Eine harte Gnade

Jeremia 30, 1 – 3,  31, 1 – 14

 1 Dies ist das Wort, das vom HERRN geschah zu Jeremia: 2 spricht der HERR, der Gott Israels: Schreib dir alle Worte, die ich zu dir geredet habe, in ein Buch. 3 Denn siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, dass ich das Geschick meines Volks Israel und Juda wenden will, spricht der HERR; und ich will sie wiederbringen in das Land, das ich ihren Vätern gegeben habe, dass sie es besitzen sollen.

             Es ist ein neuer Ton, der hier erklingt. „Ein Heilsbüchlein“ (A. Weiser, aaO.  S.265) werden die Kapitel 30 – 31 genannt. Eingeschoben im Anschluss an den so trostvollen Brief in die Gola.  Manche sagen: das ist ein „Fort-Schreiber“ des Jeremia, einer, der sich seinen Namen leiht, um Autorität zu haben.  Das muss nicht so sein. Für mich ist es gut vorstellbar, dass Jeremia für das Volk, das sich dem Gericht Gottes beugt, eine neue, heilvolle Zukunft sieht. Weil er Gott kennt. Seine „Gedanken des Friedens“(29,11) über seinem Volk. Die Zähigkeit, in der Gott an seinen Heilswegen festhält.

Es ist schon wahr: Was folgt, das alles will so gar nicht passen zu den Worten vom Untergang, zu der Ansage des unausweichlichen Gerichts. Aber es sind ja Worte nach dem Gericht. Es sind Worte, die an die gerichtet werden, die sich unter die gewaltige Hand Gottes gebeugt haben. Der Kern der Botschaft: Es gibt eine Wende, weil Gott sie schenkt. Es ist nicht der Überlebenswille des Volkes – es ist der Heilswille Gottes, der hier die Wende ansagt.

            Das alles richtet sich an verzagte Leute. Sie bekommen es „schwarz auf weiß“, wie wir heute sagen würden. „Das gebe ich dir schriftlich!“ sagt jemand, wenn er seinen Worten besonderen Nachdruck verleihen will. „Damit in der Zeit der Gefangenschaft das angesagte Heil erhofft wird, soll Jeremia die Verheißung zu Papier bringen.“ (D. Schneider, aaO. S.265) So sehr legt sich Gott fest.

 Was man nicht gleich sieht: in diesen Worten geht es nicht nur um die aktuell nach Babylon Verschleppten. Sondern sie gelten Israel und Juda. Auch dem Nordreich also, das doch schon im Jahr 722 aufgehört hatte, zu existieren. Eine Rückkehr also nach so langer Zeit. Ein Neuanfang, wo nichts mehr zu erwarten ist.

Dieser Neuanfang hat lange auf sich warten lassen. Die Geschichte Israels ist über die Jahrhunderte hinweg nur als eine Geschichte des Südteils, als eine Geschichte Judas weiter gegangen. Erst als Jesus im Galiläa der Heiden als Sammler des Gottesvolkes, als Prediger der Nähe Gottes aufgetreten ist, hat es einen neuen Anfang für den Norden gegeben. In solchen Zeitspannen hält Gott an seinen Verheißungen fest. 

31, 1 Zu derselben Zeit, spricht der HERR, will ich der Gott aller Geschlechter Israels sein und sie sollen mein Volk sein. 2 So spricht der HERR: Das Volk, das dem Schwert entronnen ist, hat Gnade gefunden in der Wüste; Israel zieht hin zu seiner Ruhe.

             Sie sollen mein Volk sein, das war das Wort Gottes von Anfang an über Israel. Das ist die Bundesformel: „Ich will ihr Gott sein und sie sollen mein Volk sein.“(3. Mose 26,12) Israel ist nur deshalb Gottes Volk, weil er es so will. Und dieser Wille Gottes steht auch über dem Weg, den Israel durch die siebzig Jahre im fremden Land geführt wird. Der Gott aller Geschlechter Israels – das umspannt mehr als nur die Reste der zwölf Stämme um das Jahr 600. Mehr als den kümmerlichen Überrest Juda mit Jerusalem. Das umspannt alle Generationen von den Anfängen bis heute. So dürfen die Hörer des Jeremia glauben, die Leserinnen und Leser des Buches bis auf diesen Tag heute.

