Zukunft für die, die keine Zukunft haben

Jesaja 56, 1 – 8

1 So spricht der HERR: Wahrt das Recht und übt Gerechtigkeit; denn mein Heil ist nahe, dass es komme, und meine Gerechtigkeit, dass sie offenbart werde. 2 Wohl dem Menschen, der dies tut, und dem Menschenkind, das daran festhält, das den Sabbat hält und nicht entheiligt und seine Hand hütet, nichts Arges zu tun!

              Das sind Grundlagen für das Gedeihen des Volkes: Recht und Gerechtigkeit. Beides aber wird begründet oder abgeleitet aus Gott: Weil sein Heil nahe ist, kommt, weil seine Gerechtigkeit offenbar werden will, deshalb soll sein Volk dem entsprechen. „Übt ēdāqāhdenn meine ēdāqāh kommt.“(C. Westermann, Das Buch Jesaja 40 – 66, ATD 19,Göttingen 1966, S. 247) Üben ist nicht so mit „versuchen“, „sich Mühe geben“ zu lesen, wie wir das im Deutschen leicht empfinde: Ich übe noch. Sondern Üben ist hier ausüben. Sein Leben von der kommenden Gerechtigkeit so bestimmen lassen, dass man sie heute schon vorweg nimmt. Wer das als Glied des Volkes, als einzelner, ob Mann oder Frau tut, wer so lebt, der fördert das Leben. „Heilsverheißung und Mahnung, Zuspruch und Anspruch Gottes sind eng miteinander verwoben.“ (H.J. Kraus, Das Evangelium des unbekannten Propheten, Jesaja 40 – 66, KBB, Neukirchen 1990, S. 176)  

Exemplarisch herausgegriffen: Ein Zeichen für das Leben in der kommenden Gerechtigkeit Gottes ist das Halten des Sabbat. Der Sabbat als Identitätsmerkmal ist in der Verbannung immer wichtiger geworden. Sehr offen formuliert ist: wer seine Hand hütet, nichts Arges zu tun! Klar aber ist: hier findet eine Einweisung in einen Lebensstil statt, der dem Glauben an den Gott Israels entspricht und der darum Zukunft hat.

3 Und der Fremde, der sich dem HERRN zugewandt hat, soll nicht sagen: Der HERR wird mich getrennt halten von seinem Volk. Und der Verschnittene soll nicht sagen: Siehe, ich bin ein dürrer Baum. 4 Denn so spricht der HERR: Den Verschnittenen, die meine Sabbate halten und erwählen, was mir wohlgefällt, und an meinem Bund festhalten, 5 denen will ich in meinem Hause und in meinen Mauern ein Denkmal und einen Namen geben; das ist besser als Söhne und Töchter. Einen ewigen Namen will ich ihnen geben, der nicht vergehen soll.

  Provozierend gefragt: Hat Gott dazu gelernt? Oder anders: Muss Israel dazu lernen?  Es ist vorbei mit der exklusiven Erwählung Israels. Mit Erwählung als Privileg, das alle anderen ausschließt – Lahme, Verschnittene, Fremde. Soviel scheint mir klar: Der Heilswille Gottes macht nicht mehr an den natürlichen Grenzen halt. Die alten Ausschlussformeln für das Volk Gottes gelten nicht mehr. Bis dahin waren Krüppel und Fremde zwar schutzwürdig, aber nicht heilsfähig. Sie durften mit dem Volk leben, aber sie gehörten nicht in seine Mitte und waren ausgeschlossen aus seiner Mitte, aus dem Tempel.

In welche Debatte hinein werden die Worte im Jesaja-Buch gesprochen? Es wird in Israel Stimmen gegeben haben, die jetzt, nach dem Exil, das reine Israel fordern. Keine Gemeinschaft mit den Fremden. Kein Zutritt für Verschnittene zum Tempel – obwohl der doch noch gar nicht wieder aufgebaut war. Esra ist so eine Stimme in seinem Streit gegen die Mischehen (Esra 9-10).

            Die These dahinter war wohl: Wir sind wegen des zu laxen Umgangs mit dem Gesetz ins Exil geraten. Es war die Folge der Untreue gegen das Gebot. Am Einfachsten erscheint dann eine Umkehr zum Gebot in der Abgrenzung: Keine Ausländer, keine Kastrierten. Da wird der Gehorsam gegen das Gebot klar und eindeutig.

