Wortlos gehen müssen

Jeremia 28, 1 – 17

 1 In demselben Jahr, im Anfang der Herrschaft Zedekias, des Königs von Juda, im fünften Monat des vierten Jahrs, sprach Hananja, der Sohn Asurs, ein Prophet von Gibeon, zu mir im Hause des HERRN in Gegenwart der Priester und des ganzen Volks:

             Es ist eine ganz bestimmte Zeit. Nicht ein irgendwann. Sondern geschichtlich fixiert durch den Antritt der Herrschaft des Zedekia.  Des Königs, mit dessen Namen sich schon Hoffnungen auf mehr Gerechtigkeit verbinden. Steckt doch in seinem Namen der Klang der z̕daqa, der Gerechtigkeit, mit drin. Es ist eine Zeit des Ringens um den richtigen Weg, um die richtigen Entscheidungen. Die Propheten sind an dieser Stelle gefordert. Sie sind nicht nur religiöse Wegweiser, sie sind auch in der politischen Arena gefordert.

            Wenn man so will: Was jetzt folgt, ist ein Duell vor versammelter Mannschaft, im Hause des HERRN in Gegenwart der Priester und des ganzen Volks. Im Tempel wird nicht nur gebetet. Dort fallen Entscheidungen für den Weg des Volkes.

  2 So spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels: Ich habe das Joch des Königs von Babel zerbrochen, 3 und ehe zwei Jahre um sind, will ich alle Geräte des Hauses des HERRN, die Nebukadnezar, der König von Babel, von diesem Ort weggenommen und nach Babel geführt hat, wieder an diesen Ort bringen; 4 auch Jechonja, den Sohn Jojakims, den König von Juda, samt allen Weggeführten aus Juda, die nach Babel gekommen sind, will ich wieder an diesen Ort bringen, spricht der HERR, denn ich will das Joch des Königs von Babel zerbrechen.

             Aus der Menge der Gegner des Jeremia tritt einer mit Namen hervor. Hananja ist ein Prophet, der zu sagen weiß, was die Menge hofft. Es kommt zur offenen Konfrontation mit Jeremia, weil er im Tempel, in der Gegenwart der Priester und des ganzen Volks seine Botschaft sagt. Er gibt den Sehnsüchten des Volkes, den Hoffnungen des Königs Worte: „Es ist wie ein böser Traum – aber wir werden erwachen und sehen, dass Gott immer noch Gott ist und auf unserer Seite und dass er die Treue hält zu diesem Ort und zu dem Königshaus und zu allen seinen Verheißungen.“

 „Die Gelassenheit und Beherrschtheit Hananjas besticht. Der Auftritt geschieht nicht aus dem Effekt heraus, sondern erinnert an ein ordentliches Verfahren. Die Art des Sprechens Hananjas ist der des Jeremia gleich.“(D. Schneider, aaO. S.251f) Auch er leitet seine Wort ein: So spricht der HERR. Seine Worte sind ein einziger Widerspruch gegen die Botschaft Jeremias, die er aufgreift und zurückweist.

Man wird es sich vor Augen halten müssen: Da steht Jeremia mit dem Joch auf seinen Schultern. Und jetzt sagt Hananja als Wort des HERRN: Ich habe das Joch des Königs von Babel zerbrochen. Und fügt hinzu, indem er wieder Worte des Jeremia zurückweist: Die ins Exil Verschleppten und die geraubten Geräte kommen innerhalb der nächsten zwei Jahre zurück. Der König von Babylon ist am Ende. Gott will es so.

„So steht für die Hörer Gottes Wort gegen Gottes Wort.“(A. Weiser, aaO. S.244) Die Frage ist: Wer von diesen beiden Propheten beruft sich zu Recht auf die Autorität Gottes? Gibt es Kriterien, an denen sich diese Frage entscheiden lässt? Mit Hananja nimmt einer das Wort, der auf Mitmachen setzt, auf die Kraft der positiven Botschaften. Der dem Volk sagen will. Alles wird wieder gut – bald. Gott wird es richten. Es klingt gut, fromm, voll Gottvertrauen. Nur, dass Hananjas Worte die Sehnsucht des Volkes, auch die Hoffnung der politischen Führungen treffen, ist ja noch kein Wahrheits-Kriterium. Seine Botschaft ist dennoch nur die Botschaft der eigenen Wünsche.