Dem Schwert entronnen, dem Feuer der Vernichtung entgangen, aus der Fremde zurück geführt, aus der Zerstreuung neu gesammelt – aber Gnade in der Wüste. Das ist mehr als eine historische Erinnerung an die Zeit in der Wüste, nach dem Exodus aus Ägypten. Das ist zugleich Deutung der Gegenwart: Jetzt, im Exil, in der Gola in Babylonien ist Israel wieder in der Wüste. Und doch: Dort hat es Gnade gefunden. Das Gericht ist nicht das letzte Wort, sondern die Gnade behält das letzte Wort.

Die stärkste Form eines Imperativs, eines Befehls ist das Präsens. Die stärkste Form einer Zusage für die Zukunft ist gleichfalls das Präsenz. Israel zieht hin zu seiner Ruhe. Es ist, als sehe der Prophet schon den Zug, der sich auf den Weg macht – in das verheißene Land, das Land der Ruhe. Im Josuabuch heißt es: „Gott, hat euch zur Ruhe gebracht.“ (Josua 1,13; 1,15)  Und wiederholt ähnlich: „Und das Land war zur Ruhe gekommen vom Kriege.“ (Josua 11,23; 14,15) Dorthin werden die Exilierten zurückkehren. „Am Ende steht die erneute Besiedlung des Landes der Väter, das zu einer Ruhestatt wird. Die Ruhe von allen Feinden wird Wirklichkeit werden, die einst bei der ersten Landnahme versäumt wurde.“(D. Schneider, aaO.  S.270)

3 Der HERR ist mir erschienen von ferne: Ich habe dich je und je geliebt, darum habe ich dich zu mir gezogen aus lauter Güte.

            Jeremia hat sich schon einmal damit auseinander setzen müssen, dass Gott nicht nur der nahe Gott ist, der fürs Herz, für die Innerlichkeit: So greift er das hier auf: Der HERR ist mir erschienen von ferne. Aus der Ferne. Von ferne. Weit weg von allen Bildern, die Jeremia in seiner Seele trägt. Weit weg auch von den harten Worten, die ihm so zu schaffen machen. Mit der Zusage einer unwandelbaren Liebe im Wandel der Zeiten. Diese Liebe „war durch das Gericht nicht (Hervorhebung: Lenz) unterbrochen worden; nun aber nimmt sie neu, erfahrbare Gestalt an.“(D. Schneider, ebda.) Es ist seine Liebe, die Liebe des HERRN, die nicht fallen lässt, auch nicht im Gericht.

                       Ich habe dich je und je geliebt – das gilt nicht nur für die Verlobungszeit in der Wüste, nicht nur für die Glanzzeit unter Königen wie David und Salomo. Das gilt auch für das unendliche Leid der Zerstörung des Tempels. Das gilt auch in den Schmerzen des Exils. Das gilt auch für die so lastende bleierne Zeit des Wiederaufbaus.

4 Wohlan, ich will dich wiederum bauen, dass du gebaut sein sollst, du Jungfrau Israel; du sollst dich wieder schmücken, Pauken schlagen und herausgehen zum Tanz. 5 Du sollst wiederum Weinberge pflanzen an den Bergen Samarias; pflanzen wird man sie und ihre Früchte genießen. 6 Denn es wird die Zeit kommen, dass die Wächter auf dem Gebirge Ephraim rufen: Wohlauf, lasst uns hinaufziehen nach Zion zum HERRN, unserm Gott! 7 Denn so spricht der HERR: Jubelt über Jakob mit Freuden und jauchzet über das Haupt unter den Völkern. Ruft laut, rühmt und sprecht: Der HERR hat seinem Volk geholfen, dem Rest Israels!

 Es sind bewegende Bilder – Menschen voller Freude, Menschen, die Anteil am Leben haben, Menschen, die neue Schritte im Leben tun. Der Mauerfall fällt mir ein – ein Jubel, der das ganze Volk erfasst. So ist Gott: er setzt einen neuen Anfang und dieser Anfang ist nicht karg, nicht knauserig, sondern von der Fülle des Lebens durchtränkt.

