Nichts ist mehr heilig

Jeremia 41, 1 – 18

1 Aber im siebenten Monat kam Jischmael, der Sohn Netanjas, des Sohnes Elischamas, aus königlichem Stamm, einer von den Obersten des Königs, und zehn Männer mit ihm zu Gedalja, dem Sohn Ahikams, nach Mizpa und sie aßen dort in Mizpa miteinander. 2 Und Jischmael, der Sohn Netanjas, erhob sich samt den zehn Männern, die bei ihm waren, und sie erschlugen Gedalja, den Sohn Ahikams, des Sohnes Schafans, mit dem Schwert, weil ihn der König von Babel über das Land gesetzt hatte. 3 Auch erschlug Jischmael alle Judäer, die bei Gedalja waren in Mizpa, und die Chaldäer, die dort waren, sämtliche Kriegsleute.

            Was für eine verworrene Geschichte.  Warum geschieht das alles? „Kaum zwei Monate war Gedalja Statthalter, da fiel er durch Mörderhand.“ (A. Weiser, aaO. S.355) Der Text schweigt sich über die Motive des Jischmael aus. Er ist ein Davidide, aus dem Königsgeschlecht. Ist also das der Grund, dass er Gedalja, dem Statthalter der Chaldäer, seine Position neidet? Will er den Wiederaufbau hintertreiben, weil er eine andere Sicht hat? Soviel steht fest: „Der Mord an Gedalja hat weitreichende Folgen. Er bedeutet den Zusammenbruch des verheißungsvoll begonnen Wiederaufbaus des neuen Gemeinwesens.“(A. Weiser, ebda.) Es ist ein gefährliches Spiel und nicht nur ein innerjüdischer Konflikt. Er bringt auch alle Chaldäer mit um, die bei Gedalja waren. Das hat den Geschmack von Aufstandsversuch gegen die Besatzung.

4 Am andern Tage, nachdem Gedalja erschlagen war und es noch niemand wusste, 5 kamen achtzig Männer von Sichem, von Silo und von Samaria und hatten die Bärte abgeschoren und ihre Kleider zerrissen und sich wund geritzt und trugen Speisopfer und Weihrauch mit, um es zum Hause des HERRN zu bringen. 6 Und Jischmael, der Sohn Netanjas, ging heraus von Mizpa ihnen entgegen, ging und weinte. Als er nun an sie herankam, sprach er zu ihnen: Ihr sollt zu Gedalja, dem Sohn Ahikams, kommen. 7 Als sie aber mitten in die Stadt kamen, ermordete sie Jischmael, der Sohn Netanjas, er und die Männer, die bei ihm waren, und warfen sie in die Zisterne. 8 Aber es waren zehn Männer darunter, die sprachen zu Jischmael: Töte uns nicht; wir haben Vorrat im Acker verborgen liegen an Weizen, Gerste, Öl und Honig. Da ließ er ab und tötete sie nicht mit den andern. 9 Die Zisterne aber, in die Jischmael die Leichname der Männer warf, die er erschlagen hatte samt dem Gedalja, ist die, welche der König Asa hatte anlegen lassen im Krieg gegen Bascha, den König von Israel. Die füllte Jischmael, der Sohn Netanjas, mit den Erschlagenen.

            Jetzt wird es völlig unverständlich. Der alte Kultbrauch der Wallfahrt nach Jerusalem zum Herbstfest, das als das große Jahresfest Jahwes galt, wurde von Angehörigen des ehemaligen Nordreiches noch gepflegt.“(A. Weiser, aaO. S.356) Unter diesen Pilgern richtet Jischmael ein Blutbad an. Dieser Mord an den Pilgern riecht nach Blutrausch. Sie sind auf dem Weg nach dem zerstörten Jerusalem, keine Gefahr für Jischmael. Wahrscheinlich wissen sie auch nichts von dem Geschehen in Mizpa – und werden unschuldig Opfer eines Menschen, der keine Skrupel kennt. Zehn von ihnen retten ihr Leben, indem sie ihm ihre Vorräte übergeben.

            Meine Frage: Tobt sich hier das ethische Chaos nach dem Untergang aus? Folgt sozusagen auf die politische die moralische Katastrophe? Diese Untat ist „zur plumpen, sinnlosen und kleinlichen Befriedigung des Machtbedürfnisses eines kleinen Mannes geworden.“ (D. Schneider, aaO.  S.320) Dass Kriege Seelen verrohen lassen, wissen wir hinlänglich. Dass und wie es in Bürgerkriegen und instabilen Verhältnissen zu völlig unsinniger Gewalt kommen kann, wird hier beschrieben.

10 Und Jischmael, der Sohn Netanjas, führte das Volk, das in Mizpa übrig geblieben war, gefangen weg: die Königstöchter samt allem Volk, über das Nebusaradan, der Oberste der Leibwache, Gedalja, den Sohn Ahikams, gesetzt hatte; und er zog hin und wollte hinüber zu den Ammonitern.

 Es scheint so, als habe Jischmael bei den Ammonitern eine Aktions-Basis, als wolle er von dort aus agieren. Darum sucht er mit seinen Leuten und den Gefangenen, die er gemacht hat, den Weg dorthin. Ob die Königstöchter dem fernen Verwandten freundlich gesinnt waren und ihm gerne folgten? Ich glaube, dass hier viel Angst mit auf dem Weg ist.

