Der Weg wird steinig sein,

Jeremia 40, 1 – 16

1 Dies ist das Wort, das vom HERRN geschah zu Jeremia, als ihn Nebusaradan, der Oberste der Leibwache, losließ in Rama, wo er ihn gefunden hatte; denn er war auch, mit Fesseln gebunden, unter allen Gefangenen aus Jerusalem und Juda, die nach Babel weggeführt werden sollten. 2 Als nun der Oberste der Leibwache Jeremia hatte zu sich holen lassen, sprach er zu ihm: Der HERR, dein Gott, hat dies Unglück über diese Stätte vorhergesagt 3 und hat’s auch kommen lassen und getan, wie er geredet hat; denn ihr habt gesündigt wider den HERRN und seiner Stimme nicht gehorcht; darum ist euch solches widerfahren.

            Ein großer Feldherr und ein kleiner Kriegsgefangener – größer kann der Kontrast kaum sein. Einer, der Tausende kommandiert und der andere, der gebunden in der Reihe derer steht, die auf ihren Abtransport ins Exil warten. Zu Fuß natürlich, ein paar tausend Kilometer weit. Der eine ein Sieger, der andere ein Jude, wie sie zu Tausenden gestorben sind beim Fall Jerusalems. Es wirkt realistisch: Unter dem großen Haufen der Gefangenen hat Nebusaradan den einen Gefangenen, Jeremia gefunden, in Rama. Es gab so etwas wie einen Suchauftrag: Findet Jeremia. Und der Auftrag hat Erfolg.

            Und dann aus dem Mund des Siegers Worte, wie sie der Prophet gesagt hatte. Er bekommt von dem heidnischen Sieger „Recht“: Dein Gott hat seine Stadt fallen lassen. Dein Gott hat die Sünde seines Volkes gestraft. Heißt das, dass Nebusaradan indirekt sagt: „Ich erkenne, dass unser Sieg Gabe dieses Gottes ist?“ Heißt das, dass da einer spürt: Wir hätten Jerusalem nicht erobern können, wenn es sich im Gehorsam und im Vertrauen in die Treue Gottes geborgen hätte? „Was die Judäer später in Babylon immer wieder reumütig bekennen müssen: Gott selbst hat uns in die Gefangenschaft geführt – ein Heide ist es, der es ihnen vorspricht.“ (D. Schneider, aaO.  S.315) 

Man muss das nicht zu gewichtig nehmen. Und doch: Ist das so etwas wie ein Gottesbekenntnis durch einen Heiden – schon im Alten Testament? Ähnliche Worte der Anerkennung des Gottes Israels findet sich im Mund des König Darius: „Das ist mein Befehl, dass man überall in meinem ganzen Königreich den Gott Daniels fürchten und scheuen soll. Denn er ist ein lebendiger Gott, der ewig bleibt, und sein Reich ist unvergänglich, und seine Herrschaft hat kein Ende. Er ist ein Retter und Nothelfer, und er tut Zeichen und Wunder im Himmel und auf Erden. Der hat Daniel von den Löwen errettet.“ (Daniel 6,27-28) Eine frühe Parallele zu dem römischen, heidnischen Hauptmann unter dem Kreuz Jesu? Eine Ausweitung: Gottes Wege in der Geschichte zu erkennen ist nicht Exklusivrecht der Juden, der Frommen? Manchmal sieht eine Heide mehr.

4 Und nun siehe, ich mache dich heute los von den Fesseln, mit denen deine Hände gebunden waren. Gefällt dir’s, mit mir nach Babel zu ziehen, so komm, du sollst mir befohlen sein. Gefällt dir’s aber nicht, mit mir nach Babel zu ziehen, so lass es sein. Siehe, du hast das ganze Land vor dir; wo dich’s gut dünkt und dir’s gefällt, da zieh hin. 5 Denn weiter hinaus wird kein Wiederkehren möglich sein. Darum magst du umkehren zu Gedalja, dem Sohne Ahikams, des Sohnes Schafans, den der König von Babel über die Städte in Juda gesetzt hat, und bei ihm bleiben unter dem Volk; oder geh, wohin dir’s gefällt. Und der Oberste der Leibwache gab ihm Wegzehrung und Geschenke und ließ ihn gehen. 6 So kam Jeremia zu Gedalja, dem Sohne Ahikams, nach Mizpa und blieb bei ihm unter dem Volk, das im Lande noch übrig geblieben war.

            Aber es bleibt nicht bei den Worten, die Jeremia bestätigen. Der Feldherr hat eine andere Botschaft: Du bist frei. Du kannst gehen, wohin Du willst. Der Sieger löst dem Besiegten die Fessel und gibt ihm die Wahl frei: Exil oder Heimat, – das ganze Land steht dir offen.  Es ist wie in dem Gespräch zwischen Abraham und Lot: Sieh, wohin du gehen willst – du bist frei. Du bist dein eigener Herr und wählst dir, was du willst.

