Statt Segen: Gericht

Jeremia 21, 1 – 14

 1 Dies ist das Wort, das vom HERRN geschah zu Jeremia, als der König Zedekia zu ihm sandte Paschhur, den Sohn Malkijas, und Zefanja, den Sohn Maasejas, den Priester, und ihm sagen ließ: 2 Befrage doch den HERRN für uns; denn Nebukadnezar, der König von Babel, führt Krieg gegen uns. Vielleicht wird der HERR doch an uns sein Wunder tun wie so manches Mal, damit jener von uns abzieht.

             Eine Zeitangabe. Was wir hier lesen spielt sich in der Zeit des König Zedekia (597 – 587) ab. Zu einer Zeit, als Jerusalem schon einmal erobert ist und die ersten Judäer ins Exil geführt worden waren. Vielleicht gehört es in das Jahr 589 v. Chr. als „die Lage in Juda und Jerusalem äußerst brenzlig geworden ist.“ (D. Schneider, aaO.; S.206)

             In dieser Lage schickt der König „prominente Vertreter der politischen und geistlichen Führerschaft“ (A. Weiser, aaO.; S.177) zu Jeremia. Sie sollen ein „göttliches Orakel“ (A. Weiser, aaO, S.178) bei ihm einholen. Nicht einfach nur eine Auskunft über die Zukunft, sondern Zedekia hofft auf die Zusage seines Wunders. Das hat Gott doch so manches Mal schon getan. Das Wunder wäre, dass Nebukadnezar seine Truppen abzieht. So wie es vor über 100 Jahren – im Jahr 703 v. Chr. -Sanherib getan hat.

  3 Jeremia sprach zu ihnen: So sagt zu Zedekia: 4 Das spricht der HERR, der Gott Israels: Siehe, ich will euch zum Rückzug zwingen samt euren Waffen, die ihr in euren Händen habt und mit denen ihr kämpft gegen den König von Babel und gegen die Chaldäer, die euch draußen vor der Mauer belagern, und will euch versammeln mitten in dieser Stadt. 5 Und ich selbst will wider euch streiten mit ausgestreckter Hand, mit starkem Arm, mit Zorn und Grimm und ohne Erbarmen 6 und will die Bürger dieser Stadt schlagen, Menschen und Tiere, dass sie sterben sollen durch eine große Pest.

             Zedekia kommt in einer merkwürdigen Parallelität zu dem Moabiter Balak (4. Mose 22-23) zu stehen. Der wollte ein Fluchwort über Israel und erhielt einen Segen. Zedekia erhofft ein Wunder und empfängt ein Gerichtswort. Keine Beistands-Zusagen, sondern im Gegenteil: Gott will die Jerusalemer zum Rückzug zwingen. Er will die Chaldäer unterstützen. Ja, er selbst will gegen Jerusalem streiten mit ausgestreckter Hand. Wie von selbst stellen sich die Anklänge zum Siegeslied des Mose beim Untergang der Ägypter im Schilfmeer ein:  „HERR, wer ist dir gleich unter den Göttern? Wer ist dir gleich, der so mächtig, heilig, schrecklich, löblich und wundertätig ist? Als du deine rechte Hand ausrecktest, verschlang sie die Erde.“(2. Mose 15,11-12) Die ausgestreckte Hand Gottes – gegen Jerusalem gerichtet. Das ist das Ende.

 7 Und danach, spricht der HERR, will ich Zedekia, den König von Juda, samt seinen Großen und dem Volk, das in dieser Stadt von Pest, Schwert und Hunger übrig gelassen wird, in die Hände Nebukadnezars, des Königs von Babel, geben und in die Hände ihrer Feinde und in die Hände derer, die ihnen nach dem Leben trachten. Er wird sie mit der Schärfe des Schwerts schlagen schonungslos, ohne Gnade und Erbarmen.

             Dem allgemeinen Gerichtswort folgt das personal ausgerichtete Wort gegen Zedekia und seine Großen. Gegen alle, die glauben, dass sie – im Jahr 598 – noch einmal davon gekommen sind und deshalb auch wieder davon kommen werden. Aber weit gefehlt: Pest, Schwer und Hunger werden wüten und dahinraffen. „Den Übriggebliebenen aus diesem Inferno wird nichts als die Hinrichtung durch die Chaldäer bleiben.“ (D. Schneider, aaO. S.208) Es gibt kein Entkommen. Nebukadnezar vollzieht das Gericht Gottes an der Stadt und ihren Großen.

