Ausradiert, was gegen mich spricht

Jeremia 31, 18 – 20. 31 – 37

Es ist ein langer Anlaufweg Gottes zu seinem neuen Bund.  Dieser Weg wird hier beschrieben.

18 Ich habe wohl gehört, wie Ephraim klagt: »Du hast mich hart erzogen und ich ließ mich erziehen wie ein junger Stier, der noch nicht gelernt hat zu ziehen. Bekehre du mich, so will ich mich bekehren; denn du, HERR, bist mein Gott! 19 Nachdem ich bekehrt war, tat ich Buße, und als ich zur Einsicht kam, schlug ich an meine Brust. Ich bin zuschanden geworden und stehe schamrot da; denn ich muss büßen die Schande meiner Jugend.«

  Das kenne ich aus Hosea:  Gott steht vor Ephraim und fragt ihn, was er falsch gemacht hat in dem, wie er ihn erzogen hat. Hier, bei Jeremia, wird die Perspektive umgedreht. Gott hört, wie Ephraim klagt. „Das „Volksklagelied“ ist eine offene Beichte mit dem Bekenntnis der Sünde, der Reue und der Bitte um Wirksamwerden der Buße.“ (A. Weiser, aaO. S.280) Ephraim schaut auf seine Erziehung. Hart hat er sie empfunden, aber er ist doch zur Einsicht gelangt. Auch durch diese gespürte Härte? Die Klage gipfelt in der Bitte um Umkehr. Im Wissen, dass Umkehr nur so möglich ist: Bekehre du mich, so will ich mich bekehren. Menschlich ist „Weiter so!“ Umkehr, hebräisch schȗb, ist immer göttlich!

20 Ist nicht Ephraim mein teurer Sohn und mein liebes Kind? Denn sooft ich ihm auch drohe, muss ich doch seiner gedenken; darum bricht mir mein Herz, dass ich mich seiner erbarmen muss, spricht der HERR.

Und dann steht da als Antwort auf diese Volksklage dieses Wort Gottes, der fast hilflos sagt: Ich kann ja gar nicht anders. Ich muss lieben. Ich muss mich erbarmen. Es ist mein Herz, das mich Ephraim nicht fallen lässt, das an ihm festhält. „Erlösung beginnt im Herzen Gottes, und zwar in seiner unableitbaren und unverrechenbaren Liebe.“ (D. Schneider, aaO. S.271)

  Es ist unangemessen und doch: Wie sehr fühle ich mich da mit meinem Vaterherzen verstanden. Ich kann doch gar nicht anders, als an diesem Erbarmen Gottes Maß zu nehmen, selbst wenn ich diesem Maß nie entspreche. Es ist der Maßstab, den Jesus aufrichtet: „Ihr sollt vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist.“ (Matthäus 5,48) Bis zum Äußersten gehen – so übertrage ich vollkommen sein – im Erbarmen, im Versöhnen, in der Liebe. Darum: Wie sollte ich mich auch nur von einem meiner Kinder abwenden können – was auch immer gegen es spricht. Gott spricht mir aus dem Herzen.

31 Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen, 32 nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen, ein Bund, den sie nicht gehalten haben, ob ich gleich ihr Herr war, spricht der HERR;

Wie viel Enttäuschung hat Gott in seinem Bund mit den Vätern erfahren. Er hat dieses Volk erwählt, als es noch ein Nichts war, als es bedrängt war in der Sklaverei in Ägypten. Er hat es heraus geführt aus der Gefangenschaft, hat es am Schilfmeer gerettet. Er hat diesem Volk seine Wegweisung gegeben in den Geboten des Sinai. Er hat ihm seine ganze Liebe zugewandt. Er hat ihm das Land gegeben, in dem doch vorher andere Völker wohnten. Er hat ihm Führer und Könige gegeben. Er hat es in mannigfachen Gefahren bewahrt – und der Dank?

  Immer wieder hat Israel die Wohltaten Gottes mit Untreue vergolten. Da war die Antwort auf den Sinaibund die Anbetung des goldenen Kalbes, da war der Götzendienst vor den Baals-Tempeln im eroberten Land, da war die Selbstherrlichkeit der Könige, da war die Anpassung an die heidnischen Völker der Umgebung. Wäre es da ein Wunder, wenn Gott sagte: Es reicht! Schluss mit dem Bund, den ich geschlossen habe?

