Pervers

Jeremia 19, 1 – 13

 1 So sprach der HERR: Geh hin und kaufe dir einen irdenen Krug vom Töpfer und nimm mit etliche von den Ältesten des Volks und von den Ältesten der Priester 2 und geh hinaus ins Tal Ben-Hinnom, das vor dem Scherbentor liegt, und predige dort die Worte, die ich dir sage,

            Gottesdienst an ungewöhnlichen Orten – das ist eine der Ideen, mit denen wir die Leute wieder an die Kirche heranbringen wollen. Dafür suchen wir nach Orten, an denen die Menschen sind: Bahnhöfe, Fitness-Center, Messen, Schwimmbäder, Fluss-Ufer, Jahrmärkte… Immer geht es darum, die Nähe zu den Menschen zu suchen, um sie zu gewinnen.

            Ist das vergleichbar? Ich zögere. Es könnte sein, dass die ungewöhnlichen Predigtorte die Ohren öffnen?!

Jeremia geht auch einen ungewöhnlichen Weg. Statt zum Tempel, um dort zu reden ins Tal Ben-Himmon. Nicht aus taktischen Erwägungen: „Das deus dixit (so spricht der Herr) ist das undiskutierbare und unerschütterliche Fundament der prophetischen Verkündigung,“(A. Weiser, aaO. S.161) Es sind detaillierte Anweisungen: Kauf eines Tonkruges, Mitnehmen einiger Ältesten, der Weg ins Tal Ben-Hinnom, vor das Scherbentor. Gott überlässt nichts dem Gutdünken des Propheten. Es ist nicht die Idee des Propheten, sondern der Auftrag Gottes, der den Ort des Geschehens bestimmt.

3 und sprich: Höret des HERRN Wort, ihr Könige von Juda und ihr Bürger Jerusalems! So spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels: Siehe, ich will ein solches Unheil über diese Stätte bringen, dass jedem, der es hören wird, die Ohren gellen sollen, 4 weil sie mich verlassen und diese Stätte einem fremden Gott gegeben und dort andern Göttern geopfert haben, die weder sie noch ihre Väter noch die Könige von Juda kannten, und weil sie die Stätte voll unschuldigen Blutes gemacht 5 und dem Baal Höhen gebaut haben, um ihre Kinder dem Baal als Brandopfer zu verbrennen, was ich weder geboten noch geredet habe und was mir nie in den Sinn gekommen ist.

            Was nützen die schönsten Orte, wenn die Predigten in den Ohren gellen! Jeremia hat keine freundlichen Worte zu sagen. Seine Predigt ist eine einzige Bedrohung Jerusalems und Judas. Aus Heils-Orten sollen Unheils-Orte werden, aus Froh-Botschaften, auf die alle hoffen, werden Drohbotschaften, die keiner will. Aber Jeremia darf nicht predigen, was er möchte oder was sich seine Leute wünschen. Unheil muss er ansagen. Untergang. Er ist und bleibt ein Droh-Botschafter, nicht aus eigenem dunklen, pessimistischen Miesmachen, sondern weil Gott es ihm abverlangt!

Wieder: „So spricht der Herr.“ Und er muss aufdecken, was der Grund der harten Worte ist. Israel hat selbst aus den Heils-Orten Unheils-Orte gemacht. Menschenopfer, Kinder-Opfer – das ist mit der Geschichte von der Bewahrung Isaaks ein für allemal abgetan – aber Israel ist geworden wie die Heiden alle. Hier, an diesem Ort, vor dem Scherbentor ist unschuldiges Blut vergossen worden, hier haben sie dem Baal Höhen gebaut, um ihre Kinder dem Baal als Brandopfer zu verbrennen. Hier hat man die eigenen Kinder in einem unheimlichen Ritual geopfert, um irgendeinen unheimlichen Gott gnädig zu stimmen. Um Gefahren abzuwenden: „Die grausame Sitte des Kinderopfers wird unter dem Erschütternden Eindruck der nationalen Katastrophe, die mit dem Schlachtentod des Josia im Jahr 609 über das Volk herein gebrochen war, wieder aufgekommen sein.“(A. Weiser, aaO. S.163) Darüber hat Israel die Gnade seines Gottes verspielt.

