Schutzlos? Geschützt

Jesaja 56, 9 – 57, 13

9 Ihr Tiere alle auf dem Felde, kommt und fresst, ihr Tiere alle im Walde! 10 Alle ihre Wächter sind blind, sie wissen alle nichts.Stumme Hunde sind sie, die nicht bellen können, sie liegen und jappen und schlafen gerne. 11 Aber es sind gierige Hunde, die nie satt werden können.

             Eine prophetische Gerichtsankündigung.  Eine Einladung an die Tiere auf dem Feld und die Tiere im Wald: Fresst. Das Bild spricht für sich und aus sich selbst – ohne große Erklärung: „Eine Plage tritt ein. Das Land ist verwüstet. Was noch essbar ist, wird ein Raub der Tiere aus Wald und Feld.“ (H.J. Kraus, aaO.  S.  181) Weil die, die Vorsorge treffen sollten, blind sind, nichts wissen, nichts tun. Das Land liegt offen vor denen, die sich bedienen wollen. Die Wächter sind eine Farce. Sie sind viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt.

            So wird das Land beschrieben, in das die Israeliten aus dem Exil zurückkehren. Es ist schutzlos, preisgegeben, ausgeliefert. Da ist keine Institution da, die sorgen würde. Da sind keine Wächter da, die in Schutz nehmen. Da gibt es keinen Ordnungsfaktor. Fressen und Gefressen werden – das ist die Parole der Zeit.

            Es sind Worte, die über die Zeiten hinweg treffen: Die das Volk führen sollen, haben aus dem Staat einen Selbstbedienungsladen gemacht. Sie liefern die Gesetzgebung aus an Lobbyisten. Sie werden von den Interessen der Wirtschaft so gegängelt, das längst nicht mehr der Staat der Wirtschaft Grenzen und Ziele setzt, sondern die Wirtschaft den Staat für ihre Ziele einsetzt. Es sind nicht wenige und nicht nur superkritische Leute, die so die Wirklichkeit heute beschreiben – nicht nur in der Bundesrepublik.  Gewiss, ein gesellschaftliches Problem. Und doch sagt der Prophet: es ist mehr als das. Es ist ein Zustand, der Gott herausfordert und auf den er reagiert – mit seinem Gericht.

 Das sind die Hirten, die keinen Verstand haben; ein jeder sieht auf seinen Weg, alle sind auf ihren Gewinn aus und sagen: 12 Kommt her, ich will Wein holen, wir wollen uns vollsaufen, und es soll morgen sein wie heute und noch viel herrlicher!

 Priesterkritik. Kritik an den Führern des Volkes. Das ist nicht die Offenheit, die Gott will und die er für sein Bethaus proklamiert. Hier wird das Volk Gottes schutzlos, weil die, die es schützen sollen, nur sich selbst kennen.  Sie sind untauglich wie ein Hund, den man zum Jagen tragen musS.  Hirten ohne Sinn und Verstand, Hirten ohne Zucht und Moral. Hirten, die keine Verantwortung kennen, sondern nur noch sich selbst. „Ein jeder sieht auf seinen Weg“ Was hier von den Hirten gesagt wird, das ist im Gottesknecht-Lied (53, 6) die Klage über das ganze Volk: weil die Hirten versagen, verlaufen sich die Schafe.

       Panem et Circenses – Brot und Spiele. So hat die römische Oberschicht zynisch, aber ehrlich gesagt, wie sich Ruhe im Volk herstellen lässt, auch wenn aller Grund zur Unruhe wäre. Aber diese Strategie derer „da oben“ eignet sich nicht zur Entschuldigung derer „da unten“, des Volkes. „Das, was das einfache Volk an seinen Führern sieht, das ahmt es nach – und wird in gleicher Weise wie sie schuldig.“ (D. Schneider, aaO.  S. 253) Wenn man etwas für heute aus diesen prophetischen Worten lernen kann, die ja nicht zuerst an uns gerichtet sind, dann doch auch dieses: Der Weg zu einfachen Entschuldigungen ist eine Sackgasse. Wir „kleinen Leute“ kommen damit nicht durch.

    Alles nur Schwarzmalerei? Nur Geunke von ewig unzufriedenen Nörglern, die nie das Gute im Land sehen, sondern immer nur Untergang? Es gibt gewiss Zeiten, die denen die Pessimisten und Kulturkritiker ihr Süppchen zu kochen suchen. Immer aber ist ein Funken Wahrheit darin enthalten. Und man darf solche Kritik nicht wegdrücken und totschweigen, sondern muss ihr begegnen – mit einer Praxis, die ein tragfähiges Fundament für Frieden und Recht und Gerechtigkeit schafft.

