Recht auf Flucht

Jeremia 43, 1 – 13  

1 Als Jeremia dem ganzen Volk alle Worte des HERRN, ihres Gottes, ausgerichtet hatte, wie ihm der HERR, ihr Gott, alle diese Worte an sie befohlen hatte, 2 sprachen Asarja, der Sohn Hoschajas, und Johanan, der Sohn Kareachs, und alle aufsässigen Männer zu Jeremia: Du lügst! Der HERR, unser Gott, hat dich nicht zu uns gesandt und gesagt: »Ihr sollt nicht nach Ägypten ziehen, um dort zu wohnen«, 3 sondern Baruch, der Sohn Nerijas, beredet dich zu unserm Schaden, damit wir den Chaldäern übergeben werden und sie uns töten oder nach Babel wegführen.

 Solange uns die Worte Gottes gefallen, ist es nicht schwer, sie anzunehmen. Wenn sie aber den eigenen Gedanken und Wünschen nicht entsprechen, kommen die Anfragen: „Das sagst doch Du. Das ist ein Interessen-geleitetes Wort. Das ist nicht Gott, der dir das gesagt hat. Du lässt dich instrumentalisieren.“ So klingt es Jeremia entgegen. „Der Verdacht der Lügenprophetie reißt bis zum Ende der Wirksamkeit des Jeremia nicht ab.“(R. Then, aaO.  S.136) So bekommt es auch heute der zu hören, der quer liegt mit seinen „Gottesworten.“ Die Unterstellung an Jeremia: Du bist das Sprachrohr des Baruch. Und du willst nur, dass wir den Weg der Exilanten gehen müssen – nach Babel.

4 Da gehorchten Johanan, der Sohn Kareachs, und alle Hauptleute des Heeres samt dem ganzen Volk der Stimme des HERRN nicht, dass sie im Lande Juda geblieben wären,  5sondern Johanan, der Sohn Kareachs, und alle Hauptleute des Heeres nahmen zu sich alle Übriggebliebenen von Juda, die von allen Völkern, wohin sie geflohen, zurückgekommen waren, um im Lande Juda zu wohnen, 6 nämlich Männer, Frauen und Kinder, dazu die Königstöchter und alle Übrigen, die Nebusaradan, der Oberste der Leibwache, bei Gedalja, dem Sohn Ahikams, des Sohnes Schafans, gelassen hatte, und auch den Propheten Jeremia und Baruch, den Sohn Nerijas. 7 Und sie zogen nach Ägyptenland, denn sie wollten der Stimme des HERRN nicht gehorchen, und kamen nach Tachpanhes.

 Sie gehorchen der Stimme des HERRN nicht. Sie gehen ihren Weg. Sie folgen ihrem Herzen oder muss ich genauer sagen: ihren Ängsten? Die einen führen, die anderen gehen freiwillig mit – und einige müssen mit, ob sie wollen oder nicht. So Baruch und Jeremia. Sie werden alle sorgfältig aufgezählt, wie schon früher: nämlich Männer, Frauen und Kinder, dazu die Königstöchter und alle Übrigen, die Nebusaradan, der Oberste der Leibwache, bei Gedalja, dem Sohn Ahikams, des Sohnes Schafans, gelassen hatte.

 Tachphanes soll der Ort sein, an dem sie sicher sind, an dem sie die Angst verlieren können. Wer wollte nicht gerne so einen sicheren Ort finden, unter den Sicherheitsschirmen einer Großmacht? Die Fluchtbewegungen unserer Tage geben doch Zeugnis davon, wie sehr Menschen nach solchen Schutzorten und solcher Geborgenheit suchen. 

