In wessen Auftrag treten wir auf?

Jeremia 23, 16 – 32

16 So spricht der HERR Zebaoth: Hört nicht auf die Worte der Propheten, die euch weissagen! Sie betrügen euch; denn sie verkünden euch Gesichte aus ihrem Herzen und nicht aus dem Mund des HERRN. 17 Sie sagen denen, die des HERRN Wort verachten: Es wird euch wohlgehen -, und allen, die nach ihrem verstockten Herzen wandeln, sagen sie: Es wird kein Unheil über euch kommen.

             Die Propheten – gedacht ist wohl an Tempelleute, die das „Amt des Propheten“, wenn es denn so etwas geben kann, „beruflich“ ausüben – reden nur, was sie im Herzen haben. Nach Gutdünken. Den Wünschen der Menschen entsprechend. Einmal mehr wird sichtbar, wie skeptisch der Prophet das Herz als Quelle der Einsicht einschätzt. Propheten sollen nicht sagen, was sie fühlen, was sie auf dem Herzen haben, was ihren Herzenswünschen entspringt und entspricht – sie sollen sagen, was sie gehört haben.

            Die Jeremia so angreift, haben schöne, positive Botschaften: Alles wird gut. Alles ist in Ordnung. Geh, wohin dein Herz dich führt. Sie sagen gute Zeiten an, wo doch die dunklen Wolken schon längst aufgezogen sind und der Himmel grau ist. Wo es zu greifen ist: Unheil breitet sich aus.

            Einmal mehr: Diese Skepsis des Jeremia im Blick auf das menschliche Herz ist nahe, was der Herr Jesus sagt: „Was aber aus dem Mund herauskommt, das kommt aus dem Herzen, und das macht den Menschen unrein. Denn aus dem Herzen kommen böse Gedanken, Mord, Ehebruch, Unzucht, Diebstahl, falsches Zeugnis, Lästerung. Das sind die Dinge, die den Menschen unrein machen.“ (Matthäus 15, 18 – 20) Wer wollte da widersprechen. Die meisten Probleme, die wir mit dem Glauben haben, sind Herzprobleme, weil „unser Herz ein trotzig Ding“(17.9) ist. Jeremia weiß das. Vielleicht ja auch von sich selbst.

 18 Aber wer hat im Rat des HERRN gestanden, dass er sein Wort gesehen und gehört hätte? Wer hat sein Wort vernommen und gehört?

             Das allein macht zum Propheten: dass einer sein Wort gesehen und gehört hat. Genau das aber schließt Jeremia für die falschen Propheten aus. Sie sehen nur ihre eigenen Bilder, sie kennen nur ihre eigenen Wünsche. Sie sagen nur ihre eigenen Gedanken.

 19 Siehe, es wird ein Wetter des HERRN kommen voll Grimm und ein schreckliches Ungewitter auf den Kopf der Gottlosen niedergehen. 20 Und des HERRN Zorn wird nicht ablassen, bis er tue und ausrichte, was er im Sinn hat; zur letzten Zeit werdet ihr es klar erkennen.

             Dieser Eigensinn der Propheten findet seine Antwort im göttlichen Unwetter. Im Sturm, der aufzieht und den sie leugnen. Dieser gottessturm wird zu Tage fördern, dass diese Prophetensprüche leeren Stroh sind. Am Ende werden alle das einsehen müssen. Schmerzlich von der Wirklichkeit überführt.

 21 Ich sandte die Propheten nicht und doch laufen sie; ich redete nicht zu ihnen und doch weissagen sie. 22 Denn wenn sie in meinem Rat gestanden hätten, so hätten sie meine Worte meinem Volk gepredigt, um es von seinem bösen Wandel und von seinem bösen Tun zu bekehren.

             Betriebsamkeit ist noch kein Ausweis dafür, dass man gesandt ist. Viele Worte, auch fromm klingende Worte sprechen noch nicht für das Hören auf Gott. Wenn die Propheten am Tempel wirklich im Rat Gottes gestanden hätten, dann wäre ihre Botschaft anders. Dann würden sie nicht Beruhigungspillen verabreichen – „alles wird gut“, sondern zur Umkehr rufen. Dann würden sie böses Tun und bösen Wandel auch so nennen: Bösartig. Dann wären sie nicht die großen Verharmloser, sondern Warner, Mahner, Pfeiler im Strom.

