Überwältigt

 Jeremia 20, 7 – 18

7 HERR, du hast mich überredet und ich habe mich überreden lassen. Du bist mir zu stark gewesen und hast gewonnen; aber ich bin darüber zum Spott geworden täglich, und jedermann verlacht mich. 8 Denn sooft ich rede, muss ich schreien; »Frevel und Gewalt!« muss ich rufen. Denn des HERRN Wort ist mir zu Hohn und Spott geworden täglich.

             Es kann eine Last sein, von Gott beansprucht zu werden Es ist nicht das strahlende Privileg, das jubeln lässt: Ich bin erwählt. Gott hat seine Hand auf Jeremia gelegt und es gab und gibt kein Ausweichen. Rede! Predige! Frage nicht danach, ob Du Dir Freunde damit machst, oder Widerspruch, Spott und Hass auf Dich ziehst. Jeremia hatte keine Chance zu entkommen.

Jeremia ist Opfer geworden. Opfer des göttlichen „Verführens“, seines „Betörens“ – so kann man überreden auch übersetzen. „Das Betören entspricht einem Diebstahl des Herzens.“ (R. Gradwohl, Bibelauslegung aus jüdischen Quellen, Bd. 3, Stuttgart 1988. S.312) Salopp könnte man formulieren: Du hast mich über den Tisch gezogen und ich habe mich so ziehen lassen. In dem Wort steckt aber auch „Gewalt: „Du hast mich gepackt und vergewaltigt“ (Übersetzung A. Weiser, aaO.; S.167)„Du hast mich gepackt und aufs Kreuz gelegt.“(M. Dreyer, Volxbibel. S.779) Gott ist so harmlos nicht und auch nicht so rücksichtsvoll uns gegenüber. Er weiß sich durchzusetzen! Das erfährt Jeremia am eigenen Leib und im eigenen Leben. 

 Der Auftrag ist eine schier unerträgliche Last. Seelische Belastung, die über die Kräfte geht. „Die andere Seite des prophetischen Lebens wird sichtbar, nicht allein die innere Beteiligung an der Ausführung seines prophetischen Auftrags wird jetzt deutlich, sondern gerade das Unvermögen, diesen Gottesauftrag körperlich und seelisch durchzuhalten.“ (D. Schneider, aaO. S.199) Hier ist es nichts mit Work-Life-Balance. Hier ist das Leben geradezu rücksichtslos beschlagnahmt.

            Aber dieses Leben wird zum Zerrbild. »Frevel und Gewalt!«  ist sein Thema, seine Botschaft ist der Untergang. Nicht irgendwann, sondern jetzt. Aber dieses „Jetzt“ bleibt aus. Der Untergang lässt seit geraumer Zeit auf sich warten. Seine Hörer lachen, weil sie sagen: Kennen wir alles schon. Sagst du doch immer. Für sie ist Jeremia ein „professioneller Schwarzseher“. Was Jeremia ansagt, nimmt keiner mehr ernst.

 9 Da dachte ich: Ich will nicht mehr an ihn denken und nicht mehr in seinem Namen predigen. Aber es ward in meinem Herzen wie ein brennendes Feuer, in meinen Gebeinen verschlossen, dass ich’s nicht ertragen konnte; ich wäre schier vergangen.

            Schweigen ist kein Ausweg. Jeremia hat es versucht, gesteht er sich ein: Ich bin nicht berufen. Ich weiß nichts von Gott. Ich will nicht mehr in seinem Namen predigen. Jeremia versucht, Gott vom Platz zu stellen, die Stimme Gottes in sich zum Schweigen zu bringen.  „In der Stunde der Anfechtung und Bestreitung versucht Jeremia, die Erinnerung an Gottes Beauftragung auszulöschen.“ (D. Schneider, aaO. S.200) Den Auftrag zu ignorieren. Ihn in sich selbst totzuschweigen.

Aber genau das geht nicht. „Eine Flucht vor Gott ist nicht möglich. Das erfuhr am eigenen Leib Jona in den Tagen des assyrischen Großreiches, als er der Hauptstadt Ninive die Schuld vor Augen führen sollte und vor dem Wort des Herrn zu flüchten suchte.“(R. Gradwohl, Bibelauslegung aus jüdischen Quellen, Bd. 3, Stuttgart 1988. S.315) Da fängt es in ihm an zu brennen, wie wenn ihn Fieber schüttelt. Er ist ein innerliche Getriebener und kann diesen inneren Treiber der Gottesstimme nicht zum Verstummen bringen. Selbst wenn er nichts mehr sagt – in ihm wird es weiter schreien.

