Das nackte Leben – bewahrt

Jeremia 39, 1 – 18

 1 Denn im neunten Jahr Zedekias, des Königs von Juda, im zehnten Monat kam Nebukadnezar, der König von Babel, und sein ganzes Heer vor Jerusalem und belagerten es. 2 Und im elften Jahr Zedekias, am neunten Tage des vierten Monats, brach man in die Stadt ein. 3 Und alle Obersten des Königs von Babel zogen hinein und hielten unter dem Mitteltor, nämlich Nergal-Sarezer, der Fürst von Sin-Magir, der Oberhofmeister, und Nebuschasban, der Oberkämmerer, und alle andern Obersten des Königs von Babel.

             „Nach eineinhalbjähriger Belagerung gelang es den Babyloniern im August des Jahres 587, in die Mauer, der durch die Hungersnot geschwächten Stadt eine Bresche zu legen, durch welche die Belagerer eindrangen.“ (A. Weiser, aaO. S.346) Der Einzug in die Stadt ist mehr ein Triumphzug als eine militärische Operation. Das zeigt sich schon n der Aufzählung der hohen Herrschaften bei den Chaldäern, die in die Stadt einziehen. Sie kämen nicht, nicht so offen, wenn die Lage nicht längst eindeutig geklärt wäre

 4 Als nun Zedekia, der König von Juda, und seine Kriegsleute das sahen, flohen sie bei Nacht zur Stadt hinaus auf dem Wege zu des Königs Garten durchs Tor zwischen den beiden Mauern und entwichen zum Jordantal hin. 5 Aber die Kriegsleute der Chaldäer jagten ihnen nach und holten Zedekia ein im Jordantal von Jericho und nahmen ihn gefangen und brachten ihn zu Nebukadnezar, dem König von Babel, nach Ribla, das im Lande Hamat liegt.

            Der König wird nicht zum heroischen Helden, der in der Schlacht fällt. „Offenbar war der Ring um die Stadt nicht ganz geschlossen, so dass der König Zedekia mit seiner Familie zunächst unbemerkt die Stadt verlassen konnte.“(D. Schneider, aaO. S.314) Es passt zu diesem glücklosen König, dass die Flucht scheitert. Er und seine Leibwache werden im Jordantal gefangen gesetzt.  

 Der sprach das Urteil über ihn. 6 Und der König von Babel ließ die Söhne Zedekias vor seinen Augen töten in Ribla und tötete auch alle Vornehmen Judas.7 Aber Zedekia ließ er die Augen ausstechen und ihn in Ketten legen, um ihn nach Babel zu führen. 8 Und die Chaldäer verbrannten das Haus des Königs und die Häuser der Bürger und rissen die Mauern Jerusalems nieder.

            Das Ende der Verblendung ist Untergang und Blendung. Die Stadt Jerusalem fällt, ihre Mauern werden geschleift, ihre Häuser zerstört. Das letzte, was Zedekia sieht, ist die Hinrichtung seiner Söhne. Dann wird Zedekia geblendet. So, ein gebrochener, hilfloser Mann, wird er nach Babylon verschleppt. In welchem Dunkel er von nun an in Babylon lebt, mag ich mir kaum vorstellen – das innere Dunkel wird noch tausendmal schlimmer sein als das Dunkel der Augen.

 9 Was aber noch an Volk in der Stadt war und wer sonst zu ihnen übergelaufen war, die führte Nebusaradan, der Oberste der Leibwache, alle miteinander gefangen nach Babel. 10 Aber von dem niederen Volk, das nichts hatte, ließ zur selben Zeit Nebusaradan, der Oberste der Leibwache, etliche im Lande Juda zurück und gab ihnen Weinberge und Felder.

            Die Königsdynastie ist ausgelöscht. Die Oberschicht wird verschleppt. „Um mögliche Herde für kommende Aufstände schon im Keim zu ersticken, reißt Nebukadnezar die Bevölkerung auseinander.“ (D. Schneider, ebda.) Verschont, wenn man das so nennen will, werden ein paar kleine Leute. Ackerbauern, Weinbergarbeiter. Keine großen Köpfe. Keine große Perspektive mehr für ein Volk, das einmal in dieses Land gekommen war, wo Milch und Honig fließt.

 11 Aber Nebukadnezar, der König von Babel, hatte Nebusaradan, dem Obersten der Leibwache, Befehl gegeben wegen Jeremia und gesagt: 12 Nimm ihn und lass ihn dir befohlen sein und tu ihm kein Leid, sondern wie er’s von dir begehrt, so mach’s mit ihm.13 Da sandten hin Nebusaradan, der Oberste der Leibwache, und Nebuschasban, der Oberkämmerer, Nergal-Sarezer, der Oberhofmeister, und alle Obersten des Königs von Babel 14 und ließen Jeremia aus dem Wachthof holen und übergaben ihn Gedalja, dem Sohn Ahikams, des Sohnes Schafans, dass er ihn nach Hause gehen ließe. Und so blieb er unter dem Volk.

