Gottes Klage – Gottes Weg

Jeremia 9, 1 – 23

1 Ach dass ich eine Herberge hätte in der Wüste, so wollte ich mein Volk verlassen und von ihnen ziehen! Denn es sind lauter Ehebrecher und ein treuloser Haufe. 2 Sie schießen mit ihren Zungen lauter Lüge und keine Wahrheit und treiben’s mit Gewalt im Lande und gehen von einer Bosheit zur andern, mich aber achten sie nicht, spricht der HERR.

             So sehr setzt das alles dem Propheten zu, dass er nichts mehr hören und nichts mehr sehen möchte. In der Sprache von heute: einmal keine Tageschau, kein Smartphone, keine Anrufe, keine Nachrichten auf Facebook, Twitter und wir die social medias alle heißen. Einfach nur abtauchen. Wegsein. In der Wüste unerreichbar. Oder auf einer Insel, weitab. Es ist zu viel, was er sehen muss an moralischem Verfall, an Sittenlosigkeit, an Lüge und Gewalt. Jeremia hält das alles nicht mehr aus. Es ist, als wäre Gott auf der Suche nach einer Herberge, einem Ort, an dem ihn das Elend, in das sein Volk sich manövriert, nicht mehr erreichen kann.

  3 Ein jeder hüte sich vor seinem Freunde und traue auch seinem Bruder nicht; denn ein Bruder überlistet den andern, und ein Freund verleumdet den andern. 4 Ein Freund täuscht den andern, sie reden kein wahres Wort; sie haben sich daran gewöhnt, dass einer den andern betrügt. Sie freveln und es ist ihnen leid umzukehren. 5 Es ist allenthalben nichts als Trug unter ihnen, und vor lauter Trug wollen sie mich nicht kennen, spricht der HERR.

             Das alles gilt nicht nur in der großen weiten Welt, auch nicht nur im Handeln der Großen. Es ist eine Vergiftung, die in die engsten Vertrauensbeziehungen hinein wirkt. In das Miteinander von Freunden. „Mit treffsicherem Urteil sieht Jeremia in dem Zerfall der Gemeinschaft durch die allgemeine Vertrauenskrise das Ergebnis einer „Erziehung zur Lüge“, wobei die Furcht vor der Wahrheit über sich selbst die Menschen immer tiefer in die Verlogenheit hineintreibt.“ (A. Weiser, aaO. S.80) Es ist dieser bittere Zynismus, der Wahrheit nur dann akzeptiert, wenn sie nützt. Wenn sie aber schadet, ist die Lüge völlig legitim.

 6 Darum spricht der HERR Zebaoth: Siehe, ich will sie schmelzen und prüfen; denn was soll ich sonst tun, wenn ich ansehe die Tochter meines Volks? 7 Ihre falschen Zungen sind tödliche Pfeile; mit dem Munde reden sie freundlich zu ihrem Nächsten, aber im Herzen lauern sie ihm auf. 8 Sollte ich das nicht heimsuchen an ihnen, spricht der HERR, und sollte ich mich nicht rächen an einem Volk wie diesem?

             Die Antwort Gottes: Prüfen. Heimsuchen. Gott ist dieser Falschheit Feind und wird sie nicht akzeptieren, sie nicht unter Nützlichkeitsgesichtspunkte vor legitim erklären lassen. Mit Gott ist das alles nicht zu machen.

  9 Ich muss über die Berge weinen und heulen und über die Weidegründe in der Steppe klagen; denn sie sind verödet, dass niemand hindurchzieht und man auch kein Vieh blöken hört. Die Vögel des Himmels und das Vieh sind geflohen und fort. 10 Und ich will Jerusalem zu Steinhaufen und zur Wohnung der Schakale machen und will die Städte Judas zur Wüste machen, dass niemand darin wohnen soll.

             Es scheint – Gott selbst ruft hier zur Klage auf. Gott selbst ist der, der die Klage anstimmt. Einmal mehr zeigt es sich: Gott vollzieht hier nicht blind und emotional unbeteiligt irgendwelche Rechtssprüche. Er ist eben nicht die blinde Iustitia. Er sieht, wie Jerusalem zu einem Steinhaufen wird, zur Wohnung der Schakale – und es schmerzt ihn.

