Eine Umkehr-Predigt an verstockte Herzen

Jeremia 18, 1 – 12

 1 Dies ist das Wort, das geschah vom HERRN zu Jeremia: 2 Mach dich auf und geh hinab in des Töpfers Haus; dort will ich dich meine Worte hören lassen. 3 Und ich ging hinab in des Töpfers Haus, und siehe, er arbeitete eben auf der Scheibe. 4 Und der Topf, den er aus dem Ton machte, missriet ihm unter den Händen. Da machte er einen andern Topf daraus, wie es ihm gefiel.

            Alles Irdische ist gleichnisfähig. Denn das Irdische ist ja Schöpfung aus der Hand des Schöpfers. Es trägt sein Markenzeichen. Jeder alte Stein ist gut genug, um zur Predigt zu werden. Erst recht ein Klumpen Ton. Und erst recht, wenn einer wie Jeremia mit der Nase darauf gestoßen wird.

            Das Wort, das zu Jeremia geschieht, schickt ihn nicht in den Tempel, sondern in eine Werkstatt, in des Töpfers Haus. Auch diesen Weg sucht sich Jeremia also nicht von selbst. Dort wird er zum Zuschauer der handwerklichen Arbeit. Und sieht auch: Manches Gerät entspricht nicht den Vorstellungen des Meisters.  „Das Missraten eines Gefäßes ist nicht so zu verstehen, dass der Meister einen völlig unbrauchbaren Gegenstand auf einmal unter seinen Händen sieht – wie könnte das einem solchen Fachmann geschehen! – sondern dass das Gefäß zwar durchaus brauchbar ist, aber eben nicht seinen Vorstellungen entspricht!?“ (D. Schneider, aaO. S.186) Darum macht der Meister einen neuen Anlauf. Zweiter Versuch. Jetzt stimmt es.

 5 Da geschah des HERRN Wort zu mir: 6 Kann ich nicht ebenso mit euch umgehen, ihr vom Hause Israel, wie dieser Töpfer?, spricht der HERR. Siehe, wie der Ton in des Töpfers Hand, so seid auch ihr vom Hause Israel in meiner Hand.

             Der Besuch in der Töpferwerkstatt wird nicht zum Auftakt einer Zeichenhandlung. Wenn, dann wäre Jeremia nur der Zuschauer. Aber er liefert das Material einer Gleichnisrede. Gott ist der Töpfer, Israel der Ton. Es ist ganz Gottes Sache, ob er das Gefäß aus Ton, das er geschaffen hat, als hinreichend ansieht. Ob er es annimmt oder verwirft. Der Schöpfer ist seinem Geschöpf gegenüber ungebunden.

Hinter den Worten mag auch die Erinnerung an die Schöpfungserzählung stehen: „Da machte Gott der HERR den Menschen aus Erde vom Acker und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen.“ (1. Mose 2,7) Der Mensch – ein belebter Klumpen Ton. Geformt aus der Erde. Die materille Substanz des Menschen entspricht der Erde. Wir sind „Sternenstaub“ (C. Bittlinger)

 Darauf liegt der Ton dieser Gottesworte: Gott ist frei Israel gegenüber. Es gibt kein Recht, das Israel ihm entgegen einklagen könnte. Was Gott binden kann, liegt nicht auf der Seite Israels. Alle Bindung Gottes ist Selbstbindung. Selbstverpflichtung, so wie er sie in Jesus eingeht. Uns zugute.

            Es ist nicht von vornherein ausgemacht, dass dieses Gleichnis eine Gerichtsansage ist. Man kann auch so lesen: „Jahwe formt sein Volk so lange, bis es seinem Geist entspricht. Jeremia hat nicht eine destruktive Botschaft zu verkündigen, sondern eine aufbauende, ermutigende.“(R. Then, aaO. S.63) Damit dies greift, wird es allerdings nötig sein, dass das Volk sich durch den Willen seines Schöpfers formen lässt.

. 7 Bald rede ich über ein Volk und Königreich, dass ich es ausreißen, einreißen und zerstören will; 8 wenn es sich aber bekehrt von seiner Bosheit, gegen die ich rede, so reut mich auch das Unheil, das ich ihm gedachte zu tun. 9 Und bald rede ich über ein Volk und Königreich, dass ich es bauen und pflanzen will; 10 wenn es aber tut, was mir missfällt, dass es meiner Stimme nicht gehorcht, so reut mich auch das Gute, das ich ihm verheißen hatte zu tun.

Jetzt aber weitet sich der Horizont. Von Israel ist die Rede, aber eben nicht nur von Israel. Alle Völker sind mit im Blick. Gott ist frei. Gott ist souverän. Gott ist nicht gebunden durch irgendeine Qualität des Volkes, das ihn seinen Gott heißt. Gott hat sich ein Volk erwählt – wohl wahr. Aber Gottes Wahl ist auch Verpflichtung. Sie ist nicht nur Privileg. Sie ist auch Herausforderung und womöglich manchmal sogar Last. Sie lässt Sätze nicht zu wie „Wir wollen sein wie alle anderen Heiden.“- „Setze nun einen König über uns, der uns richte, wie ihn alle Heiden haben.“(1. Samuel 8,5) Sie lässt Handeln nicht zu, in dem die Gerechtigkeit mit Füßen getreten wird und an die Stelle des Gottvertrauens das Vertrauen auf die stärkeren Bataillone und die geschickter Außenpolitik tritt. Wo das geschieht, da wird Gott die Pläne durchkreuzen und den Ungehorsam und Unglauben in seiner Halbherzigkeit aufdecken und bloßstellen.

