Letzte Worte?

  1. Petrus 1, 12 – 21

12 Darum will ich’s nicht lassen, euch allezeit daran zu erinnern, obwohl ihr’s wisst und gestärkt seid in der Wahrheit, die unter euch ist. 13 Ich halte es aber für richtig, solange ich in dieser Hütte bin, euch zu erwecken und zu erinnern; 14 denn ich weiß, dass ich meine Hütte bald verlassen muss, wie es mir auch unser Herr Jesus Christus eröffnet hat. 15 Ich will mich aber bemühen, dass ihr dies allezeit auch nach meinem Hinscheiden im Gedächtnis behalten könnt.

            „Der nun folgende Abschnitt macht den 2. Petrusbrief zum Testament des Petrus.“ (W. Grundmann, Der Brief des Judas und der zweite Brief des Petrus, Theol. Handkommentar zum NT, Bd. 15. Berlin 1979, S.78) Zu letzten Worten mit dem besonderen Gewicht letzter Worte.  Was bleibt noch zu sagen, wenn die Tage abkürzen? Was möchte ich noch gerne sagen, wenn das „big white door(Chris Rea) schon in Sichtweite ist? Petrus spürt, dass der Weg seines Lebens sich dem Ende zuneigt. Und darum will er wesentlich werden – und das heißt: Er will erinnern an die Fundamente des Lebens und des Glaubens. Das, was trägt, worauf man sich verlassen kann – das war sein Thema und soll es auch bis zum Ende hin bleiben. Gut, dass das nicht wehmütig klingt, sondern nüchtern.

Petrus will mit diesen Worten auch Kontinuität erreichen. Seine Leserinnen und Leser sollen die Spur sehen und halten können, die er gelegt hat. Sie sollen im Gedächtnis behalten, was er sie gelehrt hat. Es geht ihm also auch um eine Verpflichtung seiner Gemeinde, auf dem Weg zu bleiben, den er sie mit diesen Worten lehrt.

            Es ist ein Erinnern, das anknüpft an das, was die Leserinnen und Leser selbst wissen, gelernt haben, glauben. An die Wahrheit, die unter euch ist. ληθεα. Diese Wahrheit ist belastbar.  „Wahrheit ist die Mitteilung, auf die man sich verlassen kann, weil sie zuverlässig ist und in die man sein Leben gründen kann, weil sie nicht trügt.“ (W. Grundmann, aaO.; S.79) Es ist kein Zweifel – diese Wahrheit „hat“ die Gemeinde in der Überlieferung, die sich auf die Apostel zurück bezieht.

16 Denn wir sind nicht ausgeklügelten Fabeln gefolgt, als wir euch kundgetan haben die Kraft und das Kommen unseres Herrn Jesus Christus; sondern wir haben seine Herrlichkeit selber gesehen. 17 Denn er empfing von Gott, dem Vater, Ehre und Preis durch eine Stimme, die zu ihm kam von der großen Herrlichkeit: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe. 18 Und diese Stimme haben wir gehört vom Himmel kommen, als wir mit ihm waren auf dem heiligen Berge.

            Es ist wohl das Vor-Recht der letzten Zeit des eigenen Lebens, nicht mehr Neues sagen zu müssen, sondern in den vollen Scheunen der Erinnerung hervor suchen zu dürfen, was besonders wichtig ist. Nicht irgendwelche Geschichten, nicht irgendwelche Bedeutsamkeiten – so schön Geschichten sein mögen. „Inhalt der apostolischen Verkündigung und Lehren waren nicht ausgeklügelte Mythen.“(W. Schrage, aaO. S.130) Es geht nicht um Göttergeschichten von sterbenden und auferstehenden Göttern, wie sie damals sehr im Umlauf waren. Es geht um Geschichte, auf dieser Erde, in dieser Menschenwelt. Es geht um die Kraft und das Kommen unseres Herrn Jesus Christus. Wobei das Kommenπαρουσα – beides einschließt: Seine Menschwerdung und sein Kommen am Ende der Zeiten.

 Petrus findet die Erfahrung, die ihn wohl wie keine andere außer Karfreitag und Ostern berührt hat und die das irdische Leben Jesu in eins setzt mit der Wirklichkeit des Auferstandenen: die Verklärung Jesu. Ob er sie damals, auf dem heiligen Berge, verstanden hat, steht dahin. Ob sie überhaupt jemals zu „verstehen“ ist, mag auch offen bleiben. Aber sie klärt die Blickrichtung, auch wenn Petrus sich selbst nicht immer daran gehalten hat und sie auch im folgenden Brief aus den Augen zu verlieren scheint: Es gilt auf Jesus zu schauen, auf den geliebten Sohn. Das ist der Blick, mit dem wir das Heil sehen. Und die Stimme aus dem Himmel sagt den einen Satz, der uns an ihn verweist.

