Ob ich mich trauen würde?

Jeremia 38, 1 – 13

1 Es hörten aber Schefatja, der Sohn Mattans, und Gedalja, der Sohn Paschhurs, und Juchal, der Sohn Schelemjas, und Paschhur, der Sohn Malkijas, die Worte, die Jeremia zu allem Volk redete.

             Ob die Zahl der Zuhörer Jeremias im Lauf der Zeit gestiegen ist, mag dahin gestellt sein. Aber: „Die Ereignisse hatten seinen wiederholten Unheilsdrohungen Recht gegeben und die Zahl derer gemehrt, die ihm ihre Aufmerksamkeit und Achtung entgegenbrachten.“(A. Weiser, aaO. S.338) Es steht dahin – sind die aufgezählten Namen identisch mit denen, die ihn besorgt wachsam beobachten oder mit denen, die ihn achten?

 2 So spricht der HERR: Wer in dieser Stadt bleibt, der wird durch Schwert, Hunger und Pest sterben müssen; wer aber hinausgeht zu den Chaldäern, der soll am Leben bleiben und wird sein Leben wie eine Beute davonbringen. 3 Denn so spricht der HERR: Diese Stadt soll übergeben werden dem Heer des Königs von Babel und es soll sie einnehmen.

            Das ist eine Botschaft, die eine belagerte Stadt mürbe machen muss. Es bleibt nur eine Wahl: entweder Kämpfen bis zum Untergang oder Sich ergeben. Das klingt wie der Aufruf zum Überlaufen – und für die Ohren der Zuhörer bestätigt sich nur der Verdacht gegen Jeremia: Er wollte selbst überlaufen. Es muss die Hörer bis ins Mark treffen: Gott selbst hat den Untergang seiner Stadt beschlossen – es gibt keinen Ausweg mehr. Und es gilt nur noch, das Schlimmste zu vermeiden, den massenhaften Tod.

4 Da sprachen die Oberen zum König: Lass doch diesen Mann töten; denn auf diese Weise nimmt er den Kriegsleuten, die noch übrig sind in dieser Stadt, den Mut, desgleichen dem ganzen Volk, weil er solche Worte zu ihnen sagt. Denn der Mann sucht nicht, was diesem Volk zum Heil, sondern was zum Unheil dient.

         Für die Hardliner in Jerusalem liegt es auf der Hand. Jeremia muss zum Schweigen gebracht werden. „Solche Rede untergräbt jeglichen Widerstandswillen der Verteidiger.“ (R. Then, aaO.  S.127) Wer will, dass auch in hoffnungsloser Lage der Kampf durchgehalten wird, der darf Jeremia nicht weiter reden lassen. Es klingt schräg: Aber Aufgeben, sich Ergeben ist für sie das schlimmere Unheil als der Untergang der ganzen Stadt und der Tod aller.

            Wer so redet wie Jeremia, der schadet der Kampfmoral. Der schadet dem unbedingten Willen zum Widerstand. Vielleicht war das ihre Überlegung: Wir brauchen Geschichten vom Durchhalten und der Rettung in letzter Not. „Erzähle vom Schilfmeer, Jeremia, und vom Gotteswunder gegen die Weltmacht, wenn dir dein Leben lieb ist. Aber schweige still vom Ergeben oder wir machen dich still.“

5 Der König Zedekia sprach: Siehe, er ist in euren Händen; denn der König vermag nichts wider euch. 6 Da nahmen sie Jeremia und warfen ihn in die Zisterne Malkijas, des Königssohnes, die im Wachthof war, und ließen ihn an Seilen hinab. In der Zisterne aber war kein Wasser, sondern Schlamm und Jeremia sank in den Schlamm.

            So gehen sie zum König mit einer klaren Anklage – auf die gibt es nur ein Urteil: Tod. Und der König gibt ihnen Recht. Er gibt Jeremia in ihre Hände. Er lässt sie gewähren. „Der König ist ein willenloses Werkzeug in den Händen der brutalen Terroristen.“ (A. Weiser, aaO. S.339) Was soll er auch sonst tun?