Allen diesen Enttäuschungen zum Trotz: ich will mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen. Gott ist der Gott der neuen Anfänge. Einen Anfang über alle Untergangszeiten hinweg – mit ganz Israel. Nicht nur mit einigen Auserwählten. Man wird wohl sagen dürfen: Indem Gott Israel treu bleibt, bleibt er sich selbst treu.     

  33 sondern das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der HERR: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein und ich will ihr Gott sein. 34 Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: »Erkenne den HERRN«, sondern sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß, spricht der HERR; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.

    „Das Wesen des neuen Bundes ist nicht eine Gottesahnung, ein Gottesgefühl, sondern die Weisung Gottes wird Gott selber in das Herz seines Volkes legen.“(D. Schneider, aaO.  S.274) So wird ein neues Herz. Nicht mehr das alte, das kalte Herz. Einen neuen Geist. Nicht mehr der alte Geist, der sich dem Stärkeren unterwirft, mürrisch und voller Rebellion. Das Gesetz Gottes, eingepflanzt in das Herz und damit ein neues Herz und einen neuen Geist. Jüdische Stimmen weisen darauf hin: „Neu ist nicht der Inhalt des Bundes, sondern die Art und Weise, wie der alte Sinaibund von Volk beachtet wird.“ (R. Gradwohl, Bibelauslegung aus jüdischen Quellen, Bd. 2, Stuttgart 1987, S.299)

 Weil Gott uns seinen Geist in die Herzen gibt, deshalb werden wir bundesfähig, deshalb gibt es bei uns so etwas wie Treue, deshalb gibt es bei uns so etwas wie ein Leben aus dem Glauben. Man tut gut daran, darauf zu achten: Herz ist im biblischen Sinn nicht gleich innerlich und Innerlichkeit. Herzensfriede. Sondern das Herz ist der Ort, an dem die Taten ihren Ursprung haben, an dem die Tatkraft ihre Wurzel hat. Das Gesetz im Herzen zielt auf ein neues Handeln.

Das ist das große Kennzeichen des Bundes: Das Fundament unserer Gemeinschaft mit Gott ist seine Vergebung unserer Sünde. Ohne die Vergebung der Sünde, ohne die Vergebung des Unrechtes, das wir vor Gott auf uns geladen haben, könnten wir es bei Gott überhaupt nicht mehr aushalten.

Ausradiert aus dem Gedächtnis Gottes ist, was mich von ihm trennen müsste, was mir den Weg zu ihm versperrt. Ausradiert alle Schuld, die Eigenliebe, die ihm die Ehre nimmt, die Habgier, die das Geld zu einem Götzen werden lässt…. alles, was mich beherrscht, wo ich doch frei sein sollte. Ausradiert aus dem Gedächtnis Gottes, weil er seine Vergebung zur Grundlage des neuen Bundes gemacht hat.

Auch das ist wieder zu beachten: Die Vergebung der Sünde macht den Weg frei zur Erkenntnis Gottes. „Erfahrene Sündenvergebung ist die Grundlage der Gotteserkenntnis und somit Kernstück des neuen Bundes! Biblische Gotteserkenntnis ist nämlich nicht ein Bescheidwissen des Verstandes, sondern ist Erfahrung der Zuwendung Gottes zu uns Menschen.“(D. Schneider, aaO. S.276) Wo die Vergebung nicht geglaubt wird, da gibt es nur Zerrbilder von Gott. Da läuft man hinter allen möglichen Lehrmeinungen her.  Wo sie aber erfahren wird, da entsteht das Vertrauen auf Gott, das die Schrift Glauben nennt. Die Vergebung der Sünde lässt uns Gott erkennen, wie er in der letzten Tiefe ist – ein „Backofen voll brennender Liebe“(M. Luther)  Erst da, wo wir das sehen, haben wir wirklich Gott erkannt. Sein Wesen.