            Im Evangelium ist kein Zweifel: Petrus ist mit auf dem Berg der Verklärung. Spricht also hier doch ein Augenzeuge? Oder ist das nur ein Tun als ob – und damit doch nicht ganz zuverlässig und tragfähig? Vielleicht hilft es zum Verstehen, was Martin Buber von Rabbi Schmelke erzählt: „Er ging ins Bethaus und betete der Gemeinde vor, wie es sein Brauch war. Der Gemeinde aber schien es, als hätten sie ihn noch nie gehört, so bezwang und befreite er all die Macht seiner Heiligkeit. Als er den Gesang vom Schilfmeer sprach, mussten sie den Saum ihrer Kaftane raffen, dass ihn die rechts und links sich aufbäumenden Welle nicht netzen.“(M. Buber, Die Erzählungen der Chassidim, Zürich 1949, S. 309f.) Das also gibt es, dass Hören und Erzählen der alten Erfahrungen, der Geschichten des Evangeliums, gleichzeitig mit ihnen sein lässt, so dann der Hörer in die Geschichten regelrecht hinein gezogen wird, sie zu seiner Gegenwart werden. Es ist, so verstehe ich den Autor „Petrus“, sein Hören und Sehen auf die Überlieferung, die ihn zum „Augenzeugen“ machen.

 19 Umso fester haben wir das prophetische Wort, und ihr tut gut daran, dass ihr darauf achtet als auf ein Licht, das da scheint an einem dunklen Ort, bis der Tag anbreche und der Morgenstern aufgehe in euren Herzen.

    Darauf können sich die Christen verlassen. Damals und heute. Jesus ist der geliebte Sohn. Das ist kein Thema-Wechsel. Im geliebten Sohn haben wir das prophetische Wort, das uns Zukunft eröffnet, das uns hoffen lässt, uns gewisse Schritte tun lässt. In ihm leuchtet das Licht im Dunkel der Welt, das heller ist als tausend Sonnen. In ihm strahlt der helle Morgenstern auf, der unsere dunklen Herzen erhellt und mit Hoffnung erfüllt.

      Hat Petrus doch Paulusbriefe gelesen? „Denn Gott, der sprach: Licht soll aus der Finsternis hervorleuchten, der hat einen hellen Schein in unsre Herzen gegeben, dass durch uns entstünde die Erleuchtung zur Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes in dem Angesicht Jesu Christi.“(2. Korinther 4,6) Die Nähe der Wortwahl fällt ins Auge, aber auch die Differenz.  Paulus hat im Blick, was das Licht in den Christen und durch sie bewirkt. Petrus hat im Blick, dass dieses Licht in einer dunklen Welt aufleuchtet – wie ein Versprechen des zukünftigen Tages ohne jeden Schatten.

20 Und das sollt ihr vor allem wissen, dass keine Weissagung in der Schrift eine Sache eigener Auslegung ist. 21 Denn es ist noch nie eine Weissagung aus menschlichem Willen hervorgebracht worden, sondern getrieben von dem Heiligen Geist haben Menschen im Namen Gottes geredet.

So denken Juden und Christen in gleicher Weise. Wirkliche Prophetie braucht das Reden Gottes. Wirkliche Prophetie entsteht aus dem Heiligen Geist. Menschen können vielleicht Futurologie treiben, Entwicklungen hochrechnen, Zukunftsperspektiven erörtern. Aber sie können nicht Gottes Wege voraus sehen. Sie können nicht aus sich heraus, aus eigenem Denken sagen, was am Ende des Weges Gottes mit der Welt stehen wird. Das sagen zu können und das glauben zu können ist das Werk des Geistes und nicht das Produkt, die Hervorbringung unserer menschlichen Klugheit.   

 Zum Weiterdenken

        Es gibt einen Zwang zur Originalität. Immer etwas Neues. Immer neue Gedanken, Einsichten, Erfahrungen. Wer älter wird, erlebt, dass es weniger wird mit dem Neuen. Die Zukunft kürzt ab, verkürzt sich. Umso wichtiger wird, was in den Scheunen der Erinnerung angesammelt ist. Im Lauf eines Lebens sammeln sich Mengen an Erinnerungen an – Siege und Niederlagen, Gelingen und Scheitern. Solche Erinnerungen weiterzugeben als Hinweis auf die Menschenfreundlichkeit Gottes – das scheint mir das Anliegen des anonymen Petrus. Sie können zur Einsicht in die Gegenwart helfen.

 

Jesus, halte meinen Blick bei Dir. Lass mich Dich nicht aus den Augen verlieren. Scheine Du mir als das Licht im Dunkel. Sei Du  mir der helle Morgenstern, an dem ich mich orientiere, der mir leuchtet unter tausend anderen Sternen. Gib mir, dass ich so an Dir festhalten kann und mich von Dir festhalten lasse, wenn mein Weg sich dem Ende zuneigt und das große weiße Tor schon offen steht.

Lass mich dann Dein Licht leuchten sehen, Morgenstern der Welt und meines Lebens, dass ich mich durch das Tor traue, weil Du mir ja entgegenkommst. Amen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.