Besser keine Hirten als solche?

Jeremia 23, 1 – 8 

 1 Weh euch Hirten, die ihr die Herde meiner Weide umkommen lasst und zerstreut!, spricht der HERR. 2 Darum spricht der HERR, der Gott Israels, von den Hirten, die mein Volk weiden: Ihr habt meine Herde zerstreut und verstoßen und nicht nach ihr gesehen. Siehe, ich will euch heimsuchen um eures bösen Tuns willen, spricht der HERR. 3 Und ich will die Übriggebliebenen meiner Herde sammeln aus allen Ländern, wohin ich sie verstoßen habe, und will sie wiederbringen zu ihren Weideplätzen, dass sie sollen wachsen und viel werden. 4 Und ich will Hirten über sie setzen, die sie weiden sollen, dass sie sich nicht mehr fürchten noch erschrecken noch heimgesucht werden, spricht der HERR.

             Gerichtswort und Erbarmungs-Wort in einem ist das. Gerichtswort über die Hirten, Erbarmungs-Wort über der Herde. „Mit einen Wehrufe aus der Totenklage wird der Vasallenkönig Zidikija mit seinen Regenten und Beamten (Hirten) bedacht.“ (R. Then, aaO. S.79) Damit würde dieses Wort in die Zeit zwischen 597 und 587 gehören.

Die Hirten haben das anvertraute Volk geschunden und in die Irre geführt. Sie haben das Volk verkommen lassen. Mehr noch: „Durch der Regenten Schuld ist schließlich auch das Volk, das sich desgleichen nicht um Recht und Gerechtigkeit bemühte, schuldig geworden.“ (R. Gradwohl, Bibelauslegung aus jüdischen Quellen, Bd. 1, Stuttgart 1986 S.201) Sie haben versagt. Es ist die große Ernüchterung über das Versagen der Führungsschicht, die hier Worte findet.

   Um ein Vielfaches härter noch fällt die Kritik an den Hirten bei Hesekiel aus: „Du Menschenkind, weissage gegen die Hirten Israels, weissage und sprich zu ihnen: So spricht Gott der HERR: Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden! Sollen die Hirten nicht die Herde weiden? Aber ihr esst das Fett und kleidet euch mit der Wolle und schlachtet das Gemästete, aber die Schafe wollt ihr nicht weiden. Das Schwache stärkt ihr nicht und das Kranke heilt ihr nicht, das Verwundete verbindet ihr nicht, das Verirrte holt ihr nicht zurück und das Verlorene sucht ihr nicht; das Starke aber tretet ihr nieder mit Gewalt.“(Hesekiel 34, 2 – 4) Das Volk wäre besser dran gewesen ohne Hirten zu sein als solche Hirten zu haben. Darum auch das Drohwort gegen die Hirten, das ihnen das Gericht ankündigt.

            Es ist wichtig: Hirten – das sind im Alten Testament und bei Jeremia nicht nur die geistlichen Führer, die Priesterschicht, die führenden Leute am Tempel. So verengen wir allzu leicht, vom kirchlichen Sprachgebrauch in die Irre geführt. Hirten sind für Jeremia genauso der König und seine Ratgeber, die Stadtfürsten und die Familienhäupter. Hirten sind alle, die Leitungsaufgaben für das Volk wahrnehmen, die Orientierungspunkte sein sollen für die einfachen Leute. Vielleicht sogar Vorbilder durch ihr Verhalten. Sie alle haben versagt.

 Aber mit dem Gericht ist ja noch nichts gebessert, sondern nur das Versäumnis der Vergangenheit gestraft. Die Antwort für die Zukunft kann nur sein: Gott selbst nimmt sich seiner Herde an. Er sammelt, was übrig geblieben ist, was zerstreut ist, was geschunden ist. Es ist ein Heilswort, das weit in die Zukunft weist, über das Gericht hinaus: „Gottes eigenes Hirtenamt setzt voraus, dass sein eigenes Gericht stattgefunden hat. Er selbst hat sie verstoßen, darum ist er allein auch nur berechtigt, sie nunmehr wieder zu sich zu ziehen.“ (D. Schneider, aaO. S.217) Es ist ein Wort, das schon vor dem Exil über das Exil hinausschaut.