  Wo das wahr wird – der Geist in den Herzen und die Vergebung der Sünde, da ist ein neue Kirche im Kommen. Keiner muss mehr den anderen lehren, es gibt kein oben und unten mehr. Kardinäle und Oberkirchenrätinnen werden überflüssig. Genauso auch Päpste und Bischöfe. Denn allen sind die Augen aufgegangen: für Gott und dafür, dass die Welt Gottes Welt ist; für uns selbst und dafür, dass unser Leben nicht uns gehört, sondern Gott; für die Menschen neben uns und dafür, dass Gott sie wie mich selbst unendlich liebt.

35 So spricht der HERR, der die Sonne dem Tage zum Licht gibt und den Mond und die Sterne der Nacht zum Licht bestellt; der das Meer bewegt, dass seine Wellen brausen – HERR Zebaoth ist sein Name -: 36 Wenn jemals diese Ordnungen vor mir ins Wanken kämen, spricht der HERR, so müsste auch das Geschlecht Israels aufhören, ein Volk zu sein vor mir ewiglich. 37 So spricht der HERR: Wenn man den Himmel oben messen könnte und den Grund der Erde unten erforschen, dann würde ich auch verwerfen das ganze Geschlecht Israels für all das, was sie getan haben, spricht der HERR.

             Wie eine Warnung lese ich das: Mache Dir bloß nicht vor, dass Du den unergründlichen Gott jetzt verstanden hättest. Dass Du ihn begriffen hättest und deshalb ergreifen könntest. Als deinen Besitz. Er ist größer, der die Sonne dem Tage zum Licht gibt und den Mond und die Sterne der Nacht zum Licht bestellt; der das Meer bewegt, dass seine Wellen brausen. Er zeigt sein Vaterherz, aber er bleibt der souveräne Schöpfer und Herr des Alls. Er bleibt der, der sich offenbart und entzieht, enthüllt und verbirgt. Er bleibt der, in dessen Hand die ganze Welt ist.

  Ich lese es zugleich als eine Zusage. Sie knüpft sachlich, wenn auch nicht direkt inhaltlich an die Zusage nach der Sintflut an: „Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“(1. Mose 8,22) Es ist gewiss: So beständig wie die Ordnungen des Kosmos, des Alls ist die Treue Gottes zu einem Volk Israel. Was die Zusage nach der Sintflut auf die Menschheit bezogen sagt, wird hier auf Israel hin verdichtet. So, könnte man sagen, siegelt Gott seine Heils-Verheißung an Israel. Jeder neue Tag eine neue Versiegelung.

Zum Weiterdenken

Eine unvergeßliche Andacht in Selbitz 1980 oder 1981: Der Bruder aus der Gemeinschaft erzählt, dass er es als Kind nicht verstanden hat: „Lobe den Herrn, der alles so herrlich regieret.“ Das mit dem Regieren kam in seiner Kinderwelt nicht vor. Was vorkam, waren Kleckse im Schreibheft, Schreibfehler, die irgendwie vertuscht werden sollten, damit sie keinen Tadel bringen. Darum hat er es sich erklärt, zurecht gelegt, angepasst: Lobe den Herrn, der alles so herrlich radieret. Übersetzen der großen Worte in die eigene Lebenwirklichkeit – das ist die bleibende Herausforderung allen Bibellesens.

 

Heiliger, barmherziger Gott. Du sagst uns eine neue Zeit an, einen neuen Bund. Du versprichst uns ein neues Herz und einen neuen Geist.

Ich erfahre in mir noch das alte Herz, den ungewissen Geist, die Blindheit, die aus der Furcht erwächst. Und doch warte ich dieser Zeit schon entgegen, wo wir alle Dich kennen, wo kein unten und oben mehr ist, wo der neue Weg uns geöffnet ist durch Dein Vergeben, wo wir nicht mehr blind sind für Deine Wirklichkeit in der Welt und nicht mehr taub für Dein Wort.

Danke, dass Du uns in Jesus schon das Gesicht der neuen Zeit zugewandt hast. Danke, unter seinem zugewandten Angesicht spüre ich schon den Hauch Deines neuen Bundes. Amen

 

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