 8 Und zu diesem Volk sage: So spricht der HERR: Siehe, ich lege euch vor den Weg zum Leben und den Weg zum Tode. 9 Wer in dieser Stadt bleibt, der wird sterben müssen durch Schwert, Hunger und Pest; wer sich aber hinausbegibt und überläuft zu den Chaldäern, die euch belagern, der soll am Leben bleiben und soll sein Leben als Beute behalten.

             Noch gibt es eine Wahl. Zwischen dem Weg zum Leben und dem Weg zum Tode. Es ist die Wahl bedingungsloser Unterwerfung oder Widerstand bis zum Letzten, zum Äußersten, bis zum Tod. Kapitulieren und dadurch wenigstens das nackte Leben retten. Es gehört zur Praxis der Belagerer in allen Zeiten diesen letzten Ausweg vor dem Untergang anzubieten. Und es gehört auch zur Praxis der Belagerer fast aller Zeiten, wenn das Angebot ausgeschlagen wird, alles dem Erdboden gleich zu machen.

            Beispiel – Lachisch um Jahr 701: „Es kam zu einer großen Schlacht, von der Fragmente von Schuppenpanzern, Zaumzeug, Steinschleudern und Speerspitzen aus Eisen und Knochen erhalten sind. Allein an der vermuteten Durchbruchstelle der Assyrer wurden insgesamt 850 Speerspitzen gefunden, sowie zwei 100 bis 200 kg schwere Steine, die vielleicht von den Verteidigern als Schwinghammer eingesetzt wurden. Bereits von Starkley wurde am Westhang ein Massengrab mit 1500 Skeletten gefunden, die zumeist als Zivilopfer dieser Schlacht interpretiert werden. Nach der Eroberung wurde die Stadt komplett niedergebrannt.“(Wikipedia – Lachisch) In Jerusalem ist dieser Untergang in großen Reliefs bis heute erdrückend zu beschauen.

 10 Denn ich habe mein Angesicht gegen diese Stadt gerichtet zum Unheil und nicht zum Heil, spricht der HERR. Sie soll dem König von Babel übergeben werden, dass er sie mit Feuer verbrenne.          

            Jetzt wird noch einmal klar gestellt: Was geschehen wird, ist Gericht Gottes. Er wendet sich gegen die Stadt – zu ihrem Unheil. Er, der doch immer ihr Heil gewesen ist. Damit wird die Dringlichkeit der Wahl unterstrichen. Noch ist es Zeit, das nackte Leben als Beute davon zu bringen. Es wird wohl stimmen: wir haben hier eine „geprägte Stilform der prophetischen und kultischen Sprache“ (A. Weiser, aaO. S.180) vor uns. In der prophetischen Gerichtsankündigung wieder und wieder benützt – und deshalb für die Hörer vielleicht „abgenützt“. So dass sie hören und doch nicht hören. „Es wird nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird“, mögen sie gedacht haben.

 11 Und zum Hause des Königs von Juda sage: Höret des HERRN Wort, 12 ihr vom Hause David! So spricht der HERR: Haltet alle Morgen gerechtes Gericht und errettet den Bedrückten aus des Frevlers Hand, auf dass nicht mein Grimm ausfahre wie Feuer und brenne, ohne dass jemand löschen kann, um eurer bösen Taten willen.

             Es ist mehr als nur eine Wiederholung des immer Gleichen, wenn jetzt das Wort an das Königshaus Davids gerichtet wird. Ist es doch das Haus, dem Gott seine Treue in besonderer Weise zugesagt hat. Das Haus, das er zum Instrument seiner Gerechtigkeit erwählt hat. Daran knüpft die Mahnung an: Haltet alle Morgen gerechtes Gericht und errettet den Bedrückten aus des Frevlers Hand. Macht euch nicht gemein mit dem Unrecht, das sich gegen die Kleinen im Volk richtet. Werdet nicht die Parteigänger der Großen, der Plünderer des einfachen Volkes. Eine Mahnung zur geordneten Rechtspflege, verbunden mit einer Drohung, wenn das ausbleibt.

