Noch ist Raum zur Umkehr

  1. Petrus 3, 1 – 9

1 Dies ist nun der zweite Brief, den ich euch schreibe, ihr Lieben, in welchem ich euren lauteren Sinn erwecke und euch erinnere, 2 dass ihr gedenkt an die Worte, die zuvor gesagt sind von den heiligen Propheten, und an das Gebot des Herrn und Heilands, das verkündet ist durch eure Apostel.

            Der Ton wird – Gott sei Dank – sanfter. Immerhin: Ihr Lieben. γαπητο. Die Stärkung des Glaubens hat es oft damit zu tun, dass wir erinnert werden. Erinnert an die Wege, die Gott mit uns gegangen ist, an die Worte, denen wir einmal Vertrauen geschenkt haben, an die Gebote, die uns den Weg des Lebens finden helfen, an die Menschen, die uns das Evangelium nahe gebracht haben. Erinnerung hilft dem schwachen Gedächtnis auf und macht widerstandsfähig gegenüber dem Heute, das so leicht alle früheren Erfahrungen und Entscheidungen für vergangen erklären will und zugleich die Zukunft als „noch nicht“ zu verschlingen droht.

            An die Worte der heiligen Propheten. An die Gebote des Herrn. Es ist hier deutlich: es geht um ein Erinnern an die Inhalte: „Das Gebot des Herrn und Retters umfasst den Inhalt des Glaubens und bestimmt die Weise des Lebens. Es ist das Gebot des Glaubens und des Lebens, das neue Gesetz.“ (W. Grundmann, aaO.; S.109) Die Vorstellung hinter diesen Worten ist offensichtlich: Es gibt so etwas wie einen Kanon, an den man sich zu halten hat, Lehrsätze, die zu glauben sind. Vermittelt sind sie durch das „Kollegium der Propheten und Apostel“. Diese sind „eine einheitliche, der ganzen Kirche zu- und vorgeordnete Größe“(W. Schrage, aaO. S.142) Ich fühle mich an die Deutsche Bischofskonferenz, den Rat der EKD oder gar das Kardinals-Kollegium in Rom erinnert.

  3 Ihr sollt vor allem wissen, dass in den letzten Tagen Spötter kommen werden, die ihren Spott treiben, ihren eigenen Begierden nachgehen 4 und sagen: Wo bleibt die Verheißung seines Kommens? Denn nachdem die Väter entschlafen sind, bleibt es alles, wie es von Anfang der Schöpfung gewesen ist.

            Es gibt Leute, die haben kein gutes Wort für die, die über den Tag hinaus denken – ob in die Vergangenheit zurück oder in die Zukunft hinein. Man kann sich leicht lustig machen über die Vergangenheits-Bewältiger und die Zukunfts-Träumer. Seinen Spott mit ihnen treiben. Die Logik: „Heute zählt“ ist kaum zu schlagen. Es klingt so vernünftig: Was kommen wird, wer weiß es schon?

So werden Stimmen laut: Wo bleibt denn der kommende Himmel? Wo bleibt der wiederkommende Christus? Es ist ein Argument, das geschmerzt hat: Sollte er nicht längst schon gekommen sein? Aber es ist anders: Die Toten sind tot, die Wiederkunft Jesu ist ausgeblieben. Vertagt auf den St. Nimmerleinstag „Es geschieht nichts Neues unter der Sonne.“ (Prediger 1,9) Sogar „biblisch“ kann argumentiert werden – gegen eine verwandelte Zukunft. Das sind vermutlich Stimmen aus der Mitte der Gemeinde. Die außerhalb der Gemeinde haben sich damit ohnehin nicht aufgehalten. Aber die in der Gemeinde werden so gefragt haben – ängstlich manche, spöttisch andere. Es klingt alles so unglaublich modern, wie heutzutage.

