Wir sind keine reine Gemeinde

  1. Petrus 2, 1 – 11

 1 Es waren aber auch falsche Propheten unter dem Volk, wie auch unter euch sein werden falsche Lehrer, die verderbliche Irrlehren einführen und verleugnen den Herrn, der sie erkauft hat; die werden über sich selbst herbeiführen ein schnelles Verderben. 2 Und viele werden ihnen folgen in ihren Ausschweifungen; um ihretwillen wird der Weg der Wahrheit verlästert werden. 3 Und aus Habsucht werden sie euch mit erdichteten Worten zu gewinnen suchen. Das Gericht über sie bereitet sich seit langem vor, und ihr Verderben schläft nicht.

            Hier hat die Sorge das Wort und ein bisschen auch die Erfahrung. Zu allen Zeiten gibt es falsche Propheten, gibt es Täuscher und Schönredner. Davor ist die Gemeinde Christi nicht automatisch bewahrt. Aber es ist doch auch schwierig mit diesen Worten. Will Petrus warnen? Dann ist das nicht wirklich der richtige Weg, weil es so unausweichlich, fast schicksalhaft klingt: Es müssen falsche Propheten und falsche Lehrer kommen – aber warum das sein muss, dazu sagt er nichts. Dahinter scheint mir – unausgesprochen – das Bild von der Bewährung und der großen Scheidung zu stehen. Damit es sich zeigt, wer es ernst meint, muss es zu diesen Auftritten der Verführer kommen. So ähnlich sieht es auch Paulus, wenn er von den „notwendigen Spaltungen“ redet (1. Korinther 11, 19)

             ψευδοπροφται, ψευδοδιδσκαλοι – Pseudo-Propheten, Pseudo-Lehrer. Leute, die, weil sie mit Lügen umgehen, keinerlei Lehr-Autorität haben. Es wirkt wie ein Blick in die Zukunft, ist aber in Wahrheit wohl eine Sicht auf die gegenwärtige Gemeinde. Nicht erst das Kommen von Irrlehrern wird angekündigt, sondern ihr Wirken jetzt wird angegriffen. Es gibt Lehrer in den Gemeinden, denen der Briefschreiber jede Autorität zu Lehren abspricht. Ihr Verhalten schmerzt umso mehr, weil sie ja zu den Christen gehören: sie gehörten zu denen, die der Herr erkauft hat.

 Aber sie verleugnen ihn – in Worten und Werken, in ihren Lehren und ihrem Lebenswandel. Sie werden, das gehört regelrecht zum Repertoire  der Auseinandersetzung mit Irrlehrern, moralisch verdächtigt:  Ausschweifungen und Habsucht. Das besonders Skandalöse daran: „Wegen der Unmoral der Verführer wie der vielen Verführten wird die im Leben zu verwirklichende Glaubenslehre – diese ist mit dem semitischen Ausdruck „Weg der Wahrheit“ gemeint – von den Nichtchristen verlästert. Heiden, die das Christentum nach dem Lebenswandel dieser sich als Christen ausgebenden Libertinisten (=Freigeister, auch moralisch – Ergänzung Lenz)beurteilen, können jenes als minderwertig abtun, weil es zu nichts Gutem führe.“ (A. Vögtle, aaO. S.185) Daran hat sich bis heute nichts geändert: Die Lebensführung von Christen, vor allem von „hochgestellten Christen“ muss oft genug als Argument gegen den Glauben herhalten – ob es um sexuelle Übergriffe oder finanzielle Verschwendung, um Prunksucht oder Intoleranz geht.

4 Denn Gott hat selbst die Engel, die gesündigt haben, nicht verschont, sondern hat sie mit Ketten der Finsternis in die Hölle gestoßen und übergeben, damit sie für das Gericht festgehalten werden; 5 und hat die frühere Welt nicht verschont, sondern bewahrte allein Noah, den Prediger der Gerechtigkeit, mit sieben andern, als er die Sintflut über die Welt der Gottlosen brachte; 6 und hat die Städte Sodom und Gomorrha zu Schutt und Asche gemacht und zum Untergang verurteilt und damit ein Beispiel gesetzt den Gottlosen, die hernach kommen würden; 7 und hat den gerechten Lot errettet, dem die schändlichen Leute viel Leid antaten mit ihrem ausschweifenden Leben.

    Das ist ein merkwürdig einseitiger Griff in die Geschichte Gottes mit der Welt: Engelbestrafung, Sintflut und der Untergang von Sodom und Gomorrha. Es gibt auch andere Geschichten, die von der Lust Gottes erzählen, Leben zu schenken, auch den Gottlosen. Es gibt das Evangelium, das von der Zuwendung Jesu gerade zu denen erzählt, die Gott gern sind, ihn nicht kennen. „Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.“ (Lukas 19,10)Es gibt das Evangelium des Paulus, dass die Rechtfertigung der Gottlosen ins Zentrum rückt. „Denn es ist hier kein Unterschied: 23 Sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie vor Gott haben sollen, 24 und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist… So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.“ Römer 3, 22c-24.28) Es wirkt fast, als hätte diese Mitte des Evangeliums bei Petrus kein Echo gefunden, keine bleibende Wirkung. Sonst könnte er so nicht ungerührt Untergang beschwören.