11 Als aber Johanan, der Sohn Kareachs, und alle Hauptleute des Heeres, die bei ihm waren, von all dem Bösen erfuhren, das Jischmael, der Sohn Netanjas, begangen hatte, 12 nahmen sie zu sich alle Männer und zogen hin, um mit Jischmael, dem Sohn Netanjas, zu kämpfen, und trafen ihn an dem großen Wasser bei Gibeon. 13Als nun alles Volk, das bei Jischmael war, den Johanan, den Sohn Kareachs, erblickte samt allen Hauptleuten des Heeres, die bei ihm waren, da wurde es froh. 14 Und das ganze Volk, das Jischmael von Mizpa weggeführt hatte, wandte sich um und ging zu Johanan, dem Sohn Kareachs, über. 15 Aber Jischmael, der Sohn Netanjas, entrann mit acht Männern dem Johanan und zog zu den Ammonitern. 16 Und Johanan, der Sohn Kareachs, samt allen Hauptleuten des Heeres, die bei ihm waren, nahm zu sich das übrig gebliebene Volk, das Jischmael, der Sohn Netanjas, aus Mizpa weggeführt hatte, nachdem er Gedalja, den Sohn Ahikams, erschlagen hatte, nämlich die Kriegsleute, die Frauen und Kinder und Hofleute, die er von Gibeon zurückgebracht hatte.

  Da liegt ein Volk am Boden und jetzt kämpfen sie auch noch gegeneinander. Die einen, die sich für groß erachten, führen ihre Trüppchen gegen die anderen, die sich für groß erachten. Gott sei Dank – möchte man sagen – kommt es nicht zum Kampf. Der Bösewicht Jischmael steht plötzlich mit seinen Getreuen allein und sucht sein Heil in der Flucht. Die anderen sind aus ihrer Geiselnahme befreit.

17 Und sie zogen hin und kehrten ein in der Herberge Kimhams bei Bethlehem, um von dort nach Ägypten zu ziehen 18 aus Furcht vor den Chaldäern. Denn sie fürchteten sich vor ihnen, weil Jischmael, der Sohn Netanjas, Gedalja, den Sohn Ahikams, erschlagen hatte, den der König von Babel über das Land gesetzt hatte.

       Nur die Angst bleibt. Es ist eine Scheinbefreiung. Der Weg, den die Angst diktiert, ist kein Weg in die Freiheit. Die Angst wandert immer mit. Wirkliche Freiheit gibt es nur, wo keine Furcht ist, keine Angst. Hier aber regiert offensichtlich die Frage: Was werden die Chaldäer tun, wenn sie von dem Mord an ihren Leuten hören? So viel Differenzierung traut man ihnen offensichtlich nicht zu, dass sie sagen: Es gibt böse Juden und gute Juden. Das ist die Tat eines Irren – aber nicht alle sind irr. Die Angst vor denen, die in Sippenhaftung nehmen könnten, schürt die Furcht und treibt in die Flucht. Erschrocken über sich selbst, entsetzt über das Geschehen scheint die Flucht nach Ägypten die einzige Möglichkeit.

            Es wird nicht die letzte Flucht nach Ägypten bleiben, die durch eine wahnsinnige Mord-Geschichte ausgelöst wird.

Zum Weiterdenken

  Bürgerkrieg. Was hier beschrieben wird, ist absurd. Es ist fatal: Aber was hier erzählt wird, scheint mir wie eine Blaupause für das, was heute in Syrien, im Jemen, in Libyen, in der Ostukraine und dem Irak abgeht. Wir sehen es im Fernsehen in den Nachrichten und stehen entsetzt da und haben keine Chance, diesem mörderischen Treiben ein Ende zu setzen. Es ist also nicht so absurd, dass wir es nicht alltäglich wieder sehen würden – es ist die Realität, in der auch heute noch gelebt und gestorben wird. Nur ein paar Flugstunden von uns entfernt.

  Sind wir also nicht weitergekommen – trotz aller Sehnsucht nach Frieden? Si vis pacem, para bellum. Wenn du Frieden willst, bereite dich auf dem Krieg vor. Das ist die Logik, die bis heute weltweit zu gelten scheint. Und wir, die Christenheit, sind nicht in der Lage, eine andere Logik in das Weltgeschehen einzubringen. Weil wir immer noch zu sehr mit den Mächtigen verbandelt sind? Mit den National-Interessen?

 

Heiliger, barmherziger Gott, ich habe so viele Krimis, Thriller, Mafia-Geschichten gesehen. Und doch erschrecke ich vor dieser maßlosen Gewalt, dieser Missachtung des Menschenlebens. Alles, was Zusammenleben schützt, wird über Bord geworfen. Gastfreundschaft wird missachtet. Pilger werden getäuscht und ermordet. Nichts ist mehr heilig – in Deinem Volk? Sie haben doch nicht aufgehört, Dein Volk zu sein.

Gott, gib mir ein Herz, das Dich nie vergisst  und deshalb auch die Achtung des Lebens nie vergisst – auch nicht im Chaos und im Untergang aller Werte. Amen

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