Aufgeben? Nie!

Jeremia 38, 14 – 28

 14 Und der König Zedekia sandte hin und ließ den Propheten Jeremia zu sich holen unter den dritten Eingang am Hause des HERRN. Und der König sprach zu Jeremia: Ich will dich etwas fragen; verbirg mir nichts! 15 Jeremia sprach zu Zedekia: Sage ich dir etwas, so tötest du mich doch; gebe ich dir aber einen Rat, so gehorchst du mir nicht. 16 Da schwor der König Zedekia dem Jeremia heimlich und sprach: So wahr der HERR lebt, der uns dies Leben gegeben hat: Ich will dich nicht töten noch den Männern in die Hände geben, die dir nach dem Leben trachten.

            Wieder sucht Zedekia den Kontakt zu dem Propheten. Wieder heimlich. Wenn man so will: am Hintereingang. „Offenbar fühlt sich der König in seinem eigenen Schloss nicht mehr sicher, dass er, um unbeobachtet zu sein, den Jeremia an den dritten Eingang des Tempels bestellt, wo für die Unterredung wohl ein besonderer Raum zur Verfügung stand.“(A. Weiser, aaO.  S.340)

             Wieder die Bitte um ein Wort. Doch nicht nur einen Rat des Propheten. Ratgeber hat Zedekia immer noch genug. Was er sucht, ist ein Wort Gottes. Spruch Jahwes. Zedekia – der König. Jeremia – der verfolgte Prophet. Wer ist hier der Starke? Wer ist hier der Abhängige? Jeremia jedenfalls macht sich über die Wankelmütigkeit des Zedekia nichts vor. Er weiß, dass dieser König Opfer seiner Stimmungen, seiner Ängste, seiner Ratgeber ist. Er weiß, dass seine Worte wie in den Wind gesprochen sein werden. Und dennoch lässt er sich rufen und fragen und steht Rede und Antwort.

            Das ist ein Lehrbeispiel für Geduld, für das lange Mitgehen, das den anderen nicht fallen lässt, obwohl es seine Schwäche überdeutlich sieht. Es ist leicht, bei klaren Menschen auszuhalten. Es ist unendlich schwer, bei Menschen zu bleiben und ihnen Solidarität zu zeigen, die heute so und morgen anders sind, die sich selbst im Weg stehen und die andere womöglich mitreißen in den eigenen Untergang. Wo ist die Grenze solcher Solidarität? Dieser Frage darf man um seiner selbst willen nicht ausweichen.

 17 Und Jeremia sprach zu Zedekia: So spricht der HERR, der Gott Zebaoth, der Gott Israels: Wirst du hinausgehen zu den Obersten des Königs von Babel, so sollst du am Leben bleiben und diese Stadt soll nicht verbrannt werden, sondern du und dein Haus sollen am Leben bleiben; 18 wirst du aber nicht hinausgehen zu den Obersten des Königs von Babel, so wird diese Stadt den Chaldäern in die Hände gegeben und sie werden sie mit Feuer verbrennen, und auch du wirst ihren Händen nicht entrinnen.

            Übergabe auf Gedeih und Verderben. Bedingungslose Kapitulation. Das ist das Wort Gottes an Zedekia. Das ist eben nicht nur der lebenskluge und politisch alternativlose Rat des Jeremia. Es ist das Wort Gottes. „Der Glaube an Gott würde hier zugleich eine Unterwerfung unter den König von Babel mit sich bringen.“(D. Schneider, aaO.  S.310) Ich würde lieber sagen: „Das Vertrauen auf Gott.“ – weil es die konkrete Situation trifft. Glaube an Gott  ist in meinen Ohren ein wenig allerweltsmäßig.

 19 Der König Zedekia sprach zu Jeremia: Ich habe aber die Sorge, dass ich den Judäern, die zu den Chaldäern übergelaufen sind, übergeben werden könnte, dass sie mir übel mitspielen. 20 Jeremia sprach: Man wird dich nicht übergeben. Gehorche doch der Stimme des HERRN, die ich dir verkünde, so wird dir’s wohlgehen und du wirst am Leben bleiben.