5 Denn sie wollen nichts davon wissen, dass der Himmel vorzeiten auch war, dazu die Erde, die aus Wasser und durch Wasser Bestand hatte durch Gottes Wort; 6 dennoch wurde damals die Welt dadurch in der Sintflut vernichtet. 7 So werden auch der Himmel, der jetzt ist, und die Erde durch dasselbe Wort aufgespart für das Feuer, bewahrt für den Tag des Gerichts und der Verdammnis der gottlosen Menschen.

            Das Gegenargument: Die Welt besteht durch Gottes Wort. Er hat sie ins Leben gerufen. Er hat die erste Welt durch die Sintflut untergehen lassen und unsere jetzige Welt durch sein Segenswort ins Leben gerufen. Es ist das Wort, das die Welt trägt. Wie sollten wir da an dem Wort des Gottessohnes zweifeln, der gesagt hat: „Ihr werdet mich kommen sehen in den Wolken des Himmels“.(Matthäus 26,64) Es ist das Wort Gottes, das dem Gericht den Weg öffnen wird und das es jetzt noch aufhält.

      Es charakterisiert diese Schrift schon, dass sie die Beständigkeit der Welt unter dieses Vorzeichen gestellt sieht: aufgespart für das Feuer, bewahrt für den Tag des Gerichts und der Verdammnis der gottlosen Menschen. In diesen Worten finde ich keine Perspektive, die Hoffnungen wecken würde. Selbst wenn klar ist: „Das physikalische Universum soll nicht als solches bestraft werden. Der Weltenbrand ist nur das Mittel zur endgerichtlichen Vernichtung der Gottlosen, der Parusieleugner vor allem.“(A. Vögtle, aaO.;  S.228) Es scheint, als würde der Horizont des Gerichts so übermächtig, dass er völlig verdunkelt, dass der „liebe jüngste Tag“ doch in der Sicht der Christen zuallererst der Tag der Vollendung ist, der endgültigen Erlösung, der Tag, an dem die Gemeinschaft mit Gott an ihr Ziel kommt. Es ist eine Art „Katastrophen-Eschatologie“, die hier das Wort führt. Da ist im Grunde kein Raum für Hoffnung.

8 Eins aber sei euch nicht verborgen, ihr Lieben, dass „ein“ Tag vor dem Herrn wie tausend Jahre ist und tausend Jahre wie ein Tag. 9 Der Herr verzögert nicht die Verheißung, wie es einige für eine Verzögerung halten; sondern er hat Geduld mit euch und will nicht, dass jemand verloren werde, sondern dass jedermann zur Buße finde.

            Überraschung: Noch einmal ihr Lieben. γαπητο. Eine freundliche Anrede. So, als würde sich der Schreiber erinnern: Ich schreibe an Brüder und Schwestern, nicht an Feinde und Abtrünnige. Ich darf es nicht aus den Augen verlieren: Sie sind Geliebte. Oder direkter noch: Ihr seid Geliebte. Sünder, aber eben doch geliebte Sünder. Ganz so, wie es Martin Luther gesagt hat: „Die Liebe Gottes findet ihren Gegenstand nicht vor, sondern schafft ihn sich erst. Menschliche Liebe entsteht an ihrem Gegenstand. …. „Denn die Sünder sind deshalb schön, weil sie geliebt werden, sie werden nicht deshalb geliebt, weil sie schön sind.“(M. Luther 1518 in der Heidelberger Disputation – 28. These, in: Luther Deutsch; Bd. 1. Göttingen 1983, S. 393)

 Eure Zeitrechnung hat das falsche Maß. Gottes Zeit ist immer und sie geht nicht in unseren Zeittakten auf. Das könnten Menschen, die sich in biblischem Denken auskennen wissen. Er ist der Herr der Zeiten und darum greift unser Denken in Zeitmaßen und Zeiträumen zu kurz. Was „ewig“ ist, wissen wir so wenig wie was „heute“ ist. Was aber fest steht: Dass wir und die Welt noch Zeit haben, ist der Geduld Gottes geschuldet. Gott lässt noch Zeitraum offen, damit wir umkehren können. Hier gibt es sogar ein Nähe zu Paulus, der fragt: „Weißt du nicht, dass dich Gottes Güte zur Buße leitet?“(Römer 2,4) Zur Umkehr. Es ist das große Ziel der geschenkten Zeit, dass Menschen zur Umkehr finden, zur Hinkehr zu Gott, zur Heimkehr in das Vaterhaus Gottes.

