Fasten – aber richtig. Wohltuend

Jesaja 58, 1- 14

 1 Rufe laut, halte nicht an dich! Erhebe deine Stimme wie eine Posaune und verkündige meinem Volk seine Abtrünnigkeit und dem Hause Jakob seine Sünden! 2 Sie suchen mich täglich und wollen gerne meine Wege zu wissen, als wären sie ein Volk, das die Gerechtigkeit schon getan und das Recht seines Gottes nicht verlassen hätte. Sie fordern von mir Recht, sie begehren, dass Gott sich nahe.

„Wie kann ein Mensch Gott finden und eine dauerhafte Beziehung zu Ihm schaffen? Viele denken, wenn man „Ihn Tag für Tag sucht“, „die Erkenntnis seiner Wege wünscht“, sich nach den „Vorschriften der Gerechtigkeit“ erkundigt und die „Nähe Gottes“ erstrebt“. (R. Gradwohl, Bibelauslegung aus jüdischen Quellen, Bd. 1, Stuttgart 1986, S. 185) Es ist das Programm eines frommen Lebens, das hier benannt wird. Der Auftrag des Propheten ist auszurufen: Das reicht nicht. Das ist es nicht. Ihr seid in aller dieser Frömmigkeit doch in Wahrheit abtrünnig und in Sünden. Es ist der Auftrag des Propheten, diese Illusion des Volkes durch seine Worte als Lüge, als Selbstbetrug aufzudecken. Kein Zweifel – das Volk hat sich verrannt. Aber: „Trotz des Zorns bleiben die Sünder „mein Volk“. Das ist ein Ausdruck der Liebe. Nur weil Gott auch den sündigen Menschen nicht von sich stößt, ist die Mahnrede seines Abgesandten sinnvoll.“(R. Gradwohl, Bibelauslegung aus jüdischen Quellen, Bd. 4, Stuttgart 1989, S. 298)

  3 »Warum fasten wir und du siehst es nicht an? Warum kasteien wir unseren Leib und du willst’s nicht wissen?«

Sie sind irritiert im Volk. Weil sie erwarten, dass ihre Frömmigkeitsübungen doch ein Echo finden müssten. Wenn wir uns doch so mühen – so der Gedanke – dann haben wir doch ein Recht auf Dich, Gott, Deine Zuwendung. „Offensichtlich geht die Volksgemeinde davon aus, dass sie mit ihren Bußgebeten und Bußübungen auf Jahwe einwirken kann.“ (H.J. Kraus, aaO.  S. 194) Aber weil der erhoffte „Effekt“ ausbleibt, stellt sich die Frage ein: Warum fasten wir, wenn es nichts bringt? Wenn es doch Gott nicht bewegt.

Fasten ist eine religiöse Übung. Kultische Enthaltsamkeit zur Selbstreinigung. Wer hat etwas davon? Gott? Der Fastende? In der Tradition ist Fasten immer ein Weg, um sich für Gott zu bereiten, um ihm nahe kommen zu können. Dahinter steht die Einsicht: Wir sind beschmutzt vom Alltag der Welt, von der Wirklichkeit des Lebens. Wir sind angefüllt und festgehalten von Dingen, Erfahrungen Gedanken. Es braucht die Leere, damit Gott zu uns kommen, sprechen, uns berühren kann. Wer volle Hände hat, kann nicht empfangen.

Aber: Das funktioniert nicht immer. Es läuft oft genug ins Leere. Der Gewinn, den das Fasten bringen soll, bleibt aus.  Die Quälerei des Leibes, die Selbstkasteiung – hebräisch: ῾inínu nafschénu – läuft ins Leere und bewirkt nichts. Die Gotteserfahrung bleibt leer. Warum entzieht sich Gott? Was machen wir falsch? Müssen wir noch mehr fasten?  

 Siehe, an dem Tag, da ihr fastet, geht ihr doch euren Geschäften nach und bedrückt alle eure Arbeiter. 4 Siehe, wenn ihr fastet, hadert und zankt ihr und schlagt mit gottloser Faust drein. Ihr sollt nicht so fasten, wie ihr jetzt tut, wenn eure Stimme in der Höhe gehört werden soll.