            Es ist die Angst vor den Kollaborateuren der Chaldäer, die Zedekia am meisten zusetzt. Die Judäer sind, die sich aber rechtzeitig auf die Seite der Sieger geschlafen haben. Wie oft in der Geschichte ist das so, dass solche Verbündete die Kerntruppen an Grausamkeit und Härte um ein Vielfaches übertreffen. Weil sie nachweisen wollen, dass auf sie hundertprozentig Verlass ist.

            Gehorche doch der Stimme des HERRN, die ich dir verkünde, so wird dir’s wohlgehen und du wirst am Leben bleiben. Die Botschaft dieses Satzes – weit über die geschichtliche Situation hinaus: Gott will den Heldentod nicht. Gott will nicht dem Kampf bis zum letzten Pfeil, bis zur letzten Patrone, bis zum letzten Mann. Gott will das Leben – auch um den Preis der Kapitulation.

            Das genau sagt auch das Evangelium: Wenn du dich unter das Gericht Gottes beugst und alle deine heroischen Kämpfe um die eigene Rechtfertigung aufgibst, dann öffnet sich dir der Weg des Lebens. Dann wirst du sehen, dass du bis in die tiefste Tiefe deines Lebens geliebt bist.

21 Wirst du aber nicht hinausgehen, so ist dies das Wort, das mir der HERR gezeigt hat: 22 Siehe, alle Frauen, die noch vorhanden sind im Haus des Königs von Juda, werden zu den Obersten des Königs von Babel hinaus müssen und sie werden dann sagen: »Ach, deine guten Freunde haben dich überredet und in ihre Gewalt gebracht und in den Sumpf geführt und lassen dich nun stecken.« 23 Ja, alle deine Frauen und Kinder werden hinaus müssen zu den Chaldäern, und du selbst wirst ihren Händen nicht entgehen, sondern du wirst vom König von Babel ergriffen und diese Stadt wird mit Feuer verbrannt werden.

   Die Alternative: die Stadt wird brennen. Die du schützen wolltest, werden hilflos ausgeliefert werden, Beute, dem Zorn preisgegeben. Ist es das, was du willst: ein Untergang mit Schrecken? Aber du hast dir deinen Heldenstatus bewahrt?

   Es klingt wie eine vorweggenommene Totenklage, in der Trauer und Hohn sich eigenartig miteinander vermischen. Du bist das Opfer deiner guten Freunde, deiner Berater, deiner Minister geworden. „Das wird das Endurteil über Zedekia aus dem Kreis der Nächststehenden sein: Der König, verführt und übertölpelt von seinen guten Freunden, steckt nun im Sumpf, hilflos und im Stich gelassen.“(A. Weiser, aaO. S.342) Alle gehen auf Distanz von dem geschlagenen König, auch die, die gut von ihm gelebt haben.

24 Und Zedekia sprach zu Jeremia: Sieh zu, dass niemand diese Worte erfahre, so wirst du nicht sterben.25 Und wenn’s die Oberen erfahren sollten, dass ich mit dir geredet habe, und zu dir kommen und sprechen: »Sag an, was hast du mit dem König geredet; verbirg es uns nicht, so wollen wir dich nicht töten. Was hat der König mit dir geredet?«, 26 so sprich: Ich habe den König gebeten, dass er mich nicht wieder in Jonatans Haus führen lasse, ich müsste sonst dort sterben.

    Da meldet sich die alte Angst des Zedekia. Ich glaube, er ahnt, dass er mit dem Gehörten nicht standhalten wird. Deshalb fordert er Jeremia auf, Stillschweigen über das Gespräch zu wahren. Vor allem seinen Oberen gegenüber. Vor ihnen will er seine Angst verbergen und bittet deshalb Jeremia um Schweigen, um Ausweichen. Nicht wieder in Jonatans Haus– das soll seine Bitte an den König gewesen sein. Immerhin hatte Jeremia ja genau diese Bitte schon einmal an Zedekia gerichtet. (37,20)

   Es ist leicht, über Zedekia den Stab zu brechen. Ihn der Feigheit zu zeihen. Ihm seine Wankelmütigkeit vorzuhalten. Er ist kein starker König, nicht wirklich selbstständig in seinem Denken und Tun. Er wird beherrscht von den Oberen, von der Kriegspartei. Es ist in Jerusalem, wie es oft in verzweifelten Situationen ist: Die Falken haben das Sagen. Es zählt nicht das besonnene Wort, sondern jetzt ist die Stunde der Parolen: Siegen oder Untergehen. Lieber tot als rot. Zedekia ist dieser Härte nicht gewachsen.

