Ich verstehe die Welt nicht mehr

Jeremia 12, 1 – 6

 1 HERR, wenn ich auch mit dir rechten wollte, so behältst du doch Recht; dennoch muss ich vom Recht mit dir reden.

             Das ist Zwiesprache des Propheten mit Gott. Keine öffentliche Rede. Es ist, als stehe Hiob unsichtbar neben Jeremia. Auch er rechtet ja mit Gott. Auch er sucht danach, Gottes Weg zu verstehen. Nicht um Recht zu behalten, sondern um weiter mit Gott auf dem Weg bleiben zu können. Es stimmt wohl: „Der Prophet ist eine viel zu selbstverantwortliche und gewissenhafte Person, als dass er das Leben einfach unverstanden hinnehmen würde. (A. Weiser, aaO. S.103)  Es macht ihm zu schaffen, dass er seit seiner Berufung Gericht ansagen muss, Untergang, den Zorn Gottes – aber er bleibt immer noch aus.

 Warum geht’s doch den Gottlosen so gut, und die Abtrünnigen haben alles in Fülle? 2 Du pflanzt sie ein, sie schlagen Wurzeln und wachsen und bringen Frucht. Nahe bist du ihrem Munde, aber ferne von ihrem Herzen.

             Das ist die Frage, mit der Jeremia sich herumschlägt. Er predigt Gericht, aber die Gottlosen bleiben davon unberührt. Es geschieht nichts von dem, was er ansagt. Es bleibt vielmehr so, wie es immer ist: Die nicht nach Gott fragen, schöpfen aus dem Vollen. Sie stehen fest, eingepflanzt. Der Boden unter ihren Füßen wankt nicht und verschlingt sie nicht.

            Es ist Sprache der Psalmen, die in diesen Worten durchschimmert:

 Der ist wie ein Baum, gepflanzt an den Wasserbächen,                                                 der seine Frucht bringt zu seiner Zeit, und seine Blätter verwelken nicht.                                                                  Psalm 1,3

             Was der Psalmbeter von dem Gottesfürchtigen, dem Frommen sagt, das muss Jeremia zu seinem Schmerz und Unverständnis von den Gottlosen sagen. Sie wachsen, blühen und gedeihen.

            Noch ein weiterer Psalm schwingt und klingt in den enttäuschten Worten des Propheten mit:

  Denn ich ereiferte mich über die Ruhmredigen,                                                             als ich sah, dass es den Gottlosen so gut ging.                                                                     Denn für sie gibt es keine Qualen,                                                                                        gesund und feist ist ihr Leib.                                                                                                    Sie sind nicht in Mühsal wie sonst die Leute                                                                        und werden nicht wie andere Menschen geplagt.                                                  Darum prangen sie in Hoffart                                                                                               und hüllen sich in Frevel.                                                                                                         Sie brüsten sich wie ein fetter Wanst,                                                                                   sie tun, was ihnen einfällt.                                                                                                       Sie achten alles für nichts und reden böse,                                                                         sie reden und lästern hoch her.                                                                                           Was sie reden, das soll vom Himmel herab geredet sein;                                                  was sie sagen, das soll gelten auf Erden.                  Psalm 73, 2 – 9

             Mit dieser Klage über den wunderlichen Weg Gottes mit den Gottlosen steht Jeremia also nicht allein. Er ist nicht der einzige Fromme, der erwartet, dass Gott endlich Schluss macht mit den Lästermäulern, den Glücksrittern, den gewissenlosen Ausbeutern und Blutegeln des Volkes. Es ist die Frage, die sich bis heute wieder und wieder stellt, wenn man mit offenen Augen die Weltwirklichkeit wahrnimmt. Wie sie häufig in Krimis genauer gezeigt wird als in den Sonntagsreden von der Kanzel.

            Weil er das nicht aushält, deshalb macht Jeremia Gott aufmerksam, als hätte er die Sorge, dass er übersieht: „Ihr Leben ist gespalten. Der Mund vollzieht ein exaktes Gottesbekenntnis; was sie über Gott sagen, ist richtig.“ (D. Schneider, aaO.; S.145)Aber in ihren Herzen ist kein Raum für Gott. Das Zentrum ihrer Person, wo sich ihr Wille bildet, das ist Gott verwehrt. Sie lassen ihn nicht ihr Herz regieren.