                    „Propheten ohne Berufung“ (A. Weiser, aaO. S.204) steht als Überschrift über diesem Abschnitt im Kommentar aus dem Jahr 1966. Manchmal fürchte ich, dass wir als Kirche unsere Berufung verspielen, vergessen, vertun – unsere Zeit zur Umkehr zu Gott zu rufen. Zurück in die Gnade. Zurück in den Glauben. Zurück zu Christus. 

23 Bin ich nur ein Gott, der nahe ist, spricht der HERR, und nicht auch ein Gott, der ferne ist? 24 Meinst du, dass sich jemand so heimlich verbergen könne, dass ich ihn nicht sehe?, spricht der HERR. Bin ich es nicht, der Himmel und Erde erfüllt?, spricht der HERR.

             Wie muss man über Gott denken? Was darf man von ihm sagen?  Gott ist nahe – immer und überall – gleich nah? Ist es das? Jahrhunderte später sagt ein großer Kirchenvater, Hieronymus im 4. Jahrhundert n. Chr. „Sowohl von Jerusalem wie von Britannien aus steht der Himmel in gleicher Weise offen denn das Reich Gottes ist in euch.“ Der nahe Gott – das könnte auch der Gott im Herzen sein. Das Wort, das dem hier für nahe gebrauchten hebräischen miqarōb zugrunde liegt – qæræb – kann auch „zur Bezeichnung des Inneren im Menschen verwendet werden und kommt in die Nähe des Begriffes Herz.“ (D. Schneider, aaO.;, S.224) Dann würde die Frage lauten – so spitze ich zu: Ist Gott denn nur einer fürs Herz, für die Innerlichkeit? Oder ist er nicht auch einer, der fern ist, draußen, gegenüber, der aus der Distanz sieht und beurteilt, was Menschen treiben und tun, der aus der Ferne alles überblickt. Der einen unbestechlichen Blick auf die Dinge hat.

Es ist eine überaus dringliche Frage: „Mit wem haben es die Propheten eigentlich zu tun, wenn sie im Namen Gottes ihre Träume als Gotteswort ausgeben?“ (A. Weiser, aaO.  S.208) Sie ist nicht nur dringlich für Propheten. Sie ist dringlich für jedermann und jede Frau.

Die Frage wird ja weiter geführt: glaubt wirklich ernsthaft jemand, dass er sich dem Sehen Gottes entziehen könnte. Dass es möglich ist, sich so zu verbergen, dass wir dem suchenden Blick Gottes entgehen könnten? Sogar der Songtext weiß, dass das nicht geht:

„Der Mensch an sich ist feige und schämt sich für sein Gefühl,
dass es nur keiner zeige, weil die Moral es so will.
Doch wenn im Fall des Falles er sich im Dunkeln versteckt,
der liebe Gott sieht alles und hat ihn längst entdeckt.“                                                                  H.
Knef/C. Nissen, Eins und eins… 1964

             Biblisch klingt das so:

Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es;                                                                                du verstehst meine Gedanken von ferne.                                                                           Ich gehe oder liege, so bist du um mich                                                                                und siehst alle meine Wege.                                                                                                    Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge,                                                               das du, HERR, nicht schon wüsstest.                                                                                       Von allen Seiten umgibst du mich                                                                                      und hältst deine Hand über mir.                         Psalm 139, 2 – 4

             Und die Begründung wird in der Frage gleich mitgeliefert: Die Erde und der Himmel sind doch Ort seiner Gegenwart. Sie sind als Schöpfung des Herrn gleichzeitig sein Wohnort, den er erfüllt. Paulus wird später sagen: „Gott, der die Welt gemacht hat und alles, was darin ist, er, der Herr des Himmels und der Erde, wohnt nicht in Tempeln, die mit Händen gemacht sind…. In ihm leben, weben und sind wir.“(Apostelgeschichte 17,24.28) Vor dieser Gegenwart gibt es kein Verbergen.