            Aber das Chaos mag noch so groß sein, der Untergang noch so tief – Gott lässt den Einzelnen nicht fallen. Es klingt wie ein Märchen: Der König, der eine Stadt in Schutt und Asche legen lässt, eine Königsfamilie gnadenlos auslöscht, der sorgt für den Propheten Gottes, für Jeremia. Es bleibt der Phantasie überlassen, sich auszudenken, was Nebukadnezar zu diesem Befehl gebracht hat. Hat er durch Überläufer von den Worten des Jeremia gehört? Wir wissen es nicht.

Was wir wissen, weil wir es lesen: Seine hohen Beamten sorgen sich auf Befehl Nebukadnezars auch tatsächlich um diesen Gefangenen, der ihnen doch im Normalfall als einer mehr unter diesen Judäern herzlich gleichgültig wäre. Wenn nicht gar verhasst, weil er mit seinen Unheils-Prophezeiungen Recht behalten hast. Sie lassen ihn herausholen und geben ihm völlig freie Hand, was er tun will. Und Jeremia weiß, wo sein Platz ist: Bei dem geschlagenen, geschundenen, perspektivlosen Haufen.

 15 Es war auch des HERRN Wort geschehen zu Jeremia, als er noch im Wachthof lag: 16 Geh hin und sage Ebed-Melech, dem Mohren: So spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels: Siehe, ich will meine Worte kommen lassen über diese Stadt zum Unheil und nicht zum Heil, und du sollst es sehen zur selben Zeit. 17 Aber dich will ich erretten zur selben Zeit, spricht der HERR, und du sollst den Leuten nicht ausgeliefert werden, vor denen du dich fürchtest. 18 Denn ich will dich entkommen lassen, dass du nicht durchs Schwert fällst, sondern du sollst dein Leben wie eine Beute davon bringen, weil du mir vertraut hast, spricht der HERR.

    Noch einer wird bewahrt: Ebed-Melech. Bewahrt, weil er dem Boten Gottes das Leben gerettet hat. Treue gegen Treue – so könnte man das nennen. Gott beantwortet das Vertrauen dieses Mannes mit seiner Sorge für ihn. Das hatte Jeremia dem Mann, der ihn vor dem Hungertod bewahrt hat, angekündigt.

            Es ist ein harter Kontrast, der sich hier zeigt: Der König wird ein Opfer seiner Verblendung. Er, der von der Furcht beherrscht dem Wort Gottes nicht traute, erleidet, was in seinen ärgsten Albträumen nicht voraus zu sehen war. Der Prophet dagegen, der es, oft gegen seine eigene Gefühlslage in den harten Worten Gottes ausgehalten hat, wird bewahrt. Und er darf obendrein dem unbedeutenden Mohren, der Menschlichkeit und Erbarmen bewährt hat, seine Bewahrung ansagen. Es könnte sein, dass dieser Kontrast erzählerisch beabsichtigt ist.

Zum Weiterdenken

            Ob es zu fromm ist: Auch im größten Untergang verliert Gott den einzelnen Menschen nicht aus den Augen. Auch im größten Untergang sagt Gott nicht: auf einen mehr oder weniger kommt es nicht an. Mitten in der Katastrophe bringt einer sein Leben wie eine Beute davon – nicht mehr als das nackte Leben. Aber das immerhin.

      Mitten in em Chaos der Pandemie tun Leute ihre Arbeit. Sie schonen sich nicht, sie minimieren Ansteckungsrisiken, aber sie können das Risiko nicht ausschalten. Nicht zu 100%.  Ob sie das alles tun, weil sie auf Beifall hoffen, auf einen Bonus? Oder ob sie einfach nur ihre Arbeit machen?

Ohne die Rettung meines Vaters im Untergang, damals im Schützengraben von Stalingrad, mit Kopfschuss, gäbe es mich nicht. Vielleicht lohnt es sich, dem auch einmal in einer reichen und satten Gesellschaft nachzuspüren: Wo ist einem das nackte Leben bewahrt worden und daraus eine Geschichte geworden, die zur Dankbarkeit leitet?

Gott. Du siehst nicht nur die Vielen, nicht nur das große Ganze. Du siehst auch im Chaos den Einzelnen, der Angst hat, sich fürchtet, um sein Leben bangt. Du hältst die Treue, gibst nicht preis, gehst mit, auch mit in die dunklen Täler und Todesschluchten. Du lässt keinen allein, auch die nicht, die sich ganz allein vorkommen, von der Welt vergessen, preisgegeben an Gewalt und Tod.

Damit ich das glauben kann, bist Du in das Dunkel des Todes gegangen, dahin, wo wir rufen: ein Gott, warum hast Du mich verlassen? Auch da bist Du da und hältst fest bei Dir. Amen

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