            Für mich bemerkenswert: „Terroristen‘“ schreibt der Ausleger im Jahr 1966! Und meint damit die staatlich legitimierte Gewalt der Kriegspartei. Einfach, weil die Terror ausüben und weil der Ausleger überzeugt ist: Ihnen fehlt für ihr Handeln die letzte, allein entscheidende Autorität – dass Gott hinter ihrem Tun steht.

            „Da überantwortete er ihnen Jesus, dass er gekreuzigt würde. Sie nahmen ihn aber und er trug sein Kreuz und ging hinaus zur Stätte, die da heißt Schädelstätte, auf Hebräisch Golgatha.“ (Johannes 19,16-17)  Auch hier gibt einer nach, einfach, weil er keine Lust mehr zur Auseinandersetzung hat. Zedekia und Pilatus sind Brüder im gleichen Geist. Was ist schon ein Menschenleben?

7 Als aber Ebed-Melech, der Mohr, ein Kämmerer in des Königs Haus, hörte, dass man Jeremia in die Zisterne geworfen hatte, und der König gerade im Benjamintor saß, 8 da ging Ebed-Melech aus des Königs Haus und redete mit dem König und sprach: 9 Mein Herr und König, diese Männer handeln übel an dem Propheten Jeremia, dass sie ihn in die Zisterne geworfen haben; dort muss er vor Hunger sterben; denn es ist kein Brot mehr in der Stadt.

 Es gibt auch in der Nähe des Königs noch Menschen mit Mitgefühl für Jeremia. Einer von ihnen ist Ebed-Melech – Knecht des Königs, so könnte man den Namen übersetzen. So sehr ist er und lebt er seine Aufgabe, dass sie sein Name wird. Der Mohr. Vermutlich aus Äthiopien. Er verwendet sich für Jeremia, indem er den König aufmerksam macht: Jeremia verhungert in der Zisterne. Der Eindruck kann entstehen: „Dass der König nichts von dessen Aufenthalt in der Zisterne weiß, zeigt einmal mehr, wie sehr seine Beamten die Macht in der Stadt übernommen haben.“ (R. Then, ebda.)

 10 Da befahl der König Ebed-Melech, dem Mohren: Nimm von hier drei Männer mit dir und zieh den Propheten Jeremia aus der Zisterne, ehe er stirbt. 11 Und Ebed-Melech nahm die Männer mit sich und ging in des Königs Haus in die Kleiderkammer und nahm dort zerrissene, alte Lumpen und ließ sie an einem Seil hinab zu Jeremia in die Zisterne. 12 Und Ebed-Melech, der Mohr, sprach zu Jeremia: Lege diese zerrissenen, alten Lumpen unter deine Achseln um das Seil; und Jeremia tat es. 13 Und sie zogen Jeremia herauf aus der Zisterne an den Stricken. Und so blieb Jeremia im Wachthof.

             Was für ein wunderlicher Wechsel. Der gleiche König, der eben noch seinen Oberen zu Gefallen war, hört jetzt auf seinen Kämmerer. Er ist wie ein Blatt im Wind. Ein Mensch ohne eigene Mitte, ohne eigene Meinung, ausgeliefert an die, die gerade vor ihm stehen. Einer, der Macht hat und nur tut, was andere ihm sagen. Zedekia ist in seinen Entscheidungen nicht erkennbar. Wie soll so einer König sein, noch dazu in höchster Not?

          Das Gefährliche ist, dass ich so etwas an Zedekia sehe und es kritisiere. Aber das gilt ja nicht nur für einen Mächtigen. Was ist mit uns sogenannten kleinen Leuten? Wenn bei uns die eigene Mitte fehlt, die eigene Überzeugung, das Einstehen für das, was ich zutiefst für richtig halte? Wie leicht geschieht das, dass wir eine eigene Meinung gar nicht haben, sondern nachplappern, was andre uns vorgesagt haben, uns hinein retten in den großen Strom, mitschwimmen mit allen anderen?

