Gnade für Edom

Jesaja 63, 1 – 6

1 Wer ist der, der von Edom kommt, mit rötlichen Kleidern von Bozra, der so geschmückt ist in seinen Kleidern und einherschreitet in seiner großen Kraft? »Ich bin’s, der in Gerechtigkeit redet, und bin mächtig zu helfen.«

 Das klingt wie eine Einlass-Kontrolle: Wer bist du? Was bringst du mit? Meistens taucht dieses Bild in der Bibel auf, wenn es darum geht, wer auf Gottes Berg kommen darf, wer rein ist für den Zutritt zum Tempel.  So heißt es im Psalm:

„Wer darf auf des HERRN Berg gehen,                                                                             und wer darf stehen an seiner heiligen Stätte?         Psalm 24, 2

Die Frage ist umso dringlicher, als der Kommende von Edom her kommt. einer, dessen Kleider rot gefärbt sind. Das ist zwar die Farbe der edomitischen Berge, wenn das Sonnenlicht auf ihnen liegt. Aber hier geht es nicht um ein Farbspiel in der Sonne.

Die Wächter auf der Stadtmauer rufen ihn, der kommt, an und erhalten „Antwort in der Gestalt einer Selbstprädikation… Sie zeigt, dass Gott der von Edom her Kommende ist und es bedarf keiner weiteren Erklärung.“(C. Westermann aaO.  S. 303) Gerechnet haben die Wächter wohl nicht mit dieser Auskunft, selbst wenn sie es wissen könnten. Aber die Leser des Jesaja-Buches können sich hier schon einen Reim auf das Folgende machen: „Im Alten Testament haben Edom und Seir in den Schilderungen (Visionen) der Gotteserscheinung „vom Sinai her“ einen festen Platz.“ (H.J. Kraus, aaO.  S. 223) Trotzdem ist Edom nicht unbedingt mit positiven Gefühlen belegt. Edom kann auch stellvertretend für alle Völker um Israel herumstehen, für die „Fremdvölker“, vor denen man in Israel immer auf der Hut zu sein hat. Woran sich bis heute nicht viel geändert hat.  

Man kann schon darüber nachdenken: Kommt Gott nicht immer, selbst wenn wir zu wissen glauben, wie er ist, wer er ist, wie ein Fremder, wie einer aus der Fremde? Kommt er nicht immer so, dass wir auch fragen müssen: Wer bist du?

Die Antwort an die Wächter: »Ich bin’s, der in Gerechtigkeit redet, und bin mächtig zu helfen.« Es ist kein Zweifel möglich: Der so redet, ist Gott. Ich bin es – das ist Gottesrede, Selbstvorstellung. „Gott sprach zu Mose: Ich werde sein, der ich sein werde. Und sprach: So sollst du zu den Israeliten sagen: »Ich werde sein«, der hat mich zu euch gesandt.“ (2. Mose 3, 14) Was der Kommende von sich sagt: ich bin mächtig zu helfen, das ist ja die Hoffnung Israels.  Sie glauben und hoffen auf den Gott, der mächtig ist zu helfen.

  2 Warum ist denn dein Gewand so rotfarben, sind deine Kleider wie die eines Keltertreters?

 Und dennoch sind die Wächter nicht zufrieden mit der Antwort. Sie fragen weiter, fragen nach. Sie fragen nach dem Grund der Gewandfarbe. Es ist rot, wie wenn einer in der Kelter getreten hätte. Bespritzt vom Saft der Trauben. Oder ist er doch einer, der nicht vom Traubensaft bespritzt ist, sondern vom Blut der Feinde? Es scheint, als würde dieses blutrote Gewand sie hindern, ihn als den zu erkennen, der er ist. Weil er so anders ist als sie ihn zu kennen glauben.

  3 »Ich trat die Kelter allein, und niemand unter den Völkern war mit mir. Ich habe sie gekeltert in meinem Zorn und zertreten in meinem Grimm. Da ist ihr Blut auf meine Kleider gespritzt, und ich habe mein ganzes Gewand besudelt. 4 Denn ich hatte einen Tag der Vergeltung mir vorgenommen; das Jahr, die Meinen zu erlösen, war gekommen.

Wenn der Kommende so gefragt wird – liegt es daran, dass der Prophet auch nicht fertig wird mit diesem Bild? Liegt es daran, dass auch er erschrickt über diesem Kommen? Gott kommt zum Gericht. „Furchtbar stellt sich Gott vor, als Schlachter, dann als Winzer, der die Völker zertritt wie prallreife Trauben. Was ist das für ein Gott, der sich auf solche Weise vorstellt?“ (R. Bohren, aaO. S.  121)

Niemand war bei mir, sagt Gott. Er ist einsam, ein großer Einsamer in diesem Handeln, in diesem blutigen Gericht an den Völkern. Der Richter. Der Rächer. Gewalttätig. Grausam. Wie fremd ist uns dieser Gedanke. Wie erschreckend ist es, sich Gott so vorzustellen. Ich fremdele bei diesem Bild, diesem Gott gegenüber. Selbst wenn es um Gott als den Richter geht – das hier ist mir unheimlich. Es erinnert so sehr an die Gewalt, die im Kampf maßlos wird, an blut-befleckte Uniformen, an tödliche Waffen, an Tote, nach denen keiner mehr fragt.

