Jeremias Last: Gottes Zorn

Jeremia 15, 10 – 21

 10 Weh mir, meine Mutter, dass du mich geboren hast, gegen den jedermann hadert und streitet im ganzen Lande! Hab ich doch weder auf Wucherzinsen ausgeliehen noch hat man mir geliehen, und doch flucht mir jedermann….

Jeremia – ein zweiter Hiob? „Ausgelöscht sei der Tag, an dem ich geboren bin, und die Nacht, da man sprach: Ein Knabe kam zur Welt!“(Hiob 3,2) Nein, kein Fluch wie bei Hiob, aber eine Klage im Mund des Jeremia. Besser, ich wäre nie geboren. Da ist nur noch Schmerz, Verzagen an der eigenen Existenz. Unschuldig, und dennoch einer, der allen feind ist, zuwider. „Jeremia ist zu einer Zielscheibe des Hasses und Fluches geworden, obwohl er niemandem Geld geliehen hat und auch niemandem Geld schuldet. Die Kredit-Haie der damaligen Zeit nahmen bis zu 50% Zinsen, was viele Bauern nach der Kreditgewährung ihr Land kostete, das sie verkaufen mussten, um ihre Zinsen für Saatgut und Tiere abbezahlen zu können.“ (K. Teschner, aaO. S.22) So einer ist Jeremia nie gewesen. Auch keiner, der den anderen das Leben eng gemacht hat, aber einer, dem das Leben eng wird in seiner Einsamkeit. Alle sind gegen mich – das ist hier nicht spielerischer Ausruf, das ist hier bitterer Lebensschmerz.

15 Ach HERR, du weißt es! Gedenke an mich und nimm dich meiner an und räche mich an meinen Verfolgern! Lass mich nicht hinweggerafft werden, während du deinen Zorn über sie noch zurückhältst; denn du weißt, dass ich um deinetwillen geschmäht werde.

 Wann endlich wird Gott Jeremia Recht geben? Es ist kein Racheschrei, kein Wutgebrüll über seine Gegner. Es ist der Ruf an Gott: Mache doch endlich, was du so lange schon ankündigst. Indem Gott sein Gericht ausführt, gibt er Jeremia Recht, übt er „Rache“. Die Angst des Jeremia: Ich könnte sterben, hinweggerafft werden, während Gott seinen Zorn immer noch zurückhält. Es wird wohl so sein: „Im Hintergrund steht der Hohn der Gegner: „Wo ist das Wort JHWHs? Es treffe doch ein.“(17,15) Die Gegner verspotten Jeremia, weil seine Anklagen für sie nicht einsichtig sind, ihrer Wirklichkeitswahrnehmung widersprechen.“  (A.Graupner/R.Micheel, aaO.; S.74) Es ist ein Leiden, das Jeremia um Gotteswillen zu tragen und zu ertragen hat. Das er aber auch Leid ist. „Er kann nicht mehr anders, als seiner Depression, und Frustration freien Lauf zu lassen hinein in die Aggression und seinem Herzen Luft zu verschaffen.“ (K.Teschner, ebda.)

16 Dein Wort ward meine Speise, sooft ich’s empfing, und dein Wort ist meines Herzens Freude und Trost; denn ich bin ja nach deinem Namen genannt, HERR, Gott Zebaoth.  

             Hat sich Jeremia Luft gemacht – und damit den Blick wieder, einen Augenblick lang, frei? Für das, was er doch auch an Gott hat. Für das, was Leben trägt und prägt. Es ist das Glück seines Lebens, seines Herzens Freude und Trost, Seine Speise. Viel später wird Jesus sagen: „Meine Speise ist die, dass ich tue den Willen dessen, der mich gesandt hat, und vollende sein Werk.“(Johannes 4,34) Jeremia ist über allem Schweren, was ihn niederdrückt nicht blind geworden und nicht erinnerungslos: „Auch Jeremia kannte solche Stunden, da sein Leben im Vertrauen und Gehorsam ganz an Gott hingegeben, ihm nichts zu wünschen übrig ließ.“ (A. Weiser, aaO.; S.133) Ganz nah ist er hier dem Ausruf des Beters:

