Störe uns, Du Gottesdienststörer

Jeremia 26, 1 – 19

1 Im Anfang der Herrschaft Jojakims, des Sohnes Josias, des Königs von Juda, geschah dies Wort vom HERRN:

             Etwa in das Jahr 608 führen diese Worte. Jojakim ist seinem Vater Josia, der in der Schlacht von Megiddo gegen den Ägypter-Pharao Necho gefallen ist, auf dem Thron gefolgt. Er ist jetzt König von Juda. 

  2 So spricht der HERR: Tritt in den Vorhof am Hause des HERRN und predige denen, die aus allen Städten Judas hereinkommen, um anzubeten im Hause des HERRN, alle Worte, die ich dir befohlen habe, ihnen zu sagen, und tu nichts davon weg, 3 ob sie vielleicht hören wollen und sich bekehren, ein jeder von seinem bösen Wege, damit mich auch reuen könne das Übel, das ich gedenke, ihnen anzutun um ihrer bösen Taten willen.

             Jeremia erhält einen Predigtauftrag. Mit Ortsangabe, wo er diesen Auftrag ausführen soll. Es geht um eine Predigt, die alle erreichen soll, die alle hören sollen, nicht nur die Jerusalemer, sondern auch die vom Land, die aus allen Städten Judas hereinkommen, um anzubeten aus Der Anlass für ihr Kommen wird eines der Feste Judas sein. „Am ehesten wird man an das Bundesfest im Herbst zu denken haben.“ (A. Weiser, aaO.  S.230)

             Es klingt sehr verhalten: ob sie vielleicht hören wollen und sich bekehren. Es ist eine „schwache Hoffnung Gottes (ȗlaĵ)“ (A. Weiser, aaO. S.231), die in keiner Weise vollmundig daher kommt. Aber es ist noch Hoffnung auf eine Umkehr. Es ist noch nicht zu Ende mit dem Rufen zur Umkehr. Es ist noch nicht die Zeit, nur noch Gericht anzusagen. Wenn sie hören und umkehren, kann auch Gott seinen Weg zum Gericht abbrechen.

            Die Verantwortung Jeremias liegt nicht in der Wirkung seiner Predigt, sondern in dem, was er sagt: Er soll nichts weglassen, nichts schönreden. Es ist die Treue zum empfangenen Wort, die der HERR von ihm verlangt, nicht einen Predigterfolg.

 4 Und sprich zu ihnen: So spricht der HERR: Werdet ihr mir nicht gehorchen und nicht nach meinem Gesetz wandeln, das ich euch vorgelegt habe, 5 und nicht hören auf die Worte meiner Knechte, der Propheten, die ich immer wieder zu euch sende und auf die ihr doch nicht hören wollt, 6 so will ich’s mit diesem Hause machen wie mit Silo und diese Stadt zum Fluchwort für alle Völker auf Erden machen.

            Ein Gottesdienst-Störer. Statt Erbauung Publikumsbeschimpfung. Statt Worten, die der Seele wohl tun Worte, die aufrühren, schmerzen, alles in Frage stellen. Das Haus Gottes ist der Halte-Punkt im Leben. Mögen andere Häuser verschwinden – dieses Haus bleibt. Jahrhunderte alte Theologie hat das fest ins Denken des Volkes verankert.

            Und jetzt kommt einer und spricht dawider. Jetzt kommt einer und fordert ethisches Verhalten, damit theologische Glaubenssätze nicht leere Phrasen werden. Behauptet, dass er ja nur einer in der langen Kette ungehörter Rufer ist. Und droht Gericht an. Erinnert an die große Wunde Israels, an das zerstörte Heiligtum von Silo. Er sagt das Undenkbare an: Die Zerstörung des Salomonischen Tempels in Jerusalem.  Des Tempels, von dem doch alle durch die Worte Salomos wissen, warum er gebaut worden ist: „So habe ich nun ein Haus gebaut dir zur Wohnung, eine Stätte, dass du ewiglich da wohnest.“(1. Könige 8, 13)

            Jeremia aber – so kann man den Eindruck haben – hat weitergelesen im Buch der Könige und so wirkt es fast wie ein Zitat der uralten Gottesworte, was er sagt: „Werdet ihr euch aber von mir abwenden, ihr und eure Kinder, und nicht halten meine Gebote und Rechte, die ich euch vorgelegt habe, und hingehen und andern Göttern dienen und sie anbeten, so werde ich Israel ausrotten aus dem Lande, das ich ihnen gegeben habe, und das Haus, das ich meinem Namen geheiligt habe, will ich verwerfen von meinem Angesicht; und Israel wird ein Spott und Hohn sein unter allen Völkern.“(1. Könige 9, 6-8) Das steckt in den Worten Jeremias: Wenn ihr nicht umkehrt, erfüllt sich dieses Wort Gottes an Salomo jetzt.

