Vergeblich gerufen?

Jeremia 25, 1 – 14

 1 Dies ist das Wort, das zu Jeremia geschah über das ganze Volk von Juda im vierten Jahr Jojakims, des Sohnes Josias, des Königs von Juda; das ist das erste Jahr Nebukadnezars, des Königs von Babel.

            Propheten-Worte sind keine zeitlosen Worte. Sie werden in konkrete Zeiten hinein gesprochen, weil Gott immer in die konkrete Zeit hinein sein Wort gesagt haben will. Jeremia hat Zeiten, in denen er reden muss – so in dieser Zeit Jojakims. „Die Datierung des Spruchs in das vierte Jahr des Königs Jojakim führt in das Jahr 605/604, in dem die Entscheidung über die Vorherrschaft im Vorderen Orient zwischen Ägypten und Babylonien fiel.“(A. Weiser, aaO. S.217) Mit der Schlacht von Karkemisch und dem Sieg Nebukadnezars ist der Weg für die Chaldäer frei.

 2 Und der Prophet Jeremia sprach zu dem ganzen Volk von Juda und zu allen Bürgern Jerusalems: 3 Vom dreizehnten Jahr des Josia an, des Sohnes Amons, des Königs von Juda, ist des HERRN Wort zu mir geschehen bis auf diesen Tag, und ich habe zu euch nun dreiundzwanzig Jahre lang immer wieder gepredigt, aber ihr habt nie hören wollen.

             Vergeblich gepredigt. Tauben Ohren. Blinden Augen, verstockten Herzen. Was immer der Prophet sagt, es ist nur „Predigt“, es ist kein Wort, das sich irgendwer im Volk zu Herzen nimmt. Dreiundzwanzig Jahre lang. Unermüdlich hat Jeremia gewarnt, gedroht, gemahnt. Nichts hat sich bewegt. Ob es eine Entlastung ist, dass er sagen kann: ihr habt nie hören wollen.  Das heißt doch: es liegt nicht an Jeremia, an seinen fehlenden Fähigkeiten, an seinem mangelnden Vermögen, auf die Menschen einzugehen. Sondern es liegt an ihnen, zu denen er gesprochen hat und jetzt spricht. Und dennoch: Was ist das für eine niederschmetternde Bilanz, die Jeremia ziehen muss für sein Wirken. Sein Predigen und Rufen ist nicht gewollt. Nur von Gott, aber nicht von den Menschen, an die er sich wendet.

4 Und der HERR hat zu euch immer wieder alle seine Knechte, die Propheten, gesandt; aber ihr habt nie hören wollen und eure Ohren mir nicht zugekehrt und mir nicht gehorcht, 5 wenn er sprach: Bekehrt euch, ein jeder von seinem bösen Wege und von euren bösen Werken, so sollt ihr in dem Lande, das der HERR euch und euren Vätern gegeben hat, für immer und ewig bleiben. 6 Folgt nicht andern Göttern, ihnen zu dienen und sie anzubeten, und erzürnt mich nicht durch eurer Hände Werk, damit ich euch nicht Unheil zufügen muss. 7 Aber ihr wolltet mir nicht gehorchen, spricht der HERR, auf dass ihr mich ja erzürntet durch eurer Hände Werk zu eurem eigenen Unheil.

Auch das ist wahr: Jeremia ist kein Einzelfall – er ist nicht der einzige vergeblich rufende Rufer zur Umkehr. Es scheint das Schicksal der Propheten zu sein, dass sie nicht gehört werden. Jesaja hat gerufen und nichts ist geschehen. Hosea hat gerufen und nichts ist geschehen. Amos hat gerufen und nichts ist geschehen. Micha hat gerufen und nichts ist geschehen. Jeremia ruft und nichts geschieht. Nichts ändert sich, niemand kehrt um. Aber es sind nicht nur die Propheten, die nicht gehört werden. „Wer euch hört, der hört mich, wer euch verachtet, der verachtet mich.“ (Lukas 10,16) sagt Jesus Wer die Worte der Propheten nicht an sein Herz lässt, der verschließt sein Herz gegen Gott.

