Der letzte Strohhalm

Jeremia 37, 1 – 21

 1 Und Zedekia, der Sohn Josias, wurde König anstatt Konjas, des Sohnes Jojakims; denn Nebukadnezar, der König von Babel, machte ihn zum König im Lande Juda. 2 Aber er und seine Großen und das Volk des Landes gehorchten nicht den Worten des HERRN, die er durch den Propheten Jeremia redete. 3 Dennoch sandte der König Zedekia Juchal, den Sohn Schelemjas, und den Priester Zefanja, den Sohn Maasejas, zum Propheten Jeremia und ließ ihm sagen: Bitte den HERRN, unsern Gott, für uns! 4 Denn Jeremia ging noch unter dem Volk aus und ein und man hatte ihn noch nicht ins Gefängnis geworfen.

            Es ist ein merkwürdiges Ding: Den Worten eines Propheten nicht gehorchen, aber ihn um seine Fürbitte fragen. Ist das einfache Verstocktheit? Meldet sich dahinter eine unbestimmte Ahnung, dass der Prophet doch in einem Gesprächskontakt mit Gott steht, wie man ihn selbst nicht hat? „Zedekia ist im Unterschied zu seinem Bruder Jojakim eine gewisse Achtung und Wohlgeneigtheit der Person des Propheten gegenüber nicht abzusprechen.“ (A. Weiser, aaO.  S.331) Darum erhofft er sich etwas von der Fürbitte des Jeremia.

5 Es war aber das Heer des Pharao aus Ägypten aufgebrochen, und als die Chaldäer, die vor Jerusalem lagen, davon hörten, waren sie von Jerusalem abgezogen.

 Atempause. Hoffnung. Erleichterung. „Die überraschende Befreiung von der Umklammerung durch die Chaldäer kann doch eine Frist Gottes sein.“ (D. Schneider, aaO.  S.305) Als die Chaldäer „packen“, wachen die Lebensgeister wieder auf. „Sie geben auf.  Sie geben klein bei. Gott ist doch groß.“ – so ähnlich mögen Menschen in Jerusalem gedacht haben. Euphorie will sich ausbreiten.

  6 Und des HERRN Wort geschah zum Propheten Jeremia: 7 So spricht der HERR, der Gott Israels: Sagt dem König von Juda, der euch zu mir gesandt hat, mich zu befragen: Siehe, das Heer des Pharao, das euch zu Hilfe ausgezogen ist, wird wieder heim nach Ägypten ziehen, 8 und die Chaldäer werden wiederkommen und diese Stadt belagern und sie erobern und mit Feuer verbrennen. 9 Darum spricht der HERR: Betrügt euch nicht damit, dass ihr denkt: »Die Chaldäer werden von uns abziehen.« Sie werden nicht abziehen. 10 Und wenn ihr auch das ganze Heer der Chaldäer schlüget, die gegen euch kämpfen, und es blieben von ihnen nur etliche Verwundete übrig, so würde doch ein jeder in seinem Zelt aufstehen und diese Stadt mit Feuer verbrennen.

            Auch die politischen Führer glauben wohl an den Zeitgewinn: Jetzt können wir ein Bündnis mit Ägypten schmieden. Jetzt können wir uns den Helfer an die Seite holen, der uns stark macht zum Widerstand. Was für eine verrückte Situation: Israel, das aus Ägypten gerettet worden war, setzt auf Ägypten als seine Rettung. Israel, das aus der Knechtschaft in Ägypten herausgeholt worden war, setzt jetzt auf die früheren Herren.

            Gott aber warnt durch seinen Propheten. Er deckt die Hintergründe auf. Er lässt dem König, der nicht auf ihn hört, doch sagen, was Sache ist. In der politischen Sprache müsste die Analyse heißen: Seht, dass Ägypten eine altersschwache Großmacht ist, die nur ihre eigenen Interessen verfolgt. Wenn sie den Chaldäern gegenüber stehen, werden sie sich zurückziehen. Weil sie wissen, dass sie ihnen militärisch nicht gewachsen sind. Sie werden euch fallen lassen, wenn ihr dem Interesse Ägyptens nicht mehr entsprecht.