Ist so etwas als ein prophetisches Wort denkbar? Vorstellbar? Die Voraussetzung ist ein tiefes Vertrauen: „Die Heilsgeschichte Gottes geht weiter; sie endet nicht im Negativen, sondern steuert auf ein positives Ziel zu.“ (A. Weiser, aaO. S.196) Wie kühn ist so etwas angesichts der drohenden Katastrophe. Aber auch: wie tröstlich. „Das Unheil ist nie total, ein Rest (sch̕̕̕̕ ert zoní) kehrt aus dem Exil nach Hause zurück.“ (R. Gradwohl, aaO. S.206)

            Es ist kein großer Gedankensprung, von diesen Worten her auf das Neue Testament zu schauen, auf Jesus, der das Volk sieht und es sammelt, den es jammert, weil sie wie Schafe sind, die keinen Hirten haben. Das ist sein Dienst: Das geschundene Gottesvolk als der Hirte Gottes neu in seine Obhut zu nehmen.

 5 Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, dass ich dem David einen gerechten Spross erwecken will. Der soll ein König sein, der wohl regieren und Recht und Gerechtigkeit im Lande üben wird. 6 Zu seiner Zeit soll Juda geholfen werden und Israel sicher wohnen. Und dies wird sein Name sein, mit dem man ihn nennen wird: »Der HERR unsere Gerechtigkeit«. 

             Das ist die Hoffnung, die Israel beseelt. Gott wird neu handeln. Gott wird einen neuen Anfang setzen – nicht im luft-leeren Raum, sondern in der Vollendung seiner Verheißungen an David. Bei aller Kritik am aktuellen Königshaus – der Neuanfang Gottes geht nicht am alten Königsgeschlecht der Davididen vorbei. Gott lässt seine Geschichte nicht fallen, lässt sich seine Berufung nicht gereuen, trotz aller Untreue und aller Schuld, trotz allem Versagen der Hirten des Volkes. Es wird ein König kommen, der tut, was Aufgabe eines Königs ist: wohl regieren und Recht und Gerechtigkeit im Lande üben.

            Ein Spross – sagt Jeremia. „Es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen.“ (Jesaja 11,1) ist das Zeugnis Jesajas. Die Propheten, so scheint es, können sich die Erneuerung Israels, die neue Heilszeit nicht ohne die Treue Gottes zu seinen alten Verheißungen vorstellen.

Im Ausdruck Spross steckt zweierlei: 1. Der Spross setzt einen abgeschlagenen Stamm voraus: Der kommende Hirte kann also erst kommen, wenn das Gericht („das Umhauen des Baustammes) stattgefunden hat. 2. Der Spross kann nur wachsen, wenn der Wurzelstock noch nicht abgestorben ist. Der Wurzelstock Davids aber lebt nicht mehr aus eigener Kraft, sondern nur um der Treue Gottes, also um seiner Zusagen an David willen.“ (D. Schneider, aaO. S.218) Allein darin ist die Hoffnung auf eine neue Heilszeit begründet: Gott ist treu.

             Wenn es stimmt, dass diese Heilsbotschaften Fortschreibungen sind, die nicht von Jeremia selbst stammen können, weil er nur Gericht und Untergang verkündigen durfte, so bleibt es doch dabei: Da schreibt einer in das Untergangs-Szenario seine Hoffnung hinein. Gott wird neu anfangen. Gottes letztes Wort wird nicht das Gericht sein. Es gibt eine Zeit jenseits des Gerichts. Es gibt eine Zeit, in der es keine trügerische Trost-Botschaft mehr ist, sondern die tragende Wahrheit: Der Herr ist unsere Gerechtigkeit. Gott selbst steht dafür.

 7 Darum siehe, es wird die Zeit kommen, spricht der HERR, dass man nicht mehr sagen wird: »So wahr der HERR lebt, der die Israeliten aus Ägyptenland geführt hat!«, 8 sondern: »So wahr der HERR lebt, der die Nachkommen des Hauses Israel herausgeführt und hergebracht hat aus dem Lande des Nordens und aus allen Landen, wohin er sie verstoßen hatte.« Und sie sollen in ihrem Lande wohnen.