57,1 Der Gerechte ist umgekommen und niemand ist da, der es zu Herzen nimmt, und fromme Leute sind hingerafft und niemand achtet darauf. Ja, der Gerechte ist weggerafft durch die Bosheit  2 und geht zum Frieden ein. Es ruhen auf ihren Lagern, die recht gewandelt sind.

         Weil das Land ungeschützt da liegt, weil die Wächter schlafen, kommt der Gerechte um. Es kümmert keinen. Die gleiche Anklage findet sich schon im viel früheren Prophetenwort: „Die frommen Leute sind weg in diesem Lande, und die Gerechten sind nicht mehr unter den Leuten.“ (Micha 7,2) Das mag ein Hinweis sein: Der Singular „Der Gerechte“ ist nicht auf den einen Gottesknecht von Jesaja 53 hin zu lesen. Im Singular wird das Geschick der vielen „gütigen Leute“ beklagt Der hebräische Ausdruck „kommt der späteren Bezeichnung Chassidim nahe; gemeint sind die in der Treue zur Tora lebenden Menschen der Güte, die Frommen.“ (H.J. Kraus, aaO.  S. 182) Unbeachtet und unbeklagt. Einfach umgekommen. So sieht es vor den Augen der Welt aus. Die Frommen kommen unter die Räder und die Bösen sind obenauf.

Es ist wie ein sehr leiser Protest, dass Jesaja sagt: Aber die, die so unbemerkt davon gehen, ruhen im Frieden. Sie sind aufgehoben im Shalom Gottes, auch wenn sie hier nie im Frieden leben konnten. Sie mögen also zwar „vor der Welt“ unbemerkt umkommen, aber deshalb nicht vor Gott im Himmel. Die Bosheit tobt sich an ihnen aus. Aber sie hat nicht das letzte Wort. Sie ist nicht die letzte Wirklichkeit.

 3 Ihr aber, tretet herzu, ihr Söhne der Zauberin, ihr Kinder des Ehebrechers und der Hure! 4 Mit wem wollt ihr euren Spott treiben? Über wen wollt ihr das Maul aufsperren und die Zunge herausstrecken? Seid ihr nicht abtrünnige Kinder, ein verkehrtes Geschlecht, 5 die ihr bei den Götzeneichen in Brunst geratet, unter allen grünen Bäumen, und die Kinder opfert in den Tälern unter den Felsklippen? 6 Bei den glatten Steinen im Tal ist dein Teil, sie sind dein LoS.  Ihnen hast du dein Trankopfer ausgeschüttet, hast du Speisopfer geopfert. Deshalb kann ich mein Urteil nicht ändern.

  Das ist bitterste Anklage und härtester Vorwurf, erst recht, wenn er immer schon steht, wo er im Kontext jetzt steht. Vor dem Untergang Israels wäre das nur eine weitere Anklage, Wiederholung dessen, was dann zum Untergang führt. „Es ist ein Rückfall in vorexilische Konstellationen. Darum die scharfe Anlage des Propheten, die in der Sprache der älteren Propheten ergeht.“ (H.J. Kraus, aaO.  S. 184) Darum die Feststellung: Ihr habt nichts gelernt. Ihr seid, wie eure Väter waren. Es sind die alten Anklagen: Götzendienst unter den Götzeneichen, auf den Bergen, Kinderopfer in den Tälern.

            Die Anklage gegen das Volk hat etwas Zeitloses. Sie könnte auch in der Zeit des ersten Jesaja gesagt sein, Sie könnte sich auch bei Jeremia finden und noch früher bei Amos und Micha. Und sie könnte auch in unserer Zeit heute formuliert sein.  Ein verkehrtes Geschlecht – das gibt es zu allen Zeiten. So nennt Jesus die, die von ihm Zeichen fordern.

Darum aber auch das Urteil: Sie haben sich das eigene Grab gegraben – bei den glatten Steinen im Tal. Mag sein, dass sie sich von den Steinen Leben versprochen hatten, dass sie an die Weisheit und Lebenskraft der Steine geglaubt haben. Aber nun sind sie – als Grabsteine – ihr Los geworden.

