Schuldeingeständnis

Jesaja 59, 1 – 15a

 1 Siehe, des HERRN Arm ist nicht zu kurz, dass er nicht helfen könnte, und seine Ohren sind nicht taub geworden, sodass er nicht hören könnte, 2 sondern eure Verschuldungen scheiden euch von eurem Gott, und eure Sünden verbergen sein Angesicht vor euch, dass ihr nicht gehört werdet.

Versperrt Gott uns den Zugang zu sich? Wie oft höre ich diese Klage: Gott entzieht sich. Gott ist taub. Gott ist zu weit weg. In diesen Worten Jesajas, die „Elemente der Klage, und zwar der Volksklage (C. Westermann, aaO. S. 274) aufgreifen, wird ein anderer Blick deutlich: Wir selbst versperren uns den Zugang. Wir selbst sind es, die Hindernisse auf dem Weg zu Gott aufrichten.

Es ist die zutiefst menschliche Erfahrung: Dem, dem ich etwas schuldig geblieben bin, dem gegenüber ich mich irgendwie vergriffen habe, den ich vernachlässigt habe – zu dem finde ich keinen Zugang mehr. Ich gehe ihm aus dem Weg, weil diese Geschichte zwischen mir und ihm steht. Ich kann ihm nicht mehr gegenüber treten, nicht mehr in die Augen sehen. Das liegt nicht an ihm, das liegt an mir.

So ist es eben auch im Verhältnis zu Gott. Versäumnisse, Schuld, Sünden machen ihn für uns unzugänglich, weil wir uns fürchten vor den Fragen, vor den Blicken, vor dem Auge Gottes. Das Volk steht sich selbst im Weg.

3 Denn eure Hände sind mit Blut befleckt und eure Finger mit Verschuldung; eure Lippen flüstern Falsches, eure Zunge spricht Bosheit. 4 Es ist niemand, der eine gerechte Sache vorbringt, und niemand, der redlich richtet. Man vertraut auf Nichtiges und redet Trug; mit Unheil sind sie schwanger und gebären Verderben. 5 Sie brüten Natterneier und weben Spinnweben. Isst man von ihren Eiern, so muss man sterben, zertritt man sie aber, so fährt eine Schlange heraus.  6 Ihre Gewebe taugen nicht zu Kleidern, und ihr Gespinst taugt nicht zur Decke. Ihre Werke sind Unheilswerke, an ihren Händen ist Frevel. 7 Ihre Füße laufen zum Bösen, und sie sind schnell dabei, unschuldig Blut zu vergießen. Ihre Gedanken sind Unheilsgedanken, auf ihren Wegen wohnt Verderben und Schaden. 8 Sie kennen den Weg des Friedens nicht, und Unrecht ist auf ihren Pfaden. Sie gehen auf krummen Wegen; wer auf ihnen geht, der kennt keinen Frieden.

Jetzt wird aufgezählt, was es da an Verschuldungen, Verfehlungen, Versäumnissen gibt. Wie ein Sturzbach folgt ein Vorwurf dem anderen. Aber es geht noch eine Etage tiefer als nur zu Vorwürfen und Vorhaltungen. Die Anklagen bringen nicht nur die einzelnen Taten zur Sprache. „Die prophetische Schilderung deckt die inneren Zusammenhänge auf.“ (H.J. Kraus, aaO. S. 200) Sie zeigt Wesensarten, sie ist eine Analyse menschlichen Fehlverhaltens, die mehr an den Wurzeln als an den Früchten orientiert ist. Falschheit, Unheilsgedanken, Bosheit – die Reihe lässt sich beliebig erweitern. Wenn es gesellschaftlich nach oben geht, geht es moralisch oft bergab. Lug und Trug, Rechtsbeugung und Gewalt sind an der Tagesordnung, getarnt hinter glatten Fassaden. Es hat etwas Bedrohliches, was da alles benannt wird. Es ist wie ein großes Netz, in dem man sich verfängt und an dem man mit knüpft.

Deutlich ist in diesen Worten: Das ist nicht unbeteiligte Sicht von außen, sozusagen sachlich-neutral. Es ist hier auch (noch) nicht Klage des Volkes über sich selbst – dagegen spricht schon allein der. Sprachgebrauch: eure Hände, eure Zunge, sie brüten, ihre Füße laufen. Es ist die leidenschaftliche, schmerzhafte Analyse des Propheten, das Urteil aus der Perspektive Gottes. Es ist Anklage und sie gipfelt in der Feststellung: Sie gehen auf krummen Wegen; wer auf ihnen geht, der hat keinen Frieden. So also steht es um das Volk: Es ist wieder zu Hause, aber es hat keinen Frieden. Es kennt keinen Frieden, weder für sich selbst, noch für andere. Weder inneren noch äußeren.