6 Und die Fremden, die sich dem HERRN zugewandt haben, ihm zu dienen und seinen Namen zu lieben, damit sie seine Knechte seien, alle, die den Sabbat halten, dass sie ihn nicht entheiligen, und die an meinem Bund festhalten, 7 die will ich zu meinem heiligen Berge bringen und will sie erfreuen in meinem Bethaus und ihre Brandopfer und Schlachtopfer sollen mir wohlgefällig sein auf meinem Altar; denn mein Haus wird ein Bethaus heißen für alle Völker. 8 Gott der HERR, der die Versprengten Israels sammelt, spricht: Ich will noch mehr zu der Zahl derer, die versammelt sind, sammeln.

      Nach der Katastrophe des Exils lernt Israel neu. In der schrecklichen Zeit des Exils wird es auf neue Gotteswege vorbereitet. „Die nachexilische Gemeinde ist keine geschlossene Gesellschaft, sondern indem sie das Gesetz beachtet, ist sie gerade besonders offen für andere Völker.“ (D. Schneider, Der Prophet Jesaja, 2. Teil; Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1990, S. 246) Sowohl die körperlichen Gebrechen als auch die Herkunft aus Fremd-Völkern werden von Gott nicht mehr als Hinderungsgrund angesehen, Zugang zum Gottesvolk und zum Tempel zu erlangen – mehr noch: zum Herzen Gottes.  Man könnte auch sagen: Zugehörigkeit zum Volk Gottes hängt nicht mehr an der Herkunft, sondern am Verhalten.  Die alten Zulassungsbeschränkungen zum Tempel – und damit für Israel: zu Gott – fallen her.

Zum Weiterdenken

        Das ist die Botschaft: Zukunft für die, die keine Zukunft haben. Zugang für die, denen keinen Zugang zusteht. Es ist die Proklamation offener Türen, die Gott öffnet. Allen öffnet, die sich auf den Weg der Gerechtigkeit und des Rechtes rufen lassen, die sich von seinem Gebot leiten lassen. Es ist ein Doppel-Ruf, Zur Hingabe an das Gebot, zu einem ungeteilten Gehorsam, der nichts will als was der HERR will. Und daneben und darin, für die, die so leben wollen, die Botschaft:

„Die Türen stehen offen, das Land ist hell und weit.“ K.P. Hertzsch, 1989, EG 385

Für mich ist bemerkenswert, wie die Worte des Jesaja weiterwirken, in den Worten Jesu, in der seiner Antwort auf die Frage, wer denn zu ihm gehört: „Und er sah ringsum auf die, die um ihn im Kreise saßen, und sprach: Siehe, das ist meine Mutter und das sind meine Brüder! Denn wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.“(Markus 3, 34-35)

            „Wer bin ich, dass ich jemand die Barmherzigkeit Gotten vorenthalten und verweigern könnte? Dass ich jemand die Vergebung versagen dürfte.“ So ungefähr hat Papst Franziskus I. gefragt und damit wohl die Intention des Jesaja genau getroffen.

            Was für eine Rehabilitation, was für eine Wiedergutmachung an denen, die lange zurück gestoßen worden sind, ausgegrenzt, als Menschen zweiter Klasse angesehen. Eines der schönsten Worte Jesu klingt hier schon an: „Freut euch, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind.“(Lukas 10,20) Die unter den Menschen kein Gedächtnis haben, dem Vergessen verfallen scheinen, die werden in das Gedächtnis Gottes eingeschrieben. So höre ich Gott sagen: „Ich, Gott, gebe dem Zukunft, der keine hat. Ich bewahre das Gedächtnis dessen, der ohne Nachkommen dem Vergessen anheimfallen wird.“

             Das Vertrauen auf Gott wiegt schwerer als körperliche Unversehrtheit. Das Vertrauen auf Gott wiegt schwerer als die Herkunft aus dem falschen Volk.  In der Gola ist die allein bindende Gültigkeit der Tradition gebrochen worden und ein neuer Ruf nach dem Gehorsam, dem Vertrauen als den Identitäts-Merkmalen des Gottesvolkes wird laut. Dieser Ruf über die Grenzen hinaus ist nicht gegen Israel gerichtet, aber es ist doch in Israel ein Ruf, der neu zu hören ist. Tritt doch damit immer stärker der Weg des Glaubens als der Weg des Einzelnen heraus.

            Was für eine Provokation für Israel: Es gibt Fremde, die den Namen Gottes lieben, die den Sabbat halten. Es gibt Fremde, die tun, was Israel geboten war. Ihnen macht Gott das Tor weit auf. Ihnen macht Gott sein Herz auf. So weit öffnet Gott seinen zerstörten Tempel, dass er ein Bethaus für alle Völker werden soll. Die alten Grenzziehungen und Ausgrenzungen sind aufgehoben, weil Gott selbst sie aufhebt.

