geschenkt

  1. Petrus 1, 1 – 11

1 Simon Petrus, ein Knecht und Apostel Jesu Christi, an alle, die mit uns denselben teuren Glauben empfangen haben durch die Gerechtigkeit, die unser Gott gibt und der Heiland Jesus Christus: 2 Gott gebe euch viel Gnade und Frieden durch die Erkenntnis Gottes und Jesu, unseres Herrn!

  Damit fangen damals alle Briefe an, dass der Schreiber sich selbst benennt, vorstellt. Hier also Simon Petrus, ein Knecht und Apostel Jesu Christi. Die Ausleger sind sich weitgehend einig: Dieser Simon Petrus ist nicht der erste Jünger Jesu. Da schreibt einer, der sich den Namen und die Autorität des Jüngers „leiht“. Warum? „Wer die Christen insgesamt oder doch einen größeren Kreis von Gemeinden auf die Auseinandersetzung mit Dissidenten ansprechen wollte, konnte das in der zweiten oder dritten Generation unter Berufung auf Augen- und Ohrenzeugenschaft tun, mangels universal anerkannter Lehrkompetenz aber nicht im eigenen Namen.“(A. Vögtle, Der Judasbrief/der zweite Petrusbrief, EKK XXII, Neukirchen 1994, S.122)

      Es geht bei der Namensleihe nicht um Anmaßung oder Selbsterhöhung – es geht um die Bereitschaft der Leser zu hören und zu verstehen. Was wir als durchaus problematisch empfinden, sich den Namen eines anderen Autors für die eigenen Worte anzueignen, war in früheren Zeiten zwar nicht gang und gäbe, aber doch eine Praxis, die nicht als verlogen zu gelten hatte.

        Neben die Absender-Nennung – ich bleibe für meine Betrachtungen bei Petrus – tritt die Angabe der Adressaten. Sie fällt aus dem gewohnten Rahmen. Keine Ortsangabe. Keine Anrede: „An die Heiligen in…“ sondern eine Anrede, die die Gleichartigkeit ihres Glaubens mit dem Briefschreiber betont: an alle, die mit uns denselben teuren Glauben empfangen haben. Dabei zielt Gleichartigkeit „nicht auf dieselbe subjektive Intensität oder Ergriffenheit, die den Normalchristen mit den Aposteln verbindet, sondern auf den objektiven Inhalt des Glaubens.“ (W. Schrage, Der zweite Petrus-Brief, NTD 10, Göttingen 1973, S.124f.) Es geht um die Gleichartigkeit, wie sie das sonntäglich im Gottesdienst gesprochene Glaubensbekenntnis zum Ausdruck bringt. Das ist, unabhängig von meiner augenblicklichen Befindlichkeit der Inhalt des Glaubens, den ich mit allen Christen auf der Welt teile. 

Das also ist der Anfang – die Erinnerung an die gemeinsame Basis. Wir sind – ob hoher Apostel oder einfaches Gemeindeglied – miteinander im gleichen Glauben verbunden. Es ist ein kostbarer Glaube, ein Geschenk, das wir nicht aus uns selbst haben. Empfangen ist dieses Geschenk durch die Gerechtigkeit, die aus Gott und Christus kommt. δικαιοσνη ist dabei die Art, wie Gott gibt. Nicht ein Recht, das uns zusteht, sondern er teilt es uns zu. Auch nicht als eine Gerechtigkeit, die alle gleichmacht. Sondern als ein Erbarmen, das allen gleich gilt.

Ich sehe keinen Anlass, die Gerechtigkeit Gottes, die sonst neutestamentlich fast immer ihren Ausdruck im Erbarmen findet, in der freien Gabe, hier als ein gleichmäßiges Verteilen des Glaubensgutes zu begreifen.

Das Wissen um diesen Geschenk-Charakter des Glaubens lässt darauf hoffen: Gott wird immer neu geben. Viel Gnade und Frieden. Das ist sein Geben vom Beginn des Weges der jungen christlichen Gemeinde an. Er hat sie bewahrt. Er hat sie „Gnade finden lassen bei allem Volk“(Apostelgeschichte 2,47). Er hat ihr auch in einer feindseligen Umwelt und in Zeiten schwerster Bedrängnis Frieden geschenkt.