8 Aber des HERRN Wort geschah zu Jeremia in Tachpanhes: 9 Nimm große Steine und vergrabe sie in dem Boden am Eingang des Hauses des Pharao in Tachpanhes, sodass die Männer aus Juda es sehen, 10 und sprich zu ihnen: So spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels: Siehe, ich will hinsenden und meinen Knecht Nebukadnezar, den König von Babel, holen lassen und will seinen Thron oben auf diese Steine setzen, die ich eingraben ließ; und er soll seinen Thronhimmel darüber ausspannen. 11 Er soll kommen und Ägyptenland schlagen und töten, wen es trifft, gefangen führen, wen es trifft, mit dem Schwert erschlagen, wen es trifft. 12 Und ich will die Tempel Ägyptens in Brand stecken und niederbrennen und ihre Götter wegführen. Und er soll Ägyptenland lausen, wie ein Hirt sein Kleid laust, und mit Frieden von dannen ziehen. 13 Er soll die Steinmale von Bet-Schemesch in Ägyptenland zerbrechen und die Götzentempel in Ägypten mit Feuer verbrennen.

            Aber es gibt kein Weglaufen vor dem, was Gott verhängt hat. Es gibt kein Weglaufen in sichere Regionen und die Schutzschirme der Großmächte können auch nicht bewahren, wenn Gott sein Urteil spricht:

Fliege ich dorthin, wo die Sonne aufgeht                                                                      oder zum Ende des Meeres, wo sie versinkt:                                                                 Auch dort wird deine Hand nach mir greifen,                                                                    auch dort lässt du mich nicht los.“                       Psalm 139,9 GN

Es ist sinnlos, vor Gott wegzulaufen, ob als Einzelner oder als Volk. Die Hand Gottes reicht durch Nebukadnezar auch bis nach Ägypten.

            Was hier angesagt wird, ist wieder große Politik. Geschichte: Ägypten wird dem Angriff des Nebukadnezar nicht standhalten. „Das Schwert der Babylonier, dem sie durch die Flucht nach Ägypten zu entgehen hoffen, wird sie gerade dort treffen…Die Angst um ihr Leben raubt ihnen nicht nur den Blick für eine besonnene Beurteilung der politischen Lage, er nimmt ihnen ebenso das Vertrauen zu den göttlichen Möglichkeiten ihrer Rettung.“ (A. Weiser, aaO.  S.362) Deshalb ist die Flucht nach Ägypten unsinnig.

            Man muss genau aufpassen: Diese Worte des Jeremia gegen die Flucht nach Ägypten sind kein Fluchtverbot für alle Zeit. Sie erklären nicht die Flucht für unsinnig, so wie es in dem zynischen Wort anklingt, das in seinem ersten Teil in den 70-er und 80-er Jahren so geliebt und oft zitiert worden ist: „Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin. Dann kommt der Krieg zu dir.“

            Es gibt ein Recht auf Flucht. Es gibt sogar so etwas wie eine Pflicht zur Flucht. In den Zeiten der Friedensbewegung hat Jörg Zink einen ganz wichtigen Beitrag geleistet, als er schrieb: „Wir nehmen an, ein kleines Kind steht vor einer Straßenwalze. Der Fahrer sieht das Kind nicht und fährt an. Nun hat das Kind mehrere Möglichkeiten: Es erstarrt im Schreck und wird überfahren. Oder: Es ruft der Straßenwalze zu: Das darfst du nicht! Bleib stehen! Oder: Es stemmt sich gegen die Walze. Es wird in allen Fällen unterliegen. Die Walze ist stärker. Die einzige Chance, die das Kind hat, ist die, wegzulaufen so schnell es geht. Es gibt eine Form der Auseinandersetzung mit dem Bösen, die in der Flucht besteht ‑ dann nämlich, wenn das Böse als plumpe, brutale Gewalt auftritt. Wenn das Leben erhalten werden soll, bleibt in vielen Fällen nur die Flucht. Wenn Freiheit noch eine Chance haben soll, bleibt in vielen Fällen ebenso nur die Flucht. Wer seine Seele retten will, seine Integrität, muss, wenn die Gewalt zu groß ist, fliehen.“ (J. Zink, Wie übt man Frieden, Stuttgart 1982, S.8)

            Als das Leben des Kindes Jesus durch die Mordpläne des Herodes gefährdet ist, da wird Josef mit Frau und Kind auf die Flucht geschickt, durch „den Engel des Herrn, der ihm im Traum erschien“(Matthäus 2,13) – nach Ägypten! Wer also heute flüchtet, vor Bomben, Folter, Verfolgung, vor Hunger und Tod, der hat nicht das Wort Gottes gegen sich.