8 Siehe, ich will sie aus dem Lande des Nordens bringen und will sie sammeln von den Enden der Erde, auch Blinde und Lahme, Schwangere und junge Mütter, dass sie als große Gemeinde wieder hierher kommen sollen.

 Ich leihe mir Worte, um meinen Eindruck wiederzugeben:

„Dann wird unsagbare Freude sein                                                                                 wird helles Lachen herrschen                                                                                                  wird an reichen Tischen gegessen                                                                                     werden Menschen lallen vor Glück                                                                                       werden wir sein wie die Träumenden.“                                                                                  J. Hanssen, Nach dem Dunkel kommt ein neuer Morgen, Wesel 1978, S. 62

             Wenn ich meiner Phantasie Lauf lasse: als sich dieser Bilder im Schauen des Jeremia verdichtet haben, da hat er sie erst abgewehrt: Nur ein schöner Traum. Dann hat er gesagt: ich möchte nie mehr aus diesem Traum erwachen. Und schließlich hat er sie weitergesagt – damit wir in diesen Traum hinein gezogen werden.

 9 Sie werden weinend kommen, aber ich will sie trösten und leiten. Ich will sie zu Wasserbächen führen auf ebenem Wege, dass sie nicht zu Fall kommen; denn ich bin Israels Vater und Ephraim ist mein erstgeborener Sohn.

Wie ein Kommentar zu diesen Worten lesen sich die letzten Verse von Psalm 126

HERR, bringe zurück unsre Gefangenen,                                                                            wie du die Bäche wiederbringst im Südland.                                                                     Die mit Tränen säen,                                                                                                                werden mit Freuden ernten.                                                                                                    Sie gehen hin und weinen und streuen ihren Samen                                                  und kommen mit Freuden und bringen ihre Garben.            Psalm 126, 5-6

 Was der Beter noch nur als Bitte formulieren kann, das sieht der Prophet schon – und in seinem Sehen wird es zur Tat seines Gottes. Das ist nicht weniger als eine Rückkehr ins Leben, wo nichts mehr zu erwarten war. Gott bewährt sich an seinem Volk als der gute Hirte.

            Es ist die große Wende, die sich auch in den Worten des Jesaja findet, die sich im Neuen Testament in der Beschreibung der Taten des Messias findet: Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf und Armen wird das Evangelium gepredigt; und selig ist, wer sich nicht an mir ärgert. (Matthäus 11, 5 – 6)  Wie sollte ich nicht darauf hoffen?

10 Höret, ihr Völker, des HERRN Wort und verkündet’s fern auf den Inseln und sprecht: Der Israel zerstreut hat, der wird’s auch wieder sammeln und wird es hüten wie ein Hirte seine Herde; 11 denn der HERR wird Jakob erlösen und von der Hand des Mächtigen erretten. 12 Sie werden kommen und auf der Höhe des Zion jauchzen und sich freuen über die Gaben des HERRN, über Getreide, Wein, Öl und junge Schafe und Rinder, dass ihre Seele sein wird wie ein wasserreicher Garten und sie nicht mehr bekümmert sein sollen. 13 Alsdann werden die Jungfrauen fröhlich beim Reigen sein, die junge Mannschaft und die Alten miteinander; denn. 14 Und ich will der Priester Herz voller Freude machen, und mein Volk soll meiner Gaben die Fülle haben, spricht der HERR.

            Staunend lese ich diese Worte und mich bewegt die Frage: Sagt das wirklich der gleiche Jeremia, der nicht mehr in das Hochzeitshaus gehen durfte, der nicht mehr mit-feiern durfte, der jede menschliche Solidarität verweigern musste, der sich in Einsamkeit und Isolation wieder gefunden hat und daran schier zerbrochen ist?  Wenn es der gleiche Prophet ist – und für mich steht das ziemlich fest – was muss in ihm vorgegangen sein! Muss er nicht geradezu betrunken sein vor Glückseligkeit: endlich darf er Heil ansagen. Zur Freude rufen. Endlich verliert das Dunkel die Macht und die Sonne leuchtet – ihm – hell.