 „Mir aber ist die Nähe Gottes köstlich;                                                                              ich habe Gott, den Herrn, zu meiner Zuflucht gemacht,                                               um alle deine Werke zu verkünden.“                                                                                                                  Psalm 73, 28 (Schlachter-Übersetzung) 

Hat es etwas zu sagen, dass hier die Vergangenheitsform den Satz bestimmt. So war es früher – aber jetzt ist das alles in Frage gestellt. Jetzt ist ihm das Wort Gottes nicht Speise sondern Last, nicht Freude, sondern Grund zur Klage. Weil es ihn belastet, unerträglich belastet, immer nur Bote des Gerichtes sein zu müssen. eines Gerichts, das auf sich warten lässt und das durch sein Verziehen ihn zum Gespött macht. Jeremia kann nur schwarzsehen.

 17 Ich habe mich nicht zu den Fröhlichen gesellt noch mich mit ihnen gefreut, sondern saß einsam, gebeugt von deiner Hand; denn du hattest mich erfüllt mit Grimm. 18 Warum währt doch mein Leiden so lange und sind meine Wunden so schlimm, dass sie niemand heilen kann? Du bist mir geworden wie ein trügerischer Born, der nicht mehr quellen will.

Was Jeremia ist, ist er, weil er Gottes Bote ist. Der Schmerz, den er erfährt, erfährt er, weil er „Gottes Mann in Jerusalem“ ist. Es ist nicht wahr, dass die Menschen Gottes immer angenehm sind, dass sie immer einen wunderbaren Zugang zu den Menschen haben. Es ist eine völlig zwiespältige Erfahrung, die Jeremia in Worte fasst: Gottes Wort ist meine Speise. Es ist meine Freude. Es ist mein Trost. Und es macht mich zugleich zu einer weltfremden Existenz. Weil Gott meine Freude ist, ist ein Abstand zu denen, die sich anders freuen, ist eine Fremdheit da, die dem  Propheten zur Last gelegt wird und die er auch als Last erfährt und empfindet. Weil er den Zorn Gottes spürt, kann er nicht der harmlose Zeitgenosse sein. Der Zorn frisst an ihm.

Es ist dieser Schmerz, der Jeremia aufschreien lässt: Du bist mir geworden wie ein trügerischer Born, der nicht mehr quellen will. Gott, die Quelle des Lebens, ist versiegt. Da ist kein Wasser des Lebens mehr. Und Jeremia ist nicht Mose, der mit seinem Stab an den Felsen schlagen konnte und Wasser strömt heraus.

Jeremia „vergisst die Ehrerbietung Gott gegenüber, die ihm doch sonst Halt gab und wird ungerecht… Gott hat ihm seinen Beistand und Rettung versprochen, aber nicht die Freude am Leben im Kreise fröhlicher Freunde.“ (A. Weiser, aaO. S.134) Ich glaube, dass wir ehrlich zugeben müssen: hinter dieses so zersplitterte Bild Gottes kommen wir nicht mehr zurück. Oder anders gesagt: Der Gott, dem ich vertraue, dessen Liebe ich glaube, ist gleichzeitig ein frag-würdiger Gott. einer, den ich nie verstehen werde. Erst wenn ich ihn „sehen werde, wie er ist“(1. Johannes 3,2), wird die Zeit des Fragens vorbei sein. Endgültig.

19 Darum spricht der HERR: Wenn du dich zu mir hältst, so will ich mich zu dir halten, und du sollst mein Prediger bleiben. Und wenn du recht redest und nicht leichtfertig, so sollst du mein Mund sein. Sie sollen sich zu dir kehren, doch du kehre dich nicht zu ihnen! 20 Denn ich mache dich für dies Volk zur festen, ehernen Mauer. Wenn sie auch wider dich streiten, sollen sie dir doch nichts anhaben; denn ich bin bei dir, dass ich dir helfe und dich errette, spricht der HERR, 21 und ich will dich erretten aus der Hand der Bösen und erlösen aus der Hand der Tyrannen.

             Es ist ein harscher, schroffer Tonfall. „Kein Mitleid mit dem klagenden Propheten wird sichtbar.“ (D. Schneider, aaO. S.168) Aber es ist doch Antwort. Jeremia hat nicht in einen schweigenden Himmel, in ein stummes Universum hinein geklagt und geschrien. Seine Konfessionen finden ihr Echo in einem neuen Wort Gottes. Einem Wort, das ihn herb kritisiert: wenn du recht redest und nicht leichtfertig. Das also scheint das Urteil Gottes über diesen Ausbruch des Jeremia: er ist nicht recht und er ist daher geredet. Leichtfertig.

