Das Ende ist nicht das Ende

  1. Petrus 3, 10 – 18

10 Es wird aber des Herrn Tag kommen wie ein Dieb; dann werden die Himmel zergehen mit großem Krachen; die Elemente aber werden vor Hitze schmelzen, und die Erde und die Werke, die darauf sind, werden ihr Urteil finden. 11 Wenn nun das alles so zergehen wird, wie müsst ihr dann dastehen in heiligem Wandel und frommem Wesen, 12 die ihr das Kommen des Tages Gottes erwartet und erstrebt, an dem die Himmel vom Feuer zergehen und die Elemente vor Hitze zerschmelzen werden.

            Auf den ersten Blick ist das nur Ende, Untergang, Katastrophe. Petrus greift gemein-christliche Tradition auf, zumindest in seiner Wortwahl.  Der „Dieb in der Nacht“(Markus 3,27) ist eine Jesus-Formulierung für sein eigenes Kommen. Jesus „hat vom Kommen der Reichszukunft wie vom Kommen eines Diebes gesprochen, was auf das Kommen des Menschensohnes gedeutet wurde und damit auf die Parusie des Christus.“(W. Grundmann, aaO. S.117) Und die Sache – das Ende der Welt – sprechen fast alle NT-Texte an. Es ist auch eine Vorstellung, die in der Umwelt vorhanden ist. Vom Weltuntergang zu reden ist durchaus kein christliches Sondergut.

            Was mich beschäftigt: Sind das nur apokalyptische Vorstellungen? Oder ist so etwas wie der Untergang von Pompeji, der vermutlich damals über Jahrzehnte hin in aller Munde war und das Lebensgefühl sicherlich nicht nur in Rom bewegt hat, auch ein Impuls, über das Vergehen der Welt nachzudenken und sie nicht für unvergänglich zu halten? Ich habe es in letzter Zeit durch Lesen gelernt: Ein Meteoriten-Einschlag von der Größe des Meteoriten, der vor Millionen Jahren des Nördlinger Ries hat entstehen lassen, wird ein weltweites Inferno auslösen und die Gestalt der Erde so verändern, dass nichts mehr ist wie wir es kennen und wie es uns „ewig“ dünkt. Vorwarnzeit: Null. So ein Meteorit wird kommen wie der Dieb in der Nacht.

  Die Herausforderung ist schon deutlich zu greifen: Die Welt, die beständig ist, wird vergehen. Menschen, die vergänglich sind, werden bleiben. Normalerweise denken wir umgekehrt: „Eine Generation geht, eine andere kommt. Die Erde steht in Ewigkeit“. (Prediger 1,4) Erst recht: Was ist das für ein Denken, das dem kommenden Tag Gottes entgegen-wartet, ja ihn  ersehnt, ihn erstrebt. Dein Reich komme! beten ist die eine Sache. Es real erwarten und erhoffen eine andere.

            Die Folgerung, die der Schreiber zieht: Es gilt, sich um einen heiligem Wandel und frommes Wesen zu mühen. Es gilt, so zu leben, dass man vom Gericht verschont wird. Anders als die Welt. Wenn Paulus die Gemeinde auffordert: „Stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, damit ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.“(Römer 12,2) so begründet er das in der Barmherzigkeit Gottes, die er im gekreuzigten und auferstandenen Christus vor Augen hat. Der Petrusbrief dagegen begründet mit dem kommenden Weltuntergang und der Chance, so dem Gericht zu entgehen.

13 Wir warten aber auf einen neuen Himmel und eine neue Erde nach seiner Verheißung, in denen Gerechtigkeit wohnt. 14 Darum, meine Lieben, während ihr darauf wartet, seid bemüht, dass ihr vor ihm unbefleckt und untadelig im Frieden befunden werdet,

            Es bleibt  – Gott sei Dank – nicht bei dem Blick auf die Katastrophe. Petrus sieht weiter. Es ist gefährlich für das eigene Lebensverständnis, wenn man nur das Ende anschaut. Darum ist das Wort vom neuen Himmel und der neuen Erde so wichtig. Das ist das Ziel der Reise Gottes mit der Welt. Er will sie neu schaffen, will sie verwandeln, will sie läutern. Eine Welt, die Gottes Wesen entspricht, in der Gerechtigkeit wohnt. Die neue Welt wird sein, was Gottes Wille von Anfang an war: Seine Welt.