            Siehe, du hast das ganze Land vor dir; wo dich’s gut dünkt und dir’s gefällt, da zieh hin.. Kein Druck. Angebote. Mitgehen nach Babylon unter der Obhut des Nebusaradan. Oder im Land bleiben. Wo immer er will. Auch eine Empfehlung gibt er ihm: Wenn du im Land bleibst, gehe zu Gedalja, dem Sohne Ahikams, dem Statthalter Nebukadnezars. Aber noch einmal, um nur jede Beeinflussung zu vermeiden: geh, wohin dir’s gefällt. Der freigelassene Gefangene hat die freie Wohnsitz-Wahl – das ist mehr, als heute Hundertausende haben.

            Was dann folgt, ist heute kaum vorstellbar. Keine Emotion des Jeremia wird erzählt, kein Jubelruf, keine Freudentränen. Nur, knapp, nüchtern: „So kam Jeremia zu Gedalja, nach Mizpa.“ Es ist dem biblischen Bericht offensichtlich nicht wichtig, was Jeremia empfunden haben mag. Wichtig ist, welche Schritte er tut. Er wählt den Platz bei dem niederen Volk, in der vermeintlichen Perspektivlosigkeit.

Ob Mizpa als Regierungssitz Gedaljas eine zufällige Wahl ist? Es ist die alte Stadt der Sammlung Israels: „Da nahm Samuel einen Stein und stellte ihn auf zwischen Mizpa und Schen und nannte ihn »Eben-Eser« und sprach: Bis hierher hat uns der HERR geholfen.“(1. Samuel 7,12) Der Ort, an dem Samuel das Volk richtet. Ein Neuanfang von der alten Stätte des Rechtes aus – so könnte man vermuten.

7 Als nun die Hauptleute, die noch im Lande verstreut waren, samt ihren Leuten erfuhren, dass der König von Babel Gedalja, den Sohn Ahikams, über das Land gesetzt hatte und über die Männer, Frauen und Kinder und über die Geringen im Lande, die nicht nach Babel weggeführt waren, 8 kamen sie zu Gedalja nach Mizpa, nämlich Jischmael, der Sohn Netanjas, Johanan und Jonatan, die Söhne Kareachs, und Seraja, der Sohn Tanhumets, und die Söhne Efais von Netofa und Jaasanja, der Sohn eines Maachatiters, samt ihren Leuten. 9 Und Gedalja, der Sohn Ahikams, des Sohnes Schafans, schwor ihnen und ihren Leuten einen Eid und sprach: Fürchtet euch nicht, den Chaldäern untertan zu sein; bleibt im Lande und seid dem König von Babel untertan, so wird’s euch wohlgehen. 10 Siehe, ich bleibe hier in Mizpa und habe die Verantwortung vor den Chaldäern, die zu uns kommen; ihr aber sollt Wein und Feigen und Öl ernten und in eure Gefäße tun und sollt in euren Städten wohnen, die ihr wieder in Besitz genommen habt. 11Und als die Judäer, die im Lande Moab und Ammon und in Edom und in allen Ländern waren, hörten, dass der König von Babel einen Rest in Juda übrig gelassen und über sie Gedalja gesetzt hatte, den Sohn Ahikams, des Sohnes Schafans, 12 da kamen auch sie alle zurück aus allen Orten, wohin sie verstreut waren, in das Land Juda zu Gedalja nach Mizpa und ernteten sehr viel Wein und Sommerfrüchte.

             „Dass die Wahl der Babylonier auf Gedalja fiel, bedeutet das Ende der davidischen Dynastie, das Jeremia vorausgesagt hatte.“(A. Weiser, aaO.  S.353)  Es ist, als hätte Gedalja in der Schule des Jeremia gesessen und würde jetzt seine Worte wiederholen: Wenn ihr euch den Chaldäern unterwerft, wird es gut werden. Wenn ihr euch einfindet in das Leben, das jetzt vor euch liegt, werdet ihr neue Perspektiven gewinnen. Ihr könnt euer Land neu gestalten – aber nicht mit den fatalen Träumen der Vergangenheit, sondern nur mit der Anerkennung der Niederlage. Aber wir haben die Chance zu einem Neuanfang, zu einem Alltag, der nicht mehr fruchtlos ist: Ihr sollt Wein und Feigen und Öl ernten und in eure Gefäße tun und sollt in euren Städten wohnen. Es kommt wirklich, wie es Gedalja verspricht: Das Land trägt reichlich Frucht, als hätte Gottes Erbarmen ein Einsehen mit der Not der Zurückgekehrten.  Es ist leicht zu überlesen: hier beginnt schon eine Rückkehrbewegung – Flüchtlinge aus Moab, Ammon und Edom finden den Weg in die alte Heimat. Sie wollen mithelfen bei dem Projekt Wederaufbau.