9 Darum ist das Recht ferne von uns, und die Gerechtigkeit kommt nicht zu uns. Wir harren auf Licht, siehe, so ist’s finster, auf Helligkeit, siehe, so wandeln wir im Dunkeln. 10 Wir tasten an der Wand entlang wie die Blinden und tappen wie die, die keine Augen haben. Wir stoßen uns am Mittag wie in der Dämmerung, wir sind im Düstern wie die Toten. 11 Wir brummen alle wie die Bären und gurren wie die Tauben; denn wir harren auf Recht, so ist’s nicht da, auf Heil, so ist’s ferne von uns.

Wir, uns – das ist der Wechsel gegenüber dem vorigen Abschnitt. Nicht mehr die Menschen oder die Menschheit: Wir. Wir – jetzt hat das Volk das Wort und muss es sich eingestehen. Wir hängen mit drin. Wir sind beteiligt. Wir können uns nicht herausreden. Es ist, als habe der Prophet den einen Augenblick erwischt, in dem die Herzen des Volkes zugänglich sind, in dem sie nicht abwehren durch Schönreden und Verharmlosen, durch Abstreiten und Leugnen. Durch den Widerspruch: So schlecht sind wir doch nicht.

Was für eine bittere Einsicht: Ich bin ein Teil dieses Unrechtssystems – nicht der einzige, aber ich bin daran beteiligt. Ein Eingeständnis, in dem das Ausbleiben der Hoffnungen beklagt wird, das aber dieses Ausbleiben nicht mehr Gott anlastet – des Herren Arm ist zu kurz – sondern sich selbst. Das lichtlose Dunkel, das blinde Tappen, die bleischwere Dunkelheit mitten im Tag – alles ist Folge des eigenen Tuns.

Über die Zeit damals hinaus: So geht es doch auch heute zu. Wir beharren auf Recht und haben die Justiz. Wir hoffen auf Gerechtigkeit – und jeder will nur sein Teil vom Kuchen. Als ob das schon Gerechtigkeit wäre.  Dabei ist es oft genug wohl so, dass wir uns einfach nur voran hangeln, dass wir gar nicht recht wissen, was wir tun. Aber das ändert nichts an der Tatsache, dass wir verstrickt sind. In der Sprache der Alten hieß das „Erbsünde“ und beschreibt eine Schuld, die über-individuell ist und die dem Menschen anhaftet, ob er es nun wahrhaben will oder nicht. Es gibt so etwas wie eine schicksalhafte Schuldbeteiligung. Wer das nicht wahrhaben will, der hat nur die Wahl, alles dem bösen Einzelnen anzulasten.

 12 Denn wir sind zu oft von dir abgefallen, und unsre Sünden zeugen gegen uns. Unsre Abtrünnigkeit steht uns vor Augen, und wir kennen unsre Sünden: 13 abtrünnig sein und den HERRN verleugnen und abfallen von unserm Gott, Frevel reden und Ungehorsam, Lügenworte ausbrüten und bedenkenlos daher reden. 14 Und das Recht ist zurückgewichen, und die Gerechtigkeit hat sich entfernt; denn die Wahrheit ist auf der Gasse zu Fall gekommen, und die Aufrichtigkeit findet keinen Eingang. 15 Und die Wahrheit ist dahin, und wer vom Bösen weicht, muss sich ausplündern lassen.

 Zur Einsicht nach der Bestandsaufnahme hinzu kommt das Bekenntnis der Sünde. Sie wird als die Ur-Sache benannt: In aller einzelnen Schuld und in den Schuldverstrickungen kommt der Abfall von Gott zum Vorschein. Das ist die Wurzel-Sünde: Wir weichen ab von den Wegen Gottes. Wir können mit seinen Weisungen nichts anfangen. Wir können mit ihm selbst nichts anfangen. Im Tiefsten geht es um die zerstörte Beziehung zu Gott. Aus dieser Störung erwächst alles Übel.

Es ist zu kurz gegriffen, nur die einzelne Übertretung zu sehen: Die Abwendung hinter der Übertretung, das Verabschieden Gottes aus dem eigenen Leben, dieses an ihn gerichtete „Du zählst für mich nicht mehr“ – das ist der Wurzelgrund, auf dem alles andere wächst. Daraus entsteht die Blindheit für die Gerechtigkeit, für das Recht – mišpāt -, für die Wahrheit, für das Erbarmen, für die Gerechtigkeit – ṣēdāqāh. Wer Gott nicht mehr sieht und nicht mehr will, der wird blind für die Wahrheit, die der Welt wohl tut.