10 Denn ich höre, wie viele heimlich reden: »Schrecken ist um und um!« »Verklagt ihn!« »Wir wollen ihn verklagen!« Alle meine Freunde und Gesellen lauern, ob ich nicht falle: »Vielleicht lässt er sich überlisten, dass wir ihm beikommen können und uns an ihm rächen.«

             Es sind bittere Erfahrungen, die Jeremia benennt. Sich anpassen ist kein Ausweg. Den anderen nach dem Mund reden ist kein Ausweg. Das Schweigen kann so laut werden und was ich vorher gesagt habe, ist ja nicht ungesagt. Die Anpassung wird einem ja nicht geglaubt. „Du bist doch einer von denen – deine Sprache verrät dich. Selbst wenn du gar nichts mehr sagst.“ Und wenn ich anfange zu fallen, zu wanken, mich anzupassen, dann werden sie kommen und mich in den Staub treten. Es ist ein merkwürdiger Vorgang: Der, der vom Glauben abfällt, wird für die, die nie geglaubt haben nicht zum Freund, sondern er wird ihnen zum Spott. Und er wird es zu spüren bekommen an ihrer Wut über seinem Abfall: Du bist uns die Treue zu deinem Glauben schuldig geblieben.

 11 Aber der HERR ist bei mir wie ein starker Held, darum werden meine Verfolger fallen und nicht gewinnen. Sie müssen ganz zuschanden werden, weil es ihnen nicht gelingt. Ewig wird ihre Schande sein und nie vergessen werden. 12 Und nun, HERR Zebaoth, der du die Gerechten prüfst, Nieren und Herz durchschaust: Lass mich  deine Vergeltung an ihnen sehen; denn ich habe dir meine Sache befohlen. 13 Singet dem HERRN, rühmet den HERRN, der des Armen Leben aus den Händen der Boshaften errettet!

             Es klingt wie ein Lehrsatz, wie Erinnerungen an die Katechismus-Texte, wie Predigt-Fetzen, die einem durch den Kopf gehen. Das ist gelernt. Das sitzt tief im Gedächtnis. Und wie sehr wünscht Jeremia sich, dass solche Sätze das Leben halten, wenn kein Halt mehr ist: „Der Herr ist mir ein starker Held.“ „Stern, auf den ich schaue.“ „Wenn ich nur dich habe.“ Es sind wunderbare Worte – und Jeremia  sagt sie sich vor.

 Was für ein Versuch! Ein „auffällig plötzlicher Stimmungsumschwung“.  (A. Weiser, aaO. S. 172) Ein Dankgebet, so lese ich. Eine neue Gewissheit über die Zukunft. Ich höre anderes: Es ist der Versuch eines Menschen, der völlig durch den Wind ist, sich an seine alten Gewissheiten zu klammern. Sie sich neu einzureden. Weil er weiß: Ich habe ja nichts anderes. Ich habe keinen besseren Halt als diese Worte, in die ich mit meiner Sehnsucht hinein krieche, die ich mir vor-sage, damit ich sie glaube.

            Wer nur ein bisschen Verzweiflung und Anfechtung erfahren hat im eigenen Leben, der ahnt, was hier in Jeremia vorgeht. Da steht immer beides vor Augen: Der Glaube an die Kraft Gottes und das Erschrecken über das Unheil. Die Hoffnung auf eine Wende und die Furcht, dass nichts mehr geht. Die Wellen der Verzweiflung schlagen über Jeremia zusammen und er ist nur noch ein Bündel in sich widersprüchlicher Empfindungen.

            So sagt er sich die alten, großen Worte vor. Hält sie sich vor. Sucht an ihnen Halt. Aber – so zeigt sich: Es hat keine Kraft mehr:

14 Verflucht sei der Tag, an dem ich geboren bin; der Tag soll ungesegnet sein, an dem mich meine Mutter geboren hat! 15 Verflucht sei, der meinem Vater gute Botschaft brachte und sprach: »Du hast einen Sohn«, sodass er ihn fröhlich machte

             Das ist ein Aufschrei, der ängstigt, lähmt, erstarren lässt. Wenn einer so am Leben verzagt ist, dass er sich nichts mehr traut und nichts Gutes mehr in seinem Leben sehen kann – da breitet sich nachtschwarze Verzweiflung aus. „Mein ganzes Leben ist nichts.“  Ausgelöscht alle Stunden des Glücks. Weg-gespült von einer Verzweiflung, die keine Land mehr sieht.