 Wenn die Ausleger recht haben, die den Brief in die Zeit zwischen 120 und 125 n. Chr. ansetzen, dann liegen hinter den Lesern schon Verfolgungszeiten, liegt die Zerstörung Jerusalems und die Auswanderung der Christen aus der Stadt nur 50 Jahre zurück, ist auch die Trennung vom jüdischen Mutterboden, wie er durch die jüdische Synode von Jamnia vollzogen worden ist, noch frisch in Erinnerung. Und dennoch: Frieden.

 Alles, was Gott gibt, gibt er durch die Erkenntnis Jesu. In ihm empfangen wir Christen den Reichtum Gottes, Gnade und Frieden. Fülle. Weil Gott gerne gibt, reichlich und nicht kärglich. Ganz nah ist dieser Gedanken an früheren Worten: „In Christus liegen alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis verborgen.“ (Kolosser 2,3)

 3 Alles, was zum Leben und zur Frömmigkeit dient, hat uns seine göttliche Kraft geschenkt durch die Erkenntnis dessen, der uns berufen hat durch seine Herrlichkeit und Kraft. 4 Durch sie sind uns die teuren und allergrößten Verheißungen geschenkt, damit ihr dadurch Anteil bekommt an der göttlichen Natur, die ihr entronnen seid der verderblichen Begierde in der Welt.

 geschenkt“ ist das eine Hauptwort, „Erkenntnis“ das andere. Mehrfach in wenigen Sätzen γνσις – Gnosis, πιγνσιςEpignosis. Es geht beim Glauben auch um Einsicht und Verstehen. Auch um den Verstand. Das sagen andere Schreiber der neutestamentlichen Schriften allerdings klarer als der Autor des 2. Petrusbriefes: Erkennen hat die Liebe als ihren Wurzelboden. Ohne die Liebe gibt es kein wirkliches Erkennen. „Wer meine Gebote hat und hält sie, der ist’s, der mich liebt. Wer mich aber liebt, der wird von meinem Vater geliebt werden, und ich werde ihn lieben und mich ihm offenbaren.“(Johannes 14,21)Wer auf Jesus sieht, der sieht, was Gott gibt: Güte und Freundlichkeit, die Erfüllung seiner Verheißungen, alles, was wir zum Leben nötig haben. Es kommt uns zu, wird uns gegeben. Christus erkennen, in ihm die Gegenwart Gottes erfahren, durch ihn mit Gott verbunden werden für Zeit und Ewigkeit – das ist die große Gabe Gottes. „Das ist aber das ewige Leben, dass sie dich, der du allein wahrer Gott bist, und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen.“  (Johannes 17,3)

 Es ist eine kühne und für das Neue Testament sonst ungewöhnliche Formulierung; damit ihr dadurch Anteil bekommt an der göttlichen Natur. Paulus spricht vom „Sein in Christus, von der neuen Kreatur,“ (2. Korinther 5, 17) Er spricht auch vom neuen, inneren Menschen, der in Ewigkeit bleibt. Es klingt, als würde Paulus hier überboten: „Verheißen wird die Verwandlung in die göttliche Natur (Physis), also Vergottung, Anteilhabe an der Seligkeit und Unvergänglichkeit göttlichen Wesens.“ (W. Schrage, aaO.; S.126)

Für Christen aus dem Umfeld der orthodoxen Kirchen des Ostens hört sich das nicht so fremd an wie für uns „Westler“. Im Denken dieser Kirchen ist die Vergottung eines der Ziele, das die Erlösung Gottes an uns verfolgt. Und ganz aus der Reihe gefallen ist der Schreiber auch im Blick auf das Neue Testament nicht: „Denn in ihm leben, weben und sind wir; wie auch einige Dichter bei euch gesagt haben: Wir sind seines Geschlechts. Da wir nun göttlichen Geschlechts sind…“ (Apostelgeschichte 17, 28-29) So weit geht Paulus nach den Worten des Lukas in Athen. In einer missionarischen Situation. Er spitzt zu, um Menschen zu gewinnen. Es könnte sein, das unser Brief-Autor auch so über das gängige Muster des Denkens hinausgeht und zuspitzt, um seine Leserinnen und Leser zu gewinnen.