Es ist ein vierfaches „nicht“: nicht gehorchen; nicht nach meinem Gesetz wandeln; nicht hören – das gleich zweimal. Das Ergebnis dieser Verweigerung, dieser Fundamental-Verneinung wird das Nichts sein. Der Untergang.  Es ist, als würde hier eine Gesetzmäßigkeit greifen, die aber doch nur sehr verhalten angedeutet wird: Wer immerzu Nein sagt, landet am Ende in der Verneinung des eigenen Lebens. Offenkundig, auch ohne Gesetzmäßigkeit: Wer sich dem Ruf Gottes verweigert, verweigert sich selbst das Leben.

            Es ist wohl so, dass die Exegeten sich nicht darüber einig sind, ob die Königsbücher älter sind als das Buch Jeremia. Unabhängig davon, wie diese Frage historisch zu entscheiden ist – für Bibelleser*innen heute können die Worte des Jeremia wie ein Aufgreifen der alten Bedingungssätze über das Bleiben des Tempels wirken.

 7 Als aber die Priester, Propheten und alles Volk Jeremia hörten, dass er solche Worte redete im Hause des HERRN, 8 und Jeremia nun alles gesagt hatte, was ihm der HERR befohlen hatte, allem Volk zu sagen, ergriffen ihn die Priester, Propheten und das ganze Volk und sprachen: Du musst sterben! 9 Warum weissagst du im Namen des HERRN: »Es wird diesem Hause gehen wie Silo, und diese Stadt soll so wüst werden, dass niemand mehr darin wohnt«? Und das ganze Volk sammelte sich im Hause des HERRN wider Jeremia.

            Was nicht sein darf, darf nicht sein. „Zwar hat man den Propheten ausreden lassen. Aber kaum hat er geendet, bricht der Aufruhr gegen ihn los.“ (A. Weiser, aaO. S.232) Jeremia steht wie ein Gotteslästerer da. Blasphemie! Wer gegen den Tempel spricht, der zieht Gottes Treue in Zweifel, der widerspricht den Verheißungen Gottes. Der Volkszorn wird angestachelt von den Priestern und konkurrierenden Propheten. Spontaner Volkszorn – und das Urteil ist klar: Schuldig! Über den Ausgang des Volkszorns kann es wenig Zweifel geben. Es ist Zeit zu sterben.

            Wie von selbst drängt sich die Parallele zum Prozess Jesu auf. „Zuletzt traten zwei herzu und sprachen: Er hat gesagt: Ich kann den Tempel Gottes abbrechen und in drei Tagen aufbauen.  Und der Hohepriester stand auf und sprach zu ihm: Antwortest du nichts auf das, was diese gegen dich bezeugen?“(Matthäus 26, 60-62) Auch da ist der Vorwurf, der tödlich sein kann: Er hat gegen den Tempel gesprochen. Er hat den Ort der Gegenwart Gottes als Abbruch-Bude bezeichnet.

 10 Als das die Oberen von Juda hörten, gingen sie aus des Königs Hause hinauf ins Haus des HERRN und setzten sich zum Gericht vor das neue Tor am Hause des HERRN. 11 Und die Priester und Propheten sprachen vor den Oberen und allem Volk: Dieser Mann ist des Todes schuldig; denn er hat geweissagt gegen diese Stadt, wie ihr mit eigenen Ohren gehört habt.

Geordnetes Verfahren statt spontanem Handeln der Massen. Oberschichten machen sich nicht gerne gemein mit dem Mob, auch wenn sie möglicherweise gleiche Gedanken und gleiche Ziele haben. Es ist eine Verlangsamung, die noch einmal die Tür zur Hoffnung für Jeremia ein bisschen aufmacht. Er ist vor der spontanen Lynchjustiz gerettet, aber noch lange nicht in Sicherheit.

 12 Aber Jeremia sprach zu allen Oberen und zu allem Volk: Der HERR hat mich gesandt, dass ich dies alles, was ihr gehört habt, weissagen sollte gegen dies Haus und gegen diese Stadt. 13 So bessert nun eure Wege und euer Tun und gehorcht der Stimme des HERRN, eures Gottes, dann wird den HERRN auch gereuen das Übel, das er gegen euch geredet hat. 14 Siehe, ich bin in euren Händen, ihr könnt mit mir machen, wie es euch recht und gut dünkt. 15 Doch sollt ihr wissen: Wenn ihr mich tötet, so werdet ihr unschuldiges Blut auf euch laden, auf diese Stadt und ihre Einwohner. Denn wahrlich, der HERR hat mich zu euch gesandt, dass ich dies alles vor euren Ohren reden soll.

            Aber auch jetzt: Jeremia hat nichts Neues zu sagen – schon gar nicht einen Widerruf. Er wiederholt vielmehr das Wort, das ihm aufgetragen ist. Er ist die eherne Mauer (1,18), wie es ihm Gott in seiner Berufung zugesagt hat. Er fürchtet sich vielleicht, aber er zieht nicht zurück. Keine Anpassung. „Er bittet nicht um sein Leben, obwohl er weiß, dass er der Gewalt der Mächtigen ausgeliefert ist.“(A. Weiser, aaO. S.233) Keine Suche nach einer weichen Formulierung. Mag sein, dass ihr mich tötet – aber ich rede im Auftrag Gottes. Mein Wort gegen die Stadt ist Wort aus Gottes Mund.