            Es ist eine Klage, die kein Gegenüber mehr sieht. Die in einen stummen Himmel hinein schreit. Indem Jeremia „seine Existenz verneint, ruft er auch Gott nicht mehr an, und kein Du ist mehr in Sicht..“ (D. Schneider, aaO.; S.202) Jeremia weiß, dass er die Zeit nicht zurückdrehen kann, den Tag seiner Geburt nicht ungeschehen machen kann. Aber indem er den Tag verflucht, ihn ungesegnet wünscht, sagt er, dass er nicht mehr dasein will. Der Ausweg unserer Zeit aus solcher nachtschwarzen Verzweiflung freilich, der Weg in den Suizid ist und bleibt ihm verschlossen.

            Heute würde man wohl diagnostizieren: Jeremia erfährt ein burn out. Verschließen in dem Zangengriff von äußerer Anfeindung und inneren Erschöpfung, weil Gott sin Drohwort nicht wahrmacht. Seine innere Gewissheit ist weg, verbrannt. Sie gibt keine Kraft mehr, auch keine Widerstandkraft mehr. Er ist regelrecht ausgehöhlt.  Es ist nicht so, dass Gottes Existenz ihm fraglich wäre. Aber sein Weg ist ihm fragwürdig geworden, zweifelsbelastet, ein Trugbach.

Auch das tröstet nicht, dass es Brüder in diesem Leiden gibt – Hiob ist dem Jeremia so nahe, dass ihre Worte sich gleichen. „Ausgelöscht sei der Tag, an dem ich geboren bin, und die Nacht, da man sprach: Ein Knabe kam zur Welt! Jener Tag soll finster sein und Gott droben frage nicht nach ihm! Kein Glanz soll über ihm scheinen! Finsternis und Dunkel sollen ihn überwältigen und düstere Wolken über ihm bleiben, und Verfinsterung am Tage mache ihn schrecklich!“(Hiob 3,3-5)  In diesen Worten sind Hiob und Jeremia denen so nahe, die heute an der eigenen Existenz zerbrechen. Der Sog des Verzagens ist so stark, dass er alle gelernten Glaubenssätze mit in den Strudel reißt.

16 Der Tag soll sein wie die Städte, die der HERR vernichtet hat ohne Erbarmen. Am Morgen soll er Wehklage hören und am Mittag Kriegsgeschrei, 17 weil er mich nicht getötet hat im Mutterleibe, sodass meine Mutter mein Grab geworden und ihr Leib ewig schwanger geblieben wäre! 18 Warum bin ich doch aus dem Mutterleib hervor gekommen, wenn ich nur Jammer und Herzeleid sehen muss und meine Tage in Schmach zubringe!

 Was für andere das Schrecklichste ist, eine Totgeburt im Mutterleib, ein Mutterleib, der zum Grab wird – das wünscht Jeremia sich. Kann man sich so etwas wünschen? Ist es denkbar, dass der Prophet so unter der Last seines Auftrages leidet, dass er zu solcher Selbstverneinung kommt?

Zum Weiterdenken

        Parallelen in unserer Zeit? Mir fallen die Klimaforscher ein, die von Erde-Erwärmung reden. Vom Anstieg der Meeresspiegel. Von der Zunahme der Unwetter. Von einer bevorstehenden Klima-Katastrophe. Aber sie lässt auf sich warten und deshalb gibt es nicht wenige, die sagen: alles nur Katastrophen-Gerede. Es ist die gleiche Sorte Blindheit, auf die Jeremia trifft.

Und natürlich: Corona, die Krise, die weltweit wirkt. Auch darin, dass sie Verschwörungstheorien ins Gras schießen lässt. Nichts ist so erschreckend brutal wie die Wirklichkeit. Kein wunder, dass mancher sich seine Wirklichkeit zurecht träumt. Wenn wir aus dieser Krise nur als die „Alten“, „Unverbesserlichen“ hervorgehen, haben wir nichts gelernt. Ist es nur ein optimistisches Zitat: „Vielleicht war der Virus nur ein Sendbote aus der Zukunft. Seine drastische Botschaft lautet: Die menschliche Zivilisation ist zu dicht, zu schnell, zu überhitzt geworden. Sie rast zu sehr in eine bestimmte Richtung, in der es keine Zukunft gibt.“(M. Horx, Die Welt nach Corona)

             Es wirkt wie Ironie: „Für den Ex-Kommunarden Rainer Langhans ist die Corona-Krise ein Segen: Es musste eine Krankheit kommen, die alle Menschenzwingt, sic zu ändern, zu besinnen, und runter zu fahren. Wir haben gelernt, dass es eben nicht egal ist, wenn in China ein Sack Reis umfällt. Wer nicht hören will, muss fühlen.“(Kreisanzeiger 8.6.2020, S.3) 

