Flüchten oder Standhalten

Jeremia 42, 1 – 22

 1 Da traten herzu alle Hauptleute des Heeres, Johanan, der Sohn Kareachs, Asarja, der Sohn Hoschajas, samt dem ganzen Volk, Klein und Groß, 2 und sprachen zum Propheten Jeremia: Lass doch unsere Bitte vor dir gelten und bete für uns zum HERRN, deinem Gott, für alle diese Übriggebliebenen – denn leider sind wir von vielen nur wenige übrig geblieben, wie du mit eigenen Augen siehst -, 3 dass der HERR, dein Gott, uns kundtun wolle, wohin wir ziehen und was wir tun sollen.

             Jetzt erst erfährt man als Leser: Jeremia ist unter denen, die in der Herberge Kimhams bei Bethlehem den Weg nach Ägypten antreten wollen. Er war bei Gedalja und ist dem Morden entgangen. Er war mitverschleppt in Richtung der Ammoniter und ist befreit worden.  Jetzt steht er unter denen, die von Furcht besetzt nach einem Weg suchen. Den Hauptleuten und dem Volk.

         Was ist das für eine Formulierung: Der Herr, dein Gott. Ist er nicht auch ihr Gott? Wie viel Distanz wird schon in der Frage spürbar. Wollen sie das wirklich wissen? Wollen sie dem Wort, das Jeremia für sie empfangen könnte, wirklich gehorchen? Sie legen sich fest: Der HERR, dein Gott, wolle uns kundtun, wohin wir ziehen und was wir tun sollen. Haben sie die Lektion gelernt aus dem Untergang? Fangen sie an zu glauben: Der Gehorsam gegen Gott eröffnet Wege. Es sind die Führer eines verzweifelten Haufens, die so fragen. Und vielleicht ist es ja so: Jede Antwort ist besser als nichts.

 4 Und der Prophet Jeremia sprach zu ihnen: Wohlan, ich will gehorchen. Siehe, ich will zum HERRN, eurem Gott, beten, wie ihr gesagt habt, und alles, was euch der HERR antworten wird, das will ich euch kundtun und will euch nichts vorenthalten. 5 Und sie sprachen zu Jeremia: Der HERR sei ein zuverlässiger und wahrhaftiger Zeuge wider uns, wenn wir nicht alles tun werden, was uns der HERR, dein Gott, durch dich befehlen wird. 6 Es sei Gutes oder Böses, so wollen wir gehorchen der Stimme des HERRN, unseres Gottes, zu dem wir dich senden, auf dass es uns wohlgehe, wenn wir der Stimme des HERRN, unseres Gottes, gehorchen.

            Das ist eine Selbstbindung, die sie hier eingehen. Und auch sprachlich verändert sich einiges – dein Gott – euer Gott – unser Gott.  Ihre Bitte um Wegweisung ist eindringlich. „Und Jeremia lehnt nicht ab; denn Gott gibt ihnen allen noch einmal eine Chance.“ (D. Schneider, aaO.  S.324) Es ist eine Selbstbindung, die an die Worte des Landtags von Sichem erinnert. Auch da die Mahnung: Wisst ihr auch, was ihr sagt und die Antwort: „Josua sprach zum Volk: Ihr seid Zeugen gegen euch selbst, dass ihr euch den HERRN erwählt habt, um ihm zu dienen. Und sie sprachen: Ja!“ (Josua 24,22) Jeremia erinnert sie deutlich: Ich frage den Gott, der euer Gott ist. – Und ihr werdet antworten müssen. Durch euer Tun. Dann kommt es – widerstrebend? – wir wollen der Stimme des Herrn, unseres Gottes, gehorchen. Wer so spricht, bindet sich selbst – so wie früher eben Josua, einem zögerlichen Volk gegenüber: „Ich aber und mein Haus wollen dem HERRN dienen.“(Josua 24,16)

 7 Und nach zehn Tagen geschah des HERRN Wort zu Jeremia. 8 Da rief er Johanan, den Sohn Kareachs, und alle Hauptleute des Heeres, die bei ihm waren, und alles Volk, Klein und Groß, 9 und sprach zu ihnen: So spricht der HERR, der Gott Israels, zu dem ihr mich gesandt habt, dass ich euer Gebet vor ihn bringen sollte: 10 Werdet ihr in diesem Lande bleiben, so will ich euch bauen und nicht einreißen; ich will euch pflanzen und nicht ausreißen; denn es hat mich gereut das Unheil, das ich euch angetan habe. 11 Ihr sollt euch nicht fürchten vor dem König von Babel, vor dem ihr euch fürchtet, spricht der HERR; ihr sollt euch vor ihm nicht fürchten, denn ich will bei euch sein, dass ich euch helfe und von seiner Hand errette.12 Ich will euch Barmherzigkeit erweisen und mich über euch erbarmen und euch wieder auf eure Äcker bringen.