            „Wer in dem vorübergehenden Abzug des babylonischen Heeres den ersten Schritt zur endgültigen Befreiung sieht, unterliegt einer gefährliche Selbsttäuschung.“(A. Weiser, aaO.  S.332) Es ist die nüchterne Beurteilung der Kräfteverhältnisse und zugleich der wohl vergebliche Versuch, den König vor abenteuerlichen Lösungsversuchen zu bewahren, die hier das Wort führt – im Auftrag Gottes.

 11 Als nun der Chaldäer Heer von Jerusalem abgezogen war vor dem Heere des Pharao, 12 wollte Jeremia aus Jerusalem herausgehen ins Land Benjamin, um mit seinen Verwandten ein Erbe zu teilen. 13 Und als er zum Benjamintor kam, war dort ein Wachhabender mit Namen Jirija, der Sohn Schelemjas, des Sohnes Hananjas; der hielt den Propheten Jeremia an und sprach: Du willst zu den Chaldäern überlaufen. 14 Jeremia sprach: Das ist nicht wahr, ich will nicht zu den Chaldäern überlaufen. Aber Jirija wollte ihn nicht hören, sondern ergriff Jeremia und brachte ihn zu den Oberen. 15 Und die Oberen wurden zornig über Jeremia und ließen ihn schlagen und warfen ihn ins Gefängnis im Hause Jonatans, des Schreibers; denn das hatten sie zum Kerker gemacht. 16 So kam Jeremia in den überwölbten Raum einer Zisterne und blieb dort lange Zeit.

            Es gibt Situationen, in denen alles gegen dich verwendet wird. Jeremia steht sowieso schon lange auf der schwarzen Liste. Wehrkraftzersetzung, Untergrabung der Moral, Ruhestörung, Gottesdienststörung und Lästerung des Tempels, Außenseitertum. Die Liste ist lang und darum reicht der Weg zu einem bewachten Stadt-Tor, um ihn als möglichen Überläufer verhaften zu lassen. Da nützt es Jeremia nichts, seine Unschuld zu beteuern, die Vorwürfe zurück zu weisen. Es würde auch nichts nützen, sich auf den König zu berufen, nach ihm zu verlangen. Das Militär hat das Sagen. „Es ist charakteristisch für die Zeit der Bedrängung, dass die Militärs sich mehr Freiheiten herausnehmen als in normalen Zeiten. Sie bauen eine eigene Gerichtsbarkeit auf.“(D. Schneider, aaO. S.306) Endlich gibt es eine Handhabe und Jeremia bekommt den lange aufgestauten Zorn zu spüren. Man schlägt den Boten, weil die Botschaft seit Jahren genervt und an den Nerven genagt hat. Jeremia landet im Gefängnis.

 17 Aber Zedekia, der König, sandte hin und ließ ihn holen und fragte ihn heimlich in seinem Haus und sprach: Ist wohl ein Wort vom HERRN vorhanden? Jeremia sprach: Ja! Du wirst dem König von Babel in die Hände gegeben werden.

             Von dort lässt ihn der König, Zedekia, holen. Heimlich das Holen und ebenso heimlich auch die Frage. „Das wirft ein bezeichnendes Licht auf die kläglich gebundene Stellung des unglücklichen Monarchen, der aus Angst vor der Kriegspartei sich nicht einmal mehr getraut, sich zusammen mit Jeremia sehen zu lassen, geschweige denn gegen das Unrecht einzuschreiten, das dem Propheten von jener Seite zugefügt worden war.“ (A. Weiser, aaO.  S.336) Und sucht doch ein Wort, hofft auf ein Wunder. Auf einen Heilsspruch.

            Zedekia scheint eine Ahnung davon zu haben, dass hinter diesem Propheten mehr steckt als ein politischer Querulant und theologischer Besserwisser. Seine Frage: Ist wohl ein Wort vom HERRN vorhanden? zeigt, dass er Jeremia nicht für einen hält, der Wort Gottes nennt, was er sich selbst ausgedacht hat, der Wort Gottes sagt und eigentlich sagen müsste: Ich denke… Jeremia ist für ihn wie eine letzte Verbindung zum Gott der Väter, wohl auch, weil er ahnt: Meine Hof-Propheten sind nur Leute, die mir nach dem Mund reden.