            Wir aber haben Gott domestiziert – einen guten Gott aus ihm gemacht, einen lieben Gott, einen handzahmen Gott. Einen nahen Gott, dem wir seine Ferne anklagend vorhalten. Aber Gott ist heilig und als der heilige Gott ist er uns unnahbar. Wer Gott sehen wollte, der müsste sterben. Keiner von uns hält die Heiligkeit Gottes aus. Das nimmt allem Reden von dem nahen Gott die Leichtfertigkeit, die uns allzu rasch kumpelhaft über Gott denken lässt.  

 25 Ich höre es wohl, was die Propheten reden, die Lüge weissagen in meinem Namen und sprechen: Mir hat geträumt, mir hat geträumt. 26 Wann wollen doch die Propheten aufhören, die Lüge weissagen und ihres Herzens Trug weissagen 27 und wollen, dass mein Volk meinen Namen vergesse über ihren Träumen, die einer dem andern erzählt, wie auch ihre Väter meinen Namen vergaßen über dem Baal? 28 Ein Prophet, der Träume hat, der erzähle Träume; wer aber mein Wort hat, der predige mein Wort recht. Wie reimen sich Stroh und Weizen zusammen?, spricht der HERR. 29 Ist mein Wort nicht wie ein Feuer, spricht der HERR, und wie ein Hammer, der Felsen zerschmeißt?

            Es ist ein Wort schärfster Kritik an den Propheten. An den Propheten, die ungerufen und ohne zu hören, reden. Die sagen: Mir hat geträumt. Aber wer seine Träume erzählt, sagt damit noch nicht die Worte Gottes. „Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen“ (Altkanzler H. Schmidt) Wer sein Leben auf Träume baut, wer aus seinen Träumen den Weg des Volkes bestimmen will, der treibt – so Jeremia – ein gefährliches Spiel. Und doch: „Nicht jeder Traum ist Trug des Herzens. Josephs Träume (1. Mose 37,5.9.19), die Träume des Obermundschenks und Oberbäckers (ebda. Kap. 40), die Träume Pharaos (ebda. 41,1ff. 15ff) oder der Traum Salomos (1.Könige 3,5-15) entbehren nicht tieferen Sinns, der durch Experten „gedeutet“ werden kann. Es gibt, so lehrt die Bibel, prophetische Träume.“ (R. Gradwohl, Bibelauslegung aus jüdischen Quellen, Bd. 2, Stuttgart 1987. S.271)     

 Auf wessen Rechnung reden wir? In wessen Auftrag treten wir auf? Was sagen wir? Mit einer großen Schärfe wird es hier formuliert: Reden im Namen Gottes, das nicht aus dem Hören kommt, ist Lügen. Wer die Träume des eigenen Herzens, die frommen Gedanken der eigenen Seele für das Wort Gottes ausgibt, der lügt und wird es zu spüren bekommen. Jeremia formuliert einen überaus scharfen Gegensatz zwischen Träumen der Propheten und dem Wort Gottes.

 Es ist wie eine Erinnerung an ein anderes prophetisches Wort: „Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der HERR, sondern so viel der Himmel höher ist als die Erde, so sind auch meine Wege höher als eure Wege und meine Gedanken als eure Gedanken.“(Jesaja 55, 8-9) Die Gedanken des Herzens, so authentisch sie auch sein mögen sind eben nicht wie von selbst Gottes Gedanken.