Noch einmal: Von Israel ist die Rede – und dass es seine Berufung, seine Erwählung verspielen kann. Dass es an ihr schuldig wird und sie damit vertut. Aber zugleich: „Israel und die Völker stehen unter den gleichen Maßstäben von Gut und Böse. Bosheit wirkt Unheil, hören auf die Stimme Gottes bringt Heil. Aber alles dieses kann nicht vorherberechnet werden: das Böse kann lange ungestraft seinen Lauf nehmen, ebenso kann das Gute eine Zeitlang keine positiven Auswirkungen haben.“ (D. Schneider, aaO. S.187) Es ist allein Gottes Sache, wann, wo, wie, wen er ausreißen, einreißen, zerstören, bauen und pflanzen will.

 11 Und nun sprich zu den Leuten in Juda und zu den Bürgern Jerusalems: So spricht der HERR: Siehe, ich bereite euch Unheil und habe gegen euch etwas im Sinn. So bekehrt euch doch, ein jeder von seinen bösen Wegen, und bessert euern Wandel und euer Tun!

             Jetzt sind wieder ausdrücklich die Leute in Juda, die Bürger Jerusalems angesprochen. Das ist ihre Würde: sie werden nicht als ein Fall unter allen anderen mitverhandelt. Sie werden gesondert angesprochen, weil sie ja doch das Volk Gottes sind.

            Es ist so weit. Das Unheil, das kommen soll, ist schon geschaffen. Gott ist mit den Vorbereitungen fertig.

„der sturm bricht los
es riacht nach pech und schwefel
die weiber in der kammer
die packt der große jammer
der tischler schwingt sein‘ hammer
der tod geht um
die felder voller leichen
die scheiterhaufen brennen
ma sicht di menschen rennen
es regnet bluat und tränen
der aufstand is im keim erstickt
der pfarrer auf der kanzel nickt
er läut’die glockn aufn turm
doch auch die ruhe nach dem sturm
is nur die ruhe vor dem sturm
is nur die ruhe vor dem nächsten sturm“                                                                                                     G. Danzer, LP Ruhe vor dem Sturm 1981

12 Aber sie sprechen: Daraus wird nichts! Wir wollen nach unsern Gedanken wandeln, und ein jeder soll tun nach seinem verstockten und bösen Herzen.

             Es ist eine Umkehr-Predigt an verstockte Herzen. Sie wollen nicht hören. sie wollen sich nicht ändern. Sie sagen: Daraus wird nichts! Ist da nicht jedes Wort zu viel? Wirft Gott durch seinen Propheten Perlen vor die Säue? Ist nicht alles nur Vorspiel zum Untergang? Sie sind an ihre eigenen Gedanken gebunden, in ihren eigenen Herzen festgelegt. Sie folgen nur noch sich selbst, wie Lemminge auf dem Weg in den Abgrund. Es ist, als würde sich das Auftragswort aus der Berufung des Jeremia jetzt erfüllen: Er predigt Ohren, die nicht hören, Augen, die nicht sehen, Herzen, die verhärtet sind.

 Zum Weiterdenken

            Frühere Zeiten hätten gesagt: Umkehr. Buße. Alles altertümliche und nicht gern gehörte und auch nur zaghafte gebrauchte Worte. Dabei sind sie Grundbestand der Botschaft Jesu! „Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium!“(Markus 1, 17) Man kann trefflich darüber diskutieren, ob die Erfahrung der Pandemie ein „Heimsuchung“(H. Löwe)  oder „eine Strafe“, wie es wohl auch manche sehen oder ob uns unser Tun als schreckliches Ergehen eingeholt hat. Wie auch immer: Mit dieser Pandemie stehen wir vor der Frage, was bei uns gilt und was uns leitet: „Weiter so, immer weiter.“(O. Kahn) Oder doch Umkehr. Abkehr von Wachstumswahn. Abkehr von einem Umgang mit der Welt und den Ressourcen, der so tut, als hätten wir eine Ersatzwelt im Kofferraum unserer Autos oder als wäre massenhafte Auswanderung auf den Mars eine realistische Option.

            Mich beschäftigt, durch das, was ich an alltäglichen Äußerungen über die Medien wahrnehme eine Sorge. Die Sorge, dass mancherorts so auf die Pandemie reagiert wird: Die ist ein Alb-Traum, aus dem wir hoffentlich bald erwachen – und dann wollen und werden wir unser altes Leben wiederhaben. So wie vor dem März. So wie vor Corona. So wie vor dem Lockdown. Disco mit Gedränge, Stadien voll wie eh und je, Fluggastzahlen wie 2019, Verkehr wie gehabt, Wirtschaft wie 2019. Überhaupt – die Krise als Störfall, der keine Folgen hat und kein Umdenken fordert. Die Krise darf kein Weckruf sein. „Neue Normalität“(Olaf Scholz) – das wollen wir nicht. Wenn wir die Masken ablegen dürfen und das Abstandsgebot nicht mehr achten müssen – alles wie früher.

            Mir scheint, so eine Haltung verpasst mehr als ein Chance. Mehr als ein sorgfältiges Fragen, ob uns in dieser Krise nicht eine Maßlosigkeit auf die Füße gefallen ist. Globalisierung hat Schattenseiten, die grell ins Licht gerückt worden sind. Wollen wir wirklich, dass sie wieder im Schatten verschwinden?

 Ich bin so frei, sagen wir, und gehen unsere Wege, treffen unsere Entscheidungen, gönnen uns ja sonst nichts. Ich bin so frei, sagen wir, und kümmern uns nicht um die alten Worte, um die überkommenen Gebote, um das Geraune von Gott.

Aber Du, Gott, bist nicht so frei. Du machst Dich nicht frei von uns, unserem Eigensinn, unserem verkehrten Herzen. Du willst uns umkehren, aber nicht wie der Töpfer, der sein Werk verwirft, sondern wie der Vater, der um seine Kinder wirbt. Amen