            Es ist Zufall – oder doch nicht? -, dass Zedekia der menschlichen Stimme seines Mohren folgt. Es liegt nicht auf der Hand bei diesem König, der sich selbst ein Rätsel sein muss, dass er seinem Mohren für die Rettungsaktion freie Hand lässt. Ihm sogar noch Leute gibt, um das Unternehmen durchzuführen. Wenn das die Kriegspartei wüsste!

Ein Psalmwort könnte hier seinen „Sitz im Leben“ haben:

„Ich harrte des HERRN,                                                                                                                 und er neigte sich zu mir und hörte mein Schreien.                                                        Er zog mich aus der grausigen Grube,                                                                                  aus lauter Schmutz und Schlamm,                                                                                    und stellte meine Füße auf einen Fels,                                                                             dass ich sicher treten kann.“                         Psalm 40, 2-3

 Ein bisschen tröstet es mich, dass sogar so ein schwächlicher Charakter einmal das stützen kann, was menschlich ist. Das rettet Jeremia erst einmal das Leben.

Zum Weiterdenken

   Unter dem Vorwurf „Wehrkraftzersetzung“ sind im 3. Reich ungezählte Menschen hingerichtet worden. Schon der leiseste, privat geäußerte Zweifel am „End-Sieg“ war Wehrkraftzersetzung. Das Hören von Radio-Nachrichten der „Feind-Sender“ war Wehrkraftzersetzung. Wer 1944 öffentlich gesagt hat: „Der Krieg ist verloren“, der hat den eigenen Tod durch Erschießen riskiert.

            Ob ich mich getraut hätte, meine Stimme zu erheben? Zu sagen, dass es richtiger ist, Leben zu retten als bis zum letzten Schuss zu kämpfen und unterzugehen? Ob ich mich in den ersten Monaten 1945 in einem kleinen Dorf in der Wetterau oder auf dem Westerwald getraut hätte zu sagen: Es gibt nur noch den Weg der Kapitulation, um Leben zu retten, dass völlig sinnlos dahin gegeben wird. Wer das gewagt hat, riskiert noch im April 45 den Tod durch Erschießen durch SS-Leute, angeordnet durch Richter, die die Gefährdung der Wehrkraft mit Todesstrafe bedachten.  Oder auch vollstreckt ohne jedes Urteil.

            Ob ich mich trauen würde, heute in Aleppo oder gar in Damaskus zur Aufgabe zu rufen, damit die Chance bleibt, dass 300 000 Menschen dem Morden durch die Assad-Bomben entgehen und das nackte Leben retten? Ob ich mich dem Vorwurf stellen würde: Wenn du das sagst, werden die Opfer der letzten acht Jahre sinnlos, sind sie alle umsonst gestorben. Ich weiß es nicht, ob ich so mutig wäre, mich den Kriegern entgegen zu stellen, die den Helden-Tod im Kampf für die bessere Lösung halten.

            Ich bin froh und staune, dass Jeremia diesen Mut hat. Weil er weiß, dass er sagt, was Gott gesagt haben will.

Gott, wie oft bin ich nur mit gelaufen, mitgeschwommen, habe mich angeschlossen an Meinungen, Sichtweisen – und habe den Dingen so ihren Lauf gelassen. Ich bin nicht besser als Zedekia. Meine Menschlichkeit ist manchmal wie Zufall. Kein Grund zur Überheblichkeit.

Aber weil ich sie sehe, diese innere Leere, diesen Verlust einer eigenen, festen Mitte, darum bitte ich: Gib mir ein festes Herz und einen beständigen Geist. Mache mich fest in Dir. Amen

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