Ich lese diese Worte nicht als dogmatische Erklärung, sondern als Zuspruch, der gewiss machen will. Die Vergangenheit, geprägt von der verderblichen Begierde in der Welt, hat keine Macht mehr über uns. Vor uns ist eine Zukunft, die uns die Verheißungen eröffnet. Eine Zukunft, die durch das Wiederkommen Christ- Parusie – und die Vollendung der Welt – neuer Himmel und neue Erde – bestimmt ist.

Es wird stimmen: „Die beiden Verse sind gesättigt mit Begriffen und Wendungen typisch hellenistischer Religiosität.“(A. Vögtle, aaO. S.137) εσβεια (Eusebeia), ζωή (Zoe) , δόξα (Doxa),  ρετή (Arete). Wie will sich der Autor seinen Lesern verständlich machen, wenn er nicht Begriffe und Wendungen verwendet, die sie kennen. Die „Sprache Kanaans“ ist nicht die Umgangssprache ihrer Umwelt. Wer verstanden werden will, muss sich weit aus dem eigenen Sprachhaus herauswagen, wenn er nicht nur nach innen reden will.

Eine Zeit wie die unsere, in der viele Schwierigkeiten mit einer personalen Gottesvorstellung haben, wird deshalb vielleicht auch den Brückenschlag anders als frühere Zeiten zu schätzen wissen, wenn von der göttliche Kraft die Rede ist. Das kann auch eine Öffnung zu den Hörern hin sein. Heute würde „man/frau“ nicht mehr so streng urteilen: „Diese unpersönliche Redeweise von der „göttlichen Kraft“ ist mit Recht als theologisch bedenklich empfunden worden. Scheint hier doch ein göttliches Es, eine neutrische göttliche Potenz an die Stelle des personalen Christus zu treten und Verkündigung damit zur Weltanschauung zu werden.“(W. Schrage, aaO. S.125) Völlig vergessen ist bei dieser scharfen Attacke das Wort Jesu im Prozess: „Von nun an werdet ihr sehen den Menschensohn sitzen zur Rechten der Kraft und kommen auf den Wolken des Himmels.“(Matthäus 26,64)  Die Kraft ist eine althergebrachte jüdische Umschreibung des Gottesnamens!

5 So wendet alle Mühe daran und erweist in eurem Glauben Tugend und in der Tugend Erkenntnis  6 und in der Erkenntnis Mäßigkeit und in der Mäßigkeit Geduld   in der Geduld Frömmigkeit 7 und in der Frömmigkeit brüderliche Liebe und in der brüderlichen Liebe die Liebe zu allen Menschen.

Die große Gabe setzt Reaktionen frei. Das Geschenk erzeugt Lebenshaltungen und Lebensschritte. Es ist eine lange Kette an Lebensschritten, an Entwicklungs-Schritten, an Reifungs-Stufen, die eine der anderen folgen und uns leiten. Es mag sein, dass das nicht nur Reihen-Folgen sind, sondern dass diese Schritte manchmal auch ineinander liegen. Sie folgen nicht wie von selbst, sondern erfordern σπουδή. Mühe, Einsatz, Eifer, Anstrengung.“ (Gemoll, Griech.-Deutsches Schul- und Handwörterbuch, München 1957, S.685) Der Glaube, die Gnade ist Geschenk. Aber dass er sich ausbreitet, Wurzeln schlägt, eine Lebensgestalt im eigenen Leben gewinnt, das hat mit unserem Tun und Mühen zu tun.

Aus dem „geschenkt“ folgt eben gerade keine Passivität. So denkt Petrus: Weil ihr so beschenkt seid, könnt ihr nicht alles laufen lassen, sondern werdet in Anspruch genommen. Das Geschenk der Erkenntnis führt dazu: Ich möchte Jesus besser kennenlernen. Ich möchte seine Art besser verstehen. Ich möchte mehr werden wie er, ihm gleich-gestaltet, ohne gleichförmig zu sein, an ihm lernen, ohne mich klein zu machen. In diesem Nachahmen Jesu wächst die Zugehörigkeit, werden wir unseres Glaubens gewiss und wird uns das Evangelium ganz neu und immer tiefer lieb

8 Denn wenn dies alles reichlich bei euch ist, wird’s euch nicht faul und unfruchtbar sein lassen in der Erkenntnis unseres Herrn Jesus Christus. 9 Wer dies aber nicht hat, der ist blind und tappt im Dunkeln und hat vergessen, dass er rein geworden ist von seinen früheren Sünden. 10 Darum, liebe Brüder, bemüht euch desto mehr, eure Berufung und Erwählung festzumachen. Denn wenn ihr dies tut, werdet ihr nicht straucheln 11 und so wird euch reichlich gewährt werden der Eingang in das ewige Reich unseres Herrn und Heilands Jesus Christus.

