesen Worten, so wie die Wehmut sich neben der Hoffnung und der Sehnsucht zu Wort meldet:

           Wir haben Gottes Spuren festgestellt auf unsern Menschenstraßen,
Liebe und Wärme in der kalten Welt, Hoffnung, die wir fast vergaßen.

            Blühende Bäume haben wir gesehn, wo niemand sie vermutet,
Sklaven, die durch das Wasser gehn, das die Herren überflutet.

            Bettler und Lahme sahen wir beim Tanz, hörten wie Stumme sprachen,
durch tote Fensterhöhlen kam ein Glanz, Strahlen die die Nacht durchbrachen.

            Zeichen und Wunder sahen wir geschehn in längst vergangnen Tagen,
Gott wird auch unsre Wege gehn, uns durch das Leben tragen.                                                                 D.
Zils 1978 EG 656 Württemberg

 Das ist das Eingeständnis, auf das diese Worte hinführen wollen: Obwohl uns Gott in so großer  Güte nahe gekommen ist, obwohl er sich nicht durch Engel hat vertreten lassen ‑ wir sind ihn die richtige Antwort schuldig geblieben Die richtige Antwort – das ist Nachfolge, das ist Dankbarkeit, das ist Gehorsam gegen den Gott, der uns so gnädig geführt hat. Die richtige Antwort – das ist unser Leben für sein Leben, das ist unsere Treue für seine Treue, das ist unsere Liebe für seine Liebe. Israel hat diese Antwort nicht gefunden. Die Geschichte des Volkes ist eine Geschichte des Murrens und Haderns mit dem gnädigen Gott, ist eine Geschichte, die immer wieder vom Abfall und von der Treulosigkeit Israels zu berichten hat.

Und doch bringt Gott sein Volk ins gelobte Land, an das Ziel. Es ist nicht das Ziel aller Wünsche Israels, aber es ist das Ziel, das Gott mit seinem Volk hat. Das kennzeichnet die Geschichte Gottes mit seinem Volk: Er hält an ihm fest. Wenn Israel sich das alles im Gottesdienst ins Gedächtnis, in Erinnerung ruft, dann deshalb: „Was einst geschah, ist kein Einst, sondern Jetzt. Uns hat er herausgeführt. Vergangenheit und Gegenwart sind ein einziges Tun Gottes.“ (H.J. Kraus, aaO. S. 228) Ob das nicht auch für mich, für uns heute genauso gilt: Gott kommt mit mir, mit uns an sein Ziel, wenn es auch nicht das Ziel aller unserer Wünsche und Sehnsüchte sein wird.

 15 So schau nun vom Himmel und sieh herab von deiner heiligen, herrlichen Wohnung! Wo ist nun dein Eifer und deine Macht? Deine große, herzliche Barmherzigkeit hält sich hart gegen mich. 16 Bist du doch unser Vater; denn Abraham weiß von uns nichts, und Israel kennt uns nicht. Du, HERR, bist unser Vater; »Unser Erlöser«, das ist von alters her dein Name.

Sich daran zu erinnern öffnet den Mund. Sich daran zu erinnern, was Gott vor Zeiten getan hat, lässt heute mutig werden, ihn zu erinnern: Wir sind auf Dich angewiesen. Das ist Ruf nach Hilfe und gleichzeitig Eingeständnis der eigenen Hilflosigkeit. Das ist Einsehen: Unsere Vergangenheit nützt uns gar nichts, wenn Gott nicht heute hilft. Unsere Herkunft bleibt vergangene Geschichte, wenn Gott sich nicht heute erbarmt.

Abraham ist Vergangenheit und Israel, Jakob kennt seine Nachfahren nicht. Sie sind beide tot. Sie wissen nichts von der Generation, die jetzt lebt. Sie anzurufen macht also keinen Sinn. Die Worte „Such wer da will, Nothelfer viel, die uns doch nichts erworben“ (G. Weissel, 1642, EG 346) gesungen im 30-jährigen Krieg haben hier ihre Wurzel. Menschliche Nothelfer helfen nicht aus der letzten, tiefsten Not.

Nur einer kann helfen. Nur einer hat die Macht und den Eifer und die Barmherzigkeit als Wesenskern. Du, HERR, bist unser Vater. In der Not, die hier im Gottesdienst in Worte gefasst wird, schreit Israel nicht nach irgendeiner Gottheit, sondern nach dem Vater. „Die Bezeichnung unser Vater muss sehr beliebt gewesen sein, denn im zentralen Gebet der Rosch-Haschaná-(Neujahr-)Liturgie, dessen Kern auf eine Bitte des im 2. Jahrhundert der Zeitrechnung als Märtyrer gestorbenen Rabbi Akiba zurückgeht, beginnt jede Zeile mit dem Anruf ᾽awínu, malkénu, unser Vater, unser König.“(R. Gradwohl, Bibelauslegung aus jüdischen Quellen, Bd. 2, Stuttgart 1987, S. 203 )

Heute – das ist nicht nur die einzige Zeit, über die wir verfügen. Es ist auch die einzige Zeit, in der wir Erfahrungen mit Gott machen können. Dazu braucht es das Eingeständnis: wir brauchen dich, unseren Vater. „Aber vielleicht helfen wir uns selbst und brauchen nicht zu rufen, wie hier der Prophet ruft. Wir verschaffen uns selber Recht, setzen uns durch, dann brauchen wir den nicht, den der Prophet herbeiruft.“ (R. Bohren, aaO.  S. 130) In der Zeit der Ich-AG sollen wir, jeder für sich, unsere eigenen Nothelfer sein.

Zum Weiterdenken

Weil ich den jüdischen Propheten Jesaja als Christ lese, gehe ich einen Schritt weiter. Ich lese alles, als sei es auch für uns aus den Heiden gesagt: Gott nimmt unsere Existenz auf sich, wird einer wie wir, wird Mensch unter den Menschen, verwechselbar, verwundbar, verletzlich, ja vom Tod gezeichnet. An Weihnachten feiern wir genau das: Gott stellt sich zu uns, er selbst in seinem Sohn Jesus Christus.  So ist er auch der Heiland von uns Christen aus den Heiden.

 Es ist eine große Wende im Denken über das Leben: Wir sind es nicht, die alles gut werden lassen können. Wir sind es nicht, die sich wie Münchhausen am eigenen Zopf aus dem Sumpf ziehen können. Das ist eine der großen Lügen unserer Zeit. Wahr dagegen ist: „Entscheiden können wir nur, was wir mit der Zeit, die uns gegeben ist, anfangen.“ (J.R.R.Tolkien, Der Herr der Ringe, Klett-Cotta, 1966; 8.Aufl. 2001, S. 69) In dieser Zeit, die uns gegeben ist, wartet eine Einsicht auf uns.  Dass Gott mein Heiland ist, mein Erlöser, das ist heute wahr oder es hilft mir nichts.

Schau herab aus Deinem hohen Himmel, mein Gott. Schau auf unser armes Leben. Schau auf unsere Verwirrnis, wie wir suchen nach dem Weg des Lebens.

Du hast Dein Volk gerufen, getragen, geleitet. Du hast Wege bereitet durch die Wüste, durch das Meer, durch die Nacht. Wie solltest Du uns jetzt mitten im Leben allein lassen, zurückgeworfen auf uns selbst. Sieh uns, Dein Volk in Gnaden an. Leite uns auf rechter Straße um Deines Namens willen. Amen