 5 Da sprach der Prophet Jeremia zu dem Propheten Hananja in Gegenwart der Priester und des ganzen Volks, die im Hause des HERRN standen, 6 und sagte: Amen! Der HERR tue so; der HERR bestätige dein Wort, das du geweissagt hast, dass er die Geräte aus dem Hause des HERRN von Babel wiederbringe an diesen Ort und alle Weggeführten.

            Wie gerne würde Jeremia zustimmen. Es ist wahr; „Was Jeremia als Prophet zu verkündigen hat und dessen Erfüllung er angesichts der Anfeindung, die er erdulden muss, einfordert, widerspricht vielmehr dem, was er als Mensch erhofft.“ (A. Graupner/R. Micheel, aaO. S.88) Wie gerne hätte Jeremia Unrecht und würde erleben, dass Hananja Recht hat. Es ist doch auch seine Sehnsucht, dass Jerusalem lebt, dass es Juda gut geht, dass das Volk Gottes bewahrt wird.

            Es ist bis heute doch wahr: Wir teilen als Kirche die Sehnsucht nach dem guten Leben. Wir teilen als Kirche die Sehnsucht nach Glück. Wir sind nicht anders drauf als die Menschen um uns herum mit unseren Sehnsüchten. Oft genug ist es wohl so, dass wir diesen Sehnsüchten Worte geben, dass wir sie zur Sprache bringen. Lebens-Themen nenne ich das gern. Und wenn diese Suche nach der Sprache gelingt, sagen Leute: Der versteht was vom Leben. Der versteht, was wir denken. Was ist daran schlecht?

7 Doch höre dies Wort, das ich vor deinen Ohren rede und vor den Ohren des ganzen Volks: 8 Die Propheten, die vor mir und vor dir gewesen sind von alters her, die haben gegen viele Länder und große Königreiche geweissagt von Krieg, von Unheil und Pest. 9 Wenn aber ein Prophet von Heil weissagt – ob ihn der HERR wahrhaftig gesandt hat, wird man daran erkennen, dass sein Wort erfüllt wird.

 Jeremia kann nicht kontern, schon gar nicht mit einem neuen Gotteswort. Was er ins Spiel bringt – und es wirkt ein bisschen wie eine Verlegenheitslösung – ist seine Kenntnis der alten Prophetie. Die alten Propheten haben immer wieder Krieg, von Unheil und Pest angesagt. Die Welt, so darf man wohl ergänzen, ist ja auch voll davon. Die Prophetie hat sich erfüllt am Nordreich, in Untergang Samarias 722. Mit der Heilsprophetie aber ist das so eine Sache: „Bei den Heilsweissagungen lässt sich ihre göttliche Autorität erst feststellen, wenn sie eingetroffen sind.“ (A. Weiser, aaO. S.247) Wieder wirkt es, als wollte Jeremia seinen Hörern gewissermaßen wortlos sagen: Seht doch selbst – wo ist denn das Heil, von dem sie reden? Wo ist die Geschichte ein Zeugnis für diese Heilserwartungen?

 10 Da nahm der Prophet Hananja das Joch vom Nacken des Propheten Jeremia und zerbrach es. 11 Und Hananja sprach in Gegenwart des ganzen Volks: So spricht der HERR: Ebenso will ich zerbrechen das Joch Nebukadnezars, des Königs von Babel, ehe zwei Jahre um sind, und es vom Nacken aller Völker nehmen. Und der Prophet Jeremia ging seines Weges.

  Die Antwort Hananjas ist eine Zeichenhandlung. So agieren Propheten. Er zerbricht Jeremias Joch. Die Zeichenhandlung Hananjas hat das Zeichen des Jeremia aufgenommen und gebrochen. Es ist eine geniale Aktion, die Hananja so handeln lässt. Und er deutet noch einmal, wieder unter der Berufung Spruch Jahwes: So zerbricht Gott das Joch Nebukadnezars, ehe zwei Jahre um sind. Hananja steht als Sieger da.

