Gefangen im eigenen Ich

Jeremia 17, 5 – 13

 5 So spricht der HERR: Verflucht ist der Mann, der sich auf Menschen verlässt und hält Fleisch für seinen Arm und weicht mit seinem Herzen vom HERRN. 6 Der wird sein wie ein Dornstrauch in der Wüste und wird nicht sehen das Gute, das kommt, sondern er wird bleiben in der Dürre der Wüste, im unfruchtbaren Lande, wo niemand wohnt.

            In sich selbst verkrümmt. In sich selbst gefangen. Das ganze Lebensvertrauen ruht darauf: Ich packe das schon. Das ist das moderne Gesetz unserer Tage: Du musst es bringen. Du musst dich behaupten. Du musst aus dir machen, was du werden willst. Und immer sind wir dabei außengeleitet. Immer verlieren wir dabei unsere Mitte aus den Augen. Immer werden wir dabei unserem Ursprung entfremdet: Gott, unserem Schöpfer.

     Ach, wie viel Zeit vertan am Tresen,                                                                             mit Sprücheklopfen, witzig sein.                                                                                         Der falsche Weg. In seine Seele                                                                                            ließ er nicht einmal sich selbst hinein. 

  Jetzt würd‘ er gern noch einmal in sich gehen                                                                  und stößt an Mauern, lässt betrübt                                                                                     auch diese Hoffnung fahren, und muss sehen:                                                                   Er hat den Weg zu sich noch nie geübt.                                                                                                         Konstantin Wecker, CD Zwischen Zärtlichkeit und Wut

            Von dieser Lebenshaltung sagt Jeremia: Der so lebt, ist verflucht – eingespannt in ein Schicksal, das er sich selbst bereitet hat. Das ist das eigentlich furchtbare am Fluch: Wir sind es selbst, die sich so gefangen nehmen. Wir machen selbst aus unserem Leben dorniges Gestrüpp, weglose Wüste. Unbewohnbares Land.

 7 Gesegnet aber ist der Mann, der sich auf den HERRN verlässt und dessen Zuversicht der HERR ist. 8 Der ist wie ein Baum, am Wasser gepflanzt, der seine Wurzeln zum Bach hin streckt. Denn obgleich die Hitze kommt, fürchtet er sich doch nicht, sondern seine Blätter bleiben grün; und er sorgt sich nicht, wenn ein dürres Jahr kommt, sondern bringt ohne Aufhören Früchte.

            Wie anders dagegen der, der sich auf den Herrn verlässt. Gesegnet ist er. Wohl gehen wird es ihm. Da hat das Leben tiefen Grund und die Wurzeln reichen bis in die Tiefen, wo das Lebenswasser ist.

Ob Jeremia das gekannt hat? Es ist anzunehmen:

Wohl dem, der nicht wandelt im Rat der Gottlosen                                                           noch tritt auf den Weg der Sünder noch sitzt, wo die Spötter sitzen,                     sondern hat Lust am Gesetz des HERRN                                                                          und sinnt über seinem Gesetz Tag und Nacht!                                                                    Der ist wie ein Baum,                                                                                                            gepflanzt an den Wasserbächen,                                                                                         der seine Frucht bringt zu seiner Zeit,                                                                              und seine Blätter verwelken nicht.                                                                                      Und was er macht, das gerät wohl.                                      Psalm 1

             Es ist der gleiche Geist, der hier das Wort nimmt und die gleiche Frömmigkeit, die sich hier ausdrückt: Das Leben gelingt nur so, dass es tief in Gott hinein verwurzelt ist.

 9 Es ist das Herz ein trotzig und verzagt Ding; wer kann es ergründen? 10 Ich, der HERR, kann das Herz ergründen und die Nieren prüfen und gebe einem jeden nach seinem Tun, nach den Früchten seiner Werke. 11 Wie ein Vogel, der sich über Eier setzt, die er nicht gelegt hat, so ist, wer unrecht Gut sammelt; denn er muss davon, wenn er’s am wenigsten denkt, und muss zuletzt noch Spott dazu haben.

            Hier meldet sich Jeremias Widerspruch gegen die vermeintliche Sicherheit: Wir stehen auf der Seite Gottes. Wir sind die Guten. „Wer kann schon für sein Herz garantieren und sagen, dass er ganz bestimmt auf die Seite des Segens gehört? Die Heilsgewissheit in der Bibel ist gehalten von dem Wissen um Gottes alleiniges, berechtigtes Beurteilen allen menschlichen Regens und Denkens.“ (D. Schneider, aaO.  S. 179) Darum auch hier wieder: Es ist Gott, der uns kennt. Es ist Gott, der uns durchschaut, bis in die Tiefen unseres Wesens hinein. Es ist dem Menschen entzogen – wir sind uns selbst oft fremd und unbekannt.

