Isolation – um Gottes Willen

Jeremia 16, 1 – 13

 1 Und des HERRN Wort geschah zu mir: 2 Du sollst dir keine Frau nehmen und weder Söhne noch Töchter zeugen an diesem Ort.

             Propheten reden nicht von der sicheren Warte aus. Propheten werden mit ihrem Lebensweg hinein gezogen in ihre Botschaft. Jeremia soll es am eigenen Leib spüren: da ist keine Zukunft mehr. Darum wird ihm verwehrt, wonach er sich sehnt: Familie, intime Gemeinschaft. Dieses Verbot aber ist mehr als die Verweigerung des kleinen Glücks. „Wer eine Ehefrau gefunden hat, der hat etwas Gutes gefunden und Wohlgefallen erlangt vom HERRN.“(Sprüche 18,22) Nicht nur der traditionelle Wertekanon Israels wird auf den Kopf gestellt. Die Schöpfungsordnung Gottes wird von ihm in das individuelle Leben Jeremias hinein widerrufen:  Gott „schuf sie als Mann und Frau. Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan.“(1. Mose 1, 27-28) So tief ist der Einschnitt, dass nicht mehr gelten soll, was von Anbeginn an gegolten hat. Jeremia soll einsam sein. Auch, um die Einsamkeit Gottes, den sein Volk allein lässt, abzubilden?

3Denn so spricht der HERR von den Söhnen und Töchtern, die an diesem Ort geboren werden, und von ihren Müttern, die sie gebären, und von ihren Vätern, die sie zeugen in diesem Lande: 4 Sie sollen an bösen Krankheiten sterben und nicht beklagt noch begraben werden, sondern sollen Dung werden auf dem Acker. Durch Schwert und Hunger sollen sie umkommen, und ihre Leichname sollen den Vögeln des Himmels und den Tieren des Feldes zum Fraße werden.

Heiraten und Kinder zeugen – das ist Treue gegen den Schöpfungsauftrag. Es ist zugleich aber auch Glauben an die Zukunft in Reinkultur. Der Prophet soll mit seiner einsamen Existenz dem Einspruch Gottes Raum geben gegen den Glauben an die Zukunft, der keinen Gehorsam gegen Gott mehr braucht. Wie oft habe ich es gehört: Kinder sind Zukunft – und es ist, als wolle man mit Kinderzeugen die Zukunft sichern. Wer die Jugend hat, hat die Zukunft. Auch so ein Satz – und in beiden steckt Gottlosigkeit drin: Denn nicht Kinder oder Alte sind die Zukunft. Dann könnten wir ja unsere eigene Zukunft und die der Welt schaffen und sichern. Aber Zukunft kommt aus Gott  oder es gibt keine.

Wo aber keine Zukunft mehr ist, da ist unendliches Leid. Israel hat seine Zukunft verwirkt, als es sich von Gott abgewandt hat, als es seine Zukunft in die eigenen Hände nehmen wollte. Und wird es auf einem großen Begräbnisfeld, auf dem keiner begraben wird, sondern die Leichname den Geiern und Schakalen preisgegeben sind, bitter bezahlen. Das wenigstens bleibt einem ehe- und kinderlosen Jeremia erspart. Wer mag, kann also in dem Verbot zur Ehe und Vaterschaft an Jeremia noch eine letzte Fürsorglichkeit Gottes entdecken: „Gott will seinem Knecht viel Herzeleid ersparen.“ (D. Schneider, aaO.; S.170)

Der Athos mit seinen Klöstern setzt auf seine Weise ein Zeichen, dass die Zukunft nicht in den Kindern liegt sondern in der Hand Gottes. Er ist das Zeichen des Verzichtes auf die eigene, „natürliche“ Weise der Zukunftssicherung.

Ich habe Menschen vor Augen und im Herzen, die keine Kinder bekommen können, obwohl sie sich danach sehnen. Da ist kein Gotteswort, das so den eigenen Weg durchkreuzt. Da ist „nur“ ein Menschenschicksal, Krankheit, die aller Hoffnung auf eigene Nachkommen den Boden unter den Füßen raubt. Aber wie hart ist das!

 5 So spricht der HERR: Du sollst in kein Trauerhaus gehen, weder um zu klagen noch um zu trösten; denn ich habe meinen Frieden von diesem Volk weggenommen, die Gnade und die Barmherzigkeit, spricht der HERR.  6 Große und Kleine sollen sterben in diesem Lande und nicht begraben noch beklagt werden, und niemand wird sich ihretwegen wund ritzen oder kahl scheren. 7 Auch wird man keinem das Trauerbrot brechen, um ihn zu trösten wegen eines Toten, und auch nicht den Trostbecher zu trinken geben wegen seines Vaters oder seiner Mutter.