 11 Wer ist nun weise, dass er dies verstünde, und zu wem spricht des HERRN Mund, dass er verkündete, warum das Land verdirbt und öde wird wie eine Wüste, die niemand durchwandert? 12 Und der HERR sprach: Weil sie mein Gesetz verlassen, das ich ihnen vorgelegt habe, und meinen Worten nicht gehorchen, auch nicht danach leben, 13 sondern folgen ihrem verstockten Herzen und den Baalen, wie ihre Väter sie gelehrt haben, 14 darum spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels: Siehe, ich will dies Volk mit Wermut speisen und mit Gift tränken. 15 Ich will sie unter Völker zerstreuen, die weder sie noch ihre Väter gekannt haben, und will das Schwert hinter ihnen her schicken, bis es aus ist mit ihnen.

             Was zu sehen ist, ist vor aller Augen: Das Land verdirbt und wird öde  wie eine Wüste. Darüber kann man nur klagen. Aber es gilt, tiefer zu sehen, darauf, was der Grund für diese Öde und Wüste ist. Dieser Grund wird jetzt genannt. Sie verlassen mein Gesetz, das ich ihnen vorgelegt habe, und gehorchen meinen Worten nicht, auch leben sie nicht danach. Es ist der uralte Vorwurf: Der Bund wird gebrochen. Darin sind sie „Traditionalisten“. Sie folgen der Spur ihrer Väter. „Sünder ist immer auch Traditions-Verhalten“ (D. Schneider, aaO.; S.123) – was für ein bedenkenswerter Satz in einer zeit, die so gern dem Slogan „Weiter so“ bemüht.

 16 So spricht der HERR Zebaoth: Gebt Acht und bestellt Klageweiber, dass sie kommen, und schickt nach denen, die klagen können, 17 dass sie herbeieilen und um uns klagen, dass unsre Augen von Tränen rinnen und unsre Augenlider von Wasser fließen. 18 Horch, man hört ein Klagegeschrei in Zion: Ach, wie hat man uns Gewalt angetan und wie sind wir zuschanden geworden! Wir müssen das Land räumen; denn sie haben unsre Wohnungen geschleift.19 Ja, höret, ihr Frauen, des HERRN Wort, und nehmt zu Ohren die Rede seines Mundes! Lehrt eure Töchter klagen, und eine lehre die andere dies Klagelied: 20 »Der Tod ist zu unsern Fenstern hereingestiegen und in unsere Häuser gekommen. Er würgt die Kinder auf der Gasse und die jungen Männer auf den Plätzen.« 21 So spricht der HERR: Die Leichen der Menschen sollen liegen wie Dung auf dem Felde und wie Garben hinter dem Schnitter, die niemand sammelt.

   Was noch bleibt, ist Anstimmen der Totenklage. Dazu werden Klageweiber bestellt, die sich auskennen mit den vorgeschriebenen Riten. Die sich auskennen mit dem Schmerz des Todes. Denen es auch im schlimmsten Leid die Stimme nicht bricht.

      Vor diesem herannahenden Tod gibt es keinen Schutz. Er kommt durchs Fenster, wie ein Dieb in der Nacht. Er erwürgt in aller Öffentlichkeit. Es sind Bilder, wie sie die Zeit kennt aus den brutalen Plünderungen und morden in einer eroberte Stadt. Da ist kein Leben mehr sicher. Das liegen die Leichen nur so herum.  Und keiner, der sie bestattet. So stinken diese Leichen zum Himmel. Aber der Himmel schweigt.

22 So spricht der HERR: Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit, ein Starker rühme sich nicht seiner Stärke, ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums.

             Man kann es nicht wie von selbst wissen: Was Jeremia hier aufzählt, sind die großartigen Gaben Gottes: „Drei gute Gaben wurden in der Welt erschaffen. Hat ein Mensch eine von ihnen erhalten, so hat er die Köstlichkeit der ganzen Welt gewonnen. Erhielt er die Weisheit, so hat er alles erhalten. Erhielt er die Stärke, hat er alles erhalten. Erhielt er den Reichtum, hat er alles erhalten.“ (R. Gradwohl, Bibelauslegung aus jüdischen Quellen, Bd. 2, Stuttgart 1987. S.249) Erst von diesem positiven Ansatz der Tradition her gewinnen die Worte Jeremias ihre Schärfe.