            Es gehört zur Langzeitwirkung dieser Prophetie, wie sie im Neuen Testament aufgenommen wird und in der Person Jesu in Kraft gesetzt gesehen wird: „Jetzt aber in Christus Jesus seid ihr, die ihr einst fern wart, nahe geworden durch das Blut Christi. Denn er ist unser Friede, der aus beiden eins gemacht hat und hat den Zaun abgebrochen, der dazwischen war, indem er durch sein Fleisch die Feindschaft wegnahm. Er hat das Gesetz, das in Gebote gefasst war, abgetan, damit er in sich selber aus den zweien einen neuen Menschen schaffe und Frieden mache und die beiden versöhne mit Gott in einem Leib durch das Kreuz, indem er die Feindschaft tötete durch sich selbst. Und er ist gekommen und hat im Evangelium Frieden verkündigt euch, die ihr fern wart, und Frieden denen, die nahe waren. Denn durch ihn haben wir alle beide in einem Geist den Zugang zum Vater.“(Epheser 2, 13 – 18)

Ich sehe in diesen Tagen der Pandemie die tiefen Schattenseiten der Globalisierung, der Öffnung aus der nationalen Eigenständigkeit in eine Weltweite Vernetzung.  Wir sind weit geworden und in dieser Weite auch ein Stück schutzlos. In den Worten des Jesaja wird Globalisierung vorweggenommen – Globalisierung anderer Art: Die Anbetung Gottes über alle Grenzen hinweg.  Das ist das Fernziel Gottes, das schrittweise unter den Bedingungen der Zeit gelebt wird. Die weltweite Christenheit ist eine Konsequenz aus diesen Worten des Jesaja.  Ihre Erfüllung steht ich aus, wird aber schon geglaubt: „dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind, und alle Zungen bekennen sollen, dass Jesus Christus der Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters. (Philipper 2, 10-11)

            Es bleibt ein großes Aber: wenn wir als Christen diese Worte des Jesaja aufmerksamer gelesen hätten, sie hätten uns vor einen schweren Irrtum bewahren können. Der neue Anfang Gottes und die Öffnung für alle Völker ist nie und nimmer die Vorstufe einer Enterbung Israels.  „Gott fängt niemals mehr mit einem neuen Eigentumsvolk an, sondern er führt neue Menschen zum alten hinzu – und verwandelt dadurch beide.“ (D. Schneider, aaO.  S. 249) So hat es ja auch Paulus verstanden: „Du sollst wissen, dass nicht du die Wurzel trägst, sondern die Wurzel trägt dich.“ (Römer 11,18) Wir Christen sind immer – zeitlich und sachlich – Hinzugekommene.

            Und, noch einmal neu gewendet: Was, wenn wir in der reichen Bundesrepublik, diese Worte hören und mit ihnen die beschrieben finden, die seit 2015 massenhaft zu uns gekommen sind. Gewiss Fremde, gewiss anders als wir. Aber auf der Suche nach Frieden, nach Leben, nach ein bisschen Glück. Wie viele unter ihnen sind Christen, nicht einfach nur Araber! „Kommt ein Syrer nach Rotenburg“ (S.Tannous/G. Hachmüller, 2020) Ein syrischer Christ – und lehrt uns neu das Staunen über das, was wir schon lange gar nicht mehr als besonders sehen – Freiheit, Ordnung, Sicherheit, eine schier unbegrenzte Zahl an Möglichkeiten. Nicht zuletzt die Freiheit des Glaubens. Es ist ein Geschenk Gottes an die alt  und müde gewordenen Kirchen Deutschlands: Lernen von denen, die zu uns gekommen sind

Gott, Du öffnest die Türen weit. Du rufst die Völker von den Enden der Erde. Du willst, dass Dein Haus voll werde. Du hast Deine Freude am Sprachengewirr, auch noch nach Pfingsten.

Wir aber bleiben gerne unter uns. Wir richten Zugangsbeschränkungen auf, suchen nach klaren Kriterien für drinnen und draußen, solange wir nur drinnen sind. Ob wir auch erst ins Exil müssen, um von Dir Weite zu lernen. Ob wir deshalb so wenige werden müssen, damit wir uns neu freuen an denen, die den Weg finden in Dein Haus, in die Gemeinschaft der Glaubenden, zu Deinem Herzen?

Mach Du uns weit, offen, einladend, aus Deiner Liebe heraus.  Amen

 

 

Ein Gedanke zu „Zukunft für die, die keine Zukunft haben“

  1. Ja, die Tür aufmachen für einen Flüchtling, ihn an die Hand nehmen, helfend und begleitend, macht etwas Mühe. Doch die Freude und Hoffnung, die dieser Mensch darüber erlebt, kommt tausendfach ins eigene Herz zurück. Das ist Gottes Geschenk an uns, wenn wir seinen Willen tun.

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