 Die Antwort des Propheten, die die Antwort Gottes ist: Innerlich seid ihr nicht bei der Sache. Ihr macht aus dem Fasten eine leere Form, eine Formalität. Es geht euch um Ableisten religiöser Verpflichtungen, während ihr die Verpflichtungen anderer gegen euch eintreibt. Die Fastentage werden „dadurch verdorben, dass die diese Fastentage Begehenden nicht mit ihrer ganzen Existenz in dem Flehen zu Gott stehen.“(C. Westermann, aaO. S. 267) Sie betreiben ihr Geschäft wie gewohnt, nur verbunden mit diesem lästigen Fasten. Was sie religiös tun, hindert sie nicht an Gewalt gegen die, die von ihnen abhängig sind.

Was hier insgesamt sichtbar wird, ist der Angriff auf das gespaltene Leben. Da gibt es ein Leben der ritualisierten Frömmigkeit, der Teilnahme am Kult. Ein Leben, das auch in der individuellen Praxis des Fastens durchaus anspruchsvoll ist und fordert. Aber es hat keine Auswirkung auf die Wertmaßstäbe des Alltags. Die Eigengesetzlichkeit des Jeder ist sich selbst der Nächste wird nicht durchbrochen. Die Logik der Macht bleibt unverändert. Mehr noch: die den eigenen Leib knechten, knechten auch die, die von ihnen abhängig sind.

5 Soll das ein Fasten sein, an dem ich Gefallen habe, ein Tag, an dem man sich kasteit, wenn ein Mensch seinen Kopf hängen lässt wie Schilf und in Sack und Asche sich bettet? Wollt ihr das ein Fasten nennen und einen Tag, an dem der HERR Wohlgefallen hat?

Jesaja legt den Finger auf die Wunde. In eurem Fasten sucht ihr euch selbst. Gott braucht nicht, dass ihr fastet, euch selbst quält, euren Körper schindet, die guten Gaben der Schöpfung verschmäht. Wer sich selbst so quält, der wird auch andere kasteien und quälen. Wer sich selbst so schindet, der ist oft genug in Gefahr, auch ein Leute-Schinder zu werden.  Was ist das für ein Bild von Gott, so die Frage, der an dieser Art Fasten Gefallen haben sollte?

 6 Ist ein Fasten, an dem ich Gefallen habe: Lass los, die du mit Unrecht gebunden hast, lass ledig, auf die du das Joch gelegt hast! Gib frei, die du bedrückst, reiß jedes Joch weg! 7 Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!

  Jetzt wird die Frage beantwortet, wie denn ein Fasten, wie Bußübungen aussehen müssten, an denen Gott Gefallen hat. Es geht um „religiöse Übungen“ für ein ganzes Volk, die den Alltag verändern und nicht nur den Kult aufrechterhalten. Jesaja spricht nicht die möglichen Teilnehmer von Einkehrtagen an, sondern das ganz Israel. „Im Licht der großen Befreiung des gefangenen Volkes spielt offensichtlich die Befreiung aller Gefangenen eine große Rolle.“ (H.J. Kraus, aaO. S. 194) Man könnte auch sagen: Erst wenn in Israel das Unrecht aufhört, ist die Befreiung, die Heimkehr aus dem Exil ans Ziel gekommen. Es geht um Gerechtigkeit, um soziale Verantwortung. Den Hungrigen Brot geben, den Elenden ein Dach, denen ohne Ort eine Bleibe. Das ist ein Programm für das Volk und nicht ein Aufruf zu individueller Barmherzigkeit und zu mehr Almosen.

Was Gott an Israel getan hat in der Herausführung aus dem Exil, das soll weiterwirken im Herausführen aus der Not, in dem, was der eine Israelit dem anderen als Wohltat tut. Wer sich das vor Augen hält: Was ich habe, das habe ich empfangen, der kann und darf die Augen nicht mehr zumachen vor der Not um ihn herum. Wer sich bei Gott bedanken lernt, der wird nicht anders können als dann auch teilen zu lernen mit denen, deren Mangel und Not manchmal zum Himmel schreit. Wer Gott anfängt zu danken, der muss auch anfangen zu helfen, die Not um sich herum zu lindern – ob es auf dem Weg eigener Hilfe ist oder im Ringen um gerechtere Verhältnisse.

Entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut! Man kann auch so übersetzen: „Vor deinem Fleisch verbirg dich nicht.“ Mit diesen Worten werden Sätze aus dem 5. Buch Mose aufgegriffen: Wenn du deines Bruders Rind oder Schaf irregehen siehst, so sollst du dich ihrer annehmen und sie wieder zu deinem Bruder führen. Wenn aber dein Bruder nicht nahe bei dir wohnt und du kennst ihn nicht, so sollst du sie in dein Haus nehmen, dass sie bei dir bleiben, bis sie dein Bruder sucht, und sollst sie ihm dann wiedergeben. So sollst du tun mit seinem Esel, mit seinem Kleid und mit allem Verlorenen, das dein Bruder verliert und du findest; du darfst dich dem nicht entziehen.“(5. Mose 22, 1 – 3) Wenn das schon für Tiere gilt – nicht wegschauen, wenn sie sich verlaufen haben und hilflos umher irren – wie viel mehr gilt das für Menschen. „Es ist leichter, die Augen zu verschließen als helfend einzuspringen, doch gerade diese Hilfe ist biblisches Gebot.“ (R. Gradwohl, aaO.  S. 190)

 8 Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des HERRN wird deinen Zug beschließen. 9 Dann wirst du rufen und der HERR wird dir antworten.

Wenn Israel so handelt, so „fastet“, dann wird es zum Licht, zum Leuchtfeuer. Dann vertreibt es das Dunkel der Nacht und der Not und der helle Tag bricht an.  Dann kommt es zur Heilung – hebräisch: ᾽arūkā„zum raschen Wachsen der feinen Haut über der Wunde und zum permanenten Gottesschutz. Die Wunden der Vergangenheit werden vernarben.“ (R. Gradwohl, aaO. S. 191) Es ist wohl nicht zu weit gegriffen: Es wiederholt sich, was beim Auszug aus Ägypten war: Die Gegenwart Gottes ist vor Israel als Wegweisung und im Rücken Israels als Schutz. Er ist nahe. So nahe, dass jetzt Wirklichkeit ist, was durch das Fasten erzwungen werden sollte: Israel ruft und Gott antwortet. Das erhoffte Heil wird wirklich in der Gottesgegenwart, im Hören und Rufen und Antworten.

 Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich. Wenn du in deiner Mitte niemand unterjochst und nicht mit Fingern zeigst und nicht übel redest, 10 sondern den Hungrigen dein Herz finden lässt und den Elenden sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen, und dein Dunkel wird sein wie der Mittag.

 Es geht weiter mit den Verheißungen Gottes.  Mit wenn, dann. Das ist das große Versprechen, das Gott in diesem Wort aufrichtet: wenn Ihr eure Gaben teilt, die ich euch gegeben habe, die ihr durch mein Geben manchmal mühsam erarbeitet habt, wenn ihr Hunger stillt, Nackte kleidet, Gebeugte aufrichtet, Niedergeschlagene auf die Beine stellt ‑ dann will ich euch selbst erfahren lassen, wie ich euch neu segne.

Gott will sich finden lassen: Siehe, hier bin ich. Aber dieses Finden ist nicht bedingungslos, auch nicht voraussetzungslos.Die Voraussetzung ist die Veränderung der Lebensverhältnisse in der Gemeinde.“ (H.J. Kraus, aaO. S. 194) Eine Veränderung aber, die weit über Äußerlichkeiten hinausgeht. Es ist nicht mit einer bloßen Angleichung der Lebensverhältnisse getan. Wenn du den Hungrigen dein Herz finden lässt – das ist mehr als pflichtgemäße Solidarität. „Gib her dem Hungrigen deine Seele und deinen guten Willen. Das heißt: Teile mit ihm dein Brot mit willigem Herzen und bereiter Seele.“ (R. Gradwohl, Bibelauslegung aus jüdischen Quellen, Bd. 1, Stuttgart 1986, S. 194)

Es ist eine Veränderung der Lebensverhältnisse, die aus dem Herzen kommt. Nicht erzwungen durch Gerechtigkeits-Kalkül. Nicht aufgenötigt durch gesetzliche Forderungen. Nicht durch das „Du sollst“ der Humanität eingeklagt. Nicht durch irgendeinen kategorischen Imperativ verlangt. Es sind veränderte Herzen, aus denen sich das veränderte Verhalten speist. Menschen wollen von Herzen anderen Menschen gut sein – und nehmen dabei auch in Kauf, dass sie als „Gutmenschen“ bespöttelt werden.

Wer das Fasten als Enthaltsamkeit nicht auf seine heimlichen und offenen Machtansprüche ausdehnt, der fastet in Wahrheit gar nicht. Fasten wird da ernst, wo es zum Verzicht auf Herrschaft wird, zum Gehorsam gegen Gott und zum Dienst am Nächsten.