Die Versuchung des Jeremia: Er könnte aus seiner Einsamkeit ausbrechen, in dem er sich an die Mehrheit anschließt. Aufgibt mit seiner Botschaft und einer wird wie sie, denen er das Gericht ansagt. Indem er sich zu ihnen kehrt. Das aber untersagt ihm Gott. Keine Umkehr zu den Menschen. Distanz ist und bleibt angesagt. Abstand, um des Himmels willen. Kein Suchen einer Nähe, die erkauft wird durch Zugeständnisse, Freundlichkeiten, das Verschweigen des Gerichtes. Dieses Umkehren zu den Menschen wäre ein Abkehren von Gott. Es ist wohl die Gefahr, in der Prediger, Boten Gottes immer wieder stehen, dass sie sich die Nähe zu den Menschen erkaufen und erschleichen durch ein Verschweigen der heiligen Strenge Gottes.

Darum steht hier am Anfang des Gottesspruchs der Ruf zur Umkehr. Jeremia muss vollziehen, was er anderen gepredigt hat: Umkehren zu Gott. „Auch er hat Umkehr nötig.“ (D. Schneider, ebda.) Ihm, der so ins Schleudern gekommen ist mit seinem Vertrauen, dem Gott so fragwürdig geworden ist –  ihm gilt: du sollst mein Prediger bleiben. Man wird ja nicht deshalb Prediger, weil man ein ungebrochenes Bild von Gott hat, unberührt, unbefleckt durch die Wirklichkeit. Man wird Prediger, weil man nicht anders kann. Weil Gott einen hält, an einem festhält.

   Und doch: Das ist in den Schmerz hinein die Erneuerung der Berufung. Fast wortgleich mit dem ersten Kapitel wird Jeremia hier erneut in Dienst genommen. Gott steht zu seinem Propheten, auch zu seinem verzagten Propheten. Gott stärkt ihm den Rücken und verspricht ihm,, was allein Halt sein kann: Ich bin bei dir.

Wie bitter nötig haben wir das – wieder und wieder. Es ist nicht mit dem einen Ruf getan. Es ist nicht mit der einen großen Erfahrung getan. Es braucht die Erinnerung an den ersten Ruf und es braucht das hinein Kriechen in diesen ersten Ruf, weil Gott ihn festhält, weil er uns so festhält, wenn wir in sein Wort neu uns hinein halten.

Zum Weiterdenken

Das gibt es, dass Menschen „krank“ werden an und in der Gesellschaft, dass sie nicht zurechtkommen, dass sie sich tief entfremdet erfahren. Das gibt es, dass Christen nicht nur aus moralischer Attitüde heraus sagen: Mit dieser Gesellschaft bin ich über Kreuz. Es kann zur Last werden, mitten einer Zeit zu leben, die ihre eigene Krankheit für Stärke hält und in der der Blick auf diese Krankheit einen anschließt an den Schmerz Gottes: „Und es jammert,  ihn, es ging ihm an die Nieren,  denn sie waren verschmachtet wie Schafe, die keinen Hirten haben.“ (Matthäus 9,36)

Es gehört zu den Lügen über den christlichen Glauben, dass er immer das Leben bereichert, dass er immer alles schön sein lässt. Dass er alle Probleme lösen hilft. Dass einen nichts mehr berühren, verwunden, verletzten kann. Jeremia ist einer, den sein Leben mit Gott schmerzt. Diesen Schmerz mutet Gott ihm zu!

 

Herr, wie nötig habe ich zu hören: Ich habe dich lieb. Du bist mein. Ich vergesse das ja immer wieder, verliere es aus den Augen, halte mich nicht daran fest, wenn der Schmerz über mir  zusammen schlägt. das Leben mich in tausend Fragen stürzt und ich keine Antwort habe.

Ich danke Dir, dass ich nicht nur mit dem einen großen Ja meiner Taufe zufrieden sein muss, dass Du es immer wieder erneut zu mir sagst: Du gehörst zu mir. Amen

 

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