Nur ein Gürtel

Jeremia 13, 1 – 11

 1 So sprach der HERR zu mir: Geh hin und kaufe dir einen leinenen Gürtel und gürte damit deine Lenden, aber lass ihn nicht nass werden! 2 Und ich kaufte einen Gürtel nach dem Befehl des HERRN und gürtete ihn um meine Lenden.

            Noch das unscheinbarste Ereignis und Detail des Lebens redet und redet oft genug von Gott und für Gott. Alles kann durchsichtig sein auf eine Wirklichkeit hinter unserer Wirklichkeit. Über die kleinsten Dinge lässt sich eine Brücke finden zu den tiefen Fragen des Lebens – hier eben über einen Gürtel.

            Ob im Hintergrund ein realer Kauf steht? Ob es eine Vision ist, ein Traumgesicht? Ob im alltäglichen Anziehen plötzlich Bilder vor dem inneren Auge des Propheten stehen? Wie auch immer: Der Gürtel spricht!  Wir haben es mit einer prophetischen Zeichenhandlung zu tun. Darin wird auch deutlich: Der Prophet ist mit seiner ganzen Person in seine Verkündigung hineingezogen. „Person und Sache sind hier nicht zu trennen.“ (D. Schneider, aaO.; S.151)

            Näher am eigenen Leib geht es kleidungsmäßig kaum. Der Gürtel ist an der Hüfte, an den Lenden, an den Orten der Lebenskraft. Er ist Halt und Zierrat zugleich. Zeichen der Würde. Wo möglich klingt auch das mit: Man kann seine Gürtel mögen als ein Schmuckstück.

3 Da geschah des HERRN Wort ein zweites Mal zu mir: 4 Nimm den Gürtel, den du gekauft und um deine Lenden gegürtet hast, und mache dich auf und geh hin an den Euphrat und verstecke ihn dort in einer Felsspalte! 5 Ich ging hin und versteckte ihn am Euphrat, wie mir der HERR geboten hatte. 6 Nach langer Zeit aber sprach der HERR zu mir: Mache dich auf und geh hin an den Euphrat und hole den Gürtel wieder, den ich dich dort verstecken ließ! 7 Ich ging hin an den Euphrat und grub nach und nahm den Gürtel von dem Ort, wo ich ihn versteckt hatte; und siehe, der Gürtel war verdorben, sodass er zu nichts mehr taugte.

             Vom Ende her gesehen ist klar: Der Gürtel steht für das Volk. Für das Volk, das verdorben ist, vergraben, dem Verfall preisgegeben. Das sich der Besitzer vom Leibe gerissen hat. Das steckt ja im Zeichen des Gürtels: Er ist nahe am Körper, wie es näher kaum geht. Aber so wie Jeremia sich von seinem Gürtel getrennt hat, so trennt sich Gott von seinem Volk. Es ist ein Prozess, der sich über lange Zeit erstreckt. Und erst am Ende dieses Prozesses wird sich zeigen, was das Ergebnis ist. siehe, der Gürtel war verdorben, sodass er zu nichts mehr taugte.

Damit könnte eine Zeitangabe verbunden sein. Die erste Lösung: Weil es unwahrscheinlich ist, dass Jeremia gleich zweimal auf einen Fußmarsch von mehr als tausend Kilometern an den Euphrat geschickt wird, liest man anders: Gemeint sei „ein Bach in der Nähe von Anatot, der heute en fara heißt.“ (D. Schneider, aaO. S.151) Immerhin hält eine Autorität wie der große Alttestamentler Claus Westermann das für möglich.

Das ganze Gesicht gehört in die Zeit nach der Deportation 597. So sehen es manche Exegeten. Es geht dann um das Verderben Israels im Exil am Euphrat. Das Volk, das dort über lange Zeit verborgen ist, hat keine Zukunft mehr. Es geht verloren. Es löst sich auf in dem Völkergemisch.

8 Da geschah des HERRN Wort zu mir:  9 So spricht der HERR: Ebenso will ich verderben den großen Hochmut Judas und Jerusalems. 10 Dies böse Volk, das meine Worte nicht hören will, sondern nach seinem verstockten Herzen wandelt und andern Göttern folgt, um ihnen zu dienen und sie anzubeten: es soll werden wie der Gürtel, der zu nichts mehr taugt. 11 Denn gleichwie der Gürtel um die Lenden des Mannes gebunden wird, so habe ich, spricht der HERR, das ganze Haus Israel und das ganze Haus Juda um mich gegürtet, dass sie mein Volk sein sollten, mir zum Ruhm, zu Lob und Ehren; aber sie wollten nicht hören.

             Was im Exil und durch das Exil geschieht, ist Gericht Gottes. Es ist nicht nur der normale Lauf der Weltgeschichte. Es ist Geschehen, hinter dem Gott steht. Es ist Gottes Antwort auf den großen Hochmut Judas und Jerusalems – der tiefe Sturz. Das Urteil über das Volk klingt endgültig: „Es soll werden wie der Gürtel, der zu nichts mehr taugt.“ Das Exil ist keine Resozialisierungsmaßnahme. Es ist das Ende.

Zum Weiterdenken

            Ich habe bei Fachleuten des Alten Testamentes gelernt: Solche prophetischen Zeichenhandlungen sind nicht nur Zeichen, nicht nur Symbol. Sie setzen Geschehen in Gang. Sie sind Anfang des Geschehens, das sie im Symbol, im Zeichen abbilden. Ob wir heute das verstehen können? Wir sind nicht so „magisch“ veranlagt, dass wir eine Symbolhandlung gleich mit der Wirklichkeit verbinden würden, ihr wirklichkeitsverändernde Kraft zuschreiben würden. Es ist das uralte Wissen der Menschheit, das an dieser Stelle mehr weiß – wie die Kreidezeichnungen in manchen Urzeit-Höhlen zeigen. Wir haben, neuzeitlich aufgeklärt, vielleicht doch Nachholbedarf in Sachen Wirklichkeit.

          Auch das ist noch zu bedenken:: Der Gürtel spürt ja das alles nicht. Ob ich den Gürtel anziehe oder wegwerfe, das spürt der Gürtel nicht. Es ist mein Verlust, wenn er verdirbt. Es ist meine Freude, dass er mich schmückt. Stimmt diese Überlegung, dann ist hier indirekt vom Schmerz Gottes die Rede. Er leidet darunter, dass sein Gürtel verdorben ist. Er leidet darunter, dass seine Zierde und Würde zu nichts mehr taugt. Es ist nicht der unberührte und unberührbare Gott, von dem hier die Rede ist. Gott, der das Volk dem Gericht preisgibt, ist in diesem Gericht leidend präsent.

 

Gott, ich trenne mich schwer von alten Kleidungstücken. Es ist mir Leid um die alte Hose, das vertraute Hemd, den lange getragenen Gürtel. Dabei ist doch an Ersatz kein Mangel. Ich kann auswechseln ohne Verlust.

Aber Du, Du kennst keinen Ersatz für Dein Volk. Du hast es Dir vertraut gemacht mit Schmerzen, in guten Zeiten und durch tiefe Not. Du hast es Dir vertraut gemacht in seiner Art und Unart, seinem Eigensinn und seinen Irrwegen. Dein Volk ist Dir mehr als mir ein Gürtel, eine Hose,ein Hemd. Gott sei Dank. Amen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.