Gott fordert nicht. Gott droht nicht, baut keinen Druck auf. Er verspricht. Gott lockt mit Verheißungen. Gott will Verhaltensänderungen in seinem Volk und weiß nur zu gut, dass sie den Freiraum des Zutrauens brauchen. Gott traut es seinen Leuten zu, dass sie niemand unterjochen, nicht mit Fingern zeigen, nicht übel reden, die Hungrigen ein Herz finden lassen und Elende sättigen. Er fordert nicht einfach ein, sondern stellt ihnen diese Handlungsmöglichkeiten vor Augen: So könnt ihr leben. Und wenn ihr so lebt, wird es gut mit euch, durch euch, bei euch. Ihr werdet zu Lichtpunkten in einer dunklen Welt.

Einmal mehr ein Wort, das im Neuen Testament seine Fortsetzung und Neuaufnahme findet: „Gott, der sprach: Licht soll aus der Finsternis hervorleuchten, der hat einen hellen Schein in unsre Herzen gegeben, dass durch uns entstünde die Erleuchtung zur Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes in dem Angesicht Jesu Christi.“(2. Korinther 4, 6) Das Leuchten seiner Leute ist immer der Widerschein der Liebe Gottes – die in Worten und Werken geschenkt wird und im Glauben angenommen und gelebt und weitergegeben.

11 Und der HERR wird dich immerdar führen und dich sättigen in der Dürre und dein Gebein stärken. Und du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt. 12 Und es soll durch dich wieder aufgebaut werden, was lange wüst gelegen hat, und du wirst wieder aufrichten, was vorzeiten gegründet ward; und du sollst heißen: »Der die Lücken zumauert und die Wege ausbessert, dass man da wohnen könne«.

 In diesem verwandelten „Fasten““ erfüllen sich dann auch Verheißungen Gottes.  Wer sich so unter seine Herrschaft beugt, dass er frei lässt und freigibt, dass er leere Hände riskiert und den Verzicht auf Macht, der erfährt Gottes rettende, durchtragende und bewahrende Gegenwart. Gott wird dich sättigen in der Dürre. Es sind die alten Erfahrungen aus der Wüstenzeit, aus der Zeit des Anfangs Israel, die hier anklingen – Manna und Wasser in der Wüste. Es ist, als würde Gott sein Versprechen aus früherer Zeit einlösen: „Die Elenden und Armen suchen Wasser und es ist nichts da, ihre Zunge verdorrt vor Durst. Aber ich, der HERR, will sie erhören; ich, der Gott Israels, will sie nicht verlassen.“ (41,17)

Wenn das Volk sich so wandelt, dann ist auch der Wiederaufbau des nach dem Exil heruntergekommenen Landes, des Trümmerhaufens Jerusalem, wirklich ein neuer Anfang. Aus einem verwüsteten Land soll wieder Heimat werden können, Land, in dem man wohnen kann. Es ist wohl so: dem inneren Zurechtfinden entspricht ein äußerliches Zurechtkommen und umgekehrt: das äußerliche Aufbauen und versorgt Werden stärkt auch die innerliche Zuversicht.

 13 Wenn du deinen Fuß am Sabbat zurückhältst und nicht deinen Geschäften nachgehst an meinem heiligen Tage und den Sabbat »Lust« nennst und den heiligen Tag des HERRN »Geehrt«; wenn du ihn dadurch ehrst, dass du nicht deine Gänge machst und nicht deine Geschäfte treibst und kein leeres Geschwätz redest, 14 dann wirst du deine Lust haben am HERRN, und ich will dich über die Höhen auf Erden gehen lassen und will dich speisen mit dem Erbe deines Vaters Jakob; denn des HERRN Mund hat’s geredet.