„Wir sind geneigt, unsere eigenen Züge ins Gottesbild einzutragen: Wir tragen unsere Aggressionstriebe, unsere heimliche Grausamkeit ein; dann betonen wir mit Vorliebe den Gott, der richtet. Gott ist der Richter. Aber er ist nicht ein Richter als Vollstrecker unseres mörderischen Unterbewusstseins“ (R. Bohren, aaO.  S. 122) 

Aber nun sind auch noch einmal die anderen Sätze zu sagen, die dem Rechnung tragen, dass diese Propheten-Worte auch in der Schrift stehen. Es fällt ja, wenn man nicht nur einzelne Texte liest, sondern sich durch die Zusammenhänge arbeitet, manchmal auch müht, auf:  Unser Abschnitt 63, 1 – 6 steht in einem starken Kontrast zu den vorhergehenden Texten 60 – 62. Da wird das Heil, das Israel, das Jerusalem zugesagt wird, geöffnet für die Völker. Sie haben Teil am Heil Israels.  Hier aber: Gericht und radikale Vernichtung.

Warum? Es ist uns verwehrt, uns einen Gott nach dem Bild unserer unheimlichen Vergeltungssucht zu machen. Aber genauso ist uns – durch diese Worte hier – verwehrt, „uns ein Bild Gottes zu machen nach dem Modell unserer eigenen Harmlosigkeit. Wir erklären dann Gott als die Liebe und verwerfen das Alte Testament, oder machen es wie jene vornehme Basler Dame, die erklärte, sie klammere die ärgerlichen Stellen der Bibel ein, dann müsse sie sich nicht ein zweites Mal an ihnen ärgern.“(R. Bohren , ebda.) Gott aber ist nicht harmlos. Er ist nicht der „liebe Gott“, bei dem alles gleich gilt und dem darum auch alles gleichgültig ist.

Beim Propheten Jeremia finden sich ähnlich harte Worte gegen Edom. „Es sollen Winzer über dich kommen, die keine Nachlese übrig lassen, und Diebe sollen des Nachts über dich kommen, die sollen nach Herzenslust verwüsten. Denn ich habe Esau entblößt und seine Verstecke aufgedeckt, dass er sich nicht verbergen kann. Seine Söhne, seine Brüder und seine Nachbarn sind vernichtet, dass keiner von ihnen mehr da ist.“(Jeremia 49, 9-10) Edom ist das Brudervolk. Israel besonders nahe durch den Stammvater Esau. Aber auch über Edom kommt unsagbares Unheil. Unbarmherzig kommen die Feinde über Edom, so wie es Edom an Erbarmen Israel gegenüber hat fehlen lassen. So wie ein Winzer gründliche Lese hält, so dass nichts mehr für eine Nachlese bleibt, so wird Edom ausgelesen. Nichts bleibt übrig. Alles ist verloren. Söhne, Bruder, Nachbarn und Witwen und Waise bleiben schutzlos zurück.

Weil es sich in Schadenfreude geübt hat, als Israel ins Exil musste, weil es die Rückkehrer nicht unterstütz hat, sondern ihnen nach Kräften das Leben schwer gemacht hat, deshalb gibt es einen abgrundtiefen Hass, ein Suchen und Rufen nach Vergeltung. Das alles steht hinter diesen so schwer erträglichen Worten des Propheten.

Der Tag der Vergeltung ist Gottes Tag. Meines Wissens ist es nicht zur Schlacht gegen Edom gekommen. Nie. Weil dieser Tag Gott anheimgestellt worden ist, von dem es heißt: „Mein ist die Rache, spricht der Herr.“(5. Mose 32,35; Römer 12,19)Das verhindert die eigenen Rachefeldzüge. In diesen so schlimmen Worten geschieht auch Aggressionssabbau. Dadurch, dass die Rache, die Vergeltung allein Gott zukommt. Ihm diesen Tag der Vergeltung zuzuschreiben verhindert, ihn selbst in die Hand zu nehmen und herauf zu führen. Wie anders könnte es in dieser Region auch heute aussehen, wenn der Tag der Vergeltung auch heutzutage allein Gottes Tag wäre, den die Menschen nicht in die eigenen Hände nehmen können.

 5 Und ich sah mich um, aber da war kein Helfer, und ich war bestürzt, dass niemand mir beistand. Da musste mein Arm mir helfen, und mein Zorn stand mir bei.6 Und ich habe die Völker zertreten in meinem Zorn und habe sie trunken gemacht in meinem Grimm und ihr Blut auf die Erde geschüttet.«          

Noch einmal: Es ist ein einsamer Gott und ein einsamer Kampf, der hier ausgefochten wird. Dieser „einsame Kampf Gottes erinnert an den mythischen Chaos-Kampf, in dem einer der ganzen zerstörerischen Urflut gegenüber steht und sie besiegt.“ (H.J. Kraus, aaO. S. 223) Mich erinnert er daran, dass der Kampf gegen die Sünde ein Kampf ist, den schlussendlich Gott ganz allein zu führen hat. Als Jesus in der Wüste dem Versucher gegenüber steht, ist kein Helfer da. Als er im Prozess vor dem Hohen Rat steht, ist kein Helfer da.