Aus dieser Hoffnung erwächst eine Lebensaufgabe. Die Hoffnung auf die neue Welt Gottes macht nicht träge in der alten, in unserer Welt. Sie lässt vorweg nehmen, was wir hoffen, so gut wir es vermögen. Es ist ein Ansatz der paulinischen Ethik, dass Paulus aus der Erwartung der kommenden Herrschaft Gottes die Verhaltensweisen für heute ableitet. Da hat ihn Petrus ganz richtig verstanden.

15 und die Geduld unseres Herrn erachtet für eure Rettung, wie auch unser lieber Bruder Paulus nach der Weisheit, die ihm gegeben ist, euch geschrieben hat. 16 Davon redet er in allen Briefen, in denen einige Dinge schwer zu verstehen sind, welche die Unwissenden und Leichtfertigen verdrehen, wie auch die andern Schriften, zu ihrer eigenen Verdammnis.

       Geduld μακροθυμα – wörtlich: „Großmütigkeit“. Dass Gott Raum lässt, Zeit lässt, ist Zeichen seiner Geduld. Einmal mehr fällt auf: Der Schreiber weist auf die Zukunft als den Raum der Geduld hin, nicht auf die bereits geschehene Erlösung in der Heilstat Gottes, im gekreuzigten und auferstandenen Christus. So tut es unser lieber Bruder Paulus nach der Weisheit, die ihm gegeben ist.

 Es wirkt auf mich, als würde Paulus ein bisschen mühsam anerkannt. Vor allem aber, als stünde seine Version des Evangeliums in der Gefahr, missverstanden zu werden, verdreht, umgedeutet. Vielleicht hat der Schreiber Leute vor Augen, die aus dem Evangelium von der unbedingten Gnade Gottes in Christus einen Freifahrtschein gemacht haben. Es gibt immer Menschen, die aus der Bibel herauslesen, was ihnen passt. Das gilt für Paulus mit seinen schwer zu verstehenden Dingen, das gilt aber auch für die anderen Schriften.

Es ist ein deutlicher Hinweis: Wer so mit den Schriften umgeht, dass er sie nach eigenem Gusto auslegt, der gefährdet sich selbst. Schlimmstenfalls  bereitet er damit seine eigene Verdammnis. Das ist ein deutliches Insistieren darauf, die Schriften nicht eigenmächtig und eigensinnig zu lesen, sondern sich im eigenen Lesen leiten zu lassen durch die Autorität der Apostel, durch die anerkannten Lehrer der Gemeinde. Hier wird in der Tendenz der Boden für ein „kirchliches Lehramt“ und für ein kirchenamtliches Auslegungsmonopol der Schriften vorbereitet.

17 Ihr aber, meine Lieben, weil ihr das im Voraus wisst, so hütet euch, dass ihr nicht durch den Irrtum dieser ruchlosen Leute samt ihnen verführt werdet und fallt aus eurem festen Stand.

 Es bleibt bis heute so: Das Warten auf den neuen Himmel und die neue Erde ist ein Kernbestand des christlichen Glaubens: „Von dort wird er kommen zu richten die Lebenden und die Toten“ (Apostolisches Glaubensbekenntnis) Ein Verzicht auf diese Hoffnung würde die christliche Zukunftserwartung entleeren. So dass Christen aus dem festen Stand der Hoffnung herausfallen. Dieses Warten kann nicht passiv machen. „Gaff nicht hinauf. Es ist schon hier“ hat Luther gesagt. Das ist unsere Aufgabe: Heute schon so zu tun, als sei die Welt Gottes angebrochen – und sie ist es ja auch in Jesus.