            Und es ist ja wahr: Dieses Nicht-Hören ist der Auftakt zum Fremdgehen, weg von Gott. Es führt zum Nachlaufen hinter den eigenen Werken, Plänen, Ideen. Es macht blind und taub für das, was Gott von uns will. Die anderen Götter – das sind die Werke unserer Hände, die Leistungen unserer Industrien, die Wunder unserer Technik – und wir beten sie an. Es geht nicht um Buddha und Allah, es geht um Mercedes – „Stern, auf den ich schaue“, Siemens, Bayern München, den Flachbild-Schirm und das Smartphon.

8 Darum spricht der HERR Zebaoth: Weil ihr denn meine Worte nicht hören wollt, 9 siehe, so will ich ausschicken und kommen lassen alle Völker des Nordens, spricht der HERR, auch meinen Knecht Nebukadnezar, den König von Babel, und will sie bringen über dies Land und über seine Bewohner und über alle diese Völker ringsum und will an ihnen den Bann vollstrecken und sie zum Bild des Entsetzens und zum Spott und zur ewigen Wüste machen 10 und will wegnehmen allen fröhlichen Gesang, die Stimme des Bräutigams und der Braut, das Geräusch der Mühle und das Licht der Lampe, 11 sodass dies ganze Land wüst und zerstört liegen soll. Und diese Völker sollen dem König von Babel dienen siebzig Jahre.

            Damals ist die Antwort Gottes: Mein Knecht Nebukadnezar. Der fremde Eroberer muss Gottes Gericht dienen. „Jahwe selbst ist es, der den längst angekündigten Feind aus dem Norden aufgeboten hat, das Gericht an seinem Volk zu vollziehen.“ (A. Weiser, aaO.; S.218) Der Fremde, „gottlose“ Heide ist das Werkzeug Gottes. In dieses Geschehen werden Völker rundum mit hineingezogen. In Juda aber wird das Leben zum Erliegen kommen. Kein Fest mehr, keine Freude mehr. Ein menschenleeres und freudloses Land. Für siebzig Jahre.

 Ist es zu weit gegriffen zu sagen: Solches Gericht durch Feinde hat heute eine andere Gestalt. Aber es fällt nicht aus. Heute sind es die Märkte. Heute sind es Euro-Krise und andere Krisen, die uns aus der selbstgefälligen Anbetung der eigenen Leistungen heraus reißen müssen. Anonymer sind die Feinde geworden, weniger greifbar. Gesellschaften mit beschränkter Haftung, Briefkasten-Firmen, internationale Konzerne. Aber nicht weniger schrecklich. Sie wirken leise, wie Heuschrecken, aber sie hinterlassen zerstörtes Land und zerstörte Sozialstrukturen.

            Noch etwas geht mir durch den Sinn. Wir haben uns als Christen so an Jesus Christus gewöhnt, dass wir es nicht mehr merken: Er ist der Fremde. Er ist es ja auf jeden Fall als der Jude aus Nazareth, als der Erbarmende, als der in unendlicher Geduld Suchende, als der Vergebende. Er ist uns fremd als der, der sagt: „Liebt eure Feinde. Halte dem, der dich schlägt, auch die andere Backe hin. Vergilt nicht, sondern segne.“ Er ist nicht aus unserem Holz geschnitzt. Er ist so anders als wir sind – und dass er so anders ist, das ist unser Gericht und unser Heil.

 12 Wenn aber die siebzig Jahre um sind, will ich heimsuchen den König von Babel und jenes Volk, spricht der HERR, um ihrer Missetat willen, dazu das Land der Chaldäer und will es zur ewigen Wüste machen. 13 So lasse ich an diesem Lande, gegen das ich geredet habe, alle meine Worte in Erfüllung gehen, nämlich alles, was in diesem Buch geschrieben steht, was Jeremia geweissagt hat über alle Völker. 14 Und auch sie sollen großen Völkern und großen Königen dienen. So will ich ihnen vergelten nach ihrem Verdienst und nach den Werken ihrer Hände.