3 Mich aber, HERR, kennst du und siehst mich und prüfst mein Herz vor dir. Reiß sie weg wie Schafe zum Schlachten, und sondere sie aus, dass sie getötet werden!

             Wie anders steht es um Jeremia. Er ist vor Gott durchsichtig. Gott kennt ihn. Gott prüft sein Herz. Wieder kann man die Sprache der Psalmen hören:

 HERR, du erforschest mich und kennest mich.                                                               Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es;                                                                                  du verstehst meine Gedanken von ferne.                                                                               Ich gehe oder liege, so bist du um mich                                                                               und siehst alle meine Wege.                                                                                               Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge,                                                               das du, HERR, nicht schon wüsstest….                                                                            Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz;                                                                    prüfe mich und erkenne, wie ich’s meine.                 Psalm 139, 1- 4.23

             Jeremia ist aus anderem Holz geschnitzt wie die Gottlosen, die Übeltäter. Und doch geht jetzt der Zorn mit ihm durch. Mag sein, es ist ein gerechter Zorn. Aber er ist zugleich auch maßlos: Reiß sie weg wie Schafe zum Schlachten, und sondere sie aus, dass sie getötet werden! Nicht undifferenziert – mach einfach Schluss mit allen. Jeremia möchte nicht Untergang, egal wie. Aber dass aus dem Volk ausgesondert werden, isoliert und ausgemerzt, die das Volk dem Gericht Gottes zutreiben, das möchte er. So wie in der Wüste die Rotte Korah vernichtet wurde, aber der Rest Israels kam davon.

            Darf man dass, so Gott zum Handeln auffordern? So um das Gericht über die Gottlosen beten? Darf Jeremia das, aber wir dürfen es nicht? Liebt eure Feinde; tut wohl denen, die euch hassen; segnet, die euch verfluchen; bittet für die, die euch beleidigen.“(Lukas 6,27-28) Was Jeremia betet, ist menschlich verständlich. Was Jesus fordert, ist menschlich gesehen eine Überforderung. Aber es bleibt die große Herausforderung an uns.                                                

4 Wie lange soll das Land so trocken stehen und das Gras überall auf dem Felde verdorren? Wegen der Bosheit der Bewohner schwinden Vieh und Vögel dahin; denn man sagt: Er weiß nicht, wie es uns gehen wird. 

            Das ist ja die Wirkung des ausbleibenden Gerichtes: Das Land verkommt. Die Reichen beuten es aus. Für die Armen ist nichts da. Und sogar Vieh und Vögel verlieren ihren Lebens-Raum. Ihre Nahrung. Warum? Weil Gott nicht hinsieht? Weil es Gott nicht interessiert, was mit seinem Land wird?

            Es ist ja ein Teil der Botschaft des Jeremia, die er als Drohung an seine Leute richtet: Gott löst sich von euch. Er interessiert sich nicht mehr für euch. Er gibt euch an eure Feinde preis, an die Götter, von denen ihr euch Hilfe versprecht. Diese Drohung an Israel richtet er her als Anklage gegen Gott! „Wegen der Bosheit Einzelner habe das ganze Land und sogar die unschuldige Kreatur zu leiden“ (A. Weiser, aaO. S.104) – Und du, Gott fragst nicht danach!

  5 Wenn es dich müde macht, mit Fußgängern zu gehen, wie wird es dir gehen, wenn du mit Rossen laufen sollst? Und wenn du schon im Lande, wo keine Gefahr ist, Sicherheit suchst, was willst du tun im Dickicht des Jordans? 6 Denn auch deine Brüder und deines Vaters Haus sind treulos, sie schreien hinter dir her aus vollem Halse. Darum traue du ihnen nicht, wenn sie auch freundlich mit dir reden.  