18 Wachset aber in der Gnade und Erkenntnis unseres Herrn und Heilands Jesus Christus. Ihm sei Ehre jetzt und für ewige Zeiten! Amen.

            In der Gnade wachsen. In der Erkenntnis wachsen. Wie macht man das? Aber kann man das überhaupt machen? Wachsen ist doch ein vom Willen unabhängiger Vorgang. Die Wachstumsgleichnisse Jesu reden genau davon, dass das Evangelium, das Wort Jesu einen Wachstumsvorgang in Gang setzt, der unabhängig von unserem Willen und Wollen ist. „Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mensch Samen aufs Land wirft und schläft und aufsteht, Nacht und Tag; und der Same geht auf und wächst – er weiß nicht wie. Denn von selbst bringt die Erde Frucht“(Markus 4, 26-28a)) Automatisch.

    Streng genommen gilt: Man kann in der Erkenntnis in der Weise wachsen, dass man die Sätze des Glaubens lernt. Das, was die Außenseite ist. Dass aber daraus eine Lebenshaltung wird, das geschieht nicht willentlich, sondern durch das Bleiben in der Gnade, durch das Dranbleiben. So dass die zunächst äußerlichen Worte in meinem Inneren Wurzeln schlagen und anfangen, mein Denken und Fühlen, mein Reden und Tun zu prägen. Es ist ein Wachsen von außen nach innen. „Erkenntnis schließt in sich das Kennenlernen und mit ihm das Hineinwachsen in den, den man kennenlernt.“ (W. Grundmann, aaO. S.123)

 Ganz am Ende ein Lobpreis. Ein Lobpreis, der allein an unserem Herrn und Heiland Jesus Christus gerichtet ist. Das ist im Neuen Testament ziemlich einmalig. Dieser Lobpreis entspricht der ausdrücklichen Bezeichnung Christi als „Gott“(1,1) und wesenhaftem „Gottessohn“ (1,17). In diesem Lob wird noch einmal der Horizont weit geöffnet – das liegt dem Schreiben ja besonders am Herzen, das seine Leser ihre Berufung, die sie für ewige Zeiten erwählt hat, nicht vertun.

Zum Weiterdenken

Ich  lese hier nicht eine Aufgabe, die mir und allen Christen gestellt wird, sondern diese Worte sind eine Einladung, eine Verheißung. Lass dir die Gnade Jesu gefallen, die dir neue Anfänge schenkt, die dich tröstet im Verzagen, die dich festhält, wenn du schwach bist. Und lerne ihn so im Bleiben bei ihm mehr und mehr kennen. Am Ende geht es darum immer mehr abhängig zu werden von Jesus und sich das als Glück des Lebens gefallen zu lassen, mehr in ein Vertrauen zu wachsen, das sich schicken kann in seine Wege und nur das eine will, bei ihm bleiben, dem Heiland, dem Herren voller Gnade und Erbarmen.

Der Schluss-Satz ist mein Konfirmationsspruch. Es bewegt mich heute, über 50 Jahre später, dass ich dieses Wort auf meinen Lebensweg bekommen habe. Es hat mir lange nichts gesagt. Heute empfinde ich anders – und staune und frage: Was hat Pfarrer Berg damals in dem Buben Uli gesehen, dass er ihm dieses Wort auf den Weg gegeben hat?

Das Ende,  mein Jesus, ist nicht das Ende. Das Ende ist Dein neuer Anfang mit mir, mit den Meinen, mit Deiner Welt. Das Ende ist bei Dir und am Ende sind wir noch immer bei Dir. Geborgen. Aufgehoben. Gerettet. Wir und Deine Welt. Lass mich aus dem Vertrauen auf Dich und Deinen neuen Anfang allem tödlichen Ende in der Welt das Recht bestreiten. Das Leben wird siegen, weil Du das Leben bist. Amen