Es gibt den Versuch zu erklären, dass diese Konfessionen, Bekenntnisse des Jeremia nicht einfach nur sein individuelles Schicksal spiegeln. Sie entsprechen der liturgischen Form des Klageliedes eines Einzelnen. Diese Form „ermöglicht jedem gläubigen Menschen, der den Psalm spricht, sich persönlich in den gemeinschaftlichen Strom des Betens einzubetten und so für sich selber einen Weg nachzuvollziehen, den er auch für sich als gültig anerkennt.“ (Jeremia, Prophet in einer Zeit der Krise/ R. Blanchet, Bibelarbeit in der Gemeinde Bd. 6, Köln 1986, S.76)   

 Mir ist das zu kurz gesprungen. Die Analyse der literarischen Form darf nicht dazu führen, dass man das gelebte Leben hinter den Worten, dass man den Schmerz in den Worten nicht mehr ernst nimmt. Ich denke umgekehrt: Weil sich hier wirkliches Leben, wirklich Schmerz zu Wort meldet und sich das Schreien nicht verbieten lässt, sich auch nicht selbst verbietet, deshalb kann es über die Zeiten hinweg auch zur Sprachhilfe für uns werden, wenn uns die eigenen Worte ausgehen und im Hals stecken bleiben wollen.

Warum spielen diese Worte des Jeremia, seine Konfessionen, keine größere Rolle in unserer Verkündigung heutzutage? Es mag daran liegen: Sie stören die Hochglanzbilder, die gern vom Glauben gemalt werden. Dass der Glaube alles oder doch fast alles gut macht und gut werden lässt. Dass er auf jeden Fall auch Schweres leichter werden lässt. Wenn man nur auf dem Weg des Gehorsams bleibt. Bei Jeremia aber wird der Weg des Gehorsams zur unerträglichen Last. Zur völligen Überforderung.

Ich wage zu denken: das so weiterzugeben, könnte dem einen oder der anderen helfen, die eigen Situation der Überlastung durch den Glauben überhaupt erst wahrzunehmen und dann vielleicht auch anzunehmen. Sich überhaupt wahrgenommen zu fühlen: So geht es mir. Und sich dann Gott hinzuhalten: Das hast Du aus mir gemacht. Diese innere Leere. Dieser Schmerz kommt von Dir.

           Ich merke, wie ich mich beim Nachdenken über diese Worte wehren muss. Wie kann ich mich wehren gegen ein Dunkel, das nach mir greift und alle Lichter auslöschen will, weil ich sehe, wie neben mir Leben zerbricht. Das müsste ein Weg sein: Vor Gott zu Gott fliehen – ihm entgegen schreien, auch den Schmerz, auch das Dunkel, auch das zerbrochene Zutrauen. Die verzagte Hoffnung auf Gott hinhalten – ins Dunkel der Nacht.

             Ich bin nicht Jeremia. Je länger ich in diesem Buch lese sage ich: Gott sei Dank bin ich nicht Jeremia. Aber ein paar Mal in meinem Leben habe ich dieses unbedingte „Jetzt bist Du dran!“ erlebt. Kein Ausweichen mehr. Der Ruf Gottes kam und damit waren alle Entscheidungen gefallen. Gott sei Dank waren es bei mir nicht Worte, die mich in die Isolation geführt haben, nicht Aufträge, die mich in namenlose Einsamkeit gestürzt haben. Aber dass es unter der Forderung Gottes um einen herum einsam werden kann, das habe ich schon auch gespürt.

Wenn Du nur für mich bist. Wenn Du mich nur nicht fallen lässt. Wenn Du nur zu mir stehst. So habe ich oft gesagt und mich daran getröstet.

Aber dann sind die Stunden gekommen, wo Du mir fragwürdig geworden bist, Deine Nähe mir nicht mehr spürbar war, Deine Liebe mich nicht mehr umgeben hat als schützender Mantel.

Da sind die Stimmen um mich herum laut geworden, die mir doch nur gesagt haben, was die Stimmen des eigenen Herzens sagten: Wo ist dein Gott? Warum führst du seinen Namen im Mund? Warum redest du für ihn, wenn er schweigt? Was ist er ohne dich? Ist er nicht nur deine Einbildung? Und hältst du nicht nur an ihm fest, weil du sonst nichts mehr hast?

Fragen, die mich quälen, mir zusetzen, mich ängstigen, mich verstummen lassen wollen. Und doch: Ich kann nicht schweigen von Dir und schon gar nicht vor Dir. Ich will mit Dir reden. Ich muss mit Dir reden. Ich muss nach Dir rufen und mich ausstrecken nach Dir, in das bleierne Schweigen hinein, in die lähmende Stille.

Du wirst mich hören und von Deinem Antworten werde ich neu leben. Amen