Mir scheint, dass diese Auswahl mehr über die Untergangs-Phantasien des Petrus erzählt als über den wechselvollen Weg Gottes mit seinem Volk. Wenn man die Sätze hintereinander weg liest, so hat man eine düstere, verkommene Welt vor Augen, eine Welt, die dem Untergang zutreibt. Und eine Gemeinde, die dem nichts entgegen zu setzen hat, sondern die einfach nur mitgerissen wird.

Worauf kommt es Petrus aber an? Gott beantwortet Sünde mit Strafe. Er verschont sogar die Engel nicht. Sondern gerade an ihnen zeigt sich der ganze Ernst der Strafen Gottes: Sie werden mit Ketten der Finsternis in die Hölle gestoßen und übergeben, damit sie für das Gericht festgehalten werden. Die Leser sollen es wissen: Es gibt kein Entrinnen vor dem Gericht Gottes. Mag sein, Gottes Mühlen mahlen langsam. Aber sie stehen eben nicht irgendwann untätig still.

Daneben tritt als zweite Botschaft: Dieses Gericht trifft nicht alle. Es trifft die nicht, die durch ihre Gerechtigkeit zu Gott gehören –  Noah, den Prediger der Gerechtigkeit, mit sieben andern und auch den gerechten Lot. Hier ist kein Zweifel: die Gerechtigkeit, die er Noah und Lot und ihrer Begleittruppe attestiert, ist nicht Geschenk, nicht eine zugesprochene Gerechtigkeit, sondern sie resultiert aus ihrem gerechten Leben.

 8 Denn der Gerechte, der unter ihnen wohnte, musste alles mit ansehen und anhören und seine gerechte Seele von Tag zu Tag quälen lassen durch ihre bösen Werke. 9 Der Herr weiß die Frommen aus der Versuchung zu erretten, die Ungerechten aber festzuhalten für den Tag des Gerichts, um sie zu strafen, 10 am meisten aber die, die nach dem Fleisch leben in unreiner Begierde und jede Herrschaft verachten. Frech und eigensinnig schrecken sie nicht davor zurück, himmlische Mächte zu lästern, 11 wo doch die Engel, die größere Stärke und Macht haben, kein Verdammungsurteil gegen sie vor den Herrn bringen.

        Im Bild des Lot soll die Gemeinde sich wohl wiederfinden. So wie Lot in Sodom und Gomorra leben auch sie in einer Welt, deren Laster ihnen zusetzt. Sie sehen Unmoral, wohin das Auge blickt. Sie sind umgeben von einem Meer von Sünden. Sie sehen eine Welt, in der nichts mehr heilig ist. Es ist ein Bild von der Welt, das manche frommen Leute auch heute haben. Für sie besteht die einzige Hoffnung darin: Der Herr weiß die Frommen aus der Versuchung zu erretten.

             Es ist eine gefährliche Botschaft: „In der eigenen Gemeine als „Fremdling“ zu gelten, als rückständig, und eng verlacht zu werden, vielleicht sogar von den neuen Männern bedroht zu sein, das war schwer. Seht auf Lot! Ruft Petrus diesem Teil der Gemeinde zu. Stärkt euch an seinem Vorbild. Und bedenkt, wie er gerettet wurde, während die anderen mit ihrem zügellosen Leben und ihren großen Worten schrecklich umkamen.“ (W. de Boor, Die Briefe des Petrus und Judas, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1976, S.224)Wer die Härte innergemeindlicher Debatten um den rechten Glauben und das richtige Leben kennt, erschrickt: Wird hier Material geliefert, um die anderen denen gleichzusetzen, die in Sodom und Gomorra vernichtet worden sind? Dient so eine Denkfigur im Ernst der Verständigung oder stempelt sie nicht einfach die anderen ab: Verlorene Seelen, dem Gericht preisgegeben. Rettungslos.         

            Da hoffe ich einen Augenblick auf einen neuen Ton in diesen Worten. Es gibt Gerechte in einer ungerechten Welt. Es gibt Fromme, die ihre Frömmigkeit durchhalten. Es gibt auch Ungerechte. Und Gott hält sie alle. Das wäre doch eine Botschaft, die zumindest mir gut tut. So klingt es ja auch bei Jesus: „Gott lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.“ (Matthäus 5, 43) Ich halte ja auch nichts davon, die Welt in ihrem Zustand rosarot zu färben. Aber eben auch nicht schwarz – und das Gefühl habe ich hier: Da wird nur noch schwarzgesehen.