             Jeremia aber redet ihm nicht nach dem Mund. Er hat auch nichts Neues zu sagen. Seine Botschaft ist durch den Gefängnis-Aufenthalt nicht verändert. Kompromisslos sagt Jeremia, was er zu sagen hat. Du wirst dem König von Babel in die Hände gegeben werden. Das ist die Botschaft, die Zedekia fürchtet.

 18 Und Jeremia sprach zum König Zedekia: Was hab ich gegen dich, gegen deine Großen und gegen dies Volk gesündigt, dass sie mich in den Kerker geworfen haben? 19 Wo sind nun eure Propheten, die euch weissagten und sprachen: Der König von Babel wird nicht über euch noch über dies Land kommen? 20 Und nun, mein Herr und König, höre mich und lass meine Bitte vor dir gelten! Lass mich nicht wieder in Jonatans, des Schreibers, Haus bringen, dass ich dort nicht sterbe.  

            Jeremia nützt aber auch dieses Treffen für Worte in eigener Sache. Er stellt noch einmal klar, dass er zu Unrecht einsitzt. Er weist auch noch darauf hin, dass die Wahrheit seiner Worte und der Irrtum der anderen offen zu Tage liegt – offenkundig sind die Truppen Nebukadnezars schon wieder im Anmarsch. Er bittet nicht um Revision des Prozesses – vielleicht weil er weiß, dass der Einfluss des Königs nicht mehr allzu groß ist. Aber er bittet um Hafterleichterung durch eine Verlegung an einen anderen Ort. Nur nicht wieder in Jonatans, des Schreibers, Haus – das ist ein Todesort.

 21Da befahl der König Zedekia, dass man Jeremia im Wachthof behalten sollte, und ließ ihm täglich aus der Bäckergasse einen Laib Brot geben, bis alles Brot in der Stadt aufgezehrt war. So blieb Jeremia im Wachthof.

             Immerhin: Darauf lässt Zedekia sich ein und das setzt er auch um. „Eine Art Ehrenhaft.“(D. Schneider, ebda.) Und solange die Lebensmittel in der belagerten Stadt nicht ausgegangen sind, wird Jeremia auch verpflegt. Kärglich genug. Aber Haft bleibt Haft, auch wenn sie jetzt ein wenig menschlicher gestaltet ist.

Zum Weiterdenken

            „Herr Pfarrer, beten Sie für uns.“ so haben mir manchmal Menschen gesagt, die seit Jahren keinen Fuß mehr in die Kirche gesetzt hatten. Ich war dann oft ratlos, was das „helfen“ soll, aber ich habe es getan. Es kann nie verkehrt sein, jemanden zu haben, der „da oben“ ein gutes Wort für uns einlegt. Und es ist ja eine Beschreibung dessen, was der erhöhte Christus tut: er bittet für uns so merkwürdige, unklare Leute beim Vater. Er bringt uns mit unseren Geschichten vor den Vater.

            Wie zum Kontrast die Herausforderung dieses Textes an uns heute: Der Gottesmann Jeremia lässt sich nicht auf die Fürbitte beschränken. Er redet nicht (nur) über himmlische Wirklichkeiten und theologische Einsichten. Er redet zur Sache in Fragen der Bündnis- und Verteidigungspolitik. Das ist Einmischung, wie wir sie heute, wo der Glaube zur bloßen Privatsache degeneriert ist, nicht mehr toleriert bekommen. Das geht euch nichts an – hören wir – so wie es Jeremia auch gehört haben wird. Misch dich nicht ein in Dinge, die dich nichts angehen. Bleibe im Kämmerlein bei deinem Gott.      

 

 Du, Gott. In letzter Not der Griff nach dem Strohhalm. Wem das Wasser am Hals steht, wer nicht mehr aus noch ein weiß, der braucht den Draht nach oben. Braucht ihn, auch wenn er ihm längst gerissen ist.

Betet für mich. Legt ein gutes Wort ein. Mir fehlen die Worte, aber Du hast es doch gelernt.  Vor Gott einstehen, für Menschen einstehen. In der letzten Not sind alle Mittel recht, auch das Gebet.

Gott sei Dank. Vor Dir steht der Sohn und steht ein für uns. Der in die tiefste Tiefe gegangen ist, der bringt unsere Tiefe vor Gott und sagt: Vater, sieh meine Schwester, sieh meinen Bruder. Und sieh in ihnen mich. Amen

 

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