Es ist ein differenziertes Sehen: Die Wahrheit ist auf der Gasse zu Fall gekommen, und die Aufrichtigkeit findet keinen Eingang. Wahrheit und Aufrichtigkeit sind wie kommunizierende Röhren. Wo die Wahrheit stürzt, gibt es auch keine Aufrichtigkeit mehr. Aufrichtigkeit ist der personale Ausfluss und Ausdruck der Wahrheit. „Das hebräische Wort für Wahrheit meint primär die Treue, die Zuverlässigkeit, das „Bewährte“. In den verworrenen und korrupten Lebensverhältnissen ist jeder, der „sich vom Bösen fernhält“ ein verlorener Mensch. Er wird ein Opfer der Raubgier und der allgemeinen Rechtlosigkeit.“ (H.J. Kraus, aaO. S. 201) Der Gottesverlust endet im humanen Chaos.

Da, wo Menschen so in Schuld miteinander leben, wird Gottes Gerechtigkeit zum Angriff. Es gibt keine Gerechtigkeit Gottes, die nicht unser Unrecht deutlich Unrecht nennen würde und uns zur Buße und Umkehr führen müsste. Gottes Gerechtigkeit ist auch in Jesus Christus Schuldspruch. Ohne die Beugung unter diesen Schuldspruch, ohne seine Annahme gibt es keine Begnadigung, keinen neuen Anfang.

Zum Weiterdenken

Es gibt keinen Weg aus der Lüge, wenn sie abgestritten wird. Es gibt keinen Weg aus Schuld, wenn sie geleugnet wird. Es gibt keinen Weg aus der Gefangenschaft in sich selbst, wenn behauptet wird: „Ich bin so frei.“ Es gibt keinen Weg aus dem Chaos des eigenen Lebens, wenn das Chaos nicht eingestanden, sondern beschönigt wird: Ein paar Schmutzecken, aber mehr nicht. Und die hat doch jeder. „Die Wahrheit wird euch frei machen.“(Johannes 8,32) sagt Jesus. Er meint damit nicht nur die schönen Wahrheiten des Glaubens, die wir gerne hören und in die wir uns einhüllen wie in einen bergenden und wärmenden Mantel. Sondern er meint auch die bitteren Wahrheiten, vor denen wir flüchten und die wir oft genug nicht hören und wahrhaben wollen. Sie einzugestehen ist ein erster Schritt in die Freiheit. Dem viele andere Schritte folgen müssen.

Das ist wohl unsere Schwierigkeit: Wir wollen die Gnade, aber wir wollen nicht den Schuldspruch und das Schuldbekenntnis. Wir wollen Gottes Gerechtigkeit uns zugute, aber wir wollen nicht die Verurteilung unserer Ungerechtigkeit. Wir wollen nur den einen Teil Gottes, den gnädigen Gott – aber wir bekommen ihn nur ganz, nur den Einen Gott, Richter und Gott voller Erbarmen in einem.

Es wirkt auf mich wie eine Antwort über die Zeiten hinweg, wenn Jesus etliche Stichworte dieser Passage aufnimmt, indem er sagt: „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.“ (Johannes 8,12) Darf ich so weit gehen, dass ich sage: Diese Worte Jesu zeigen, dass die Klage des Volkes nicht ins Leere gelaufen ist. Sie hat ihre Antwort gefunden. In seinem Wort und seinem Kommen.

 

Heiliger, Barmherziger, so viel spricht gegen uns, gegen mich. So oft bleiben wir Dir alles schuldig, die Liebe zu Dir, den liebevollen Umgang mit denen, die mit uns unterwegs sind, die Achtsamkeit für uns selbst.

Gott, Du hörst die Worte. Du siehst das Herz. Du kennst mich bis in die Tiefen, die mir in mir selbst verborgen sind. Bewahre Du mich davor, dass ich nur Worte mache, dass es bei Worten bleibt, schönen Worten an der Oberfläche und die Umkehr des Lebens ausbleibt.

Gib, dass ich, dass wir Deinem Reich dienen, in dem Frieden und Gerechtigkeit beieinander wohnen wollen. Wirke Du durch Deinen Geist Umkehr, die über alle Worte hinaus Dir entspricht. Amen