  Eine lange Zeit des Wartens – zehn Tage. Gottes Worte und Wegweisung stehen nicht einfach auf Abruf zur Verfügung. „Das bedeutet zehn Tage Bedenkzeit für die Bevölkerung.“(R. Then,, aaO. S.134) Aber dann ein klares Wort: Unterwerfung. Auslieferung auf die Hoffnung auf Gnade hin. Jeremia sagt nichts anderes als er schon seit Jahren sagt: Wenn ihr euch dem König von Babel unterwerft, wird es euch zum Leben dienen. Hier in der konkreten Gestalt: Im Land bleiben und sich dem Urteil des Königs von Babel unterstellen.

Aber es ist nicht einfach nur eine Aufforderung zum Bleiben. Sie ist verbunden mit einer Verheißung: ich will euch pflanzen und nicht ausreißen; denn es hat mich gereut das Unheil, das ich euch angetan habe. Das ist nicht weniger als die Ankündigung der Revision des Urteils Gottes. Es ist auch ein Rückgriff auf die Berufung des Jeremia. Er soll nicht nur „ausreißen und einreißen, zerstören und verderben,“ sondern auch „bauen und pflanzen.“ (1, 10) Es ist Zeit für diesen Teil des Auftrags an Jeremia.

Es ist die Ankündigung, dass Gott sich seinem Volk wieder zukehrt, zuwendet, heilsam und nicht mehr zum Gericht. Darum ist auch keine Furcht mehr vor dem König von Babel angesagt. Er ist Gottes Werkzeug und Gott wird ihn zum Werkzeug seiner Gnade an euch machen, so wie er ihn zuvor zum Werkzeug seines Gerichtes gemacht hat. Gottes Worte kommen nicht auf Bestellung – und sie ändern sich in ihrer Richtung auch nicht nach Belieben. Gott erwartet auch von diesem verzweifelten Haufen, dass sie sich dem Gericht stellen.

 13 Werdet ihr aber sagen: »Wir wollen nicht in diesem Lande bleiben«, und so der Stimme des HERRN, eures Gottes, nicht gehorchen 14 und werdet ihr sagen: »Nein, wir wollen nach Ägyptenland ziehen, dass wir weder Krieg sehen noch den Schall der Posaune hören noch Hunger nach Brot leiden müssen; dort wollen wir bleiben« -, 15 nun, so höret des HERRN Wort, ihr Übriggebliebenen von Juda! So spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels: Werdet ihr euer Angesicht nach Ägyptenland richten, um dorthin zu ziehen und dort zu wohnen, 16 so soll euch das Schwert, vor dem ihr euch fürchtet, in Ägyptenland treffen, und der Hunger, vor dem ihr euch sorgt, soll stets hinter euch her sein in Ägypten, und ihr sollt dort sterben. 17 Denn sie seien, wer sie wollen: Wer sein Angesicht nach Ägypten richtet, um dorthin zu ziehen und dort zu wohnen, der soll sterben durch Schwert, Hunger und Pest, und es soll keiner übrig bleiben noch dem Unheil entrinnen, das ich über sie kommen lassen will. 18 Denn so spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels: Gleichwie mein Zorn und Grimm über die Einwohner Jerusalems ausgeschüttet wurde, so soll er auch über euch ausgeschüttet werden, wenn ihr nach Ägypten zieht; und ihr sollt zum Fluch, zum Bild des Entsetzens, zur Verwünschung und zur Schande werden und diese Stätte nicht mehr sehen. 19 Das ist das Wort des HERRN an euch, die ihr übrig geblieben seid von Juda, dass ihr nicht nach Ägypten zieht.