            Das ist Gottes Antwort. Eine doppelte Gegenfrage. So ähnlich geht Gott ja auch mit Hiob um, der mit ihm rechten will. Auch ihn stellt er in Fragen ohne Ende. Und Hiob muss klein beigeben. Jetzt also ist Jeremia an der Reihe: Wenn Dir das schon zu viel ist… „Gott kündigt seinem verzagten Diener erneut innere und äußere Not an, etwa in dem Sinne: Sei getrost, es kommt noch viel schlimmer!“ (D. Schneider, aaO. S.145) Im Klartext: Der Prophet geht auf eine Isolation zu, die ihn von allen trennen wird, die ihm nahe stehen, die ihn seiner Verwandtschaft entfremden wird. Was für eine seltsame Weise der Ermutigung, durch die harte Wahrheit, die kommt.

Zum Weiterdenken

Ist das wirklich so, dass man den Zustand der Welt allein den Gottlosen anlasten kann? Dass die Frommen nur mitgerissen werden in das Verderben, ohne ihr eigenes Zutun? Mir geht ein Gespräch von gestern Abend nach. Im Kern die These, dass wir gar nicht anders können, als die Erde ausplündern. Es lieg in der Natur der Sache, – als Sachzwang- dass wir immer mehr wollen, ohne Rücksicht auf die kommenden Generationen. Sonst ist es vorbei mit dem guten Leben in Wohlstand und Sicherheit. Es beschäftigt mich, dass auch wir frommen Leute mitspielen bei der großen Plünderung.

Darum ist es ein Satz, der mich bangen machte: Nahe bist du ihrem Munde, aber ferne von ihrem Herzen. Trifft dieses Wort als Gerichtswort nicht auch uns heute? Wir sind halbherzig, wir machen mit, gegen besseres Wissen. Wir müssten Halt rufen und wissen doch nur: weiter so, immer weiter! Alles, weil wir Gott irgendwie weit weg wähnen, nicht interessiert am Zustand der Welt. Weil wir beschlossen haben: Es darf nicht sein, dass er uns die Pandemie als schreckliche Konsequenz unserer Gier und unseres weltweiten Handelns auf die Füße fallen lässt.

            Er weiß nicht, wie es uns gehen wird. Er hält still, weil er immer still hält. Das ist der moderne Atheismus der Macher.  Er weiß nicht, was vor sich geht. Er hat uns die Welt überlassen und sich zurück gezogen, zu den sieben Zwergen, hinter den sieben Bergen. Wenn es ihn denn überhaupt noch „gibt“.

Es ist eine herbe, harte Form der Seelsorge. Konfrontation mit der kommenden Realität. Aber – es ist die gleiche Weise, wie sie in den Evangelien von Jesus berichtet wird. Er bereitet seine Jünger auf die Zukunft vor, indem er sie nicht schönredet, sondern sagt, was kommen wird: „Aber vor diesem allen werden sie Hand an euch legen und euch verfolgen und werden euch überantworten den Synagogen und Gefängnissen und euch vor Könige und Statthalter führen um meines Namens willen. Das wird euch widerfahren zu einem Zeugnis. So nehmt nun zu Herzen, dass ihr euch nicht vorher sorgt, wie ihr euch verantworten sollt. Denn ich will euch Mund und Weisheit geben, der alle eure Gegner nicht widerstehen noch widersprechen können. Ihr werdet aber verraten werden von Eltern, Brüdern, Verwandten und Freunden; und man wird einige von euch töten. Und ihr werdet gehasst sein von jedermann um meines Namens willen.“(Lukas 21, 12-17)  Immerhin – das gehört dann auch noch zu den Worten Jesu: „Und kein Haar von eurem Haupt soll verloren gehen. Seid standhaft und ihr werdet euer Leben gewinnen.“(Lukas 21, 18-19) Davon ist bei Jeremia keine Rede.

Heiliger Gott, es ist wahr. Ich verstehe den Lauf der Welt so oft nicht. Unrecht gedeiht und die es mit Gerechtigkeit und Maß versuchen, kommen unter die Räder. Frechheit siegt. Die Bescheidenen müssen sich mit kümmerlichen Resten bescheiden.

Ich kann nicht glauben, dass das Dein Plan mit der Welt ist. Und ich will nicht glauben, dass solche ungerechten Zustände nur der Anfang sind, dass am Ende ein paar Gewinner die Welt unter sich aufteilen und der Rest der Menschheit leer ausgeht.

Lehre Du mich festzuhalten an Deiner Gerechtigkeit, einzustehen für das Erbarmen, wenn es sein muss, weltfremd zu werden mit Dir. Amen

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