Worüber wir Menschen uns streiten – über die Wichtigkeiten des Lebens, die Prioritäten der Werte, darüber ist schon das Urteil gesprochen: Es ist alles vorläufig, begrenzt. Relativ. Keiner kann alles. Der alte Menschheitstraum: „Ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.“(1. Mose 3,5) das Ganze des Kosmos und des Lebens begreifen, ist eine große Selbsttäuschung. Eine Lüge. Aber wer darf ernsthaft so etwas sagen? „Alle Stände in Israel hielten bis zuletzt an dem fest, was sie bisher getan hatten: ihnen Torheit, Blindheit, Lüge und vor allem Eigensucht vorzuhalten, war in ihren Augen eine Ungeheuerlichkeit.“ (D. Schneider, aaO., S.125)

Aber genau das tut Jeremia. Er erinnert seine Zuhörer an eine Gesetzmäßigkeit, wie sie die Weisheit Israels beschreiben könnte. Es bleibt ja nicht aus: der Reiche kommt an seine Grenze, wo er den Reichtum loslassen muss. Der Starke kommt in die Lebenssituation, wo seine Stärke zerbricht oder ein Stärkerer ihn besiegt. Und der Weise gerät irgendwann an Lebensfragen und in Lebenslagen, wo seine Weisheit nicht mehr trägt.

            Das ist aber mehr als eine Gesetzmäßigkeit der Welt, nach dem Motto: Die Bäume wachsen nicht in den Himmel. Sondern es ist die Satzung Gottes. Weisheit, Stärke, Reichtum – sind Gaben und Chancen für die Zeit. Aber sie sind es eben nur für die Zeit, die Gott ihnen setzt. Diesseitig, begrenzt. „Die Weisen des Talmud haben die Gaben nicht verworfen, doch sie haben sie relativiert und in die richtige Bahn zu lenken gesucht.“ R. Gradwohl, aaO.; S.250) Nicht zuletzt wohl in der Spur des Jeremia.

 Jeremia sieht die Gefahr der Selbstvergötzung, welcher der in diesem rein diesseitigen und innermenschlichen Zirkel befangene Mensch ausgesetzt ist, weil er sich in stolzer Selbstverblendung über die letzten Zusammenhänge des Lebens hinweg täuscht und vergisst, den entscheidenden Faktor in Rechnung zu stellen und sein Leben nach ihm auszurichten.“ (A. Weiser, aaO.; S.84) Gott hat entschieden, was am Anfang und am Ende zählt – gleich zweimal heißt es hier: Spruch Gottes!

 23 Sondern wer sich rühmen will, der rühme sich dessen, dass er klug sei und mich kenne, dass ich der HERR bin, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden; denn solches gefällt mir, spricht der HERR.

             Ich vermute in diesen Worten eine Weiterschreibung des Propheten aus der Schule der Weisheit Israels. Nur wer Gott kennt, mehr noch – erkannt hat, hat Grund zum Rühmen. „Erkennen“ hat den Beiklang der Liebe. Es gibt im Denken Israels nicht so etwas wie eine objektive, unbeteiligte Erkenntnis. Wer liebt, erkennt. So sehr geht das ineinander, dass „erkennen“ ein anderes Wort für „lieben“ werden kann. Dann weiß er, wo er hingehört: zu mir.

Das Wichtigste im Leben ist, dass einer mich erkannt hat – so sagt Gott. Dann weiß er, was das Ziel seines Lebens ist: dass er auf dem Heimweg in die Ewigkeit ist. Dann weiß er, wem er sich verdankt mit allen Gaben und mit allen Grenzen, die er an sich erfährt. Dann hat er eine Adresse, wo er klagen kann, wenn ihm das Leben zu schwer ist, wo er sich freuen kann, wenn er vor Glück überläuft, wo er mit seinen Freudentränen hin kann, wenn ihn das Leben ganz reich beschenkt hat.

            So wissen es die frommen Beter Israels:

 „Wenn ich nur dich habe,  so frage ich nichts nach Himmel und Erde.                Wenn mir gleich Leib und Seele verschmachtet,                                                                so bist du doch, Gott, allezeit meines Herzens Trost und mein Teil.“                                                                        Psalm 73, 25 – 26

             So sagt es, mit anderen, mit seinen Worten auch der viel spätere Missionar und Lehrer der Christenheit: „Aber was mir Gewinn war, das habe ich um Christi willen für Schaden erachtet. Ja, ich erachte es noch alles für Schaden gegenüber der überschwänglichen Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn.“(Philipper 3,7-8) Ein Bescheidwissen über Gott ist für Jeremia nicht von Belang. Sondern da zählt nur die Erkenntnis, die das Leben trägt, prägt, wandelt.