„Mit dem Exil gewann die Einhaltung des Sabbats die Bedeutung eines Bekenntniszeichens. So auch in den Anfängen der nach Jerusalem zurückgeehrten Gemeinde.“(H.J. Kraus, aaO. S. 195) Es wird auch andere Stimmen gegeben haben: Was liegt schon am Sabbat. Der ist doch nur ein Hindernis für eine wirtschaftliche Entwicklung, nur ein Relikt aus alten Tagen. Darum mahnt und lockt der Prophet: Zur Gerechtigkeit tritt der Gehorsam, tritt das Vertrauen auf das Gebot, das so wenig zu bedeuten scheint. Der Sabbat ist nicht Einschränkung, sondern Freiraum, nicht Ödnis, sondern Leuchtfeuer. „Nicht das Fasten, sondern die Ruhe am Sabbat, die alle Menschen – auch die Unfreien, die vom guten Willen des Arbeitgebers abhängigen Sklaven – zu freien Geschöpfen des Einen-Einzigen-Gottes werden lässt, bildet den Zielpunkt jüdisch-religiöser Glaubenserfahrung.“ (R. Gradwohl, aaO.  S. 195)

Das geht nicht ohne ein Aussteigen aus dem Alltagsbetrieb, den Gängen, den Geschäften, dem Geschwätz. Hier wird nicht eine Art Stillhalte-Gebot verhängt, sondern hier wird Freiheit eröffnet. Hinter diesen Sabbatworten steht die Überzeugung, dass dieses Gebot eine Wohltat ist: Du wirst deine Lust haben am HERRN. Den Sabbat halten ist nichts anderes als Anteil gewinnen an der göttlichen Ruhe, der Gegenwart Gottes gewärtig zu werden – und damit aus einer tiefen Geborgenheit in diese Gegenwart Schritte des Lebens tun können.

Wieder: Gott lockt und fordert nicht. Warum nur trauen wir so oft dem Druckmachen mehr als der Verheißung, der Peitsche mehr als dem Versprechen? Liegt das an der Angst, an der Ungeduld, an dem fehlenden Vertrauen auf die Kraft der Güte? Ich weiß es nicht. Ich spüre nur, wie mich dieser Art Gottes anzieht. Auch weil ich lerne, dass Druck und Drohungen nichts Gutes bewirken, sondern im Gegenteil lähmen und zerstören. Wesensveränderungen dagegen kommen nur aus der Tiefe des Herzens, das sich der Güte anvertraut, auch wenn es immer wieder hinter der Güte und dem Guten zurückbleibt.

Zum Weiterdenken

Das ist Herausforderung: Es genügt nicht, Hartz-IV-Sätze zu haben, die dem Verhungern wehren, vielleicht auch noch dem Absturz in die Obdachlosigkeit. Diese Worte zielen auf Herstellen von Menschenwürde, auf Teilhabe, auf Respekt, auf den Mehrwert, den das Leben in den Augen Gottes hat und der nicht darin aufgeht, was einer alles leistet und an Erfolgen vorweisen kann. Der Mehrwert des Lebens fordert die Barmherzigkeit und die Solidarität gleichermaßen heraus – aber nicht herzlos, sondern von Herzen.

Der beliebte Ausweg: „Ich bin nicht zuständig. Dafür sollen sich die Ämter kümmern, die zuständig sind“, der wird so versperrt. Wer die Not sieht, ist zuständig. So sieht es auch der Herr Jesus: „Ein Samariter aber, der auf der Reise war, kam dahin; und als er ihn sah, jammerte er ihn; und er ging zu ihm, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie ihm, hob ihn auf sein Tier und brachte ihn in eine Herberge und pflegte ihn.“(Lukas 10,33-34)

Luthers Polemik gilt nicht dem guten Werk des Samariters. Nur den religiösen guten Werken. Als gute Werke gelten in der Zeit Luthers die religiösen Übungen – Fasten, Beten, Sich geißeln, Kurz, alles was der Mönch Luther exzessiv geübt hatte. Das aber hilft nicht vor Gott und zu Gott.  Gott will sich da suchen und finden lassen, wo einer menschlich mit seinen Mitmenschen umgeht!

Gott, wir beuten keinen aus, höchstens uns selbst. Wir haben keine Sklaven, höchstens uns selbst. Wir beugen nicht das Recht, bleiben niemandem etwas schuldig, höchstens uns selbst. Wir suchen keinen Streit, üben keine Gewalt, höchstens gegen uns selbst.

Gott, übersehen wir die anderen, die auf dem Weg müde Gewordenen, die am Leben Verzagten, die von Sorgen Geplagten, weil wir uns selbst nicht mehr wahrnehmen, uns selbst nicht spüren, uns nie Dir lassen können?

Gib uns den Mut, Dir und der Wirklichkeit standzuhalten. Öffne uns die Augen. Wandle uns das Herz. Leite uns, Deinen Willen zu tun. Amen