            Es stimmt wohl: Das verträgt sich nicht mit den Worten zuvor, die das Schreckensbild der Belagerung im Hintergrund haben. „Es könnte durchaus auch früher gesagt worden sein“ (D. Schneider, aaO. S.210), ohne dass ich mich auf einen Datierungs-Versuch einlassen möchte. Wenn es in der Fassung des Buches Jeremia nun hier zu stehen kommt, kann ich es so deuten: Wer das Wunder erbitten (21,2) möchte, dass die Chaldäer abziehen, der sollte spätestens jetzt diesen noch möglichen Schritt tun, „das Liebäugeln mit den Reichen und deren Geschäften sein zu lassen“ (D. Schneider, ebda.)und sich entschlossen auf die Seite der Armen zu stellen. Recht üben, so wie es der HERR will.

            Vielleicht aber geht es auch darum, im unausweichlichen Untergang noch einen Rest Würde und Rechtlichkeit zu bewahren. Wenn das Chaos alles mit sich reißt, gilt es, dem Chaos in der eigenen Seele die Bindung an das Recht entgegen zu stellen. Nur so wird sich Selbstachtung und Humanität bewahren lassen.          

13 Siehe, spricht der HERR, ich will an dich, du Stadt, die du wohnst auf dem Felsen im Tal und sprichst: Wer will uns überfallen und wer will in unsere Feste kommen? 14 Ich will euch heimsuchen, spricht der HERR, nach der Frucht eures Tuns; ich will ein Feuer in ihrem Wald anzünden, das soll alles umher verzehren.

             Die Mahnung zur Gerechtigkeit ist ins Leere gelaufen. Die Antwort der Angesprochen ist gespeist von einem irrigen und irrsinnigen Sicherheitsgefühl:  Wer will uns überfallen und wer will in unsere Feste kommen? Immer noch halten sie sich im Jerusalem für unangreifbar. Immer noch bestimmt sie in Jerusalem ein menschliches Selbst- und Machtbewusstsein, das den Ernst der Lage verkennt: sie haben es nicht nur mit dem Heer des Nebukadnezar zu tun. Gott will an sie. Gott stellt sich gegen sie. Nebukadnezar ist nur sein Werkzeug.

Zum Weiterdenken

          Der einzige Weg, der nach dem Nein Gottes bleibt: Sich beugen unter das Gericht. Sich ausliefern auf Gedeih und Verderben Die Waffen strecken. Kapitulieren. Für solche Aufforderungen wird man zu allen in Zeiten schnell an die Wand gestellt unter der Anklage: Wehrkraftzersetzung. Hochverrat.  Es ist ein regelrechtes „Lebensgesetz“, aus den Quellen weisheitlichen Denkens gespeist: „Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade.“ (Jakobus 4,6) In der Beugung unter das Gericht eröffnet sich der Weg in die Freiheit. Das glauben Christ*innen auch vom Kreuz Christi. Es ist der Ort der Freiheit für die, die in ihm Gottes Gericht und Gottes Gnade sehen und anerkennen. Darauf läuft die Aufforderung Jeremias hinaus – unausweichliche Realität anzuerkennen sich zu demütigen in der Bitte um Erbarmen.

         Es gibt Denkverbote. Auch heute. Wir wollen nicht wahrhaben, was der Prophet hier ansagen muss: Statt Segen – Gericht. Wir wollen nicht wahrhaben, dass „die Weltgeschichte auch das Weltgericht ist“(F. Schiller, Resignation 1784). Frühere Zeiten hatten davon noch eine Ahnung. Wir heute leugnen das beharrlich. In Gesellschaft und Kirche. Die Pandemie – nur eine Krise, die wir in den Griff kriegen müssen. Die Gefahr: Wir blenden uns selbst und reden uns Situationen schön, die nicht schön sind und auch nicht schön werden können. Nicht ohne Umkehr.

 

Heiliger Gott, wann werden wir es verstehen, dass wir umkehren müssen, die da oben genauso wie wir, die wir nur kleine Leute sind. Wann werden wir es tun: unser Leben verändern, Rücksicht nehmen auf die Schwachen, die Umwelt schonen, in der wir leben, sorgsam daran denken, dass es doch nach uns noch weiter gehen soll, dass Enkel und Ur-Enkel auch noch Spiel-Raum zum Leben brauchen.

Sind wir wirklich die Unbelehrbaren, die sich der Einsicht verschließen, die nur „Weiter so“ können? Gib Du Einsicht. Gib Du die Kraft zur Umkehr. Gib Du den Mut zu neuer Bescheidenheit, die den anderen Raum lässt. Amen