             So hoch greift der Prophet – oder sein Fortschreiber: Das ist das neue Heilszeichen, das an die Stelle des Exodus als der Stunde der Geburt Israels tritt. „Gottes Erneuerung seines Volkes wirkt auch immer Erneuerung der Sprache und des Redens über Gott.“ (D. Schneider, aaO.; S.219) Der Weg aus dem Exil wird zum zweiten Exodus werden. Und wie Gott ihnen damals das Land gegeben hat, so wird er ihnen auch jetzt wieder ihr Land geben, in dem sie wohnen.

 Es geht um nicht weniger als eine Neugeburt, als eine Neuerschaffung des Volkes. Wenn man so will: Auferstehung aus den Toten. „Und er sprach zu mir: Weissage zum Odem; weissage, du Menschenkind, und sprich zum Odem: So spricht Gott der HERR: Odem, komm herzu von den vier Winden und blase diese Getöteten an, dass sie wieder lebendig werden! Und ich weissagte, wie er mir befohlen hatte. Da kam der Odem in sie und sie wurden wieder lebendig und stellten sich auf ihre Füße, ein überaus großes Heer.“ (Hesekiel 37, 9-10) Das Totenfeld wird neu belebt. Das alles aber hängt an Gott, an seinem Willen zu heilen und zu retten, an seinem grundlosen Erbarmen. Und es wird nur zugänglich in der Beugung unter das Gericht.

Zum Weiterdenken

Was für ein Gedanke: Besser keine Hirten als solche Hirten! Besser keine Oberschicht, keine Führungsschicht als eine, die keine Skrupel kennt, die keine Verantwortung kennt, die sich selbst bereichert und kühl dabei zusieht, wie das Volk verarmt und verelendet. Das trifft nicht nur die Führungsschichten in den Bürgerkriegsländern unserer Zeit – Jemen, Syrien, Libyen. Es trifft auch viele Führungskräfte, Eliten, die sich nicht mehr am Wohl der kleinen Leute orientieren, sondern nur am eigenen Machterhalt und Wohlergehen. Man kann nur hoffen – und beten – dass solche Hirten nicht die Überhand gewinnen.

            Das ist für mich – weit über die Geschichte Israels hinaus – Botschaft, die ich höre: Es gibt den neuen Anfang Gottes. Aber es gibt ihn nur so, dass ich mich unter sein Gericht beuge, dass ich ihm recht gebe und sage: Deine Urteile über mich sind wahr und gerecht. Wenn ich mich der Wahrheit verschließe, schließe ich mir den Weg zu den neuen Anfängen meines Lebens zu.

            Wie anders soll ich – als Christ – diese Worte lesen als einen frühen Hinweis auf den Herrn Jesus Christus. Er ist der Davidsspross, dessen Kommen hier angesagt wird. Er ist die Ablösung aller Hirten, weil er der eine „gute Hirte ist, der sein Leben lässt für die Schafe.“(Johannes 10,11) Das geht weit über den alten Text hinaus. Aber es ist Botschaft des Glaubens, den ich mit der Christenheit teile

 

Wenn Du, Davidsspross, kommst, werden die Herren der Welt gehen. Wenn Du, Davidsspross, kommst, werden die Machtspiele ein Ende haben. Wenn Du, Davidsspross, kommst, wird es ein großes Aufatmen geben.

Heute schon warten wir, träumen wir, hoffen wir auf Dein Kommen. Heute schon üben wir den Lobgesang, mit dem wir Dich empfangen wollen. Heute schon bergen wir uns in die Gerechtigkeit, mit der Du unter uns sein wirst. Heute schon treten wir in Deinem Haus an den Tisch, den Du uns decken wirst. Heute schon wollen wir leben aus der Freude an Dir.

Davidsspross, fülle unser Warten,  Hoffen, Träumen, mit dem Samen der Zukunft, dass wir heute schon tunals stünde Dein Kommen vor der Tür, dass wir heute schon im Land Deiner Zukunft leben.  Amen