            Es sind Bilder von einem gelingenden Miteinander. Vom Glück des Lebens. Von der Freude, die an den Gaben des HERRN entsteht. Leben in Fülle: Getreide, Wein, Öl und junge Schafe und Rinder. Tanzende Menschen. Bilder, die die erschreckenden und ängstigenden Trauerbilder der früheren Verkündigung des Jeremia wie eine dunkle Folie erscheinen lassen, auf der sie umso heller strahlen. Das ist die große Wende: Ich will ihr Trauern in Freude verwandeln und sie trösten und sie erfreuen nach ihrer Betrübnis. Eine Wende, die Gott herbeiführt. Keine Wende nach Menschenmaß.

Zum Weiterdenken

                Genug mit Gericht. Genug mit Strafe. Gott will den neuen Anfang. Es ist sein Wille, sein Vorsatz: genug gelitten, Fast kommt es mir so vor, als würde Gott sich eingestehen, dass er den Schmerz seiner Gerichte nicht länger tragen kann. Dass es ihm zu arg zusetzt, seinen Volk so fremd und hart gegenüber treten zu müssen. Zu müssen, weil es sein Volk ist, weil er nicht einfach wegsehen kann. Weil es seine Leute sind, muss er eingreifen, widerstehen, strafen. Es ist sein Schmerz, der ihn dann auch den Weg zu neuer Gnade gehen lässt. Vielleicht müssen wir heute über den Schmerz Gottes, der hinter der Pandemie steht, nachdenken. Es ist doch seine Menschheit, die sich in diese Misere verstrickt hat Im eigenen Größenwahn. Hoffnung? Dass auch über dieser Zeit steht: Gott will den neuen Anfang. Unsere Umkehr zu ihm.

Gottes Liebe spart diese Zeiten des Schmerzes nicht aus. Sie macht dann nicht Pause. Es ist der Weg der „harten Gnade“ (C.S Lewis), der dahin führt, wo wir nie im Leben hin wollen, in Depression, Verzweiflung, Anfechtung, in die dunkle Nacht der Seele. Aber weil er, Gott selbst, dahin führt, ist es kein Weg außerhalb der Liebe.

            Von hier verstehe ich auch, dass Jesus nach der Taufe in die Wüste geführt wird – durch den Geist. Wie sollen wir es auch lernen, uns der Führung Gottes anzuvertrauen, wenn sie nur für Sonnenscheintage gilt – und nicht auch im Sturm?

  Wenn ich auch gleich nichts fühle von deiner Macht,
Du führst mich doch zum Ziele auch durch die Nacht.
So nimm denn meine Hände und führe mich
bis an mein selig Ende und ewiglich!            J. Hausmann 1862, EG 376

 Jahrzehntelang unter – vor allem von Theologen ausgesprochenem – Kitschverdacht singt dieses Lied doch nach, was Jeremia als Wort des Herrn weitergibt. Es gibt ein Gehen unter der Liebe, auch wenn alles in uns sich dagegen wehrt, in diesen Zeiten Gott an unserer Seite zu glauben. Er ist nicht auf Rückzug, wenn wir leiden, nicht irgendwo hinter den sieben Bergen bei den sieben Zwergen. Er ist da.

Wenn ich nach meiner Hoffnung gefragt bin – hier finde ich sie. Gott schenkt die Rückkehr in das Leben. Gott will die Trauer in Freude verwandeln. Gott will trösten und erfreuen nach der Betrübnis, nach der Enge, die das Herz schwer gemacht hat. Das ist die Hoffnung, an der ich mich festzumachen suche mit meinem manchmal so traurigen Herzen.

 

Heiliger Gott, wie oft droht mir der Atem auszugehen. Wie oft habe ich innerlich schon aufgegeben. Ich brauche den Rückenwind, den Dein Wort gibt, den Dein Geist tief ins Herz einsenkt.

Ich danke Dir,  dass Du Bilder einer Zukunft vor unsere Augen malst, die uns lockt, Sehnsucht in uns weckt, uns nicht aufgeben lässt, uns nicht erlaubt, alles beim Alten zu lassen.

Du selbst willst unsere Trauer in Freude verwandeln, unsere Resignation in Begeisterung, uns herausholen aus dem Stillstand und neu in Bewegung bringen auf Dein Ziel, hin zu Dir. Amen

 

   

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