  27 Da kamen alle Oberen zu Jeremia und fragten ihn und er antwortete ihnen, wie ihm der König befohlen hatte. Da ließen sie von ihm, weil sie nichts erfahren konnten. 28 Und Jeremia blieb im Wachthof bis auf den Tag, da Jerusalem eingenommen wurde. Und es geschah, dass Jerusalem erobert wurde.

             Jeremia verschweigt tatsächlich den Inhalt des Gespräches. Er verhält sich, wie es der König erbeten hatte. Ist das eine Lüge – und womöglich die Legitimation aller Notlügen bis heute? Wenn schon der Prophet…. Der Text ist, wie es oft in der Bibel ist, zurückhaltend in seiner Darstellung, auch in einer Wertung. Allenfalls ist hier Raum gelassen für die Frage: Wie hättest du an Jeremias Stelle dich denn verhalten? Mir geht zu weit: „Wir lernen hier Jeremia in einer Situation kennen, die uns davor warnt, aus dem Propheten einen sündlosen Heiligen zu machen.“ (A. Weiser, aaO. S.344) Das ist die Versuchung von Heiligen-Legenden, nicht aber die Versuchung biblischer Bücher.

 Die um Zedekia herum sind, wollen lieber den Untergang als die Aufgabe. Sie glauben irgendwie verzweifelt, verrückt an die Wunder-Waffe, an den göttlichen Eingriff senkrecht von oben. Sie haben nicht verstanden, dass Gott längst eingegriffen hat und Nebukadnezar sein Werkzeug ist.

Zum Weiterdenken

       Das ist der normale Weg Gottes: Dass er sich die Stimme eines Menschen leiht, um durch ihn zu reden, dass er sich nicht senkrecht vom Himmel zu Wort meldet, sondern uns durch unsere Mit-Menschen begegnet. Die Herausforderung aber ist damit auch gegeben: Der Himmels-Stimme würden wir vielleicht erschrocken folgen. Aber hier spricht ja nur ein Mensch. Warum soll ich es glauben, dass er mir Worte sagen kann, die den Weg zum Leben öffnen? Warum soll ich glauben, dass er gehört hat, bevor er redete – wo ich selbst so oft rede, ohne je zu hören?

            Die Frage richtet sich immer wieder auch an mich: Wann ist es Zeit, aufzugeben? Wann ist es Zeit zu sehen, dass Heldentum mehr Opfer hervorbringen wird als das Einstellen aller Kampfhandlungen, als sich zu ergeben. Wann ist genug gekämpft?

         Tausendfach ist das Signal zur Aufgabe überhört worden ist – nicht nur von Zedekia. Immer wieder ist der Kampf bis zum letzten Atemzug heroisiert worden. Die Toten von Sparta an der Meer-Enge der Thermopylen, die Toten auf Massada, die Toten aus der Rolands-Schlacht, die Toten bei Langemarck und Verdun, die Toten in Stalingrad – sie sind der Stoff für Heldenlieder. Wer sich auf Gedeih und Verderben ergibt, der wird nicht besungen. Wer überläuft und sich ergibt, der geht als Feigling in die Geschichte ein.

 Ob ich damals verstanden hätte? Ob mich nicht auch die Angst hätte kämpfen lassen – bis zum letzten Schuss? Braucht es für den anderen Blick den heiligen Geist und wir haben immer nur unsere menschlichen Gedanken zur Verfügung!

 

Gott, wer hilft mir sehen: Jetzt ist es genug mit den Kämpfen. Durchhalten, tapfer sein. Jetzt ist es Zeit aufzugeben. Alles sind wir gelehrt worden, aber nicht aufzugeben, anzuerkennen, dass wir mit unseren Kräften am Ende sind.

Und schon gar nicht haben wir gelernt, dass Du da auf uns wartest an diesem Punkt, an dem wir nicht mehr weiter wissen, nicht mehr weiter können.

Heiliger Gott, Dein Kreuz ist der Punkt, an dem Du auf uns wartest. Der Ort der Niederlage – vor aller Augen, in dem neues Leben seinen Anfang nimmt – tief verborgen in das österliche Geheimnis. Amen

 

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