Jeremia räumt das Feld. Wortlos. „Gottes Wort zu haben bedeutet nicht, zu jederzeit gegenüber jeder Herausforderung immer etwas zu sagen zu haben.“ (D. Schneider aaO. S. 252) Wer wollte jetzt noch Zweifel daran haben, dass Hananja Recht hat, „dass die stärkere Macht auf Seiten des Propheten der Freiheit steht.“ (A. Weiser, ebda.)

12 Aber des HERRN Wort geschah zu Jeremia, nachdem der Prophet Hananja das Joch auf dem Nacken des Propheten Jeremia zerbrochen hatte: 13 Geh hin und sage Hananja: So spricht der HERR: Du hast das hölzerne Joch zerbrochen, aber du hast nun ein eisernes Joch an seine Stelle gesetzt. 14 Denn so spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels: Ein eisernes Joch habe ich allen diesen Völkern auf den Nacken gelegt, dass sie untertan sein sollen Nebukadnezar, dem König von Babel, und ihm dienen, und auch die Tiere habe ich ihm gegeben.

   Es reicht nicht, der Sehnsucht Worte zu geben, eine Stimme zu leihen. Wer redet, ohne zu hören, der redet nur seine eigenen Worte. Es braucht den Anhalt an der Wirklichkeit – der Wirklichkeit der Welt und der Wirklichkeit der Worte Gottes. Merkwürdig: Gott akzeptiert die Zeichenhandlung des Hananja. Aber er korrigiert sie auch durch sein Wort. Was alle als Freiheitszeichen verstanden haben ist in Wirklichkeit das Zeichen der Verschärfung – es wird sich wenige Jahre später zeigen, wenn Jerusalem im Jahr 587 in Trümmer gelegt wird.

  Dieses eiserne Joch wird nicht nur Jerusalem und Juda auferlegt werden, sondern allen diesen Völkern. Ob die Gesandten, die bei Zedekia waren, hier auch noch gegenwärtig sind und das Urteil über ihre Völker so mithören müssen? Jerusalem und Juda erfahren keine Sonderbehandlung. Dass sie immer noch Gottes erwähltes Volk sind, sichert ihnen keinen sturmgeschützten Platz außerhalb des „normalen Verlaufes“ der Geschichte.

  15 Und der Prophet Jeremia sprach zum Propheten Hananja: Höre doch, Hananja! Der HERR hat dich nicht gesandt; aber du machst, dass dies Volk sich auf Lügen verlässt. 16 Darum spricht der HERR: Siehe, ich will dich vom Erdboden nehmen; dies Jahr sollst du sterben, denn du hast sie mit deiner Rede vom HERRN abgewendet.17 Und der Prophet Hananja starb im selben Jahr im siebenten Monat.

    Nach der sachlichen Korrektur im Blick auf die Geschichte folgt das persönliche Wort, an Hananja gerichtet. Ganz hart: Der HERR hat dich nicht gesandt. Begründung für diesen Satz: Keine. Wohl aber eine weiterführende Schlussfolgerung. Weil das so ist, darum verführt Hananja das Volk, darum gaukelt er ihm falsche Sicherheit vor, lässt es sich auf Lügen verlassen. Hananja – ein Volksverführer.

„Mit einer geradezu unheimlichen Sicherheit sagt ihm Jeremia den Tod im Laufe des Jahres voraus und fügt dem göttlichen Strafurteil seine eigene Begründung hinzu, dass er Auflehnung gegen Jahwe verkündigt habe.“ (A. Weiser, aaO. S.248) Keine zwei Monate später ist Hananja tot.

  Das ist ein Wahrheits-Erweis des Propheten Jeremia, den sich keiner wünschen kann. Ähnlich unheimlich, wie später die Geschichte von Ananias und Saphira, die Lukas erzählt. (Apostelgeschichte 5,1-11) Was für eine Botschaft: Für die, die sich das Wort Gottes anmaßen und zurechtlegen, ist auf die Dauer kein Platz auf seiner Erde. Aber das ist ja biblische Grundüberzeugung: Das Böse hat keine bleibende Stätte in der Welt Gottes.

„Ich will dem HERRN singen mein Leben lang                                                               und meinen Gott loben, solange ich bin.                                                                         Mein Reden möge ihm wohlgefallen.                                                                                 Ich freue mich des HERRN.                                                                                                    Die Sünder sollen ein Ende nehmen auf Erden                                                                 und die Gottlosen nicht mehr sein.                                                                                           Lobe den HERRN, meine Seele! Halleluja!“                        Psalm 104, 33 – 35

            So hart denkt die Schrift in Gegensätzen. Die müssen wir nicht herstellen, vollziehen, vollstrecken – das alles ist in Gottes Hand besser aufgehoben als in unseren Händen und Denk-Systemen.