Als Jesus am Kreuz von Golgatha hängt, ist kein Helfer da, keiner, der ihm beisteht. Der Himmel schweigt und Menschen sehen nur zu. In dieser Einsamkeit wird das Heil der Welt vollbracht. Die Einsamkeit des Gerichtes ist in meinen Augen eine Parallele dazu – es steht keinem Menschen zu, das Gericht Gottes mit zu vollziehen.

Auch das darf oder muss man vielleicht noch denken: Dass Gott hier allein kämpft, einsam, das muss auch verhindern, dass Menschen, Christen und Christinnen, in Sachen Gottes die Waffen erheben. Unser Gottesstreiter Sein besteht „allein im Beten und Tun des Gerechten.“ (D. Bonhoeffer) Nicht im Waffeneinsatz. Der Kampf gegen die Sünde wird nicht mit den Waffen der Menschen geführt. In diesem Sinn gibt es keinen gerechtfertigten Krieg.

Zum Weiterdenken

            Es ist verstörend. Da sind die traumhaft schönen Bilder der Zukunft, an denen ich mich mit meiner Sehnsucht nicht satt sehen kann. Und direkt daneben stehen Bilder voll Gewalt, erschreckend, weil sie von einem Zorn Gottes reden, der sich in einen regelrechten Blutrausch steigert. Es bleibt auch kein entlastender Ausweg möglich, der Menschen diese Maßlosigkeit zurechnet. Nur er, er allein, ohne Helfer. Die Frage, die mich seit Monaten umtreibt: Sind diese Bilder nicht näher an der Realität als unsere Bilder vom „lieben Gott“? Sind sie nicht besser geeignet, der Härte des Lebens gerecht zu werden, die uns so oft ratlos macht, auch in diesen Zeiten der Pandemie? Wir müssen, wie die Hörer*innen Jesajas damals, mit der Härte einer verstörenden Gegenwart zurecht kommen

Alttestamentler neigen nicht dazu, die Texte theologisch zu glätten, nur den lieben Gott übrig zu lassen. Sie halten fest daran, dass es Gottes dunkle Seiten gibt. Es ist ein Text zum Nachdenken, einer, der in meinen Augen zu den Worten des Jesaja passt: „Zuweilen kommt mir auf dem Weg ein mordlustig aussehender Hund entgegen. Während ich angstvoll dem Unheil ins Auge sehe, ruft die Stimme eines (dem Hund nicht selten ähnlichen sehenden) „Herrchen“: „Der ist lieb.“ Und zuverlässig folgt als weiterer Satz: „Der tut nichts.“ Die vertraute Wortwahl erlaubt verblüffende Rückschlüsse auf die Rede vom „lieben Gott“: „Der ist lieb – der tut nichts.“  Lieb sein heißt: Nichts tun. „Willst du wohl liebsein?!“ sagt man dem Kind und meint in den meisten Fällen, dass es etwas unterlassen soll. In dieser Logik zeigt nicht nur eine bestimmte Pädagogik ihr Gesicht, sondern auch eine bestimmte Frömmigkeit. Würde – mit Verlaub – Hund, Kind oder Gott „etwas tun“ so wäre es aus mit dem Lieb-Sein. Der „liebe Gott“ ist „lieb“, nicht nur solange er nichts, sondern weil er nichts tut. Vor dem „lieben Gott“ muss man keine Angst haben. Er tut nichts.“(Hrsg; J. Ebach u. a.; Gretchenfrage. Von Gott reden – aber wie? Gütersloh 2002, S. 110)

Ein Gedanke hat mich angesprungen: Gnade für Edom? Wenn es die nicht gibt, gibt es auch keine für uns – die wir zwar nicht im KZ aktiv waren, in Keinem. Aber wir sind ie Nachfahren des Volkes, das den Augapfel Gottes ausreißen wollte. Wenn es keine Gnade für Edom gibt, um Jesu willen ….

Gott, mein Gott, so kenne ich Dich nicht. Ich weiß Blut am Leib Deines Sohnes. Ich sehe das zerschlagene Gesicht Jesu. Ich ahne den Schmerz und die Angst seines Todes. Du nimmst in ihm das Gericht auf Dich, damit wir nicht vernichtet werden, zunichte werden, nichts werden.

Ich bitte Dich um Gnade, Erbarmen, Zukunft für Edom, für das vergossene Blut Deiner Kinder. Zu Dir, dem Richter, dem Gerechten, komme ich und bitte Dich: Lass alles gut sein um seinetwillen, der sich gegeben hat für Edom, für uns. Amen