             Die Alternative wird klar benannt: Der Weg nach Ägypten ist ein „weiter so“ auf der Spur des Ungehorsams. Es ist die Flucht vor den Konsequenzen und damit ein Rennen in das eigene Unglück. Weil es die verweigerte Annahme des Urteils Gottes ist, ist es ein Weg ins Verderben, in den Untergang. Ägypten ist nicht der Ort der Rettung. „Alle Flucht in der Hoffnung, sich retten zu können, hilft nichts, wenn sie gegen den Willen Gottes durchgesetzt wird.“ (R. Then, aaO. S.135) Der Ort der Rettung ist Gott.

Darum erkennt, dass ich euch heute gewarnt habe; 20 denn ihr selbst habt euer Leben in Gefahr gebracht, weil ihr mich gesandt habt zum HERRN, eurem Gott, und gesagt: Bete zum HERRN, unserm Gott, für uns, und alles, was der HERR, unser Gott, sagen wird, tu uns kund, so wollen wir danach tun. 21 Das habe ich euch heute wissen lassen; aber ihr wollt der Stimme des HERRN, eures Gottes, nicht gehorchen noch allem, was er euch durch mich befohlen hat. 22 So sollt ihr denn wissen, dass ihr durch Schwert, Hunger und Pest sterben müsst an dem Ort, wohin ihr zu ziehen gedenkt, um dort zu wohnen.

    Das harte Wort Gottes heißt: Ihr habt die Wahl gehabt. Ihr konntet euch entscheiden – so wie Josua einst, zwischen Fluch und Segen. Ihr habt euch selbst gebunden. Und jetzt diesem Wort nicht zu folgen ist nur ein weiterer Schritt auf dem Weg des Ungehorsams, der den Untergang schon Jerusalems bewirkt hat und der auch euch in den Untergang reißen wird.

 Es sind klare Alternativen: Im Land bleiben ist das Vertrauen auf die Gnade, die wir nicht in der Hand haben. Nach Ägypten gehen ist weitermachen als die Macher, die sich selbst mehr vertrauen und zutrauen als dem Gott der Väter. Bleiben ist das Eingeständnis: wir haben nichts als die Gnade, auf die wir trauen können – Gnade aus der Hand Gottes durch das Handeln eines fremden Herrschers.

  Zum Weiterdenken

    Dem Weg Gottes zu folgen wird in guter Weg sein. Damals für Verzweifelte in Israel. Heute für uns. Aber aus der Selbstverpflichtung mit Tun werden, sonst ist sie in den Wind gesprochen. Das alles macht mit nachdenklich, auch und gerade im Blick auf mich selbst. Weil ich ahne, spüre, weiß: es ist eines, Sätze über Gott und Glauben zu sagen. Es ist etwas anderes, solche Sätze auch wirklich zu leben. Sie das eigene Leben bestimmen zu lassen Gehorsam einzuüben, Glauben zu bewähren. Das Ja zu den Wegen Gottes wird in tausend kleinen Schritten auf dem Weg gelebt – oder es ist nur ein schöner Spruch.

  Was für eine Herausforderung. Ob wir sie heute besser bestehen würden? Wo fordert Gott von uns das Vertrauen auf die fremde Gnade?

        Ich stelle mir die Frage, wo wir unsere Flucht einstellen müssten, wo es für uns gelten könnte: Sich bergen in Gott, statt einen Ausweg im Mauseloch zu suchen? Für den Weg meiner Kirche, die auf Anpassung setzt – müsste sie lernen, wieder weltfremd und Gottkonform zu werden?  Was kann ich dafür tun – ein Mann ohne Einfluss und Amt, eine Stimme in der Einsamkeit des Vogelsberges? Und: Was könnte das heißen, für uns heute, Gnade aus fremden Händen? Ich weiß es nicht.

 

Gott, manchmal scheint Flucht der einzige Weg. Bleiben ist wie Selbstmord. Manchmal ist der, der zum Bleiben auffordert, ein einsamer Rufer. Wie erkenne ich, was dran ist – Flüchten oder Standhalten, Weggehen oder bleiben? Bewahre mich vor lieblosen Urteilen über die, die geflüchtet sind und über die, die geblieben sind.

Ich bin angewiesen auf Stimmen von außen, wenn mein eigenes Herz nur noch verwirrt ist. Ich bin angewiesen auf ein Hören, das unter den vielen Stimmen Deine Stimme hört und dann auch gehorcht. Amen

 

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