      Mich erinnert das so stark an den Neuanfang in Deutschland nach 1945. Auch da war der einzig mögliche Weg: Eingestehen, dass wir als Folge unserer Schuld am Boden sind. Nicht nur: wir haben verloren. Nein – wir sind die Schuldigen an dem Elend, in dem wir uns wiederfinden. Sich einfinden in die Situation, wie sie jetzt ist und den falschen Träumen den Abschied geben.

13 Aber Johanan, der Sohn Kareachs, und alle Hauptleute, die im Lande verstreut gewesen waren, kamen zu Gedalja nach Mizpa 14 und sprachen zu ihm: Weißt du auch, dass Baalis, der König der Ammoniter, Jischmael, den Sohn Netanjas, gesandt hat, dass er dich erschlagen soll? Das wollte ihnen aber Gedalja, der Sohn Ahikams, nicht glauben. 15 Da sprach Johanan, der Sohn Kareachs, zu Gedalja heimlich in Mizpa: Ich will hingehen und Jischmael, den Sohn Netanjas, erschlagen, dass es niemand erfahren soll. Warum soll er dich erschlagen, sodass alle Judäer, die bei dir versammelt sind, zerstreut werden und, die noch aus Juda übrig geblieben sind, umkommen? 16 Aber Gedalja, der Sohn Ahikams, sprach zu Johanan, dem Sohn Kareachs: Du sollst das nicht tun; es ist nicht wahr, was du von Jischmael sagst.

             Es ist erschreckend, wie die Gewaltbereitschaft in den Herzen sitzt. Der Ammoniterkönig Baalis spielt das Machtspiel weiter. Von ihm soll ein Mordplan gegen Gedalja ausgehen, vielleicht, „weil er bedacht war, den judäischen Nachbarstaat nicht wieder hochkommen zu lassen.“ (A. Weiser, aaO.  S.354) Es gibt also Männer die sich nach der Katastrophe verhalten, als hätten sie nichts gelernt. Immer noch ist da der Glaube: Gewalt löst Probleme. Gewalt schafft den Zugang zur Macht und/oder hilft, die Macht zu sichern. Statt Neuanfang suchen Menschen wie Johanan und Ismael auf den alten Wegen, was nur tiefer ins Elend führen kann.

            Wie viele sind bis heute ihre Nachfolger, ohne auch nur ihren Namen zu kennen. Aber der Glaube hält sich – politisch und gesellschaftlich:  Gewalt löst Probleme. Gewalt schafft den Zugang zur Macht und/oder hilft, die Macht zu sichern. Es ist ein fataler Irrglaube, auch wenn er auf der Straße noch so viele Anhänger findet. Es macht mir Angst, weil ich weiß: Die gewalttätige Sprache ist nur der Anfang der Gewalt, die eine Blutspur hinter sich her zieht.

            Es spricht – so denke ich – für Gedalja, dass er dieses Spiel von Gewalt und Gegenwalt, von Mord als Mittel zum Machterhalt, als Präventiv-Maßnahme nicht mitspielen will, dass er den Vorschlag Johanans zurückweist. „Auf Unrecht und Meuchelmord die Zukunft des Volkes zu bauen, ist für diesen echten Staatsmann ein unmöglicher Gedanke.“  (A. Weiser, aaO. S.355) Es spricht gegen ihn, dass er gar nicht auf die Idee kommt, an den Gerüchten und Informationen könnte etwas dran sein. Er müsste doch wissen, dass er gefährdet ist, dass ihn manche für einen Kollaborateur halten, einen Verräter, eine Marionette der Chaldäer.  Dass er deshalb ein Hass-Objekt erster Güte sein wird.

Zum Weiterdenken

            Manchmal ist es nicht wichtig, wie und was wir empfinden, sondern nur, ob wir durch die offene Tür gehen, ob wir uns trauen, den ersten Schritt auf einem langen, womöglich steinigen Weg zu gehen, ob wir es wirklich wagen, das offene Land vor uns anzunehmen. Was immer die Bibel über Sündenvergebung erzählt – darum geht es allemal: Nicht, dass wir moralisch reingewaschen werden, sondern dass wir dieses Geschenk: du hast einen neuen Weg vor dir offen, ergreifen.

 

Gott, Du öffnest uns Türen, zeigst uns neue Wege, schenkst uns die Möglichkeit zu neuen Schritten. Du lässt uns hören: Das Land liegt offen vor Dir. Wähle, was Du willst. Was immer Du wählst – der Weg wird steinig sein, Dir Kraft abverlangen.

Und doch: Das ist der Weg, auf dem Du, Gott,  mir entgegen kommst, von dem Du mir sagst: So kommst Du Deinem Zuhause nahe. Du bist frei. Tue den ersten Schritt.  Amen

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