 7 Du machtest dein Lager auf hohem, erhabenem Berg und gingst dort hinauf zu opfern. 8 Und hinter die Tür und den Pfosten setztest du dein Denkzeichen. Denn du hast dich von mir abgewandt und aufgedeckt dein Lager, es bestiegen und weit gemacht. Du hast dich mit ihnen verbunden, liebtest ihr Lager und buhltest mit ihnen. 9 Du bist mit Öl zum König gezogen und mit viel köstlicher Salbe und hast deine Boten in die Ferne gesandt und tief hinab bis zum Totenreich.

 Darauf läuft die Anklage hinaus: Ihr treibt weiter, was die Katastrophe der Jahre 596 und 587 herauf beschworen hat. Ihr seid die Unverbesserlichen. Ihr lauft hinter Göttern her, die euch nicht kennen und nicht helfen. Ihr übt Rituale aus, die schrecklich sind und Gott ein Gräuel. „Die Gier nach einem satten und befriedigten Leben greift auch nach dem sexuellen Bereich. Götzenkult und geschlechtliche Ausschweifung werden in Israels Umwelt als eine einzige Erhebung des Menschen zur Gottheit erlebt.“ (D. Schneider, aaO.  S. 254)  Das steckt wohl hinter den Worten: Du hast dein Lager aufgedeckt, es bestiegen und weit gemacht. Ihr praktiziert alles Mögliche, weil ihr euch davon Zukunft versprecht, aber ihr versperrt euch damit selbst den Weg. Es ist eine schon totgeborene Religiosität und sie gebiert auch nur Tod.

Die Suche nach dem Leben in der sexuellen Erfüllung, die Übersteigerung der Sexualität zur Heiligen Hochzeit, zur Göttlichkeit ist kein Privileg der damaligen Zeiten und Religionen. Sie feiert heute im säkularen Gewand fröhliche Auferstehung. Und gleichzeitig wird damit die Sexualität verrückt und überfordert. Aus der göttlichen Gabe wird regelrecht eine Gottheit und damit ein Götze.

10 Du hast dich abgemüht mit der Menge deiner Wege und sprachst nicht: Das lasse ich; sondern du fandest ja noch Leben in deinen Gliedern, so wurdest du dessen nicht müde. 11 Wen hast du gescheut und gefürchtet, dass du treulos wurdest und nicht an mich dachtest und es nicht zu Herzen nahmst?

Es ist ein mühsames Geschäft, diese Vergöttlichung und dieser Götzendienst. Ein verzweifeltes Verlangen und Suchen. Und doch haben sie nicht abgelassen. Und doch bleibt die Erkenntnis aus, dass dieser Götzendienst Sackgasse ist. Solange sich noch Leben regt, machen sie weiter, immer weiter. Es ist diese fatale Sturheit, die auch auf falschen Wegen die Umkehr scheut, das Eingeständnis des Irrtums, das Eingeständnis: wir haben uns verrannt.

 Fast liebevoll klingt die Frage – des Propheten und durch den Propheten die Frage Gottes: was hat dich dazu gebracht? Welche Angst, welche Scheu? Welche Enttäuschung hat dich treulos werden lassen?  Wie kommt es, dass du mich vergessen hast? „Sie haben vergessen, dass sie Gott vergessen haben.“(W. Krötke) So die Aussage über die vielen, die heute beteuern, dass Gott in ihrem Leben keine Größe ist. Die Frage des Propheten zielt auf eine Antwort: Wie ist es dazu gekommen?

Meinst du, weil ich allzeit schwieg, brauchst du mich nicht zu fürchten? 12 Ich will aber deine Gerechtigkeit kundtun und deine Werke, dass sie dir nichts nütze sind. 13 Wenn du schreien wirst, soll dir helfen, was du dir angesammelt hast. Aber der Wind wird sie alle wegführen, und ein Hauch wird sie wegnehmen.

Sie halten es nicht aus, dass Gott schweigt. Sie halten es nicht aus, dass sie warten müssen, warten auf das Wort, das sie sich nicht selbst sagen können. Sie halten Gott nicht aus, der ihnen nicht handlich zur Verfügung steht. Weil Gott nicht so sichtbar auftritt, sondern verborgen ist, weil er sich nicht immerzu lautstark zu Wort meldet, deshalb fürchten sie ihn nicht mehr, halten ihn für irrelevant. Deshalb versuchen sie sich, handhabbare Götter zu machen und Religion zu handhaben als Instrument zur Lebenssicherung. Das soll ihre Gerechtigkeit sein. Gerechtigkeit als etwas, was sie selbst inszenieren. „Nur in seinen Werken kann der Mensch sich selbst bemerken.“(Spruch aus einem Poesiealbum) Aber das ist alles Windhauch, vergebliche Mühe, zum Scheitern verurteilt. Gott lässt sich nicht zwingen.