Es gibt, das decken die Worte Jeremias auf, in Jerusalem eine unselige Tradition des Kinderopfers, eben im Tal Ben-Himmon. Kinderopfer sind in Israel verboten. Durch die eindrückliche Erzählung von der Bewahrung Isaaks sind sie ein für alle Mal außer Kraft gesetzt. Aber es gibt sie trotzdem. Verheimlicht und doch wissen alle Bescheid.

 6 Darum siehe, es wird die Zeit kommen, spricht der HERR, dass man diese Stätte nicht mehr »Tofet« und »Tal Ben-Hinnom«, sondern »Würgetal« nennen wird. 7 Und ich will den Gottesdienst Judas und Jerusalems an diesem Ort zunichte machen und will sie durchs Schwert fallen lassen vor ihren Feinden und durch die Hand derer, die ihnen nach dem Leben trachten, und will ihre Leichname den Vögeln des Himmels und den Tieren auf dem Felde zum Fraße geben.

             Es ist dieser Ort, an dem man sich durch diese unfassbare und unmenschliche Sünde des Kinderopfers Rettung versprochen hat, an den sich das Schicksal Jerusalem erfüllen wird. Darum erhält dieser Ort einen neuen Namen: Würgetal. Mord-Tal. So wendet sich der Versuch, durch das Opfer an einen fremden Gott das eigene Leben zu retten gegen Juda, gegen die Einwohner Jerusalems

 8 Und ich will diese Stadt zum Entsetzen und zum Spott machen, dass alle, die vorübergehen, sich entsetzen und spotten über alle ihre Plagen. 9 Ich will sie ihrer Söhne und Töchter Fleisch essen lassen, und einer soll des andern Fleisch essen in der Not und Angst, mit der ihre Feinde und die, die ihnen nach dem Leben trachten, sie bedrängen werden.

             Es sind nur Worte, möchte man sagen und sich beruhigen. Aber sie malen schreckliche Bilder. „In einem völlig perversen Kannibalismus, wo einer des anderen Fleisch verzehrt, wird die Entartung enden, die in der Unsitte des Kinderopfers ihren Anfang genommen hat.“ (A. Weiser, ebda.) Kriegsberichte, auch aus der Neuzeit, berichten davon, dass in endlos lang belagerten und eingeschlossenen Städten, die keine Lebensmittel mehr von außen erhielten, solche Geschichten vorgekommen sind. Es ist schrecklich, was in Kriegen alles geschehen kann, was Menschen anderen Menschen antun können.

             Die Antwort Gottes auf diesen Wandel Israels ist schrecklich. Der Gottesdienst, der schon innerlich tot war, kommt zum Erliegen. Jerusalem wird schutzlos der Wut der Feinde preisgegeben und die elementarste Menschlichkeit wird verloren gehen in der namenlosen Angst ums nackte Überleben. Und wer es sehen wird, der wird sich entsetzt die Augen zuhalten – so wie es in Deutschland nach 1945 war, so wie es angesichts von Massengräbern und Folterzellen und Massenflucht bis heute ist.

  10 Und du sollst den Krug zerbrechen vor den Augen der Männer, die mit dir gegangen sind, 11 und zu ihnen sagen: So spricht der HERR Zebaoth: Wie man eines Töpfers Gefäß zerbricht, dass es nicht wieder ganz werden kann, so will ich dies Volk und diese Stadt zerbrechen. Und man wird im Tofet begraben, weil sonst kein Raum dafür da sein wird. 12 So will ich’s mit dieser Stätte und ihren Bewohnern machen, spricht der HERR, dass diese Stadt wie das Tofet werden soll. 13 Und die Häuser Jerusalems und die Häuser der Könige von Juda sollen ebenso unrein werden wie die Stätte Tofet, alle Häuser, wo sie auf den Dächern dem ganzen Heer des Himmels geopfert und andern Göttern Trankopfer dargebracht haben.