Das ist ein hartes Verbot. Es entzieht einem Erzeigen menschlicher Solidarität den Boden. Nicht mit-trauern, nicht mit-klagen, nicht trösten. „Die letzte Ehre zu erweisen ist für Juden, aber auch schon für Israeliten ein wichtiger Liebesdienst.“ (R.Then, Der unbequeme Mahner. Jeremia, Bibelauslegung für die Praxis 12. Stuttgart 1993, S.57)  Jeremia müsste ein Herz aus Stein haben, um hier nicht in Schmerz zu verfallen. Wenn es überhaupt eine elementare menschliche Regung der Zusammengehörigkeit gibt, dann sind es mit-geweinte Tränen. Aber Gott untersagt ihm diese letzte menschliche Nähe.

Aber es ist ja nicht nur ein Verbot an Jeremia. Sondern es ist die schreckliche Ankündigung: „Keiner wird mehr da sein, der dann die üblichen Trauerbräuche vollzieht, weil sie alle dem Tod verfallen sind.“ (A. Weiser, aaO.; S.138) Es ist wie in der großen Pest, wie in den großen Pandemien: Weil das Sterben maßlos um sich greift, bricht die letzte Möglichkeit zur Solidarität zusammen – die Leichen liegen nur so herum.

Die schreckliche Begründung – aus dem Mund Gottes: ich habe meinen Frieden von diesem Volk weggenommen, die Gnade und die Barmherzigkeit. šālȏm – chæsed –  rachamimFrieden, Gnade und Barmherzigkeit – das sind die Kennzeichen des Bundes, darin ereignet sich das Heil. Ich will mich mit dir verloben für alle Ewigkeit, ich will mich mit dir verloben in Gerechtigkeit und Recht, in Gnade und Barmherzigkeit.“ (Hosea 2,21) hatte Gott versprochen. Jetzt löst er diese Verlobung, den Bund auf und zurück bleibt der Modergeruch des Todes.

8 Du sollst auch in kein Hochzeitshaus gehen, um bei ihnen zu sitzen zum Essen und zum Trinken. 9 Denn so spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels: Siehe, ich will an diesem Ort vor euren Augen und zu euren Lebzeiten ein Ende machen dem Jubel der Freude und Wonne, der Stimme des Bräutigams und der Braut.

             Und zum dritten Mal dieses harte Nein. Nicht mit-feiern. Nicht mit-tanzen und mitlachen. Wie anders der große Skeptiker Kohelet: So geh hin und iss dein Brot mit Freuden, trink deinen Wein mit gutem Mut; denn dies dein Tun hat Gott schon längst gefallen.

Lass deine Kleider immer weiß sein und lass deinem Haupte Salbe nicht mangeln. Genieße das Leben mit deiner Frau, die du lieb hast, solange du das eitle Leben hast.“ (Prediger 9,7-9) Jeremia sieht eine Zeit kommen, in der Hochzeiten „Geisterveranstaltungen“ sind. Das sind die Zeiten, in denen alles zusammenbricht.

„Jeremias Verhalten nimmt nur etwas vorweg, was bald die Regel sein wird.“ (R. Then, ebda.) In dieser Vorwegnahme aber, die ihm die Verbote Gottes auferlegen, gerät der Prophet in eine letzte Isolation. Gott fordert von ihm in diesen Verboten die Aufkündigung der elementarsten Lebensnähe.

Man muss sich die Spannung klar machen: Wir als Kirche beschreiben uns ja gerade als die, die an den Übergangstellen des Lebens nahe bei den Menschen sind und zur Stelle sein müssen. Wir sehen unsere Chance zur Verkündigung gerade bei den Passage-Riten. Jeremia aber bekommt diese Nähe grundsätzlich verwehrt. Es wäre die falsche Botschaft in schrecklichen Zeiten. Es wäre „Friede, Friede“(8,11), wo doch kein Friede ist.

Man darf aus dieser so überaus harten Weisung Gottes an Jeremia aber auch keine allgemeingültige Regel machen. Weil sonst aufgelöst würde, was doch von Gott her gesetzt ist: „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei; ich will ihm eine Gehilfin machen, die um ihn sei.“ (1. Mose 2,18) Wir sind auf Gemeinschaft hin angelegt und wir folgen dem Schöpfungsbefehl Gottes in gelebter Solidarität: „Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden.“(Römer 12,15)Das ist die Wegweisung für die Gemeinde, der wir zu folgen haben. Weil wir nicht Jeremia sind. Der wir auch darin zu folgen haben, dass wir uns der Tendenz zur Vereinzelung und zur Vereinsamung, die unsere Gesellschaft prägt und die die mitmenschliche Solidarität in Freud und Leid schwer bedroht, widersetzen.