            Und wieder höre ich die Stimme einer Frömmigkeit, die sich mit den Psalmen verbindet:

Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz;                                                                prüfe mich und erkenne, wie ich’s meine.                                                                       Und sieh, ob ich auf bösem Wege bin,                                                                                 und leite mich auf ewigem Wege.                              Psalm 139, 23-24

            Der die Herzen kennt und die Herzen prüft – der ist es auch, dem ich mich anvertrauen kann. Und er ist es, vor dem ich Rechenschaft abzulegen habe über mein Tun und Lassen.  Das passt zu diesen Prophetenworten, die unbedingt nach dem Tun fragen und sich nicht einfach mit einer Gesinnung zufrieden geben.

 12 Aber die Stätte unseres Heiligtums ist der Thron der Herrlichkeit, erhaben von Anbeginn. 13 Denn du, HERR, bist die Hoffnung Israels. Alle, die dich verlassen, müssen zuschanden werden, und die Abtrünnigen müssen auf die Erde geschrieben werden; denn sie verlassen den HERRN, die Quelle des lebendigen Wassers. 

            Hier meldet sich in der Tat so etwas wie Heilsgewissheit zu Wort. Ich frage mich: Ist das ein Wort Jeremias? Oder ist das die Stimme derer, die ihm sagen: Habe dich nicht so. Wir stehen doch auf der richtigen Seite – und wir haben Gott auf unserer Seite. Es ist die Auseinandersetzung, die sich auch durch dieses Buch zieht: Tempel-Theologie gegen Gerichts-Ansage. Und immer wieder wird die Tempel-Theologie eingeführt, um den harten Gerichtsworten ihr Recht zu bestreiten.

            Wahrscheinlich muss man die beiden Verse als ein Gebet lesen. Als Gebet Jeremias. Dann sagt es nichts über die Qualität Israels. Sondern es ist ein Hoffnungsschrei zu Gott hin: Sei du doch, was du von alter Zeit her warst. Und es ist zugleich ein Schmerzensschrei, weil Jeremia sieht, was kommt, was auf die zukommt, die sich von Gott abwenden, die ihn verlassen.

            Eine schräger Einfall kommt mir, der sich an die Wendung anhängt: die Abtrünnigen müssen auf die Erde geschrieben werden. Jesus und die Ehebrecherin. Die Frommen mit Steinen in der Hand, bereit, tatkräftig zu werden: „Als sie nun fortfuhren, ihn zu fragen, richtete er sich auf und sprach zu ihnen: Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie. Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde.“(Johannes 8, 7-8) Ist es das, sind es die Namen der Abtrünnigen, die Jesus auf die Erde, in den Staub schreibt?

 Zum Weiterdenken

      Es wird wohl so sein, die Rücksichtslosigkeit der Ellenbogengesellschaft, die so erschreckende Gewalttätigkeit, die keinen Respekt vor dem Leben der anderen mehr kennt, die Eiszeit unserer Tage, darin ihren Wurzelboten hat: Menschen kennen nur noch sich selbst, sie haben nur noch sich zum Maßstab, sie verlassen sich nur noch auf sich selbst, ihr Fleisch. Dann wäre unsere Zeit heute in Wahrheit Jeremias Zeit und seine Botschaft eine Botschaft für unsere Zeit. Es ist einer ernste Mahnung: „Menschenfurcht und Menschenvertrauen ist immer ein Zeichen mangelnder Gottesfurcht und Gottvertrauens.“ (A. Weiser, aaO. S.145)

            Es gibt Assoziationen, die mich an dieser Stelle eher bedrücken als froh machen – wenn in unseren Kirchen allzu rasch mit der Christlichkeit aller umgegangen wird, wenn eine Tauf-Theologie so steil verkündigt wird, dass jede ethische Konsequenz aus der Taufe wie überflüssig erscheint. Wenn der Verdacht der Drängelei geäußert wird, wo manche einfach nur einfordern, dass Christenglauben sich auch im Tun des Gerechten und im Halten zur Gemeinde zeigen muss.

Tief eingewurzelt in Dich wünsche ich mir mein Leben. Genährt aus der Quelle lebendigen Wassers möchte ich meine Tage bestehen. Dann würde meine Kraft reichen um auszuhalten, durchzuhalten, die Liebe zu bewahren.

Aber ich kenne auch die andere Haltung, dass ich in mir selbst nach Halt suche, nach Wurzeln in meinem Inneren, nach Kraft aus der Tiefe meines Seins.

Bewahre mich, dass ich mich nicht in mir selbst verschließe. Öffne mein Herz, meine Hände, meinen Sinn, dass ich mich ausstrecke nach Dir. Amen