Zum Weiterdenken

        Jeremia und Hananja – nur ein Streit um Worte? Ein Streit ums Rechtbehalten? Jeremia sagt die Härte der Realität an mit seinem Joch. Er mahnt zur Beugung unter die fremde Macht. Er muss harte Zeiten ansagen, nicht nur ein paar harte Wintermonate. Es ist das Leiden des Jeremia, dass seine Worte durch die Zeitverzögerung wir Unkenrufe und Angstmache wirken. Diese Zeitverzögerung gönnt uns der Virus im Augenblick nicht, auch wenn Krankenhäuser immer noch “freie Kapazitäten“ haben. Jeremia geht schweigend seines Weges. Dass es noch schlimmer kommen wird, wenn alles wie gehabt weitergeht, wird sich zeigen, wenn sie in Jerusalem glauben, die Realität nach eigenem Gutdünken wandeln und überspringen zu können. Zehn Jahre später ist die stolze Stadt ein Trümmerhaufen. Und wir – nehmen wir die harte Realität an?

    Es ist ein Leiden, das bis heute frommen Leuten nicht erspart bleibt. Wo ist euer Gott? werden sie gefragt – angesichts des Tsunami. Warum greift er nicht ein, wenn einer wie Anders Behring Breivik wahllos junge Menschen umbringt? Warum stoppt er die Kriege nicht – in Syrien, im Jemen, die Hungersnöte in Afrika? Warum sind weltweit 70 Millionen Menschen auf der Flucht und er schweigt, sieht zu, als ob es ihn nichts anginge? Warum lässt er es zu, dass eine Pandemie die Welt ins Chaos stürzt? Dass mit einem Schlag weltweit unzählige Projekte, die Menschen zu menschenwürdigerem Leben helfen sollten, in sich zusammenbrechen, ausgebremst durch ein Virus.

            Oft genug werden Christen im Gespräch über solche Schrecken mit dem „Warum“, das nach Gott fragt, das seinen Weg erklärt haben will, konfrontiert. Und haben nichts zu sagen.  Gibt die Sprachlosigkeit der Christen in solchen Debatten nicht den Fragenden Recht?

            Vielleicht ist es aber auch anders – und die Erwartung der schlagfertigen Antworten ist falsch. Gottes Leute, so sehe ich an Jeremia, müssen nicht so ausstrahlungsstark sein, dass sie jede Situation beherrschen, überlegen auf alles vorbereitet, die Menschen für sich gewinnen können. Sie sind nicht alle immerzu strahlende Sieger im Wortstreit, auch nicht alle Talk-Show-geeignet und geeicht. Es kann sein, dass sie immer wieder einmal das Feld räumen müssen ohne überzeugende Antworten gegeben zu haben. Wortlos, zum Schweigen gebracht. Weil es gar nicht ihre Aufgabe ist, immer das letzte Wort zu behalten.

 

Wahrscheinlich gehört es eben doch zur Wahrheit, dass das Wort Gottes nicht die Welt widerspruchsfrei erklärt, sondern dass es Taten der Liebe und der Gerechtigkeit sucht, die wir zu tun haben. Der Glaube liefert keine Welt-Theorie, sondern eine Wegweisung zum Vertrauen und zum Handeln aus Vertrauen.

 

Heiliger Gott, manchmal schleiche ich wie ein geprügelter Hund davon. Ich habe nichts zu sagen. Mir fehlen die Worte. Ich weiß nicht, wie es weiter gehen soll.

Dann bleibt nur Warten. Hoffen auf ein Wort, das Du mir sagst. Aushalten, bis ein neues Signal kommt, das mir neue Schritte erlaubt. Wie schwer ist es, dieses Warten, Hoffen, Ausharren zu bestehen.

Und doch: Wenn ich es überspringen will, bleibe ich zurückgeworfen auf mich selbst, gefangen in mir. Nur Du hast das Wort, zu Deiner Zeit, das den Weg neu öffnet. Amen

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