Zum Weiterdenken

            Es berührt mich, wir Jeremia im Auftrag Gottes den Zustand des Volkes beschreibt und beklagt. Nicht zuletzt deshalb, weil es stellenweise wie eine Zeit-Analyse unserer Tage wirkt. Wir leben in rücksichtslosen Zeiten, in denen zu viele nur ihr Eigeninteresse kennen: Ich will Spaß, auch wenn andere darüber zu Schaden oder gar zu Tode kommen. Es ist dieser rücksichtslose Egoismus, der Maskenmuffel und Autobahn-Raser verbindet. Wenn ich in mein eigenes Denken hineinhöre, dann nehme ich Gedanken wahr wie: Es gibt keine Regeln mehr, die alle akzeptieren, die für alle gelten, an die sich alle halten. Es gilt nur noch der eigene Gewinn, ob materiell oder als Lustgewinn.

            Bin ich auf dem Weg, altersbedingt, ein schwarz-Seher zu werden, nur noch Untergang und Wertverlust zu diagnostizieren? Galt Jeremia seiner Zeit als so ein Schwarz-Seher? Die Klage Gottes im Mund des Jeremia beklagt den Verlust aller ethischen Werte und Haltepunkte.  Dieser innere Verlust führt konsequent zur äußeren Verödung und Zerstörung. Ich habe Angst, dass dies auch die Wahrheit über unsere Zeit ist, nicht nur über Jerusalem damals.

             Jeremia stellt der Trias, auf die Menschen gerne ihr Vertrauen setzen – Weisheit, Stärke, Reichtum – die Trias entgegen, auf die Gott setzt. Mehr noch, die Gott selbst setzt: Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit. Es sind die Hauptworte des Glaubens Israels. Gott begegnet ihm in Gnade und Barmherzigkeit – chæsed– , in seinem Recht – mischpa – und mit seiner Gerechtigkeit – daqa. So tritt Gott seinem Volk gegenüber und das sucht er zugleich auch als Antwort eines Volkes. Es soll ihn „spiegeln“ in seinem Wesen. Ganz so, wie es von Anfang an gedacht war: „Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei.“(1. Mose 1,26) Es ist die schöpfungsmäßige Berufung, unter der wir stehen, in unserem Leben, im Denken, Fühlen, Reden, Tun und Lassen einen Entsprechung Gottes, ein Bild Gottes zu sein.

            Das ist nicht nur die Erkenntnis des Propheten – das ist auch die Erkenntnis der Weisheit Israel, Jahrhunderte später: „Die Furcht des HERRN ist der Anfang der Erkenntnis.“ (Sprüche 1,7) Gott kennen und von Gott erkannt sein – das ist Leben.

            Menschen, die so leben, finden Gefallen bei Gott. Finden sein Wohlgefallen. Es ist nicht von Ungefähr, dass dieses Wort im Neuen Testament gleich zweifach aufgegriffen wird: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.“ (Lukas2,14) Und dann noch einmal zugespitzt, bezogen auf den, in dem Barmherzigkeit und Gerechtigkeit Gottes Gestalt werden: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“(Matthäus 3,17)

             Solche Sätze haben nie eine Lehre über Christus zum Ziel. Sondern sie wollen zum Vertrauen auf ihn führen. Sie sind Ruf zum Leben mit ihm. Ruf in die Freude Gottes. Ein Ruf, der mich lebenslang fordert, herausfordert, aber eben auch die Richtung weist: Hingabe.

 

Gott, Du, was für ein Wort. Willst Du uns wegnehmen, was uns wichtig ist: Selbstachtung, Ehre, das Wissen ums eigene Können? Willst Du, dass wir uns klein machen? „Es ist mit unserm Tun umsonst auch in dem besten Leben”. Sollen wir das singen und sagen, auch dann singen, wenn wir’s gar nicht glauben?

Dann wäre dies Wort kein gutes Wort. Oder willst Du uns in die Freiheit führen? In die Freiheit vom Tanz ums eigene Ich, – in die Freiheit von der Sorge um das gute Ansehen, – in die Freiheit von der Angst um die eigenen Kräfte.

Steht das dahinter, dass Du uns sagen willst: Du bist mehr als deine Weisheit, mehr als deine Stärke, mehr als dein Reichtum.

Du bist mir wichtig und ich bin es, der dir das Leben aufschließt, dich zu seinem Recht kommen lässt, dich trägt und hält, auch wenn der Boden manchmal unter deinen Füßen wankt.

Sagst Du das mit diesem Wort: Lebe aus meinem Geschenk! So richtest Du den Ruf in die Freiheit an uns, zeigst uns, was uns trägt: Deine Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit. Amen

 

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