 Siebzig Jahre – so lange wird es währen, bis es zurück geht aus dem Elend. „Zwei Generationen müssen in der Fremde sterben, bevor das Heil wieder neu geschenkt werden kann.“ (D. Schneider, aaO. S. 234) Aber es ist begrenztes Unheil. Gott ist nie maßlos in seinem Gericht. Ob es ein Trost ist: Nach dieser Zeit wird auch der König von Babel und sein Volk zur Rechenschaft gezogen werden. Was sie an Juda und Jerusalem getan haben, mag Gericht Gottes sein. Es ist aber auch Willkür an Menschen, Missetat. Drum werden auch sie einstehen müssen für ihr Tun. Ihnen wird Gott vergelten nach ihrem Verdienst und nach den Werken ihrer Hände.

 Die Sieger kommen immer ungeschoren davon. Das ist der Eindruck, den viele von der Geschichte haben. Aber der Eindruck trügt. Damals im Blick auf Babylon. Heute im Blick auf so manche Großmacht. Gräueltaten der Kriege werden oft genug nur unzureichend vor dem Haager Tribunal verhandelt und verurteilt. Dort landen ja nicht die Großen der Weltpolitik und die großen Völker. Sondern dort landen Serbien und Nigeria, Burkina Faso und Mali. Manchmal kann man den Eindruck haben, das Sprichwort hat Recht: „Die Kleinen hängt man, die Großen lässt man laufen.“ Aber die großen Völker erleben das Gericht über ihre Untaten anders, auch ohne offiziellen Schuldspruch: in der Gewalt im eigenen Land. Im Terror vor der eigenen Haustür. In der Zerstörung der eigenen Gewissheiten. In der Erschütterung der bis dahin unbestrittenen Überzeugung: wir sind die Guten. Gottes Gericht braucht kein Haager Tribunal.

 Zum Weiterdenken

            Über den Text hinaus berührt mich diese lange Phase vergebliches Predigen. Es ist eine Frage, die ich selbst kenne und deren innewohnenden Schmerz ich erahne: Wie viel Spurlosigkeit hält man eigentlich aus in seinem Predigen? Wir wollen Lebensveränderungen, neues Leben, wir rufen nach Umkehr, laden ein zu Schritten des Glaubens, Anfangsschritten und Schritten auf dem Weg. Aber es ist so oft wie ein Rufen, das kein Echo auslöst. Im Normalfall sieht der Prediger nichts von Lebenswandlung. Auf meine eigene Pfarrerarbeit bezogen: Ich weiß nicht, welche Spuren ich hinterlassen habe. Erst recht nicht, ob es Spuren sind, die in die Ewigkeit reichen. Ich habe gepredigt, gemahnt, zugehört, getröstet, ermutigt – und manchmal ist etwas davon gelungen. Mehr aber ist auch nicht zu sagen. Eine Erfolgsbilanz – Fehlanzeige.

             Und doch bleibt Gott sich treu. Er wird nicht aufhören, sein Volk heimzusuchen. Was für ein wunderbares Wort: „heim suchen“ – damit sie den Weg nach Hause wieder finden und nicht in der Fremde und Gottesferne bleiben.  Auch wenn es der Ruf zur Umkehr nicht in die Herzen der Menschen „schafft“ – das Gericht Gottes verliert nicht das Maß. Es bleibt begrenzt. Unsere Untreue mag grenzenlos sein. Die Gerichte Gottes finden ihre Grenzen in seinem Willen zum Heil.

 

Gott, siebzig Jahre sind genug. Siebzig Jahre Fremde – das reicht. Das sagst Du. Du begrenzt den Weg der Schmerzen für uns. Dir selbst ersparst Du diesen Weg nicht und begrenzt ihn nicht. Du gehst ihn bis in die tiefste Dunkelheit, bis in die Hölle, wo kein Gotteslicht mehr leuchtet.

Uns mutest Du zu, die Zeiten des Schmerzes zu bestehen, standzuhalten, Ausschau zu halten, leer zu werden am eigenen Wollen und am eigenen Tun. Du mutest uns zu, dass wir nur noch Dich haben, uns auszustrecken nach Dir, Deiner Gnade, Deinem Erbarmen. Amen