Wäre uns geholfen, wenn hier ein paar Sätze eingefügt wären über die Art und Weise, wie Gottes Wort empfangen wird – wenn es nicht identisch ist mit dem Denken und Träumen der Propheten, wenn es sich nicht der klugen Analyse der Situation verdankt? Ich bin mir nicht sicher. „Gerade in dem von außen her kommenden und ihn überwältigenden Eingriff in seine eigenen Gedanken und Gefühle, in der paradoxen Ich-Fremdheit erkennt Jeremia die Realität und Echtheit des göttlichen Wortes.“(A. Weiser, aaO.; S.210) Was angesagt wird, angedeutet, ist die Wirkungsweise des prophetischen Wortes, das Spruch Jahwes ist: wie ein Feuer, wie ein Hammer, der Felsen zerschmeißt. Es haut dazwischen. Es stört. Es bringt den gewohnten Gang der Dinge durcheinander und aus dem Takt. Es ist alles andere als gefälliges Wort, dem alle zustimmen können.

30 Darum siehe, ich will an die Propheten, spricht der HERR, die mein Wort stehlen einer vom andern. 31 Siehe, ich will an die Propheten, spricht der HERR, die ihr eigenes Wort führen und sprechen: »Er hat’s gesagt.« 32 Siehe, ich will an die Propheten, spricht der HERR, die falsche Träume erzählen und verführen mein Volk mit ihren Lügen und losem Geschwätz, obgleich ich sie nicht gesandt und ihnen nichts befohlen habe und sie auch diesem Volk nichts nütze sind, spricht der HERR.

            Das ist ein Droh-Wort gegen die Berufs-Propheten. Gegen die, die nicht hören, aber doch reden. Die kein Wort empfangen haben, aber gleichwohl sagen. »Er hat’s gesagt.« Sie kupfern voneinander ab. Sie ersparen sich das eigene Hören, weil es ja genügend Autoritäten gibt, auf die man sich berufen kann: Sie stehlen mein Wort einer vom andern.

 Zum Weiterdenken

Kann es sein, dass diese herben Worte des Jeremia wie ein Stachel im Fleisch sind – für uns als Volkskirche. Für uns, die wir so gerne den Menschen nahe sein wollen, ermutigen, bestärken. Für uns, die wir so viel Angst davor haben, dass unsere Botschaft „moralisch“ rüberkommen könnte, weltfremd, besserwisserisch oder gar angstmachend. Kann es sein, dass wir lieber den Leuten nach dem Mund reden als Gott nach seinem Wort?

Es ist eine bitterernste Mahnung in unsere Zeit hinein, in der es Predigten en gros im Internet gibt. Die Übernahme der fremden Worte wird da zur Lüge und zum losen Geschwätz, wo die fremden Worte nicht angeeignet werden, durchgekaut, durchbuchstabiert und betend Gott neu hin gehalten, um sie als sein Wort dann auch zu empfangen.

            Ich sage es mir selbst vor, von diesen Worten her: Wehe Dir, du Prediger, wenn Du Dir das Hören auf das Wort ersparst, wenn Du glaubst, schon zu wissen, was zu sagen ist, wenn Du Dich im Einverständnis Deiner Hörer/Innen badest. Wehe uns, wenn wir nur reden, was wir gelernt haben, wenn wir uns der Süße und der Bitterkeit des Wortes entziehen. Wehe uns, wenn wir das Gericht verschweigen, weil heute keiner mehr vom Gericht hören will. Wehe einer Kirche, die so dumm wird wie untaugliches Salz.

 

Heiliger Gott, lass mich wissen, was ich sagen soll. Lass mich hören, was Du sagst. Lass mich sagen, was ich gehört habe.

Bewahre mich davor, immer schon zu wissen, was richtig ist, immer schon im Bilde zu sein, wie Dein Weg geht. Lehre mich das Fragen, das aushält, das sich nicht heraus mogelt aus dem Warten.

Gib mir, dass ich nichts sein will als Dein Bote, und  dass ich einfach nur Deine Botschaft ausrichte. Amen

Ein Gedanke zu „In wessen Auftrag treten wir auf?“

  1. Vielen, vielen Dank, lieber Bruder Pulenz, für diese ehrlichen und aufrüttelnden Gedanken zur heutigen Bibellese. Als einer, der selbst hin und wieder als Verkündiger tätig ist, trafen Ihre Worte bei mir genau ins Schwarze. Liebe Grüße – und ich freue mich schon auf morgen!
    Rainer Grossmann, Neubulach

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