            In der Art, wie Jeremia vor den Oberen und allem Volk steht, wirkt er wie ein Vorläufer Jesu in einem Prozess und wie ein Vorbild für Christen in der Nachfolge Jesu in ihren Prozessen.

 16 Da sprachen die Oberen und das ganze Volk zu den Priestern und Propheten: Dieser Mann ist des Todes nicht schuldig; denn er hat zu uns geredet im Namen des HERRN, unseres Gottes.

             Es ist ein überraschender Fortgang des Prozesses. Es gibt unter den Oberen Leuten, die in Jeremia nicht den Gotteslästerer hören, nicht den Störenfried, nicht den ewigen Boten der Negativ-Botschaften. Er hat zu uns geredet im Namen des HERRN, unseres Gottes. Mit diesem Wort verbindet sich wie von selbst eine Frage: „Wenn sie das sagen, wo bleiben die eigenen Konsequenzen? Man sieht nicht, dass sich die Fürsten Gott zugewandt hätten.“ (D. Schneider, aaO. S. 242) Es wirkt wie eine Augenblicksrührung ohne langfristiges Umdenken.

 17 Und es standen auf etliche von den Ältesten des Landes und sprachen zu dem versammelten Volk: 18 Zur Zeit Hiskias, des Königs von Juda, war ein Prophet, Micha von Moreschet; der sprach zum ganzen Volk Juda: »So spricht der HERR Zebaoth: Zion wird wie ein Acker gepflügt werden, und Jerusalem wird zu Steinhaufen werden und der Berg des Tempels zu einer Höhe wilden Gestrüpps.« 19Doch ließ ihn Hiskia, der König von Juda, und das ganze Juda deswegen nicht töten, vielmehr fürchteten sie den HERRN und flehten zu ihm. Da reute auch den HERRN das Übel, das er gegen sie geredet hatte. Wir aber würden großes Unheil über uns bringen.

 Immerhin – dieser Einspruch löst neues Nachdenken aus und es finden sich Älteste des Landes mit einem Langzeitgedächtnis. Sie erinnern sich: Es gibt einen Präzedenzfall. Es gab das schon einmal, dass Gott einen Boten gesandt hat, der den Untergang ansagen musste. Micha von Moreschet. Weil sein Wort offene Ohren und Herzen gefunden hat, hat Gott sein angesagtes Urteil nicht vollstreckt. Unausgesprochen steht es da: Lasst uns umkehren. Vielleicht…. Ob daraus mehr wird als eine historische Erinnerung?

Es bleibt eine Randnotiz: Am Ende dieser Verhandlungen wird Jeremia frei gelassen. Noch einmal, für ungewisse Zeit.

Zum Nachdenken

     Seltsame Parallelität: Wer das Leben in Jerusalem in Frage stellt, das Verhalten der Jerusalemer, ob Führungsschicht oder Volk, der begeht einen unverzeihlichen Tabu-Bruch.  Wer den Fortbestand des Tempels in Frage stellt, der begeht unverzeihlichen Tabu-Bruch. Gotteslästerung. Und heute: Wer unter dem Eindruck der Pandemie auch nur übergangweise Freiheitsrechte einschränkt oder darüber auch nur laut nachdenkt, sie einzuschränken, der begeht Tabu-Bruch. Der muss sich rechtfertigen als einer, der die Grundfesten des Staates angreift. Unverzeihlich? „Wir werden uns viel zu verzeihen haben.“ (J. Spahn) Wir richten niemand mehr hin. Wir sind auch gegen Lynch-Justiz. Aber weh dem, der auf Verzeihen hofft.

     Es gilt auch heutzutage noch: Wer den Gottesdienst stört, fliegt raus. Er ist skandalös und wird zum Fall für den Psychiater.So geschehen in unseren Tagen, nicht nur einmal. Es ist gespenstisch, wie nahe solche Störer dem Propheten sein können. Und es ist auf andere Weise gespenstisch, dass on unseren Gottesdiensten keine heilsame Unruhe auszugehen scheint, sondern eher so etwas wie Friedhofsruhe. Welches Bild vom Gottesdienst leitet mich?

 

Gott, störe Du uns in unserer Sicherheit, unserer Selbstgerechtigkeit, unserem Wachstumswahn. Störe Du uns in unserer Geschäftigkeit, unserer Gier, unserer Verblendung.

Wie oft sind wir uns sicher: Du bist auf unserer Seite. Du wirst uns durchbringen. Du hast dich an uns gebunden. Aus Deiner Liebe machen wir unsere Lebensversicherung, die uns zu nichts verpflichtet.

Störe Du uns, damit wir umkehren und neu leben, aufmerksam, in Deiner Spur. Amen

 

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