Zum Weiterdenken

            Es scheint, der Schreiber dieser Passage sieht die Gemeinde auf dem Weg ins Verderben. Es ist nichts zu hören von Vertrauen auf die geistliche Urteilsfähigkeit der Briefempfänger, nichts von der orientierenden Kraft der Gottesdienste, nichts vom Halt, den sie alle im Evangelium finden können. Nur schwarz in schwarz. Das geht mir auch deshalb nahe, weil ich es ständig zu hören bekomme: „Mit der Kirche geht es bergab. Da ist keine Klarheit. Da ist nur Anpassung. Kein Aufsuchen derer, die allein und einsam sind. Niemand schaut nach mir – seit Jahre nicht.“ Ich kann die Klagen meiner Schwiegermutter deckungsgleich auf die Worte des Petrus legen. Sie passen auch heute auf eine Sicht, die nur noch Versagen, Abfall, Verlust in der Kirche sieht. Ich weiß von mir, dass ich das auch deshalb nicht gut aushalte, weil ich es unfair denen gegenüber finde, die in unseren Gemeinden gute Arbeit leisten, Aber wenn ich ehrlich bin, muss ich mir eingestehen: Diese harte Kritik ist in vielem auch meinem Denken nicht ganz fremd. Ich kämpfe innerlich gegen sie an, weil sie unfruchtbar ist.

Nicht alle biblischen Texte haben eine schöne Wirkungsgeschichte. So liefern auch diese Sätze hier reichlich Material für innergemeindliche Abgrenzungen: Wir sind die Erwählten, die richtigen Frommen. Ihr seid es nicht. Es ist erschreckend, mit welcher Härte solche Auseinandersetzungen geführt worden sind. Erschreckend auch, weil der andere Wege, die anderen durch Respekt und Liebe zu gewonnen, so oft unter den Tisch gefallen ist. Was bleibt ist die Herausforderung, den eigenen Umgang mit denen zu prüfen, die auf dem falschen Weg zu sein scheinen. Wo regiert die Härte, wo die Liebe?  Und wie kann es gelingen, die anderen zu gewinnen?

„Wind und Sonne machten Wette, wer die meisten Kräfte hätte,                                Einen armen Wandersmann seiner Kleider zu berauben.  

Wind begann; doch sein Schnauben                                                                                   Tat ihm nichts; der Wandersmann zog den Mantel dichter an.

 Wind verzweifelt nun und ruht; und ein lieber Sonnenschein                                      Füllt mit holder, sanfter Gluth Wanderers Gebein.

 Hüllt er nun sich tiefer ein? Nein!                                                                                         Ab wirft er nun sein Gewand, und die Sonne überwand. 

Übermacht, Vernunftgewalt, Macht und lässt uns kalt;                                                Warme Christusliebe – Wer, der kalt ihr bliebe?“                                                                                 J. Herder Gedichte, Fünftes Buch, Geschichte und Fabel, 4. Fabel.

      

Mein Gott, wie viel Schmerz liegt hinter diesen Worten. Wie viele Versuche, Wege zueinander zu finden. Wie viel Resignation auch, weil alle Versuche zur Verständigung gescheitert sind.

Gott, ich bitte Dich, dass Du uns hilfst, zäh aneinander festzuhalten. Gerade auch an denen, mit denen wir es schwer haben.Sie haben es ja auch mit uns schwer. Und Du hast es mit ihnen nicht schwerer als mit mir. Amen

2 Gedanken zu „Wir sind keine reine Gemeinde“

  1. Die Einseitigkeit, die du dem Briefschreiber vorwirfst, sehe ich auch bei dir. In diesen wenigen Versen will er die Gemeinde zur Wachsamkeit aufrufen. Da kann er nicht gleichzeitig ausführlich das grosse Erbarmen Gottes aufzeigen. Ich sehe in dem Text nicht die Aufforderung zur Spaltung, wohl aber die Ermutigung, sich von Menschen zu trennen, die versuchen, die Gemeinde von Jesus wegzudrängen
    (Vers 1). In dem „Freikauf von der Sünde “ steckt doch Gottes Liebe und Erbarmen, wenn man sich in ihr birgt und das Leben als Dank nach Gottes Willen zu gestalten versucht.

    1. Ich habe noch einmal nachgelesen. Ich bleibe dabei – dieser Schreiber sieht nur schwarz. Er baut keine Brücken. Schon gar nicht denen, die er für Irrlehrer hält. Die sind ihm hoffnungslose Fälle – nicht mehr erreichbar, nicht mehr gesprächsfähig. Vergleiche zu heute unerreichbaren Gruppen liegen wie von selbst auf der Hand. Auch wenn es nicht um Glauben, sondern „nur“ um Weltsicht geht.

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