Doch wer auf mich traut, wird das Land erben und meinen heiligen Berg besitzen.

Es wirkt wie eine Erinnerung, aber auch wie ein Einspruch gegen alle Resignation. Gegen dieses innere Aufgeben: Am Ende lohnt sich Frömmigkeit nicht.  Es ist, sicher kein Zufall, die Sprache der Psalmen. „Die aber des HERRN harren, werden das Land erben. – Aber die Elenden werden das Land erben und ihre Freude haben an großem Frieden. – „Denn die Gesegneten des HERRN erben das Land.“(Psalm 37,9.11. 22) Betend kann man über die harten Realitäten hinaus glauben und hoffen.

Es ist die Sprache, auf die auch Jesus zurückgreifen wird: „Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen.“(Matthäus 5,5)Es gibt eine andere Haltung – und um sie zu beschreiben braucht es nicht viele Worte: auf Gott trauen. Sich an ihn halten. Sich von ihm das Leben schenken lassen. Sich ihm hinhalten.

Zum Weiterdenken

Es hat für mich etwas Faszinierendes, wie sich in diesen Worten ein Realismus in der Sicht auf die Menschen zeigt, der auch uns heute trifft. Es sind die immer gleichen Versprechen, mit denen Menschen sich ködern lassen:  Morgen soll es sein wie heute und noch viel herrlicher! Es scheint, als wollten Menschen nicht hören, dass es schwieriger wird, dass die Probleme wachsen, dass die Ressourcen der Erde endlich sind, dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen.  Es ist zum Schreien, manchmal zum Verzweifeln. Solange der DAX klettert, solange die Arbeitslosenstatistik sinkt, solange die Bundesliga spielt und Bayern München Triple-Sieger wird, solange Silbereisen&Co im Fernsehen Einschaltquoten in Millionenhöhe bringen, ist doch alles gut. Es ist die Parole der Elends-Gewinner: Weiter so.

Und heute? Es ist wohl so, dass auch in religionsarmer Zeit der Götzendienst nicht aufhört. Er wandelt nur sein Erscheinungsbild. Die neuen Sakralgebäude sind Banken und Museen. Die Sprache ist ungewollt verräterisch und doch präzise: Gourmet-Tempel, Einkaufs-Tempel. Die Anbetung dort ist sinnlich wie eh und je. Die alte Fruchtbarkeitskulte feiern orgastisch und sinnenfroh ihre Wiederkehr. Dagegen hat der spröde Gottesdienst eines unsichtbaren Gottes kaum eine Chance, nicht einmal an Weihnachten. Corona hat den Prozess der Verödung der Kirchen nur beschleunigt. Wir gewönnen uns medial an die leeren Kirchen, die wir sonst nur kennen, wenn wir sonntags unseren einsamen Platz in den Kirchenbänken aufsuchen.

Wir sprechen vom Mainstream, dem man sich anpassen muss. Wir müssen zusehen, dass wir den Anschluss an die modernen Zeiten und die Trends nicht versäumen. Wer nicht mitkommt, nicht mitmacht, wird abgehängt. Wir richten uns nach den „sozialen Medien“, die doch in Wahrheit teilweise längst asoziale Medien geworden sind, Plattform für Hass und Pöbeleien und sprachliche Gewalt, der die physische Gewalt allzu bald folgen dürfte. Dieses Nachrennen ist anstrengend und fruchtlos zugleich. Wer immerzu der modernen Zeit und ihren Trends nachhetzt, bleibt irgendwann erschöpft und leer auf der Strecke.

 

Wer auf Gott vertraut, braucht sich nicht zu fürchten vor den Pfeilen der Nacht. Wer auf Gott vertraut, muss sich nicht selbst schützen, ins rechte Licht rücken, groß machen. Wer auf Gott vertraut, kann warten auf das Wort, auf die offene Tür, auf den Weg, auf den Rückenwind. Wer auf Gott vertraut, wird am Ende ins Leben eingehen und kein Tod darf ihn halten.

 Warum, mein Gott, kann ich das leichter denken, sagen, schreiben, als es einfach zu leben? Stärke Du meinen armen Glauben, mein schwaches Vertrauen. Amen