      Woher „weiß“ Jeremia das alles? Ist er im Gegensatz zu dem aufgeregten Haufen um ihn herum besonnen? Hat er den politischen Durchblick, der ihn nüchtern beurteilen und abwägen lässt? „Die Perspektiven, in denen der Prophet denkt, sind weiter gespannt als das Rechnen mit politischen Möglichkeiten. Die Quelle der Gewissheit ist für Jeremia Jahwe selbst als der Herr der Weltgeschichte.“ (A. Weiser, aaO, S.367)

Die Vorstellung hinter der Flucht scheint mir zu sein: Gott ist ein begrenzter Nationalgott, eingeengt auf die Grenzen des Landes Israels. Jenseits dieser Grenzen endet seine Kompetenz. Das allerdings hat Jeremia wie Jesaja gerade in der Katastrophe Israels gelernt: Die Welt ist Gottes Welt und Gott, der sich Fremdherrscher als Werkzeug erwählt, der hat auch jenseits der Grenzen Macht genug, sein Volk heimzusuchen.

            Wenn ich anfange, das zu glauben, dann finde ich zu dem Satz als einem Satz des frohen Glaubensbekenntnisses: Die Welt ist und ich bin überall in Gottes Händen und das ist uns zum Heil, durch alle Gerichte und alle schweren Zeiten hindurch.

Zum Weiterdenken

  Es bleibt eine große Herausforderung: Wird mir nur das zum Gotteswort, was mich bestätigt oder sind auch das Worte Gottes an mich – durch Menschenmund hindurch – die mich in Frage stellen und mir einen anderen als den selbst-bestimmten Weg zeigen? Höre ich nur das als Gotteswort, was ich gerne höre oder sind auch das Gottes Worte an mich, die mir quer liegen, mich verunsichern, mich aus dem gewohnten Tritt bringen und mir so einen neuen, anderen Weg zumuten?

         Ich kenne den Verdacht: Was mir da als Wort Gottes entgegentritt, ist in Wahrheit interessengeleitet. Sie wollen nur die Kirche stabilisieren. Es ist nur eine bestimmte Theologie, die sich zu Wort meldet. Dahinter steht der Versuch, mich auf Linie zu bringen. Mich in meinen ethischen Entscheidungen zu lenken. Ich leide darunter, dass ich eine Verkürzung der biblischen Botschaft auf Ethik beobachte, die den Zuspruch der Gnade, die das Wort von der Erlösung durch den gekreuzigten Christus, die den Ruf zum Glauben, zum Vertrauen auf den zuvorkommenden Gott irgendwie nicht als das Zentrum der Schrift sieht.

Ich kenne auch die Sorge: Ich höre nur noch in ein bestimmtes Raster hinein. Der lebenslange Umgang mit der Schrift hat geprägt, hat Gedankengebäude und Eckpfeiler werden lassen, die Worte eingliedern. Es gibt kein Hören der Schrift, das nicht schon von einem „Vorverständnis“ begleitet und auch geleitet ist. Umso dringlicher ist, demütig zu lernen und zu üben, jeden Tag neu zu hören. Sich freizumachen von den eigenen Lieblingsgedanken, von den eigenen Eckpfeilern des Begreifens. Gott reden lassen, was er sagt. Heute. Und hören und gehorchen.

 

Wohin ich auch gehe, Du bist da. Wohin ich auch flüchte, Du siehst mich. Du bist mir ja voraus auf den Wegen, die Du mich führst und auf den Wegen, die ich mir erwähle.

Lass mich aufhören, vor Dir davon zu laufen. Lass mich lernen, ehrlich zu sagen: Zeige Du mir meinen Platz, wo ich bleiben soll und leite Du mich auf allen meinen Wegen. Amen

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.