Daran liegt dem Briefschreiber: Es ist keine Abwendung Gottes von seinen Verheißungen, wenn das Kommen Christi auf sich warten lässt – im Gegenteil: es ist das zähe Festhalten der Geduld und der Lust Gottes am Leben der Sünder. Weil seine Verheißung Leben ist, darum wartet er zu. Auf unseren Glauben.

   In diesen Worten: Der Herr will nicht, dass jemand verloren werde, sondern dass jedermann zur Buße finde, öffnet sich der dunkle Horizont für einen kleinen Lichtschimmer. Gott will Umkehr. μετνοια. Es ist das Manko des Briefes, dass er nicht sagt, wie es zu solcher Umkehr überhaupt kommener kann. Sie wird zur Forderung, deren Erfüllung ganz am Menschen hängt. Nicht zum geöffneten Weg, den der Herr sich zu uns offen hält.

            Vielleicht aber tut man dem Schreiber Unrecht? Weil er sich darauf berufen kann, dass die Christen doch wissen: Es ist Gott, der den Raum zur Umkehr öffnet. Es ist Jesus, der zur Heimkehr ins Vaterhaus ruft. „Gott will nicht das Verlorengehen einzelner, sondern die Umkehr aller.“ (W. Grundmann, aaO. S.116) Diese Einsicht in die geschenkte Zeit zur Umkehr ist das bewegende Moment für die Mission der Christenheit in der alten Kirche.

 Zum Weiterdenken

   Es schmerzt, sich die Frage für uns heute zu stellen: Kann es sein, dass wir gar nicht mehr an die Notwendigkeit einer Umkehr zu Gott glauben? „Wir wollen nicht missionarisch sein“ höre ich und es soll wohl heißen: Jeder und jede darf so über Gott so denken und so leben, wie er oder sie will. Wir haben schließlich Religionsfreiheit. Kann es sein, frage ich mich, dass wir vergessen haben, dass wir von Natur aus nicht schon gut sind, sondern in uns selbst verkrümmt, allzumal Sünder? Es hört sich wie ein Rechtsanspruch an, den wir einklagen können: Gott ist der Gott aller Menschen und er ist ihnen – wie es ihnen zusteht – gut.

Das Evangelium sagt es ein bisschen anders. Es sagt, dass wir Sünder sind, verlorene Leute, weil wir Gott Glauben, Hoffnung und Liebe schuldig geblieben sind. Es sagt aber dann auch weiter, dass Gott dennoch uns alle will und dass darum der Ruf zur Umkehr zu ihm, zur Sinnesveränderung aus einem Geist das ist, was der Kirche aufgetragen ist.

 

Herr Jesus, mein Gott, Du wartest auf mich, auf die vielen, auf die Welt. Was für ein Wunder, dass Du uns nicht abgeschrieben hast, nicht die Geduld verlierst, nicht die Hoffnung fahren lässt. Gegen alle Erfahrung  hältst Du fest an Deiner Liebe zu uns, Deinem Vertrauen in uns, Deinem Warten auf uns.

Wir haben es schwer mit dem Warten auf  Dich, Dein Kommen, Deine neue Welt. Wir können nur „Heute“, „Jetzt“, „Sofort“.

Danke, dass Du die Geduld bewahrst, die Hoffnung fest hältst , Deine Verheißungen ans Ziel bringst, trotz uns und mit uns. Amen