10 Und wenn du das alles diesem Volk gesagt hast und sie zu dir sprechen werden: »Warum kündigt uns der HERR all dies große Unheil an? Was ist die Missetat und Sünde, womit wir wider den HERRN, unsern Gott, gesündigt haben?«,

Das Volk hört, was Jeremia sagt. Es sieht, wie er lebt. Aber es versteht nichts. Es versteht ihn nicht. Es fühlt sich auch nicht schuldig. Was ist der Vorwurf, der uns zu machen ist, zu Recht zu machen ist, so fragen sie und wirken nicht einmal nur betroffen, sondern nur verständnislos. Sie sehen sich in einem intakten Verhältnis zu unserem Gott.  Anders herum gesagt, steckt in dieser Frage: Jeremia, Du übertreibst maßlos. Du bist ein Schwarzseher.

11 so sollst du ihnen sagen: Weil eure Väter mich verlassen haben, spricht der HERR, und andern Göttern nachgelaufen sind, ihnen gedient und sie angebetet, mich aber verlassen und mein Gesetz nicht gehalten haben, 12 ihr aber noch ärger tut als eure Väter; denn siehe, ein jeder lebt nach seinem verstockten und bösen Herzen, sodass er mir nicht gehorcht.

Gott sagt Halt. Warum? Meine Überlegung: Weil zum Zierrat, zur Ausschmückung verkommen ist, was einmal das Leben ausrichten sollte auf Gott. Der Gott der Übergänge, der Israel durch das Schilfmeer und über den Jordan geführt hat, der wird nicht mehr im Leben geglaubt, sondern übergangen. „Diese Generation ist nicht die erste, die gegen Gott aufbegehrt, sondern schon eure Väter haben mich verlassen.“ (D. Schneider, aaO.;S.171) Das Volk hat sich von dem Gott, der mitgeht, abgewandt und es wäre nur noch religiöse Folklore, festzuhalten an den alten Ritualen. Wenn das Leben nicht mehr alltäglich an Gott gebunden ist, dann werden auch die religiösen Passage-Riten leer, entleert, sinnlos. Wenn wir Gott verlassen, machen die Riten keinen Sinn mehr. Das Wort kann nur trösten, wenn ich mit ihm lebe – Gott kann nur leiten, wenn ich mich ihm anvertraue. Ohne diesen Lebensbezug ist alles entleerte Religiosität ohne Gott.

 13 Darum will ich euch aus diesem Lande verstoßen in ein Land, von dem weder ihr noch eure Väter gewusst haben. Dort sollt ihr andern Göttern dienen Tag und Nacht, weil ich euch keine Gnade mehr erweisen will.

      Das ist Gottes Urteil: Ihr müsst jetzt ohne Gott leben. Ins Elend. Verstoßen in ein Land, von dem weder ihr noch eure Väter gewusst haben. „Israel wird aus dem Land der Verheißung weggeschleudert in ein fremdes Land.“ (A. Weiser, aaO.; S.139) Jetzt geht der Weg ohne Beistand weiter. Das ist der Vorwurf Gottes: In eurem Bewusstsein, in euren praktischen Lebensvollzügen war schon lange keinen Platz mehr für mich. Darum müsst ihr jetzt leben, was ihr euch erwählt habt.

Was beginnt, ist Dienst unter den anderen Göttern. Tag und Nacht. Das lässt keinen Zweifel zu: dieses Dienen ist das Dienen von Sklaven. Gott lässt die Israeliten – hier: Judäer und Bewohner Jerusalems – erleben, dass er sie ernst nimmt darin, dass sie ständig den anderen Göttern nachgelaufen sind, dass sie ihn los sein wollen und ihr Vertrauen lieber auf die Dinge setzen, die sie im Griff haben. Ihre Sünde wird zu ihrer Strafe. Sie können nicht mehr anders, sie müssen jetzt denn anderen Göttern dienen. Denn der Herr entzieht sich ihnen und indem er sich entzieht, entzieht er ihnen seine Gnade.

Heute habe ich gehört, dass jemand gestorben ist, den ich lange kenne. Und in mir ist Schmerz, Klage, Traurigkeit. Heute habe ich darüber nachgedacht, dass es Familien gibt, die aussterben, weil keine Nachkommen da sind. Heute habe ich gespürt, dass ich anderen nahe bin mit meinen Fragen, meinem Klagen, meiner Ratlosigkeit.

Herr, verbiete mir nicht – wie dem Jeremia – die Gemeinschaft der Klage und die Gemeinschaft der Freude. Ich kann diese Einsamkeit nicht tragen. Und lass Du mich darin nicht allein Amen

 

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