             Zeichenhandlung. „In dem Augenblick des Zerschellens des Kruges setzt die Zerstörung von Jerusalem ein, auch wenn äußerlich gar nichts geschieht.“ (C. Westermann, zit. nach D. Schneider, aaO. S.194) Was der Prophet da tut – einen Topf zerwerfen – das setzt das Gericht in Gang.

Aber es ist eben auch das, dass das Zeichen sichtbar macht, was längst schon Wirklichkeit ist. Israel ist nicht mehr heil, ist nicht mehr das Gefäß, das Gottes Gnade empfängt. Weil sie nicht mehr aus der Gnade leben wollten, müssen sie nach allem möglichen Halt greifen und verlieren dabei alles. Es gibt nicht mehr ganz Israel. Es gibt nur noch Partikular-Interessen und Egoismen von Gruppen und Einzelnen. Wer anderen Göttern opfert als dem lebendigen Gott, der liefert sich an sie aus und wird zum Opfer. Dieses Gericht ist nicht mehr aufzuhalten. Das ist die bittere Botschaft des Jeremia.

Zurück bleibt ein zerbrochener Krug, ein unreines und geschändetes Land. Die ganze Stadt wird zum Schuttabladeplatz.

Zum Weiterdenken

Wir tun gut daran, unseren Hochmut zu zügeln, der Kinderopfer für eine primitive, längst vergangene Entgleisung archaischer religiöser Kulte hält. Uns davor gefeit zu glauben. Kinderopfer sind immer noch im Schwang, mitten unter uns, in der vielberufenen Mitte der Gesellschaft.

 Die Parallele drängt sich mir – über die Zeiten hinweg – auf: Es gibt allen gesellschaftlichen Beteuerungen und Tabus zum Trotz eine unselige Geschichte des Kindesmissbrauchs. In Deutschland, im reichen Westen. In der Gesellschaft, durchaus nicht nur bei primitiven und frustrierten Menschen. Es gibt diesen Missbrauch durch Erfolgreiche, die sich im ihres Erfolges willen außerhalb der Regeln und Verbote glauben, die für andere gelten. Es gibt ihn durch Künstler, die ihre Kreativität behaupten, durch Priester – nicht nur Katholische -, durch Politiker. Handfest ausgeübt und nur scheinbar harmloser in der Form der Pornographie. Es gibt auch den Kindesmissbrauch, zu dem die Gesellschaft schweigt in der Form, dass Kinder von klein auf um ihres Talentes willen trainiert, gefördert und zu „Kinderarbeit“ getrieben werden. Kindesmissbrauch im Sport, wo Kindern ihre Jugend gestohlen wird für die vage Hoffnung auf Olympia-Gold oder Profi-Verträge, die sich rechnen werden.

Dennoch: Es mag wie eine späte Revision dieser Schreckensbotschaft klingen. Auf dem Schuttabladeplatz der Stadt Jerusalem, dem Golgatha, wird das Heil der Welt in Kraft gesetzt. Von Gott, der an dem Gekreuzigten das Gericht vollzieht, damit die Schuldigen frei sind. Erschreckend? Ja. Fremd und befremdend? Ja. Unheimlich? Ja. Nicht zu begreifen? Ja. Aber davon leben wir!

 

Mein Gott, wie blind sind wir, bin ich für Deine Zeichen. Wir sehen Todesspiele. Wir hören Todesmelodien. Wir riechen den Geruch des Todes noch durch den Bildschirm hindurch. Wir halten uns die Augen, den Mund, die Nase, die Ohren zu.

Öffne Du uns, dass wir Deine Zeichen sehen und umkehren zum Leben. Amen