Weil das so ist, werden die Leserinnen und Leser sich mühen. Sie wissen ja, woher sie kommen. Sie wissen ja, dass sie befreite Leute sind. Es ist ein Appell: Ihr wollt doch nicht rückfällig werden, nicht wieder ohne Licht im Dunkeln tappen. Darum gilt es, Stabilität zu gewinnen. Die eigenen Berufung und Erwählung festzumachen.

Wir sind es gewöhnt, Berufung und Erwählung ganz als das Handeln Gottes zu sehen. Er beruft. Er erwählt. Das genügt. Alles hängt an der Gnade. Darum befremdet, dass der Briefschreiber hier die Leser in die Pflicht nimmt. „Festigen“ gehört offenbar zur Taufsprache, doch jetzt ist es nicht mehr der Herr, der festmacht (so außer 2. Korinther 1,21 auch 1. Korinther 1,8) sondern die Christen selbst werden nachdrücklich dazu ermahnt, durch ihre sittliche Anstrengung der Erwählung Festigkeit und Gültigkeit zu verleihen.“ (W. Schrage, aaO. S128) Die Absicht des Briefschreibers ist richtig getroffen.

So ist es – es gibt ein Verlieren des Glaubens dadurch, dass er das Leben nicht bestimmt, nicht alltäglich ist. auch dadurch, dass man nicht mehr weiß, was man glaubt. Dass die Sätze und Inhalte des Glaubens nicht mehr gewusst werden. Es gibt eine falsche Sicherheit des Heilsbesitzes, die das Tun vergisst. Es gibt eine Trägheit, die sich einfach nur der Umwelt anpasst und nicht mehr die Spur Christi sucht. Die Polemik vieler Kommentare gegen dieses Dringen auf Lebenskonsequenzen scheint mir der ethischen Unverbindlichkeit der Volkskirchen heutzutage näher als der klaren ethischen Orientierung, wie sie auch in den Paulusbriefen, erst recht in der Bergpredigt zu finden ist.

Was wohl in einer eher bedrängten Situation, wie sie die Leser des Briefes kannten, bitter nötig war – auf dem Weg des Handelns gewinnt der Glauben eine innere Stabilität und die Gewissheit: Das Ziel ist nahe und wir werden es erreichen.

Zum Weiterdenken

 „Fides quae creditur, der Glaube, der geglaubt wird, beschreibt Glaubensinhalte und kann und muss gelernt werden. Fides qua creditur beschreibt den Glauben als Akt, als Haltung und kann nicht einfach gelernt werden. Eine ähnliche Funktion hat die Unterscheidung aus der altprotestantischen Orthodoxie, von notitia, assensus und fiducia. Auch wenn sich das Lernen vor allem auf die notitia bezieht, also die Glaubenskenntnis, sind auch in der Zustimmung, dem assensus und im Leben aus dem Vertrauen auf Gott, also der fiducia Vorbilder und die Begegnung mit eindrücklichen Zeugen ein wichtiges Element. Auch die Haltung des Glaubens muss gelernt, vorgelebt und eingeübt werden.“(B. Hofmann, Erwachsen glauben in: Erwachsen glauben. Missionarische Bildungsangebote als Kernaufgabe der Gemeinde. Dokumentation. Hannover 2008; S. 20) So bleibt die Frage zur Selbstklärung: Dominiert bei mir der Inhalt oder die Haltung des Glaubens?

Alles was ich bin, mein Gott, ist von Dir. Alles was ich habe, kommt aus Deiner Fülle. Du hast mir geschenkt, was mein Leben erfüllt.

Du hast mir Aufgaben gegeben, Menschen zur Seite gestellt und manchmal in den Weg, damit ich an ihnen wachse, mit ihnen Deine Güte teile, Deine Treue erfahre, Deinen Namen lobe.

Und wenn ich mit meinem Leben weiterkomme, so komme ich näher zu Dir, mein Herr und mein Gott. Amen

 

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